Boris Pawlowitsch im Interview Kommen Sie her und entscheiden Sie selbst, ob das Kunst ist oder nicht

Boris Pawlowitsch
Foto: © Stanislaw Lewschin

Der Name Boris Pawlowitsch wird in der letzten Zeit oft in einem Atemzug mit dem Begriff „Sozialtheater“ genannt. Seine Inszenierung Die Sprache der Vögel im Großen Towstonogow-Dramentheater mit autistischen Beteiligten des Zentrums „Anton tut rjadom“ (Anton ist gleich daneben) kann auf eine erfolgreiche Festivalgeschichte zurückblicken. Boris selbst hält in den Pausen zwischen den Proben im Omsker Akademietheater Vorlesungen zum Sozialtheater, unterrichtet Meisterklassen für Profischauspieler und Menschen mit Down-Syndrom und gibt Seminare für Pädagogen. Was Boris über die ethischen Aspekte der sozialen Funktion von Theater und Mode bei der Inklusion denkt, erfahren die Leser des Online-Journals „Deutschland in Russland“.

Der Gang zum „inklusiven“ Theaterstück als sozialer Akt?


Unergründlich sind die Wege, die den Zuschauer ins Theater führen. Wenn er sich von bestimmten sozialen Ritualen und Trends hat leiten lassen- warum nicht? Und im Weiteren ist es dann das Stück selbst, das ihn in seinen Bann zieht und als anderen Menschen entlässt. Neulich haben wir Die Sprache der Vögel vor Mitarbeitern eines Erdgasunternehmens gespielt. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass viele zu der Vorstellung gekommen sind, weil es die oberste Managementebene so beschlossen hatte. Es war interessant mit einem Publikum zu arbeiten, das zur Erfüllung einer Bürgerpflicht ins Theater gekommen war. Letztlich konnten unsere Mitwirkenden die meisten Zuschauer überzeugen. Die besagten Manager sind nach der Vorstellung noch eine Stunde lang mit unseren sehr besonderen Schauspielern zusammen gewesen, haben sie persönlich kennengelernt und ausgefragt. Es war eine lebendige Begegnung zwischen Menschen, zu der es nicht auf Initiative irgendeines Managements gekommen ist, sondern durch das Stück, das sie zuvor gesehen hatten.

Letztlich hat sich eine politisch korrekte Geste in etwas verwandelt, was in jedem Theater auf dem Premierenbankett im Kreis von Freunden passiert. Man blödelt herum und stellt irgendwelche netten unsinnigen Fragen. Aber im Endeffekt geht es darum gar nicht, sondern vielmehr darum, dass die Zuschauer das Theater so lange wie möglich nicht verlassen möchten und die Künstler noch länger geliebt werden wollen - es findet also ein Austausch von Energie statt. Nicht das Bedürfnis nach intellektuellem Austausch steht hier im Vordergrund, sondern das ganz normale Beisammensein von Menschen, die im Alltag einfach niemals nebeneinander auf der Straße stehenbleiben würden.

Mit anderen Worten, es ist egal, warum der Einzelne gekommen ist. Ich denke, dass ein Großteil der Zuschauer von Eugen Onegin deshalb ins Wachtangow-Theater geht, weil es ein modernes Stück ist, dort angesagte Schauspieler auf der Bühne stehen und ein ebenso angesagter Regisseur das Stück inszeniert hat. Jedes Theaterstück hat immer das Potential, einen Menschen zu verändern, selbst wenn er aus den genannten Motiven gekommen ist.

Inklusion als Mode?

Ja, ich bin glücklich darüber; besser könnte es gar nicht sein. Was kann es Wundervolleres geben als einen Trend, der Menschen hilft, die ansonsten nicht unsere Aufmerksamkeit bekommen würden? Das ist doch viel besser, als der Trend, den Nahen Osten zu bombardieren oder Karohemden und Bärte wie amerikanische Holzfäller zu tragen. Das genau ist doch der Mechanismus der Kultur - etwas zu machen, dem wir vorher keine Aufmerksamkeit geschenkt haben, und zwar als etwas Selbstverständliches. In der nächsten Etappe geht es dann um Assimilation. Früher haben wir uns beispielsweise übereinander lustig gemacht, wenn in einer Aufführung Videoaufnahmen verwendet wurden. Damals schien es ein Modetrend zu sein, heute gehört es dazu, sozusagen als ein weiterer technologischer Aspekt. Wenn wir Schauspieler mit Einschränkungen als selbstverständlich wahrnehmen, dann heißt das doch, dass unsere Gesellschaft den nächsten Schritt gemacht hat. Der Mechanismus eines Trends selbst ist bahnbrechend. Im Amerika der 60-er Jahre war die Bürgerrechtsbewegung in Mode, Jimmy Hendrix war angesagt, Woodstock hat viel Neues in die Welt gebracht, und dann wurde all das zu Kulturobjekten. Den Amerikanern ist es sogar gelungen, das Nichtrauchen hip zu machen.

Wie ethisch ist es, besondere Menschen auf der Bühne zu exponieren?

Jeder hat seine eigene Vorstellung davon, was gut und schlecht ist. Zweifelsohne gibt es Menschen, die manipulieren, und feinsinnige Menschen, die mit Kitsch spielen. Allerdings denken wir in diesen Kategorien, wenn wir satt sind, etwas anzuziehen haben und unsere Heizung funktioniert. Über die Qualität von Bildung kann man reden, wenn Schulen gebaut sind. In Petersburg und Moskau diskutieren wir über das Problem des Geschichtsunterrichts. Irgendwo in den sibirischen Dörfern dagegen wird darüber entschieden, ob eine Schule geschlossen wird und ob die Kinder 30 Kilometer mit dem Traktor dorthin gefahren werden können oder nicht. Was die Inklusion betrifft, da sind wir gerade dabei, die Menschen 30 Kilometer mit dem Traktor dorthin zu fahren.

