Ein neuer Trend beim Film Die Kultur des Alterns im Film

Szene aus „Toni Erdmann“ von Maren Ade
© Russian Report

In europäischen Filmen spielen immer öfter ältere Menschen die Hauptrollen: Man denke nur an Filme wie Toni Erdmann von Maren Ade, Ewige Jugend von Paolo Sorrentino und Liebe von Michael Haneke. Natalja Resnik untersucht die veränderte Sicht auf die Kultur des Alterns im russischen und deutschen Film.

Die in Deutschland verbreitete Einstellung zum fortgeschrittenen Lebensalter unterscheidet sich deutlich von der in Russland. Bedingt ist das durch unterschiedliche Traditionen, soziale Bedingungen, wirtschaftliche und politische Systeme und eine voneinander abweichende Mentalität. Der Unterschied wird bereits auf den ersten Blick deutlich: Die deutschen Pensionäre sind unabhängiger und selbstbewusster. Als Rentner möchten sie sich dem widmen, was sie in der Jugend nicht geschafft haben: Bücher lesen, reisen, malen, ins Theater gehen. „Ein russischer Bürger, der danach gefragt wird, was er denn als Rentner zu tun gedenkt, antwortet meistens: „Ich werde arbeiten, bis ich sterbe. Ein bis zwei Jahre verkürzt das schon das Leben.“ (Gemäß einer soziologischen Umfrage, die von der Russischen Akademie der Wissenschaften durchgeführt wurde. (news.mail.ru)
 
In Russland sind auch die Stereotypen aus der Sowjetzeit noch sehr lebendig: Die Älteren müssen sich um die Kinder kümmern, sie haben kein Recht auf ein eigenes Leben (sehr anschaulich sehen kann man das in Internetforen, wo junge Mütter das „Verhalten“ einer Oma oder Schwiegermutter diskutieren, die es ablehnt, auf ihre Enkel aufzupassen. Was die Filme der Sowjetzeit betrifft, so ist die Problematik des persönlichen und gesellschaftlichen Lebens im Alter sehr anschaulich in dem Film „Po semejnym obstojatelstwam“ [„Aus familiären Gründen“] (1978) dargestellt. Die Hauptheldin (gespielt von Galina Polskich) weigert sich, ihre Arbeit aufzugeben, um sich dem neugeborenen Enkel zu widmen (sie selbst ist ca. 50 Jahre alt und Direktorin eines großen Betriebs); ihre Tochter empfindet das als Verrat. Die Protagonistin kommt hier als eine negative, selbstverliebte, egoistische Karrierefrau herüber, die ihre Mitarbeiter herumkommandiert und ihren eigenen Kindern ihr Leben nicht gönnt (erst in der zweiten Folge ist sie mit ihrer Heirat sozusagen auf dem „Weg der Besserung“).
 
Nach den Ergebnissen von Umfragen russischer und deutscher Soziologen wohnen die erwachsenen Kinder in Russland genau wie zu Sowjetzeiten nicht selten in einer Wohnung zusammen mit ihren Eltern. In Deutschland dagegen kann ein Rentner seine Wohnung verkaufen und sich so ein würdevolles Leben im Alter ermöglichen. Er ist nicht verpflichtet, diese Wohnung an seine Kinder zu vererben, weil man durchaus der Meinung ist, dass die Kinder selbst für ihren Wohnraum sorgen können. Ältere Menschen in Deutschland tun sich zusammen, teilen sich die Miete für ihren gemeinschaftlichen Wohnraum (Diskussionen zum Thema „Senioren-Wohngemeinschaft“ sind im deutschsprachigen Internet nicht das erste Jahr weit verbreitet), verbringen ihre Freizeit zusammen, reisen miteinander, widmen sich verschiedensten Hobbies. In Russland hingegen verbringen Menschen im gleichen Alter ihre Zeit vorwiegend zu Hause im Kreis der Familie.
 
