Psychoanalytiker Michail Strachow Sport als Illusion von Harmonie

Sport als Illusion
Sport als Illusion | Foto: TheArches; © CC BY 2.0

Im Interview mit dem Psychoanalytiker Michail Strachow erfuhr das Online-Magazin „Deutschland und Russland“, welcher Stellenwert dem menschlichen Körper in der psychoanalytischen Theorie und Praxis zukommt, welche kulturellen Normen die Beziehung des Menschen zu seinem Körper beeinflussen und was Sport und Pornografie gemeinsam haben können.

Das Gespräch ist das wichtigste Instrument der Psychoanalyse, denn alles, was ein Mensch tut, wenn er in die psychoanalytische Sprechstunde kommt, ist reden. Welcher Stellenwert wird aber dem Körper in der psychoanalytischen Theorie und Praxis beigemessen?

Ein sehr großer, und überhaupt nahm historisch gesehen die Psychoanalyse ihren Anfang mit der Frage nach dem Körper. Freud, als Neurologe tätig, erfand die Psychoanalyse infolge seiner Begegnung mit der Hysterie, einer Neurose, bei der seine damaligen Patienten in erster Linie stark ausgeprägte körperliche Symptome aufwiesen, zum Beispiel Lähmungen oder Taubheit. Das sind sogenannte Konversionssymptome, davon spricht man, wenn natürliche Funktionen des Organismus plötzlich versagen, der Mensch nicht mehr hören oder gehen kann, dabei aber keine neurologischen Störungen im Organismus vorliegen. Das Fehlen einer neurologischen, sprich organischen, oder wenn Sie wollen einer „natürlichen“ Ursache für die Entstehung von Konversionssymptomen führte dazu, das Geheimnis ihrer Entstehung an ganz anderer Stelle zu entdecken: in den sprachlichen Äußerungen des Patienten, in seinen Gedanken, im Unbewussten.

Und man kann sogar sagen, dass sich die Psychoanalyse genau an dem Punkt befindet, wo Sprache sich mit dem Körper vereint. Wenn der Mensch im Sprechzimmer des Psychoanalytikers über seine rein psychologisch bedingten Leiden spricht, dann kommt er früher oder später auch auf den Körper zu sprechen. Die Schwierigkeit einer Lösung der Daseinsprobleme, die auf den ersten Blick nicht körperlicher Natur zu sein scheinen, besteht darin, dass sie auf intellektuellem oder soziologischem Weg nicht zu lösen sind. Es stellt sich heraus, dass sie genau deswegen nicht lösbar sind, weil der Mensch noch einen Körper hat.

Es gibt aber andere psychologische Praktiken, die in der Arbeit mit dem Patienten nicht das Gespräch in den Vordergrund stellen, sondern eben den Körper, die Tanztherapie zum Beispiel.

Rein körperliche Praktiken regen dazu an, den Körper in einen etwas anderen Diskurs einzutauchen, in eine andere Form der sozialen Beziehungen, das heißt, sie wollen anregen den Körper auf etwas andere Weise zu nutzen und im Einklang mit anderen Gesetzen, nicht so, wie es im Sozium zumeist üblich ist. Deshalb bedeuten Sport und Yoga nicht körperliche Aktivität schlechthin, sie sind eine neue soziale Verbindung und eine Form der Beziehungen mit dem anderen, bei der ein völlig anderer Körper entsteht, der sich anders verhält und den man plötzlich von einer ganz anderen Seite entdeckt. Auf diese Weise bieten die körperlichen Praktiken ein anderes Symptom an, mit dem man möglicherweise weniger leidet.

Dient die Körpertherapie nur der Linderung von Leiden oder kann man mit ihrer Hilfe Probleme beispielsweise in einer Partnerschaft lösen?

Mir scheint, sie ist doch nur ein Mittel zur Linderung des Leidens. Trotzdem ist der Tanz eine wunderbare Form der Beziehungen zwischen Mann und Frau!

Hat auch Psychoanalyse das Ziel Leiden zu lindern oder verfolgt sie noch etwas anderes?

Die Psychoanalyse betrachtet die Linderung des Leidens nicht als Selbstzweck. Das Paradox besteht darin, dass der therapeutische Effekt der Psychoanalyse gewissermaßen ihr Nebenprodukt ist. Ein grundlegender Unterschied zwischen Psychoanalyse und Psychotherapie beziehungsweise Medizin hängt mit der spezifischen Interpretation des Symptoms zusammen. Ziel der psychotherapeutischen oder medizinischen Behandlung ist die Beseitigung des Symptoms, das als physiologische oder psychologische Dysfunktion verstanden wird.

