Eine Palette sibirischer Zine Von „Krakeleien“ bis hin zu Fotobüchern

Von „Krakeleien“ bis hin zu Fotobüchern
© Janina Boldyrewa

Die Begeisterung für Zines (Abkürzung von „magazine“, eine limitierte Ausgabe, die von Hand oder mittels Kopiertechnik hergestellt wird) ist auch an Sibirien nicht vorbeigegangen. Die lokalen „Zine-Macher“ bestreiten zwar, dass es eine Community gibt, beschäftigen sich jedoch außerordentlich gern mit dieser ungewöhnlichen Kunstart, die etwas ganz Eigenständiges ist. In ihrem Fall kann ein Zine eine Reaktion auf aktuelle politische Ereignisse, ein Nachdenken zum Thema „polizeiliche Meldung in Sibirien“ oder einfach ein Weg sein, den Menschen im Umfeld ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Für die einen ist die Qualität des Endprodukts wichtiger, für die anderen die Selbstdarstellung. Wir haben die jungen sibirischen Herausgeber gefragt, wie und warum sie Zines machen und ob dieser Begriff überhaupt geeignet ist, die Früchte ihres künstlerischen Schaffens treffend zu beschreiben.

Timur Sima, Nowosibirsk
 
Ich begeistere mich seit zwei Jahren für Zines, für mich ist am ehesten ein Hobby. Gegenwärtig haben immer weniger Designer mit Papierformaten zu tun, alles geht ins Netz, und ich bin da auch keine Ausnahme. Eines Tages jedoch habe ich den Wunsch verspürt, mit Papier zu arbeiten, und da ist am einfachsten, ein eigenes Zine zu gestalten. Mir gefällt der Begriff, obwohl er ziemlich schwammig ist.
 
Mit einem Zine kann man mit einfachen Mitteln jeden beliebigen Gedanken an den Mann bringen. So ist mein „Baker Zine“ ein lebendiger Nachruf (verzeihen Sie das Wortspiel), der dem großen amerikanischen Trompeter Chet Baker gewidmet ist. Ein anderes Beispiel ist das „Violence Zine“. Hier geht es um die Gewalt, die täglich in den sozialen Netzen übertragen wird. Es ist ein Versuch, die Online-Vorgänge auf Offline-Papier aufzuarbeiten.

Die Zines anderer Autoren lerne ich nur auf speziellen Ausstellungen kennen. Anders bekomme ich sie leider nicht in die Hände. Meiner Meinung nach gibt es in Sibirien keine Community von Zine-Machern, die Idee des Selbstverlags lebt bei uns nur dank einiger weniger Enthusiasten, solchen wie beispielsweise Walerija Wetoschkina, die die Ausstellung „Sam Isdam“ (wörtlich: „Ich gebe selbst heraus“) selbst konzipiert und in verschiedenen Städten organisiert hat.
 

  •  © Timur Sima
  •  © Timur Sima
  •  © Timur Sima
  •  © Timur Sima
  •  © Timur Sima
  •  © Timur Sima
Anton Gudkow, Omsk
 
Das, womit ich mich beschäftige, kann man kaum als Hobby bezeichnen. Vielmehr ist das eine Art Sublimation in einer besetzten Stadt. Ich bezeichne meine Ausgaben als Bücher, Büchlein und manchmal als Alben. Eine ist zum Beispiel aus Schmutztiteln alter tschechischer Bücher entstanden. Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es bereits 12 Alben und zwei sind noch im Entstehen begriffen. Ich mache alles selbst: ich hefte zusammen, zeichne, schneide u. ä. Angefangen habe ich damit aus lauter Langeweile auf der Arbeit. Ursprünglich habe ich Skizzenblöcke selbstgebastelt, indem ich die einzelnen Blätter mit Heftklammern oder Bindfaden verbunden, eine feste Rückseite aus Karton und ein Deckblatt gemacht habe.
 
Der Titel eines jeden meiner Bücher ist eine Sache für sich und hat mitunter gar nichts mit dem Inhalt zu tun. Manchmal ist es eine ausgedachte Nummer, die ein regelmäßiges Erscheinen vortäuscht. Beispiele für Titel sind: „sibirisches mantra“, „spiegelpositionen“, „k.ultura“, „und ich habe ihm am samstag die augen geöffnet“, „c.ulture #0“. Mein Lieblingsbuch ist „sibirisches mantra“; hier handelt es sich um 45 feste Seiten, die ich mittels Schraubenzieher mit Löchern versehen habe. Dann habe ich mit einer Schablone viele, viele Male auf jedem Blatt die Worte „aus Russland wegfahren“ geschrieben.

Ich träume davon, ein großes Projekt mit dem Titel „das buch der bücher“ zu machen – einen Katalog mit dem Inhalt aller meiner Alben. Das sind doch fertige Denkmäler des menschlichen Geistes, seiner Fantasie und Handarbeit! Und in einigen Jahren werden sie einen Wert darstellen; eine andere Frage ist, wie hoch dieser sein wird.
 