Eine interessante Sicht auf das Problem des Älterwerdens liefert der Spielfilm, spiegelt er doch den gerade vorherrschenden gesellschaftlichen Diskurs wider. Im sowjetischen Film sind ältere Menschen Symbole früherer (moralischer, sittlicher, rechtschaffender) Zeiten, vor allem der Zeit des Großen Vaterländischen Krieges; sie sind die sogenannten „heroischen Alten“ („Belorusski woksal“ [„Belorusski Bahnhof“], 1970), die im Hier und Jetzt ihren Platz nicht finden können. Im postsowjetischen Film kommt der ältere Mensch als Protagonist praktisch gar nicht mehr vor; Ältere haben – wenn überhaupt – hauptsächlich zweitrangige Charakterrollen. Eine Ausnahme ist der Protagonist des Films „Woroschilowski strelok“ [„Der Woroschilower Pfeil“] von 1999 (mit Michail Uljanow in der Hauptrolle). Obwohl der Film schon in der Zeit nach der Perestroika entstanden ist, kann man den Haupthelden auch hier wieder der Kategorie „heroischer Alter“ zuordnen. Hauptrollen für ältere Frauen gab es im postsowjetischen Film so gut wie gar nicht (eine der wenigen Ausnahmen ist neben „Mama und Prichodi na menja smotretj“ [„Komm mich anschauen“] der Film „Kitajskaja babuschka“ [„Die chinesische Großmutter“] von 2009).
 
Im europäischen Film ist in den letzten zehn Jahren ein neuer Protagonist auf der Bildfläche erschienen. Filme wie „Ewige Jugend“ (Originaltitel: „La giovinezza“) (2015), „Quartett“ (Originaltitel: „Quartet“) (2012), „Liebe“ (Originaltitel: Amour) (2012), „Mr. Morgan's Last Love“ (2013) präsentieren einen neuen Typus des europäischen Helden. Dieser Held erlebt Leidenschaften, schwelgt in seinen Erinnerungen, macht neue Fehler und versucht die alten wiedergutmachen, ist aber bei all dem auch immer ein wenig komisch… eben, weil er alt ist. Eines der im neuen europäischen Film angesprochenen Probleme besteht in der Selbstablehnung des Helden wegen seines Alters (aber auch in der Einsamkeit aufgrund von Zurückweisungen durch Gleichaltrige, in introjizierter Altersdiskriminierung – also der Voreingenommenheit gegenüber älteren Menschen bzw. deren Geringschätzung, was auch die eigene Person mit einschließt). Oft spielen diese Filme in Altersheimen („Sein letztes Rennen, Quartett“), Senioren-Freizeitclubs („Die Schönen Tage“ (Originaltitel: „Les beaux jours“) oder in einem eleganten Sanatorium („Ewige Jugend“), wo sich die älteren Herrschaften ihre Zeit vertreiben – ziellos, gelangweilt ohne ihre Arbeit, Freunde, Liebe, versunken in schwermütige Gedanken darüber, dass „die beste Zeit vorbei ist“. Aber jedes Mal kommt der Moment, da sich alles ändert. Immer taucht jemand auf, der sich darum bemüht, den Haupthelden wieder zurück ins Leben, zurück zu seiner Arbeit zu holen (im Film „Ewige Jugend“ ist es beispielsweise ein Gesandter der Königin, die davon träumt, den bekannten Dirigenten auf ihrem Empfang zu sehen) und damit nehmen die Abenteuer des Protagonisten ihren Lauf.
 