Die gesamte Kunstszene in Moskau ist beim Theaterstück Evangelium von Pippo Delbono in Verzückung geraten. Mir persönlich hat es nicht gefallen, aber ich verstehe die Wichtigkeit der Botschaft: Der Regisseur schiebt das Konzept von Toleranz beiseite. Ich brauche diese Botschaft nicht, da ich nicht an übermäßiger Toleranz leide und vor Menschen mit körperlichen Einschränkungen nicht zurückschrecke. Aber für Zuschauer, die keine Erfahrung im täglichen Umgang mit Menschen mit Down-Syndrom oder körperlichen Beeinträchtigungen haben, ist die Szene, wo alle zu Jesus Christ Superstar auf der Bühne tanzen, ein mächtiges Doping und ein Beweis dafür, dass alles möglich ist. Pippo Delbono ist deswegen so populär bei uns, weil es funktioniert. In Europa sind die ethischen Fragen auch noch nicht gelöst, aber im Vergleich zu uns ist das so, als würde man das Problem des Geschichtsunterrichts an Moskauer Schulen vor dem Hintergrund einer Traktorfahrt zur Schule betrachten.

Aufklärung des Publikums

Menschen, die zur Sprache der Vögel gekommen sind, sind bereits durch ihr künstlerisches Interesse motiviert und möchten ungewöhnliche Kunst sehen, Kunst, die aus dem normalen Rahmen fällt, auch wenn der eine oder andere persönliche Motive haben mag, sich diese besonderen Schauspieler anzusehen. Die Frage, ob man ein inklusives Theaterstück inklusiv nennen muss, ist nicht klar zu beantworten. Ich selbst sage ständig, wie wichtig es ist, Stigmata zu zerstören und sich einzig und allein mit der Kunst zu befassen. Aber wir können nicht so tun, als wären Menschen mit Down-Syndrom genau solche Menschen wie wir. Es wäre falsch, die Sache in der Weise herunterzuspielen, als wären alle Probleme schon gelöst. Wir selbst haben bei der Arbeit an diesem Stück viel Arbeit leisten müssen.

Ich halte es für wichtig, bereits auf den Plakaten und in der Presseerklärung anzukündigen: Das Große Dramentheater hat unter anderem so ein Stück im Repertoire, wo gleichberechtigt mit den Schauspielern der Truppe auch besondere Schauspieler auf der Bühne stehen. Schon so ein publizistisches Kundtun ist eine wichtige Botschaft an die Gesellschaft. Damit verlassen wir das geschlossene Reservat, machen den ersten Schritt und sagen: Menschen, denen wir in gewöhnlich nur mit Mitleid begegnen, treten zusammen mit professionellen Schauspieler auf; kommt und urteilt selbst, ob das Kunst ist oder nicht. Wenn wir so weit sind, dass die Hochschulen bei uns auch für Menschen mit Rollstühlen zugänglich, also barrierefrei sind, und Vorlesungen in die Gebärdensprache verdolmetscht werden, kann man den nächsten Schritt tun – diese sozialen Spektakel gar nicht als etwas Besonderes hervorheben.

Ein Theater ohne den Bonus des „Besonderen“?

Wir sind momentan in dem Stadium, in dem sich Amerika bereits vor 40 Jahren befunden hat, als der Film Einer flog über das Kuckucksnest nach dem Roman von Ken Kesey gedreht wurde. Damals wurden Menschen in Irrenanstalten gesperrt, um sie zu isolieren, nicht um sie zu rehabilitieren und wieder in die Gesellschaft zurückzuführen. Jedes unserer Behindertenheime ist so eine Einrichtung, wie sie von Ken Kesey beschrieben wurde. Bei uns versucht man Autismus mit Tabletten zu heilen und Menschen mit einer geistigen Behinderung Haloperidol zu spritzen. Amerika hat diesen Weg bereits hinter sich und ist deshalb jetzt genau dort angekommen, wo es momentan ist.

Auch bei uns tut sich da einiges: Chabenski, Wodjanowa … Bislang werden wohltätige Stiftungen nur von solchen Menschen gegründet, die von einer Not persönlich betroffen sind. In Amerika hingegen muss ein Millionär nicht erst selbst von einem Unglück ereilt worden sein, damit er anfängt, Gelder für die Medikamentenforschung oder die Schaffung von barrierefreien Umgebungen für Menschen mit Behinderungen zu spenden. Das ist ein Trend, eine objektive Realität und auch wir bewegen uns in diese Richtung. Die einen oder anderen Schritte auf dem Weg von einer Strafpsychiatrie hin zur inklusiven schöpferischen Tätigkeit werden bereits unternommen. Wie schnell dieser Prozess insgesamt vonstattengehen wird, ist schwer zu sagen; von großer Bedeutung ist jedoch, die Erfahrungen von Freunden in der ganzen Welt zusammenzutragen. Das Goethe-Institut hat mit seinem Projekt BioFiction dabei in kolossaler Weise mitgewirkt. Ich finde es sehr wichtig, dass das Stück in Petersburg und Pskow aufgeführt wurde. Großartig ist die Vorstellung, es könnte auch noch in anderen Städten zu sehen sein. Das jedenfalls sind Schritte in die richtige Richtung.