Ein Barbesitzer im Interview Wie man seine eigene Bar aufmacht

Bar brimborium
Bar brimborium | Foto: © brimborium

Petersburg ist in den letzten Jahren tatsächlich zur Bar-Hauptstadt Russlands geworden, mit beneidenswerter Regelmäßigkeit werden neue Bars aufgemacht. Wir haben mit Jegor Kusin, Miteigentümer der Bar brimborium, darüber gesprochen, was junge Menschen zu diesem irrwitzigen Schritt treibt, und haben ihn um ein paar Tipps für diejenigen gebeten, die vorhaben, ihre eigene Bar zu eröffnen.

Wie seid ihre überhaupt auf den Gedanken gekommen, eure eigene Bar aufzumachen?

Ich habe darüber nachgedacht, was man überhaupt so im Leben machen könnte. Und mir ist in den Sinn gekommen, dass das Beste, was ich in den letzten 5-10 Jahren gemacht habe, immer irgendetwas mit Bars zu tun gehabt hat. Während der Arbeit bin ich in der Mittagspause immer in irgendeines der netten Cafés gegangen, die damals nach und nach in der Nähe der Kreuzung „Fünf Ecken“ [Pjatj uglow] aufmachten, zum Beispiel in das Café Fartuk oder das Café Mitte oder aber auch die Café-Bar Wood‘a. Dort habe ich jeden Tag Mittag gegessen und gedacht: Mensch, die machen hier was Tolles, und ich muss nachher in mein Büro zurück und mich mit irgendeinem Unsinn befassen.‘ Unsinn war das natürlich nicht, aber irgendwie auch nicht so interessant, wie das Betreiben einer Bar.

Habt ihr euch mit jemandem beraten, bevor ihr eure eigene Bar aufgemacht habt?

Ja schon. Ich habe die Jungs aus dem Mitte oder Wood'a angesprochen ... Hauptsächlich habe ich aber viel Zeit damit verbracht, die richtigen Räumlichkeiten zu finden: Ich habe gekündigt und mich auf die Suche gemacht, bin durch die Stadt gelaufen und habe mich umgesehen.

Und wie habt ihr dann die Räumlichkeiten letztendlich gefunden?

Wir haben uns an eine eigens darauf spezialisierte Agentur gewandt, waren aber insgesamt enttäuscht von deren Arbeit: Meistens haben sie angerufen und uns genau das angeboten, was wir uns in der Zwischenzeit schon selbst angeschaut hatten. Wer was zu vermieten hat, der stellt dies auf avito.ru oder auf anderen Seiten online, die sich auf die Suche nach Immobilien spezialisiert haben; bei jedem zweiten steht gleich neben „Zu vermieten“ die Telefonnummer. Kurz gesagt, genau so haben wir unseren Raum gefunden: Wir haben einfach eine solche Nummer angerufen. Mein Rat: Wer sucht, der sollte am besten jeden Tag durch den Bezirk streifen, wo er gern was eröffnen möchte. Irgendwo wird immer etwas auch wieder zugemacht (das muss nicht unbedingt ein Café sein, vor dem brimborium war hier ein Büro); jeden Tag kann man Neues entdecken. Deshalb sollte jeder Interessierte regelmäßig die interessanten Ecken seiner geliebten Stadt abradeln – so wird man am besten fündig.

Habt ihr den Umbau selbst gemacht? Wenn das hier vorher ein Büro war, dann war doch vermutlich jede Menge zu tun? Oder habt ihr das Design dafür in Auftrag gegeben?

Unser Budget war zur Eröffnung sehr beschränkt und einen Designer hätten wir uns schlichtweg nicht leisten können. Aber wir hatten eine ungefähre Vorstellung davon, wie der Raum aussehen sollte; gemütlich sollte er sein und die Gäste sollten sich darin wohl fühlen. Die Ausbauarbeiten hat eine moldauische Familie übernommen; sie haben von uns die Aufgaben immer nur für den jeweiligen Tag erhalten. Erst nach und nach haben wir ein klareres Bild davon bekommen, wie es werden sollte, und wir haben diese Bild laufend korrigiert. Während wir mit der Sanierung beschäftigt waren, ist Warja (die Miteigentümerin der Bar und Schwester von Jegor – Anm. der Red.) zufällig auf die Webseite von Carnovsky aus Milano gestoßen, sie bieten unter anderem RGB-Tapeten an, mit denen wir unbedingt eine unserer Wände beklebt haben wollten; aber so eine psychedelische Pracht hängt man sich ja nicht im eigenen Haus hin; da hat man dafür auch keinen Platz, umso weniger, wenn man gerade dabei ist, eine Bar zu eröffnen. Dadurch ist die nächste spontane Idee geboren worden.