In der Komödie „Honig im Kopf“ (2014), wird ungeachtet der Überzeichnung der Vorgänge ein für Deutschland schwieriges Problem behandelt – die Einweisung eines alten Mannes, der nicht mehr selbst für sich sorgen kann, in ein Altersheim. Das alt gewordene Oberhaupt der Familie Amandus (gespielt von Dieter Hallervorden), wird von seinen eigenen erwachsenen Kindern genauestens beobachtet, wobei diese sich die Frage stellen, ob man ihn – angesichts der ersten Anzeichen von Alzheimer – nicht doch in einem Heim unterbringen sollte. In dieser Situation kommt dem Großvater die Enkelin zu Hilfe, die ihm zur Flucht nach Venedig verhilft. Jedes Mal ist das Altersheim eine – wenngleich erwartete – Tragödie, die darin besteht, im Alter in einer Art Ghetto zu leben, was den Helden stark frustriert. Auch wenn die Bedingungen sehr gut sind, handelt es sich doch um einen „goldenen Käfig“, dem die Alten entfliehen wollen, um noch einmal das Leben in vollen Zügen zu genießen – die geliebte Tätigkeit auszuüben, zu reisen, zu zeigen, wozu sie noch in der Lage sind (das Drama der Flucht aus dem Altenghetto hat auch den deutschen Studenten Eugen Merher inspiriert, dessen berührender Werbefilm, in dem ein älterer Marathonläufer seine alten Adidas-Laufschuhe findet und sich schlussendlich aus der bedrückenden Atmosphäre des Altersheimes befreit, vor kurzem bereits 2 Millionen auf YouTube gesehen worden war).
 
Im europäischen Film gibt es auch Rollen für Frauen: „Die schönen Tage“ (2013) mit Fanny Ardant und „Das Schmuckstück“ (Originaltitel: „Potiche“) mit Catherine Deneuve zeigen Frauen im reifen Alter, die, nachdem sie sich viele Jahre der Familie gewidmet haben, nach der Abkühlung ihrer Beziehung zum Ehemann erneut Freude am Leben finden, sich verlieben, und zwar nicht hoffnungslos, sondern oft in einen bedeutend jüngeren Mann, und Karriere machen. Fanny Ardant, der die Tochter nach ihrer Pensionierung eine Reise in einen Senioren-Freizeitclub schenkt, begegnet dort einem sympathischen jungen Lehrer, der Computerkurse gibt, und beginnt mit ihm eine leidenschaftliche Affäre.
 
Die Heldin des deutschen Films „Wolke 9“ (2008) ist als Näherin in Heimarbeit tätig, wird aber von ihrer plötzlich aufwallenden Leidenschaft für einen ihrer Kunden völlig überrollt. In diesem fast schon dokumentarischen Film wird nicht nur die Verliebtheit von älteren Menschen thematisiert, sondern auch deren Sexualleben – ein bislang noch immer stark tabuisiertes Thema in der heutigen russischen Gesellschaft. Populär ist es allerdings auch in der deutschen Gesellschaft noch nicht.
 
Im Übrigen können die deutschen Regisseure schon auf einige Erfahrungen in dieser Beziehung zurückblicken – das klassische Melodram von Rainer Werner Fassbinder „Angst essen Seele auf“ (1974) greift das Thema der Liebe im Alter auf (Emmi, eine sechzigjährige Witwe, verliebt sich leidenschaftlich in den jungen Marokkaner Ali). Für Fassbinder sind allerdings deren Gefühle weniger von Interesse als die Reaktion der in ihren Vorurteilen festgefahrenen bürgerlichen Gesellschaft, die der in den Gastarbeiter verliebten Heldin feindselig begegnet und sie ausgrenzt („Ich tät mich schämen, wenn ich so eine [Frau] wär“, sagt ihr eine Kollegin in vorwurfsvoll belehrendem Ton).
 
