Russische Literatur in Deutschland „Manchmal musste ich die Pelewinsche Fantasie etwas zügeln ...“

Andreas Tretner
Andreas Tretner | Foto: privat

Die Belletristik ist für uns schon seit einigen Jahrhunderten die wichtigste Quelle, um etwas über diese oder jene Eigenarten einer fremden Nation zu erfahren. Je schillernder und reicher eine Nation ist, desto umfassender und vielfältiger ist auch das entsprechende Wissen darüber. Wie adäquat sie vermittelt wird, hängt allerdings in hohem Maße vom Übersetzer ab. Wie ist es um die russische Literatur in Deutschland bestellt? Was erfährt der deutsche Leser Neues über Russland und die Russen im Vergleich zu dem, was er bereits gewusst hat aus der klassischen russischen Literatur? Darüber sprechen wir mit Andreas Tretner, zu dessen Verdienst die Übersetzungen von Romanen solch großer russischer Gegenwartsschriftsteller wie Wladimir Sorokin, Michail Schischkin, Boris Akunin, Viktor Pelewin und anderer Autoren zählen.

Mit der Übersetzung welchen russischen Autors begann ihre Laufbahn als Übersetzer aus dem Russischen? Haben Sie sich selbst für den Autor entschieden oder kam der Auftrag vom Verleger?

Den ersten Auftrag bekam ich in den 1980er Jahren vom Leipziger Bibliographischen Institut: Sie planten eine deutsche Ausgabe der legendären Enzyklopädie „Mythen der Völker der Welt“, ich war für das Zweistromland zuständig. Dass die kostbaren, in der DDR recht seltenen Bände bei mir im Regal standen, war wohl die beste Empfehlung für mich. Enthusiastisch ging ich ans Werk, ließ all die fantastischen Kosmogonien in bündiger Form lebendig werden, Gilgameschs und Enkidus Heldentaten, Ischtars Höllenfahrt … Wobei mir nicht verborgen blieb, dass die russischen Professoren ziemlich dreist bei ihren westdeutschen Kollegen vom Reallexikon de Gruyter abgeschrieben hatten. Als ich meinen Redakteur davon in Kenntnis setzte, bekam er einen Heidenschreck: Ich solle die Artikel um Himmels Willen so übersetzen, dass man das Plagiat nicht bemerkt … Zugleich stellte sich heraus, dass der sowjetische Verlag auch für den prächtigen Illustrationsteil fröhlich in den Katalogen des Louvre, Prado und aller Welt gewildert hatte, so dass der arme Leipziger Redakteur, der über keine Devisen verfügte, noch Jahre damit zubrachte, seine Mythologien aus den Museumsbeständen des Ostblocks neu zu bebildern. Darüber fiel die Berliner Mauer, und das Buch erschien leider nie. Meine erste gedruckte Übersetzung aus dem Russischen war dann Konstantin Waginows grandiose „Bambocciade“.

Hat Ihre berufliche Entscheidung für die russische Sprache etwas mit Ihrer persönlichen Biographie zu tun?

In gewisser Weise schon, weil ich in der DDR aufwuchs und ab der 3. Klasse Russisch lernte. Der Sohn unserer Nachbarin, der in Moskau einer geheimnisvollen Tätigkeit (mir scheint, beim KGB) nachging, brachte mir Tschechows Geschichte vom Zirkushund Kaschtanka als „Heftchen“ mit, in das ich mich sogleich vergrub. Ich weiß noch, wie empört und enttäuscht ich war, als das gelehrige Tier am Ende der großen Kunst abschwor und zu seinem versoffenen Herrchen zurückkehrte. Aber irgendwie bin ich damals wohl auf den Geschmack gekommen ...

Sie übersetzen sehr verschiedene, mitunter stilistisch diametral entgegengesetzte russische Autoren. So stehen beispielsweise die glänzenden Stilisten Wladimir Sorokin und Michail Schischkin bei Ihnen in einer Reihe mit Autoren, für die die Intrige wichtiger als der Stil ist – Viktor Pelewin und Boris Akunin. Wie gelingt es Ihnen, diesen stilistischen Unterschied in Ihren Übersetzungen beizubehalten (und er ist im Russischen ja sehr deutlich zu spüren)?

Verschieden ja – aber diametral, würde ich nicht sagen, zumindest was die übersetzerische Seite angeht. Pelewin ebenso wie Akunin haben sich die Sprache geschaffen, die ihren künstlerischen Intentionen präzise entspricht und die nachzubilden viel Sorgfalt erfordert. Ganz davon abgesehen, dass die Kalauerdichte und -schärfe in Pelewins Texten für den Übersetzer eine schweißtreibende Herausforderung ist.

Mit welchen Schwierigkeiten haben Sie in Ihrer Arbeit noch zu kämpfen?

Das Allerschwierigste scheint mir die schöpferische Passivität zu sein: sich ganz dem fremden Stil hinzugeben und dem eigenen abzuschwören, jedes Mal neu.

Lernen Sie die Autoren der Bücher, die Sie übersetzen, kennen? Hilft Ihnen das bei Ihrer Arbeit?

