Im Gespräch mit Schauspielerin Christina Papst 1000 und eine Möglichkeit, seinen Akzent loszuwerden

Christina Papst
Christina Papst | Foto: © Holger Borggrefe

Aus ihrem Namen kann man unmöglich darauf schließen, dass sie in Taschkent geboren ist. Als Christina Papst sich an der Theaterhochschule einschrieb, bekam sie zu hören: „Mit dem Akzent werden Sie außer russischen Prostituierten bestimmt nichts spielen“. „Das wollen wir erst einmal sehen“, sagte sich Christina, und in der ersten Rolle, die sie bekam, spielte sie eine… amerikanische Stripteasetänzerin. Heute spielt sie auf den Bühnen des Berliner Ensembles und der Comödie Dresden. Im Interview hat die Schauspielerin von ungewöhnlichen Methoden erzählt, den Akzent loszuwerden, und davon, mit welchen Schwierigkeiten sie als Ausländerin zu kämpfen hatte, als sie sich an verschiedenen deutschen Hochschulen für ein Schauspielstudium bewarb.

Du hattest bereits in Taschkent angefangen Deutsch zu lernen?

Nein, erst in Deutschland: Als ich 18 war, sind wir von Taschkent nach Dresden gezogen. Mir war klar, dass ich mit meinem Akzent als Schauspielerin keine Chancen haben würde, und so habe ich erst einmal anderthalb Jahre Bühnen- und Kostümbild studiert und dann erst versucht, mich an der Schauspielhochschule einzuschreiben. Beim Vorsprechen in Leipzig hat sich der Professor mit mir auf Deutsch unterhalten und dann irgendeine Frage in einer mir unbekannten Sprache gestellt. Ich habe nur Bahnhof verstanden. Es stellte sich dann heraus, dass er mit seinen Russischkenntnissen glänzen wollte. Ich hatte das so gar nicht erwartet und bat ihn darum, die Frage noch einmal auf Deutsch zu wiederholen. Das hat ihn sehr gekränkt. Selbst als er die Ergebnisse verkündete (natürlich hat man mich nicht genommen), bemerkte er beleidigt: „Wir sind hier großgeworden, wir haben in der DDR gelebt, wir sprechen alle Russisch, wir haben mit Wyssozky und Ljubimow zusammen einen getrunken. Ich sehe, dass du russische Schauspielerinnen einfach kopierst und nichts Eigenes hast.“ Ich zerbrach mir den Kopf darüber, welche Schauspielerinnen er wohl meinen könnte, eingefallen sind mir aber nur Schauspieler.

In welcher Sprache wird ein Vorspiel an den Theaterhochschulen in Deutschland absolviert?

Das ist unterschiedlich. Manchmal musst du einfach nur einen Monolog sprechen, und ein anderes Mal fangen sie an, gemeinsam mit dir daran zu arbeiten. Wenn die Kommission den Eindruck hat, dass du irgendetwas zu deiner Person konstruiert hast, dass du weit weg von dir selbst bist, dann versuchen sie, dir Halt in Deinem eigenen Dialekt zu geben. Ein Bayer, der etwas auf Hochdeutsch vorträgt, könnte darum gebeten werden, in seinem Dialekt zu spielen. Das ist eine Methode von Brecht: Sobald der Mensch in seinem eigenen Dialekt spricht, verändert sich seine Stimme und deren Ausdruckskraft.

Ging man in den Lehrveranstaltungen anders mit dir um, weil du Ausländerin warst?

Leider nicht. An der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“, an der ich mich dann letztendlich eingeschrieben habe, hatte ich genauso viel Zeit für szenisches Sprechen wie die deutschen Studenten. Vieles musste ich mir selbst aneignen, insbesondere in Bezug auf meinen Akzent. Aber das ist ein eine grundsätzliche Haltung an der HfS „Ernst Busch“ - die Betonung der Selbständigkeit. Obwohl ich weiß, dass an anderen Hochschulen, auch in Berlin, an der Berliner Universität der Künste beispielsweise, Ausländer dreimal so viele Stunden in Sprecherziehung bekommen haben.

Welche Fehler waren am schwersten auszumerzen?

Für mich waren die deutschen Vokale tödlich. Zu verstehen, wodurch sich das russische о vom deutschen unterscheidet und automatisch richtig zu sprechen, war für mich am schwierigsten. Dieser Laut verrät dich immer. Im Deutschen gibt es zwei davon – einen langen geschlossenen und einen kurzen offenen. Zudem wird das deutsche о nie zum а, also nicht reduziert. Dann die Umlaute: die deutsche Frau Müller schreiben wir so, wie wir es sprechen: Frau Mjuller. Im Deutschen wird das m nicht weich und der Vokal bleibt kurz. Das russische Frau Mjuller klingt in den Ohren eines Deutschen wie Mühl'ler.

Und überhaupt erkennt man die Slawen an den Vokalen und nicht an den Konsonanten. Die russischen Vokale sind alle sehr offen und werden eher hinten im Rachen gebildet. Im Deutschen hingegen spielt sich alles vorn ab. Es gab da so eine Übung, die mir sehr geholfen hat: Wir mussten mit einem Korken im Mund sprechen, damit sich alles vorn konzentrieren kann. Deshalb kann man das russische y einem Deutschen kaum erklären: es wird ganz tief hinten im Rachenraum gebildet, die Deutschen aber wollen es immer vorn zwischen den Lippen bilden, was in der Regel dazu führt, dass sie nicht my sagen, sondern so etwas wie mui.

Hast du spezielle Übungen bekommen?