Also ist wirklich viel spontan passiert. Gab es denn überhaupt einen Business-Plan? Ist es euch gelungen, diesen umzusetzen?

Als ich noch Zeit hatte und auf der Suche nach Räumlichkeiten war, habe ich ein paar Business-Bücher gelesen; da gibt es eine ganz gute Auswahl. Eines dieser Bücher hieß „Rework“. Einige der Ratschläge bezogen sich ganz speziell auf das Tätigkeitsgebiet der Autoren (sie haben irgendwas mit IT gemacht), aber ein Ratschlag lässt sich auf viele Bereiche anwenden: „Planung ist nichts anderes als Intuition; wenn Sie kein Wahrsager sind, dann nennen Sie ihre „Business-Pläne“ in Business-Intuitionen um.“ Man hat es mit so vielen nicht vorhersagbaren Variablen zu tun, dass wir uns nicht ernsthaft um einen Business-Plan gekümmert haben. Wir hatten unsere Excel-Tabellen auf dem Schoß und haben gedacht, dass das eine oder andere theoretisch funktionieren könnte und uns dann in der jeweiligen Richtung weiterbewegt. Wenn wir jetzt eröffnen würden, hätten wir vermutlich noch mehr Einzelheiten in die Tabelle mit aufgenommen. Wäre das Gesamtbild dadurch ein anderes? Das bezweifle ich.

Und woher habt ihr das Geld für die Eröffnung genommen?

Wir haben ganz normale Verbraucherkredite von verschiedenen Banken bekommen. Die Zinsen sind hoch, aber wir hoffen sie vorfristig zurückzahlen zu können.

Handelt es sich um einen hohen Betrag, wenn das kein Geheimnis ist?

Generell kann man sagen, dass die Eröffnung eines Cafés/einer Bar ungefähr auf das Gleiche hinausläuft wie der Kauf eines Autos. Wobei natürlich die Fahrzeugklasse und anderes eine Rolle spielen. Aber der Kostenrahmen ist in etwa derselbe. Wenn man sich einen privaten PKW leisten kann, dann kann man sich auch eine eigene Bar leisten. Das ist vermutlich eine Frage der Prioritäten.

Wirtschaftet das brimborium denn inzwischen rentabel? Seid ihr mit den Ergebnissen für das Jahr zufrieden?

Außer den regelmäßig abzuzahlenden Krediten hatten wir keine anderen Investitionen, und ja, insgesamt sind wir wohl zufrieden.

Behindert der Staat Unternehmer, die am Anfang stehen, oder hilft er ihnen? Wie äußert sich das?

Hilfe erwartet man eigentlich nicht, und von Behinderungen kann Gott sei Dank nicht die Rede sein. Planmäßige Kontrollen werden in den ersten drei Jahren nach Eröffnung einer GmbH gegenwärtig nicht durchgeführt, das ist super. Weil es wohl generell unmöglich ist, alle Baunormen und Richtlinien sowie sanitärtechnischen Vorschriften einzuhalten. Und wer sucht, der findet. Aber bei einigen Normen versteht man gar nicht, was sie sollen. Uns betrifft das zwar nicht, weil wir nur vegetarisches Essen anbieten, aber es gibt zum Beispiel eine sanitärtechnische Vorschrift, die es verbietet, „Makkaroni nach Flottenart“ mit in die Speisekarte aufzunehmen. Warum? Mit welcher Begründung? Aus meiner Sicht wird hier doch gegen keines der Regelwerke verstoßen. Oder nehmen Sie nur eine der jüngsten Vorschriften für Wohnhäuser, die ab 1. Juli gelten soll und nach der alle Einrichtungen nur noch bis 23 Uhr geöffnet haben dürfen, auch Apotheken. Warum das denn? Was steckt dahinter?