„Sag mal, schämst du dich nicht in deinem Alter?“, fragt der Ehemann die Protagonistin des Films „Wolke 9“. Die Hauptheldin Inge (gespielt von Ursula Werner) erinnert noch nicht einmal entfernt an die kokette, gepflegte Französin Fanny Ardant. Vielmehr könnte sie die ältere Dame von nebenan sein; sie ist der Typ Frau, der jedem Russen sehr vertraut ist (am Kleidungsstil und an der Wohnungseinrichtung erkennt man sofort, dass sich das Ganze in Ostdeutschland abspielt). „Denkst du nur weil ich über 60 bin, muss ich jetzt hier… 20 Jahre versauern noch, oder was?”, antwortet sie im Eifer des Gefechts ihrem eher schroffen und wenig zärtlichen Ehemann, der lieber zur Zigarette und Zeitung greift, als dass er Gefühle zeigt, und eine gemeinsame Bahnfahrt romantischen Spaziergängen durch Wald und Feld vorzieht. Die Figur der Heldin des Films erinnert an den Archetypus der Mutter: Mit mütterlicher Fürsorge kümmert sie sich um ihren alten Ehemann (nicht zufällig ist die Handlung im Osten Deutschlands angesiedelt; diese Art von familiären Beziehungen ist sehr typisch für Osteuropa). Plötzlich jedoch gerät dieses festgefügte Bild ins Wanken – in den Zeiten zwischen der Teilnahme am Seniorinnenchor und der Beschäftigung mit ihren Enkeln fängt Inge an, sich mit ihrem Liebhaber zu treffen. „Bist du schon ganz und gar senil geworden, oder was?“, grämt sich der Mann. Diese Frage hören die Haupthelden sehr häufig, sie, die sich „daneben“ benehmen, also nicht so, wie es von ihnen ihrem Alter gemäß erwartet wird. Die erwachsenen Kinder (und auch die Ehemänner und -frauen und Lebenspartner; die sich „anständig“ benehmen) sprechen hier stellvertretend für die Gesellschaft, sozusagen mit der Stimme des Freud’schen Über-Ichs, das die Helden zu beschämen sucht und sie auffordern will, sich „würdevoll“ zu benehmen (wie im Film „Die letzte Liebe des Mr. Morgan“). In „Madman!“ kommt es zu einer Art kollektiven Verurteilung; der Protagonist wird in die Schublade des Zerstörers geschoben und sieht sich Sanktionen ausgesetzt.
 
Zu einer der schillerndsten törichten Alten im europäischen Film der letzten Jahre ist jedoch Toni Erdmann geworden, der 68-jährige Held des gleichnamigen deutschen Films (Regie Maren Ade), der die Zuschauer im vergangenen Jahr in Cannes begeistert hat. Der pensionierte Musiklehrer Winfried Konradi beschließt nach dem Tod seines geliebten Hundes, eine Beziehung zu seiner Tochter Ines aufzubauen, die als Beraterin in einem großen Unternehmen tätig ist. Der Vater fährt zu ihr nach Bukarest, macht sie in ihrem Büro ausfindig und taucht dann auf verschiedenen Firmenevents auf – und zwar in Gestalt eines seltsamen Typen, der nicht nur ein abstoßendes herausnehmbares Gebiss hat und eine wuschelige Perücke trägt, sondern sich auch als Personal Coach Toni Erdmann ausgibt. Indem er in die kalte und geordnete Unternehmenswelt der Tochter (in der sie von ihrer Mitarbeiterin selbst zum Geburtstag einen Taschenrechner geschenkt bekommt) eine ordentliche Portion Verrücktheit und Farce bringt, ist Winfried darum bemüht, sie an jene Werte zu erinnern, die er sie einst selbst gelehrt hat – Liebe, schöpferische Tätigkeit, Freiheit, Freude am täglichen Leben. Mit den Fragen „Bist du überhaupt ein Mensch? Bist du glücklich?”, versucht der Vater bei der Tochter auf den Busch zu klopfen. Aber für die skeptische Ines ist selbst das schon zu viel: „Das sind ganz schön große Worte. Kann man das nicht mal ein bisschen ausdünnen?”
 
Durch seine Anwesenheit gelingt es Toni Erdmann, den Grad der Ernsthaftigkeit einer jeden Handlung gen Null tendieren zu lassen, alle Geschehnisse auf den Kopf zu stellen und damit der Tochter die ganze Absurdität ihrer täglichen Existenz in ihrer engen Unternehmenswelt vor Augen zu führen. Seine Versuche sind von Erfolg gekrönt: Ines empfängt ihre Kollegen auf ihrer eigenen Geburtstagsparty vollkommen nackt und legt mit ihrem enganliegenden Kleid die klebrige Maske der modernen Geschäftsfrau ab.
 
