Eine Nische finden Russische Start-ups in Deutschland

Russische Start-ups in Deutschland
Russische Start-ups in Deutschland | Foto: © Eugenia Kisterewa, Maria Nikonowa

Im letzten Jahr haben russische Unternehmer damit begonnen, sich aktiv den europäischen Markt zu erschließen. Besonders attraktiv ist Deutschland. Und wenn es früher lediglich darum ging, eine Firma registrieren zu lassen, um so die Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen, dann sind die Geschäftsleute von heute fest entschlossen, zunächst den heimischen Markt zu erobern und dann mit ihrem Unternehmen auch international zu expandieren. Wir haben mit russischen Startups gesprochen, die in Deutschland arbeiten, über die Gründe für ihren Umzug, ihre Erfolge und Hoffnungen.

Den Problemen davonfahren

Ein Startup kann entweder erfolgreich sein oder nicht oder aber an Investoren verkauft werden. Die dritte Variante lässt sich in Russland ziemlich schwer umsetzen, da die Anlagefonds sich abgewandt haben“, erzählt Olga Steidl, Direktorin für Entwicklung der Firma Inbot. Ihren Worten zufolge schadet eine russische Meldeanschrift einem Startup, da hier momentan niemand Geld in irgendein Business investieren will. Deshalb gehen viele Unternehmer auf Nummer sicher und wickeln ihre Geschäfte über eine Vertretung in Europa ab oder verlegen diese gleich ganz hierher.

Besonders beliebt ist Berlin. Johanna Guschina, Gründerin der Firma ZeeRabbit, sagt, dass es hier ein ganz bestimmtes Ökosystem für das digitale Business gibt. Startups werden mit Programmen unterstützt, und es gibt Vertretungen der großen Marktteilnehmer wie Wooga, Soundcloud und Fyber.

Johanna selbst ist vor einem Jahr aus Moskau hierher gezogen. Als Gründe dafür nennt sie unter anderem den stagnierenden Markt und die instabile wirtschaftliche Situation in Russland. Ihr Unternehmen befasst sich mit der Entwicklung einer Anwendung, mit der Firmen für ihre Waren in Online-Spielen Werbung machen können; die Spieler selbst können dann die virtuellen Punkte für dieselben Waren ausgeben. Heute hat ZeeRabbit 10 Mitarbeiter und arbeitet sowohl mit russischen als auch mit europäischen Kunden. Guschtschina hat vor, einen bedeutenden Anteil des deutschen Marktes für mobile Werbung zu erobern. Das ist eine Erfolg versprechende Nische: Experten sagen ihr eine Zuwachsrate von 50 Prozent für das Jahr 2015 voraus.

Karriere machen

Mila Sukhareva ist lange vor der heutigen Krise nach Deutschland gekommen. Im Jahre 2006 hat sie noch in Moskau gearbeitet und die deutsche Firma Bigpoint beraten, die sich auf Online-Spiele spezialisiert hat. Nach einiger Zeit bot man ihr einen Job am Hauptstandort in Hamburg an. Dort hat Mila den Unternehmensbereich Geschäftsentwicklung in Osteuropa und Russland geleitet. „Innerhalb weniger Jahre sind wir zur größten Internet-Firma Deutschlands geworden, zu einem der größten Entwickler und Publisher von Spielen in Europa mit einer Basis von 300 Millionen Nutzern weltweit“, erzählt sie. „Der Wert unseres Unternehmens wird auf 600 Millionen Dollar geschätzt und mein Bereich hat 30 Prozent aller Gewinne generiert. Bigpoint hat Büros in der ganzen Welt eröffnet, von Singapur bis San Francisco, und ist – wie Sukharewa es formuliert, zu durchstrukturiert geworden. Das war der Moment, als sie beschloss, ihr eigenes Unternehmen zu gründen.

Ihre Chefs waren einverstanden, in das neue Startup zu investieren und Mila Sukharewa hat meetOne gegründet und geleitet. Diese Firma hat Online-Partnervermittlungsdienste angeboten und dabei Techniken aus der Welt der Spiele genutzt. Nach anderthalb Jahren wurde sie Teil von ProsiebenSat1, einem der größten Medienkonzerne Europas.

