Martin Krohs im Gespräch „Russland ist nicht nur Politik“

Martin Krohs
Gründer von dekoder.org Martin Krohs | © Mauricio Bustamante

Russland entschlüsseln – das ist das Ziel der Plattform dekoder.org. Leser finden hier Originalstimmen russischer Medien übersetzt auf Deutsch. Kurze wissenschaftliche Artikel helfen beim Verständnis. Im Interview spricht der Gründer von dekoder.org Martin Krohs über Pressefreiheit und Medienkompetenz.

Herr Krohs, warum haben Sie die Plattform dekoder.org gegründet?

Im November 2014 habe ich bei TV Doschd eine kontroverse Talkrunde zur Ukraine-Krise gesehen. Da ist mir aufgefallen: In Deutschland oder Europa ist gar nicht bekannt, dass die russische Gesellschaft in sich so differenziert ist, dass es Meinungen gibt, die in Reibung stehen und dass da ein kultivierter Diskurs geführt wird.
 
Inwiefern wird Russland in den deutschsprachigen Medien falsch dargestellt?

Aufgrund der Ukraine-Krise haben sich die Journalisten mehr mit der ganzen Region beschäftigt, dadurch ist der deutsche Journalismus aus meiner Sicht viel besser geworden. Aber es gibt einen Hang zur Vereinfachung und zum schnellen Urteil. Da möchten wir als dekoder.org sagen: Schaut euch die Details an, lasst Leute selber sprechen. Hört auch die Widersprüche zwischen unterschiedlichen Stimmen, und macht euch erst dann ein Bild.
 
Was erfahre ich auf dekoder.org, was ich in den deutschen Medien nicht erfahre?

Ich erfahre zum Beispiel, wie Menschen leben, die nicht im Zentrum von Moskau wohnen. Von einer Gesellschaft, die brodelt und unter vielem leidet, aber gerade uns aus dem Westen auch viele Impulse geben kann. Russland ist nicht nur Politik.
 
Welche russischen Medien übersetzen Sie auf dekoder.org?

Wir arbeiten mit den unabhängigen Medien zusammen. Allerdings ist es gar nicht leicht zu sagen, wo beginnt der abhängige, staatsgesteuerte Mediensektor und wo hört der unabhängige auf. Denn die Steuerung findet nicht nur dadurch statt, dass der Staat Medien besitzt. Häufig haben etwa private Besitzer Verbindungen in den Kreml. Die Grenze ist verwaschen, damit müssen wir leben.
 
Auf der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen steht Russland auf Platz 152 von 180 Ländern. Unter welchen Bedingungen arbeiten Journalisten in Russland?

Ein unabhängiges Medium kann in Russland so lange schreiben wie es will, solange es nicht über eine gewisse Reichweite hinauskommt. Erst wenn der Einfluss des Mediums größer wird, wird es stärker kontrolliert und kann unter Druck geraten. Daher gibt es diese unabhängigen Portale, die machen können was sie wollen, solange sie klein bleiben.
 
Eine direkte Zensur ist heute selten in Russland. Die Einflussnahme ist indirekt, indem vorherrschende Meinungen gemacht werden, zum Teil auf sehr gefühlsmäßig aufgeblasene Art und Weise. Dass die Presse in Russland nicht frei ist, heißt nicht nur, dass Journalisten unter Umständen ins Gefängnis kommen können, sondern auch, dass sie gar nicht durchkommen mit ihren Botschaften.
 
Wäre es für die deutsch-russische Verständigung auch interessant, deutsche Medien auf Russisch zu übersetzen?

Auf jeden Fall, das hören wir auch aus Russland oft. Im März 2015 haben wir eine Akquise-Reise gemacht und dekoder.org russischen Chefredakteuren vorgestellt. Viele haben gesagt: Wir brauchen auch eine Entschlüsselung von Europa.
 
Ist das ein Projekt für die Zukunft?

Das wäre eine Option. Uns reizt aber noch mehr, russische Artikel in weitere Sprachen zu übersetzen, etwa Englisch oder Französisch.
 
Warum arbeiten Sie bei dekoder.org nicht wie etwa Bildblog und ordnen russische Artikel kritisch ein?

Der Witz bei dekoder.org ist, dass wir Redakteure uns total zurückhalten. Wir machen keine Meinung, sondern lassen die Stimmen anderer Leute erscheinen. Sonst würden wir als europäische Redakteure auftreten und die russischen Stimmen korrigieren, das ist nicht unsere Rolle. Die Grundidee ist, dass die Stimmen aus Russland so wie sie sind bei uns ankommen.

Wir denken aber darüber nach, auch die kremlnahen Medien durch Zitate abzubilden. Wir hätten keine Rechte, deren Artikel vollständig zu übersetzen, aber wir können Zitate kontextualisieren.
 
Die übersetzten Artikel werden auf dekoder.org durch sogenannte Gnosen, wissenschaftliche Kurztexte, ergänzt. Warum braucht man die Wissenschaft, um Russland zu verstehen?

Viele deutsche Leser kennen die Personen und Ereignisse nicht, über die die russischen Medien berichten. Diese Lücke wollen wir durch die wissenschaftlichen Artikel, die Gnosen, schließen. Auf dekoder.org gibt es daher immer zwei Teile: den übersetzten Artikel und die Gnosen. Wenn man alles zusammen liest, bekommt man das gesamte Bild.
 
Inwiefern fördert dekoder.org Medienkompetenz?

Ich denke, das Wichtigste bei Medienkompetenz ist die Fähigkeit zu vergleichen, verschiedene Quellen wahrzunehmen und sich nicht nur mit den Quellen zu beschäftigen, wo das gesagt wird, was man hören will. Bei dekoder.org kann man nicht nur verschiedene Meinungen vergleichen, sondern auch das, was in Deutschland oder in England geschrieben wird, vergleichen mit dem, was in Russland geschrieben wird.
 

Martin Krohs, 46, studierte Volkswirtschaftslehre und Philosophie in Berlin und Fribourg, Schweiz. Nach dem Studium lebte er mehrere Jahre in Russland. In Moskau unterrichtete er Deutsch, gründete einen internationalen Buchladen und schrieb für die „Neue Zürcher Zeitung“, „Zenith“ und „Vokrug Sveta“. Heute lebt er Martin Krohs in Berlin, fühlt sich aber weiterhin in Deutschland und Russland zuhause. 2015 gründete er die Plattform dekoder.org.