Der ältere Nonkonformist im abgerissenen Hemd, der in den 1960-er Jahren geborene Outsider Toni Erdmann ist der klassische Held der Karnevalskultur, der zum Sozialkritiker der modernen Welt wird – und zwar nicht nur einer Welt der totalen Unternehmenskultur, sondern auch einer Welt, in der die Politik des Liberalismus mit seiner allgegenwärtigen wirtschaftlichen Effektivität im starken Kontrast steht zu solchen zwar deutlich zutage tretenden, aber nicht sehr populären Themen wie moderne Kolonisation, Ungleichheit von Ost- und Westeuropa, globale Umverteilung von Ressourcen im Interesse von Ländern und Unternehmen.
 
Leider jedoch ist die Verrücktheit der älteren Helden oft auch buchstäblich – mitunter ist der Protagonist eines Films auch ein an Alzheimer leidender alter Mensch, jemand, der „von seinem Geist verlassen“ ist. Diese Figuren kommen ganz in der Tradition des Narren daher oder des Dummkopfs Iwans, eines Gauners, der wie durch ein Wunder immer trocken aus dem Wasser kommt und sich ganz der Vorsehung überlässt, da ihm nichts weiter zu hoffen bleibt („Honig im Kopf“). Die Verletzung der gesellschaftlichen Normen durch den Helden macht hier aus einer Tragödie eine Komödie bzw. vielmehr eine Tragikomödie.
 
Die Verletzung der Normen und die Erschütterung der Grundpfeiler der heutigen Welt fällt den älteren Protagonisten nicht so leicht – aber sie haben keine andere Wahl. Für sie ist das Thema Zeit sehr wichtig. Zeit wird häufig zur Hauptkonfliktquelle in ihrem sonst so friedlichen Alltagsleben. „Ich hab nicht mehr viel Zeit.“, sagt Werner, der Mann der Protagonistin des Films „Wolke 9“ (gespielt von Horst Rehberg). „Ich hab auch nicht mehr viel Zeit!”, – schreit seine Ehefrau zurück. Dieser Wunsch – es zu schaffen, ein vollwertiges Leben zu führen, obwohl nicht mehr viel Zeit bleibt – wird zum Grund für viele „Verrücktheiten“, die die älteren Protagonisten begehen.
 
Es ist ganz offensichtlich, dass der neue europäische Held aus der Generation der Best Ager kommt. Neu ist dieser Typus allerdings ganz und gar nicht, eher ein schon seit langem vertrauter typischer romantischer Held, der nicht nur gegen den Strom schwimmt, sondern auch die gewohnte Ordnung in Frage stellt. Nur dass der nonkonformistische Held in dem für uns gewohnten Kontext literarischer und filmischer Werke meistens jung ist und aufgrund seines jugendlichen Maximierungsdrangs gegen die sozialen Normen aufbegehrt (wie in Salingers Buch „Der Fänger im Roggen“). Und hier nun der altersbedingte Maximierungsdrang: Weil nicht mehr viel Zeit ist für Spielchen, keine Zeit abzuwarten, sich zu gedulden und sich in die Konventionen und Maßstäbe der heutigen Zeit zu fügen. Was diesen rebellierenden Helden, der die festgelegten sozialen Normen ablehnt und von der Gesellschaft zurückgewiesen wird, noch auszeichnet, ist seine Sehnsucht zu reisen, seine Melancholie, Misanthropie, seine Entfremdung, Isolation und Neigung zur Selbstanalyse.
 