Wenn an deutschen Hochschulen an der Aussprache gearbeitet wird, dann widmet man sich mehr den Konsonanten, da man bei falscher Aussprache des Wortendes schlecht verstanden wird. Wenn man seinen Akzent loswerden möchte, dann muss man verstehen, wie diese Laute aufgebaut sind. Und nicht nur verstehen, man muss es ganz automatisch so aussprechen. Die Schwierigkeit bestand vor allem darin, dass es keine speziellen Übungen zur Überwindung des Akzents gab. Die Lehrer haben oft nicht erklärt, was an meiner Aussprache nicht stimmt, sondern immer nur wiederholt. „a-a-ah, da ist es wieder, dein russisches „o“.

Welche Übung hast du am liebsten gemacht?

Mit vollem Mund sprechen: Man musste kauen und dabei so sprechen, dass das Essen nicht rausfällt und man dich versteht. Eine schwierige, aber interessante Übung. Oder aber Zungenbrecher wie ich schaffe es schon, ich schwimme voraus mussten ganz schnell gesprochen werden. So wird nicht nur die Aussprache besser, auch die Motivation wird stärker.

Hast Du es geschafft, deinen russischen Akzent ganz loszuwerden?

Selbst jetzt noch, nachdem ich meinen Akzent schon lange los bin, kann das Russische in emotionalen Sprechsituationen noch durchschimmern. Nach dem Studium jedoch habe ich ganz sauber gesprochen, meine Dozenten haben mich eine „Sprechmaschine“ genannt.

Aber hast du dann in Deutschland nicht die russische Sprache vergessen?

Zehn Jahre lang habe ich überhaupt kein Russisch gesprochen. Aber als wir dann am Berliner Ensemble am „Faust“ gearbeitet haben, habe ich die russische Sprache neu für mich entdeckt. Wir mussten zu einem Gastspiel nach Omsk und ich half dem Regisseur Martin Wuttke bei der Verständigung mit den russischen Partnern. Am Anfang fühlte ich mich wie ein Hund, der alles versteht, aber nichts sagen kann. Ich fing an, russisches Fernsehen zu schauen und Audiobücher zu hören. Das alles war sehr schmerzhaft für mich, da sich die Sprache sehr verändert hatte; Moderatoren benutzen jetzt oft Wörter, die bei uns in der Schule in Usbekistan als „Müll“ galten. Zum Beispiel auch „real“ und „unreal“. Dann bin ich wieder zurück nach Berlin und hier fanden sich viele russische Freunde und Nachbarn, mit denen wir nur Russisch gesprochen haben.

Und kommen nicht auch Deutsche zu dir mit der Bitte, ihnen den russischen Akzent beizubringen?

In der Regel ist das jemand, der in einer Serie mitspielt und es geht wieder einmal um die Rolle einer russischen Prostituierten oder eines russischen Mafioso – Russen bekommen aus irgendeinem Grund wirklich selten andere Rollen im deutschen Fernsehen. Mit dieser Art von Problemen war ich während des Studiums konfrontiert. Angefangen hatte alles mit meinem Versuch, mich an der Schauspielschule Potsdam einzuschreiben. Ich hatte alle Stufen des Aufnahmetests absolviert, aber die Lehrerin für szenisches Sprechen sagte mir, dass sie mich nicht nehmen will, weil ich mit dem Akzent keine Chancen hätte und höchstens mal eine russische Prostituierte im „Tatort“ würde spielen können. Das hat mich sehr gekränkt. Dann erfuhr ich aber, dass sie selbst slawischen Ursprungs war und auch irgendwann einmal hatte Schauspielerin werden wollen. Und dann ergab es sich, dass sie im letzten Jahr meines Studiums an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ als Dozentin zu uns kam. Witzig war, dass eine unserer Übungen darin bestand, von einer Identität in die andere zu wechseln (wir sollten also im Wechsel eine Rolle spielen und dann auch wieder wir selbst sein), und meine Heldin war mit dem Problem konfrontiert, sich als Schauspieldebütantin durchsetzen zu müssen. Probleme wegen meines Akzentes und meines Russischseins gab es einige, besonders auch während des Studiums. Aber ich muss zugeben, dass vieles davon eher mein eigenes Empfinden war. Wenn du Angst hat, dass man dich auf deine Herkunft reduziert, wenn du das selbst glaubst, dann findest du natürlich die Bestätigung dafür im wirklichen Leben. Die erste Rolle, die sie mir im ersten Studienjahr gaben, war die Rolle einer Stripteasetänzerin. Obwohl es sich um ein amerikanisches Stück handelte und meine Heldin auch Amerikanerin war, denke ich, dass es überhaupt nichts mit meiner Herkunft zu tun hatte.

Und ist es auch vorgekommen, dass dir deine Herkunft für die Karriere genützt hat?

Ja und nein. Dazu fällt mir etwas aus jüngster Zeit ein: Das Gorki-Theater in Berlin wird seit der letzten Saison von einer Frau, einer Türkin, geleitet. Für viele war es ein großer Traum, in ihre Truppe aufgenommen zu werden. Zuvor hatte sie schon ein kleines Theater in Berlin gehabt, wo hauptsächlich Türken gespielt haben. Als sie dann die neue Truppe zusammenstellte, ging das Gerücht um, dass sie bevorzugt Türken und Russen nehmen würde. Auch ich habe mich beworben. Alle Russen, die ich kenne, wurden eingeladen – ich nicht. Man munkelt, es wurden Schauspieler entweder auf Grund persönlicher Empfehlungen zu Vorsprechen eingeladen oder der Name auf dem Briefumschlag konnte auf den Migrationshintergund hinweisen. Mein Name ist Christina Papst und klingt weder slawisch noch türkisch. Ich frage mich, ob mein „zu deutscher“ Name mir diesmal einen Streich gespielt hat. Vielleicht lasse ich ihn übersetzen und heiße in Zukunft „Paparimski“.