Ursprünglich hatte Freud in seiner Tätigkeit als Arzt das Symptom ebenso interpretiert und versucht es als Dysfunktion zu beseitigen. Als er sich aber mit einem solch merkwürdigen Phänomen wie der negativen therapeutischen Reaktion konfrontiert sah – einer Verschlechterung des Zustandes des Patienten, die jedesmal dann eintrat, wenn der Patient sich vom möglichen Verschwinden des Symptoms bedroht sah –, stellte er fest, dass das Symptom im psychischen Apparat eine gewisse Aufgabe erfüllt, und aus dieser Perspektive trat das Symptom als eine besondere Funktion in Erscheinung. Und diese Funktion besteht darin Verbindungen zum anderen herzustellen, die ansonsten unmöglich wären und zwar genau deshalb, weil die Menschen Körper haben, anders gesagt: Das Symptom ist eine Alternative zu nicht realisierbaren sexuellen Beziehungen.

Könnten Sie diese berühmte Phrase von Jacques Lacan über die Unmöglichkeit sexueller Beziehungen genauer erläutern?

Beginnen wir damit, dass Sexualität ein Ding ist, das zum Körper gehört, das mit dem Körper verbunden ist und konkret in dem zutage tritt, was wir sexuelle Beziehungen nennen. Die grundlegende Fehlinterpretation von Sexualität besteht darin, dass wir Sexualität denken als das, was Menschen verbindet, und zwar im „Idealfall“ Mann und Frau, und genau Freud findet heraus, dass Sexualität soziale Verbindungen unmöglich macht. Ohne Sexualität wären die menschlichen Beziehungen harmonisch und könnten von Soziologie oder Konfliktologie wunderbar beschrieben werden.

Das Ideal von Sexualität wäre, um mit Freud zu sprechen, ein Mund, der sich selbst küsst. Sexualität ist ihrer Natur nach autoerotisch, das heißt, mein Körper ist Quelle der Sexualität und versucht gleichzeitig sich selbst zu befriedigen. Aber in diesem Körper gibt es einen Riss, und genau deswegen entsteht das Bedürfnis in der Außenwelt nach einem Objekt zu suchen, das in der Lage sein könnte diesen Riss auszufüllen. Leider Gottes stellst du jedes Mal fest, dass dieses Objekt nicht das ist, wonach du suchst, kein Teil deines Körpers ist. So könnte man, auf einen einfachen Nenner gebracht, diese Sackgasse beschreiben, die Unmöglichkeit von Beziehungen, weil Körper sich in keinster Weise miteinander verbinden lassen. Die Sprache und das Sprechen sind es, die eher schlecht als recht eine Verbindung zwischen Menschen ermöglichen, obwohl diese Verbindung im Prinzip unmöglich ist.

Haben kulturelle Normen irgendeinen Einfluss auf das Verhältnis des Menschen zu seinem Körper? Kann man davon ausgehen, dass der Mensch in der modernen liberalen Gesellschaft im Vergleich zur viktorianisch geprägten oder totalitären ein wenig mehr Herr über seinen Körper und seine Sexualität ist?

Aus Sicht der Psychoanalyse verhält sich alles ganz anders. Die Unmöglichkeit zur Befriedigung der Sexualität ist kein Produkt der Gesellschaft, diese verleiht ihr lediglich eine Form. Die Unmöglichkeit existiert a priori. Freud verweist auf eine solch primitive soziale Organisationsform wie die Horde der Urgesellschaft. In dieser menschlichen Gemeinschaft gibt es einen Anführer, der Zugang zu allen Weibchen hat und der diesbezüglich allen anderen Männchen Einschränkungen vorgibt und somit als Symbol für diese Unmöglichkeit steht. Jede Form von Gesellschaft bedeutet verschiedene Formen der Festschreibung und Symbolisierung der Unmöglichkeit sexueller Beziehungen. Von der Form der Festschreibung dieser Unmöglichkeit hängt ab, wie ich mit dieser Unmöglichkeit umgehen kann, welche Art von Möglichkeiten mir das buchstäblich eröffnet. Ein Beispiel hierfür ist die Minne im mittelalterlichen Frankreich. Die holde Dame ist eine anbetungswürdige Frau, sich ihr zu nähern bedeutet einen langen Weg. Solange man sich auf diesem Weg befindet, schreibt man Gedichte, vollbringt Heldentaten – das heißt, das gesamte Leben der Männer der damaligen Epoche spielte sich im Rahmen dieses Weges ab.

Und wie kann man die Beziehung des Menschen zu seinem Körper in der kapitalistischen Gesellschaft beschreiben?