Bei den Helden des russischen Films „Kitajskaja Babuschka“ („Die chinesische Großmutter“ (2009) Katja und Pawel (gespielt von Irina Murawjowa und Alexander Michailow), handelt es sich um ca. 60 Jahre alte Eheleute, die in einer mit Mobiliar und Sachen aus der Sowjetzeit vollgestopften Wohnung in einer Provinzstadt leben. Pawel trinkt gern und schaut die ganze Zeit fern. und Katja nörgelt an ihm herum und hört Radiosendungen, in denen es um Krankheiten geht – das Bild eines typischen russischen Rentnerpaares, das nur noch bis zum Tode „ausharrt“. Nach einem gemeinsamen Friedhofsbesuch spricht Katja mit dem Porträt ihres vor zwanzig Jahren gestorbenen Sohnes: „Wir sehen uns bald wieder, du hast bestimmt schon Sehnsucht nach uns!“ Der einzige Mensch, zu dem sie noch Kontakt haben, ist die ältere Nachbarin Anuschka, die regelmäßig vorbeikommt, weil sie die eine oder andere Zutat braucht.
 
Plötzlich jedoch taucht Katjas Schwester Mila aus Moskau auf, die bei all ihrer Exzentrizität (Mila begeistert sich für Feng-Shui und die chinesische Kultur) frischen Wind in ihre vier Wände bringt, sowohl im direkten als auch im übertragenen Sinne. Sie hängt im Zimmer ein Windspiel auf und reißt beherzt die Balkontür in der seit langem nicht gelüfteten Wohnung mit der Bemerkung auf: „Die muss zwei Wochen offenbleiben!”. Mila trifft sich mit verschiedenen Männern, schminkt sich auffällig und trägt sehr extravagante Kleidung. Die Protagonisten jedoch leisten Widerstand gegen Milas Neuerungen: „Noch nicht mal sterben kann man in Ruhe!”. Sie erklären sie erwartungsgemäß für verrückt und versuchen, ihr wegen ihres nicht altersgemäßen Benehmens ein schlechtes Gewissen einzureden. „Jetzt ist sie völlig übergeschnappt mit ihrem Moskau!”, schreit Pawel erbost. „Und in gelben Unterhosen läuft sie durch die Stadt? Die Schamlose!”
 
Und dennoch sehen wir am Ende des Films die Protagonisten in ihrem umgestalteten Zimmer mit neuen hellen Tapeten, Katja trägt ein schönes Kleid und das Paar hat gerade einen gemeinsamen Konzertbesuch hinter sich. Unmerklich haben sich die beiden neu orientiert: Aus dem freudlosen „Ausharren“ in Erwartung des Todes ist ein normales Leben geworden, auch wenn es immer noch sehr bescheiden ist.
 
Das statistische Mittel der russischen Wirklichkeit besagt, dass Mila eine rebellische Heldin ist, eine Neuerin, die in das Leben der Provinzrentner eine Lebensweise hineinbringt, die eher für ältere Großstadtbewohner typisch ist: Aktivität, Besuch kultureller Veranstaltungen, Beschäftigung mit Hobbys (Feng-Shui).
 
Was heißt es, dass inzwischen solche Helden auf dem Bildschirm zu sehen sind? Vermutlich deutet es darauf hin, dass sich soziale Normen unter dem Einfluss objektiver Veränderungen – der Alterung der Bevölkerung – allmählich ändern oder diese zumindest einer kritischen Prüfung unterzogen werden. Eine ganze Reihe europäischer Filme, die in den letzten 10 bis 15 Jahren entstanden sind, zeugt davon, dass der ältere Mensch als Hauptheld längst die Off-Kinos verlassen hat und mainstream-tauglich geworden ist. Denn den Prognosen zufolge wird das Durchschnittsalter in Zukunft noch weiter ansteigen (in Deutschland liegt es jetzt schon bei 46,3 Jahren), sodass die Bandbreite älterer Darsteller im Spielfilm auf jeden Fall zunehmen wird. Man möchte hoffen, dass sich dieses Phänomen auch im russischen Film durchsetzen wird, denn auch in unserem Land führt kein Weg an dieser demographischen Entwicklung vorbei. Wichtig wäre, dass ein Interesse am ganz normalen Menschen entsteht, an seiner Psyche und seinen Problemen, was bislang noch nicht typisch für den russischen Mainstream-Film ist. Bleibt uns auf die russische Art-House-Szene zu hoffen.