  •  © Anton Gudkow
  •  © Anton Gudkow
  •  © Anton Gudkow
  •  © Anton Gudkow
  •  © Anton Gudkow
  •  © Anton Gudkow
  •  © Anton Gudkow
Musja Sosnowska, Tomsk
 
Mein erstes Leporello-Buch (meine Werke nenne ich „Krakeleien“ und nicht anders!) ist 2011 erschienen. Ich habe damals in Petersburg gelebt und während einer meiner Spaziergänge auf dem Newski-Prospekt gingen mir plötzlich verschiedene Zeilen durch den Kopf. Aus irgendeinem Grund fing meine Hand an, von unten nach oben zu schreiben. So wurde das Buch geboren, das man in einer ungewohnten Richtung lesen muss. Man kann natürlich versuchen, es von oben nach unten zu lesen, aber dann wird es noch absurder.

In der Regel drucke ich jeweils 20 Exemplare einer „Krakelei“, und wenn keine mehr da sind, dann drucke ich weitere, meistens nehme ich dafür das Geld, das mir meine geliebte Oma zu irgendeinem Anlass geschenkt hat. Die Bücher gebe ich meinen Freunden oder einfach Menschen, die ich mag. Und einmal ist eine kleine Auflage zu einem Festival auf der Krim gegangen, wo das Stück für 150 bis 200 Rubel verkauft wurde.
 
Mir ist es egal, welchen Wert meine „Krakeleien“ in einigen Jahren haben werden; viel wichtiger ist doch, wie sie jetzt von den Menschen gesehen werden, wie sie sich beim Lesen und beim Anschauen der Bilder freuen. Zum Beispiel das über die Mikroben – für mich ist das ein großes Thema, zu dem ich letztes Jahr ein ganzes Album im festen Einband gedruckt habe.
 
  •  © Musja Sosnowska
  •  © Musja Sosnowska
  •  © Musja Sosnowska
  •  © Musja Sosnowska
  •  © Musja Sosnowska
  •  © Musja Sosnowska
Janina Boldyrjewa, Nowosibirsk
 
Seit einigen Jahren arbeite ich mit Alexander Issajenko aus Odessa zusammen. Über das Internet bearbeiten wir gemeinsame Projekte, beschäftigen uns viel mit Kunstfotografie und haben sogar schon zwei Fotobücher gemacht, d.h. Bücher, die in der Hauptsache aus Autorenfotografien bestehen. So heißt auch das Genre. Ein Fotobuch kann man als Zine herausgeben, aber ich glaube, auf unsere Werke trifft diese Bezeichnung nicht zu. Zines sind doch meistens regelmäßig erscheinende Ausgaben, deren Autor ein einheitliches Konzept, eine einheitliche Gestaltung anstrebt. Bei uns jedoch handelt es sich jeweils um eigenständige Bücher; es sind nicht einfach nur Fotosammlungen. So handelt es sich beispielsweise bei „Rupture zone“, einem vom Format und Seitenumfang her kleinen Schwarz-Weiß-Buch, um Überlegungen zum Thema der russisch-ukrainischen Kriegsereignisse. Eigentlich wird es vor allem wegen der Maße als Zine bezeichnet. Wir haben uns gegen das Dokumentarische und für die künstlerische und bildnerische Sprache entschieden und uns dabei auf die Darstellung des eigentlichen Mechanismus des Konflikts konzentriert.
 
Am Anfang haben wir versucht, im Westen zu veröffentlichen und haben unser erstes Buch mit dem Titel „Index lost“ an verschiedene Verlage in der Hoffnung geschickt, das unsere Kunst jemandem gefallen würde. Mit der Zeit haben wir verstanden, dass viele Autoren selbst verlegen, auf eigene Kosten kleinere Auflagen drucken – auf Anfrage oder für den nächsten Verkauf in Läden des Selbstverlags. Genau das machen wir jetzt auch.
Die Zahl der Fotobücher nimmt stetig zu, und es entsteht der Eindruck, dass es in fünf Jahren so viele geben wird, dass es unmöglich sein wird, auch nur ein Tausendstel der Informationen auf diesem Gebiet zu verarbeiten. Überhaupt hat sich der Selbstverlag in Russland in den letzten 15 Jahren sehr stark verändert. Wir reden hier wohl am ehesten von mehreren unabhängigen Genres, die bestimmte künstlerische Aussagen und Konzepte der Autoren verkörpern, am häufigsten trifft man das Visuell-Darstellende, da die Druckqualität besser und das Drucken selbst billiger geworden ist.  
 
  •  © Janina Boldyrjewa
  •  © Janina Boldyrjewa
  •  © Janina Boldyrjewa
  •  © Janina Boldyrjewa
  •  © Janina Boldyrjewa
  •  © Janina Boldyrjewa
  •  © Janina Boldyrjewa