Aber ja! Man hat doch jede Menge Fragen an sie. Außerdem möchte ich wissen, wie dieser Mensch spricht und denkt, seine Stimme hören … Während des Übersetzens gehen Mailbriefe hin und her. Mit Pelewin saß ich öfter zusammen, er war sehr kooperativ und „entschärfte“ unübersetzbare Stellen, indem er sie kurz entschlossen umschrieb, manchmal übertrieb er das, ich musste ihn zügeln … Bei Anderen war es schwieriger. Michail Kononow beispielsweise schien den Vorgang des Übersetzens, der ja durchaus einen destruktiven Anteil hat, als Bedrohung wahrzunehmen, jede Frage kam als Vorwurf bei ihm an, er verteidigte seinen Text wie das eigene Kind. Was für uns beide sehr anstrengend war.

Mit Michail Schischkin wiederum machen wir jedes Mal eine richtige Werkstatt auf: Er versteht ja sehr gut Deutsch und kann mir bei jeder Begriffsstutzigkeit ein Licht aufstecken. So lässt sich praktisch fehlerlos arbeiten. Was dann die konkreten Übersetzungslösungen angeht, hält er sich vornehm zurück.

Was bewegt Sie dazu, sich für den einen oder anderen Schriftsteller entscheiden? Wie frei sind Sie bei dieser Entscheidung?

Sagen wir so: Die Bücher, die ich am liebsten übersetzen würde, stapeln sich auf meinem Schreibtisch ganz am Rand. Die Aufträge, die mich ernähren, bekomme ich von den Verlagen. Ich kann sie natürlich ablehnen, aber ...

Und welche Bücher liegen da in diesem Stapel ganz am Rand?

Da muss ich nachsehen … Zuoberst liegt Boris Wachtin. Ein genialer Autor, stilistisch vollkommen und ganz „aus der Art“. Den möchte ich seit Langem übersetzen, demnächst gehe ich daran. Ob es gelingt, ist offen, ein paar Versuche gibt es schon, die mir aber, wie soll ich sagen, noch zu sehr „schillern“. Außerdem liegen da noch Alexander Tschudakows herzergreifendes Erinnerungsbuch, eine Chronik der Leningrader Blockade des Dichters Igor Wischnewezki … Perlen, ausnahmslos. Und andere Wünsche gibt es, die sind so innig, dass sich darüber zu reden verbietet.

Was können Sie zur Popularität von zeitgenössischen russischen Schriftstellern in Deutschland sagen? Gibt es unter ihnen echte Berühmtheiten?

Den „Input“ zeitgenössischer russischer Literatur verantworten bei uns heute zwei, drei versierte Agenten, auf deren Listen die Verlage mehr oder weniger bereitwillig zugreifen. Dass so etliche gute Autoren durch die Maschen rutschen, versteht sich.

Die Hoch-Zeit der die Moskauer Halbwelt aufmischenden Kriminalkommissarinnen ist dem Anschein nach vorbei. Ulizkaja, aber auch Sorokin werden mit unvermindertem Interesse gelesen, während die Verleger zum Beispiel von Vladimir Makanin und Tatjana Tolstaja wieder einmal aufgegeben haben.

Der Erfolg neuer Namen lässt sich nicht vorhersehen. Von Sergej Lebedew, Elena Chizhova, Wassili Golowanow sind vorzügliche Bücher erschienen – der Mut hat sich für die Verleger noch nicht ausgezahlt, nehme ich an. Jetzt sind gleich zwei Verlage damit beschäftigt, Alexander Ilitschewskis Romanwelten den deutschen Lesern nahezubringen – hoffen wir, dass es klappt.

Haben Sie nicht den Eindruck, dass die russische Literatur an Bedeutung verliert im Vergleich zur russischen Klassik des 19. Jahrhunderts? Welche russischen Schriftsteller könnten Ihrer Meinung nach den deutschen Leser interessieren?

Ich glaube nicht, dass man Klassik und Gegenwartsliteratur gegeneinander aufwiegen sollte. Die russische Literatur – wenn nicht Russland überhaupt – lebt in den Herzen der deutschen Leserschaft beinahe ausschließlich in den klassischen Mustern. Was sie über Russland wissen, haben sie von da, und etwas Anderes möchten sie gar nicht wissen. Ich übertreibe natürlich, aber nicht sehr. Die Vorstellungen über die Russen sind sehr von Stereotypen geprägt (genau wie die Vorstellungen, die die Russen von sich selber haben, aber das ist ein anderes Thema).

So kommt es, dass ein Verlag, der einen unbekannten russischen Autor zu bieten hat, ihn mit Vorliebe als „neuen Tschechow“ oder „neuen Tolstoi“ anpreist, was natürlich ein bisschen lächerlich ist.

Andererseits sind die alten klassischen Maßstäbe auch für Überraschungen gut. So hat sich vor einiger Zeit „Das Phantom des Alexander Wolf“ von Gajto Gasdanow (gewiss kein „großes“ Buch: elegischer Blick auf die Jugend eines grausamen Jahrhunderts, ließe sich sagen) zum Bestseller ausgewachsen, womit nun wirklich nicht zu rechnen war. Seither läuft die Neu- oder Wiederentdeckung der frühen russischen Emigranten und überhaupt der Russen des frühen 20. Jh. – mit Ausnahme der Avantgardisten – auf vollen Touren. Erstmals oder neu übersetzt wurden in kurzer Zeit Bunin, Bulgakow, Krzyżanowski, Prischwin, Jabotinsky, Teffi, Gippius, Agejew, sogar Sawinkow … Man traut seinen Augen nicht.

Es lohnt also dranzubleiben. Das Problem ist ein Anderes – nämlich dass Russland für mich in letzter Zeit kaum noch wiederzuerkennen ist. Und wie soll ich es dann übersetzen?