Am Ende seines Lebens interessierte sich Jacques Lacan für den Kapitalismus als eine Form des Diskurses. Er hatte die menschlichen Beziehungen kategorisiert, indem er sie mithilfe von vier Diskurstypen beschrieb: des Herrn, der Universität, der Hysterikerin und des Analytikers. Das sind dem Wesen nach vier Verfahren zur Herstellung einer Verbindung mit dem anderen, in denen die Sexualität auf verschiedene Weise eingebunden ist. Der fünfte Diskurstyp, der kapitalistische, stellt im Gegensatz dazu keine Verbindung her, sondern zerstört sie. Der Kapitalismus offeriert anstelle des anderen, mit dem der Mensch sexuelle Beziehungen einzugehen versucht, ein „Gadget“, ein bereits fertiges Objekt, das sich scheinbar wesentlich besser für diesen Zweck eignet und eine Antwort auf meine Suche nach dem Objekt ist, das mir fehlt.

Die kapitalistische Welt produziert Objekte, „Gadgets“, diese Quellen für garantierten Genuss. In diesem Sinne lautet das Diktat des Kapitalismus: „Genieße!“ Aber genießen soll man auf separate Weise, losgelöst vom anderen. Im kapitalistischen Diskurs erübrigen sich die Fragen: Was möchtest du? Was kann ich für dich sein? Was bedeutet mein Körper für den anderen und seine Lust? An die Stelle des anderen, mit dem der Mensch sexuelle Beziehungen herzustellen versucht, tritt das Gadget. Ein einfaches Beispiel: Ich und meine Freundin sitzen im Café und jeder hat den Blick auf sein Smartphone gerichtet, wobei jeder von uns glaubt, dass dieses Ding ihn mit der ganzen Welt verbindet, aber wir schauen einander nicht an …

Sport ist eine weitere Art von Diskurs, in dem der Körper auf ganz besondere Weise präsent ist.

Im Sport sind die Körper dem gnadenlosen Diktat der Regeln, Rekorde und Resultate unterworfen. Aufgabe des Sportlers ist es im wahrsten Sinne die Hürden der natürlichen Limits zu überspringen. Deshalb ist der Körper im Sport ein Körper, der zerstört wird, den man chemischen und anderen Veränderungen unterziehen muss, damit er den Anforderungen jenes anderen entspricht, dem die Biologie scheißegal ist. Der Grenzzustand, der beim Befolgen dieser Anforderungen eintritt, ist die völlige Entfremdung des Körpers, der Tod. Warum lieben Diktaturen den Sport so? Weil eine Diktatur zwar eine ideale soziale Struktur ist, lebendige Körper zu diesem Ideal aber in keinster Weise passen. Für die lebendigen Körper, die zum System immer einen Widerspruch bilden, gibt es eine andere Lösung – das ist der Sport, der einerseits eine Form des Umgangs mit diesen Körpern ist und es andererseits erlaubt deren Entfaltung zum Teil zu unterdrücken.

Wobei die Ästhetisierung als ein natürlicher Begleiter des Sportkults in verschiedenen Kulturen auftritt.

Haben Sie den Kalender gesehen, den der Künstler Alexej Tarussow zu den Olympischen Winterspielen herausgegeben hat? Er hat die Ästhetik sowjetischer Sportplakate zugrunde gelegt, an Details einige Veränderungen vorgenommen und herausgekommen ist praktisch Pornografie. Pornografie vermittelt die Illusion, dass absolute Harmonie zwischen Körpern möglich ist, wenn zwei Menschen sich nicht nur auf bizarre Weise vereinen, sondern beide dabei auch noch Lust empfinden. Diese absolute Harmonie wird in Form eines Bildes vermittelt, möglicherweise wird deshalb immer die Frage diskutiert, wo es sich um Kunst handelt und wo um Pornografie. In beiden Fällen geht es um die Harmonie der Wahrnehmung. In diesem Sinne bietet der Sport etwas Vergleichbares auf der Ebene des Bildhaften: er ermöglicht die Schaffung einer Illusion von Harmonie auf der Ebene des eigenen Körpers.

Michail Strachow ist Absolvent der Fakultät für Psychologie der Staatlichen Universität Moskau mit Spezialisierung in Klinischer Psychologie. Seine Ausbildung als Psychoanalytiker erhielt und erhält er in Europa im Rahmen der European School of Psychoanalysis. Seit 2007 gehört Strachow der European School of Psychoanalysis und der World Association of Psychoanalysis (WAP) an. Er ist Vorstandsmitglied und Gründer der Russischen Abteilung der Internationalen Psychoanalytischen Assoziation Champ Freudien.