Musstet ihr viele Unterlagen einreichen?

Nein, eigentlich ging alles ganz glatt. Allen, die das lesen und sich mit ähnlichen Plänen tragen, kann ich nur sagen: Die Bürokratie ist das letzte, worüber man sich Gedanken machen sollte, wirklich, an dieser Stelle gibt es keine Probleme. Alle Termine in Bezug auf die Unterlagen, die wir bislang einreichen mussten, waren, toi toi toi, schnell erledigt: von der Registrierung des Unternehmens bis hin zur Erteilung der Lizenz.

Und wie wählt ihr eure Mitarbeiter aus? Über Webseiten oder seht ihr euch unter euren Bekannten um? Gibt es viele Bewerber?

Unsere Erfahrung zeigt, dass die Leute nicht nur einmal kommen, sondern regelmäßig bei uns reinschauen. Viele unserer Gäste landen so über kurz oder lang auf der anderen Seite der Theke: Der eine, weil er vielleicht einmal bei uns aufgetreten ist, ein anderer war möglicherweise mehrmals die Woche bei uns zu Gast. Mir scheint, dass dies die beste aller möglichen Motivationen ist: Die Leute verbringen hier gern ihre Zeit, in netter Gesellschaft an einem netten Ort. Parallel dazu schenken sie Alkohol aus, trinken selbst was und bekommen dafür noch etwas Geld obendrauf. Alle haben noch irgendwo einen anderen Job: Am Theater, sie drehen Videos oder schreiben an ihrer Dissertation. Und nach der Arbeit kommen sie zu uns zur Serie „Freunde“. Kann man das überhaupt als Arbeit bezeichnen? Eher doch als Vergnügen.

Wenn ihr auf ein Jahr brimborium zurückschaut, welche Fehler fallen euch da ein? Welche Empfehlungen hättet ihr euch selbst für die Eröffnung ausgesprochen?

Das sind hauptsächlich organisatorische Kleinigkeiten, ich denke da beispielsweise an die Getränkekarte. Das hätten wir gleich bedenken müssen. Am Anfang hatten wir kaum eine Vorstellung davon, was wir unseren Gästen anbieten wollen: Welchen Alkohol schenken wir aus? Sollten es eher Cocktails oder doch mehr Weine sein; welches Bier brauchen wir? Aber das hatte für uns keine Priorität. Wichtiger fanden wir, die richtige, entspannte und gemütliche Atmosphäre zu schaffen, in der man sich ein Stück fallen lassen kann. Welche Art von Alkohol das unterstützen könnte, das erschien uns zweitrangig. Sehr schnell stellte sich allerdings heraus, dass unsere hausgemachten Liköre, die wir am Anfang als ein Getränk unter vielen angeboten haben, der Renner waren, und wir haben mit der Zeit immer mehr davon gemacht. Inzwischen kommen viele genau deswegen zu uns.

Gibt es etwas, was du Leuten, die eine Bar eröffnen wollen, empfehlen würdest?

Den Ort mit Leben erfüllen. Eröffnet keine Bar, wenn ihr nicht vorhabt, mehr oder weniger eure gesamte Zeit dort zu verbringen. Ihr müsst mit Leib und Seele dabei sein!

Wie viel Zeit kostet euch die Bar? Bleibt euch genug Freizeit?

In diesen Kategorien denke ich nicht. Wenn ich das tun würde, dann würde ich vermutlich weniger Zeit dafür aufwenden. Aber das muss ich nicht, weil es mir Spaß macht.

Gibt es Pläne für die Zukunft?

Du meinst, ob wir ein weiteres brimborium eröffnen wollen? Ich wollte genau so einen Ort für mich haben, da es den in der Stadt bislang nicht gab. Jetzt bin ich am liebsten jeden Tag hier und wenn ich einmal am Wochenende nicht reinschaue, dann fehlt mir was. Noch zieht es mich nicht zu einem anderen, noch nicht existierenden Ort hin; dieses innere Bedürfnis, wie ich es bei der Eröffnung des brimborium verspürte, gibt es nicht. Pläne fürs Leben? Welche könnten das denn für einen Menschen sein? Einfach nur Spaß haben.