Parallel dazu hat Mila mit einem Partner den Investmentfond YoungBrains gegründet. Mittlerweile umfasst das Portfolio 12 Unternehmen. Nach zwei erfolgreichen Geschäftsabschlüssen haben sich die Investitionen bereits zu 1.000 Prozent rentiert. Außerdem wurde die Unternehmerin im Jahre 2012 zur Mitbegründerin von des Finanzdienstes Kreditech, dessen Bewertung bereits die Schwelle von 500 Millionen Dollar überschritten hat, und im vergangenen Jahr hat sie die Online-Zeitschrift für ambitionierte Geschäftsfrauen EditionF ins Leben gerufen. Jetzt arbeitet sie am Aufbau der Firma Casafari, die einen Dienst für den Kauf von Immobilien im Ausland entwickelt.

Mila lebt in Hamburg und Mallorca. „Zu den Geschäften in Deutschland sind der spanische Lebensstil, das wunderbare Wetter, das Essen und der Sport ein hervorragender Ausgleich“, erklärt sie.

Sich mit anderen zusammentun

Olga Steidl hingegen hat sich erst in Deutschland niedergelassen, nachdem sie mehrere Jahre lang in anderen europäischen Ländern gelebt hat. Im Jahre 2013 ist sie aus Zürich nach Berlin gezogen, wo sie zunächst in einer der Firmen von Yandex gearbeitet hat, anschließend hat sie dem Startup für Sprachnachrichten Talkbits vorgestanden. „Dort gibt es keine Startup-Gemeinschaft“, erklärt sie ihren Entschluss umzuziehen. Die Geschäfte in der deutschen Hauptstadt weiter auszubauen hat ihr das Startup EyeEm nahegelegt. Im ersten Monat hat sie den Mitbegründer der Firma Inbot kennengelernt, die sich mit dem mobilen System zur Steuerung von Kundenbeziehungen befasst. Schon bald wurde Olga Direktorin für die Entwicklung dieser Firma.

Inbot wurde in San Francisco gegründet. Aber ein Entwicklungsbüro in Europa zu unterhalten, erwies sich als kostengünstiger (neben dem Berliner Büro gibt es noch eine Vertretung in Helsinki). In Berlin hat Inbot ein Penthouse im Stadtzentrum gemietet. Die Firma hat 10 Angestellte, unlängst wurde der erste Deutsche eingestellt. Das möchte Steidl besonders hervorheben.

Bis zu diesem Zeitpunkt war sie die einzige von allen Mitarbeitern, die Deutsch sprach, da sie als Kind in Deutschland zur Schule gegangen ist. Allerdings sagt sie auch, dass man in Berlin diese Fähigkeit kaum benötigt: sowohl der normale Bürger als auch die Investoren sprechen im Allgemeinen gut Englisch. Die Firma hat 2,6 Millionen Dollar Investitionskapital aufbringen können und will das Entwicklungstempo auf keinen Fall drosseln.

Eine Nische finden

Im März hat der Online-Bildungsdienst „Yaklass“ seinen Vorstoß auf den deutschen Markt verkündet. Als Teilnehmer an den Programmen „Skolkovo“ und von Microsoft, mit denen Lehrer Kontrollarbeiten und Hausaufgaben elektronisch schreiben lassen bzw. aufgeben können, hat der Dienst einen Vertrag mit der österreichischen Schule dr. Roland unterzeichnet, als Grundlage für den Start einer deutschen Version des Produkts.

„Der europäische Markt im Bereich der elektronischen Bildung zielt auf Innovationen und bei aller Sättigung dieses Markts ist unsere Nische, bei der es um das Erlernen und Festigen von praktischen Kenntnissen geht, noch frei“, sagte damals der Generaldirektor des Unternehmens Valeri Nikitin. Jetzt übersetzen die Fachleute von dr. Roland die Materialien von Yaklass ins Deutsche. Auf den Markt, zu dem ca. 50.000 Schulen zählen, will die Fima am 1. September damit gehen. Vermutlich wird das Abo teurer sein als es gegenwärtig mit 690 Rubel jährlich kostet, aber im Unternehmen hofft man auf eine entsprechend hohe Nachfrage.

Das deutsche Abonnement ist natürlich für das Startup keine Versicherung gegen ein Scheitern. Die Möglichkeit, dass es nicht klappt, besteht auch hier. Aber sich auf den europäischen Markt zu wagen, bedeutet für viele russische Firmen die Gelegenheit, eine gemeinsame Sprache mit internationalen Investoren zu finden und Gewinne in harter Währung zu erzielen. Somit wird die Zahl der Startups, die umziehen wollen, wahrscheinlich noch zunehmen.