Design-Ausstellung Volker Albus: „Alle 20 Jahre machen wir wieder eine alte Entdeckung“

Werner Aisslinger Books shelf 2007 © ifa
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2017 findet in vier russischen Städten – St. Petersburg, Moskau, Nischnij Nowgorod und Nowosibirsk die Ausstellung „new olds. Design im Spannungsverhältnis zwischen Tradition und Innovation“ statt. Sie wurde vom Institut für Auslandsbeziehungen ifa und dem Goethe-Institut organisiert. Die Ausstellung zeigt Arbeiten von Jungdesignern aus Deutschland, Russland und anderen Ländern. Das Projekt erforscht die Idee "des Neuen" und "des Alten", zeigt die Beziehung zwischen Traditionen und Innovationen, erzählt über Trends, Formen und Material, die einerseits, ständig wechseln, andererseits - die Beziehung zum historischen Kontext behalten. Wir haben uns mit dem Kurator der Ausstellung Volker Albus darüber unterhalten, wie Design heute mit Traditionen arbeitet.
 

Ihre Ausstellung hat Arbeiten vereint, die einen modernen, ironischen Klang haben, durch neue Materiale, die verwendet werden. Wie genau passiert das?

Durch Gegensätze, wenn Sie etwas umkehren. Es gibt ja viele Gegenstände, die sind durch ihr Material festgelegt. Nehmen wir diesen klassischen Plastikstuhl: den sogenannten Monobloc, den gibt es überall. Jeder weiß, dass das ein sehr billiger, nicht sehr hochwertiger Stuhl ist. Jetzt gibt es Designer, die das umkehren und ihn aus einem anderen Material herstellen. Zum Beispiel dieser Stuhl hier vom holländischen Designer Maarten Baas. Er nennt ihn „Plastic Chair in Wood“. Der Stuhl ist plötzlich aus einem anderen Material und dadurch entsteht natürlich auch eine ironische Komponente. Oder wir haben die Schalen hier, die sind geflochten und man sieht auf den ersten Blick gar nicht, aus was und das ist sehr reizvoll. Man denkt an irgendwelche Körbe, die es ja auch oft in Russland gibt: Flechtwaren aus Rattan oder Weide. Dies hier sind aber Kabelbinder. Meist finden ganz gewöhnliche Alltagsartikel sehr vielfältig Anwendung. Kabelbinder beispielsweise bei der Polizei, wenn Leute verhaftet werden. Doch plötzlich wird dieses Material genutzt, um etwas zu flechten und bringt es somit in einen ganz neuen Zusammenhang. Dadurch entsteht natürlich auch Irritation und Ironie und diese vermittelt sich ebenfalls an den Betrachter.

Dazu passend gibt es ein russisches Sprichwort: "Neues - ist gut vergessenes Altes".

Natürlich hat es sehr vieles schon gegeben, was später wieder auftaucht. So ist unser Leben, so bewegen wir uns in der Welt, so kommunizieren wir. Alles wiederholt sich. Es gibt Basisbedürfnisse, die wir alle haben, wie das Essen und das Trinken und jetzt aufs Wohnen bezogen: Schlafen, Sitzen, Liegen und Stehen. Vieles verschwindet irgendwann durch die Materialität, wird dann wiederentdeckt und erscheint uns plötzlich als etwas Neues. Das geht mir auch so, ich bin jetzt über 60 und vieles, was mir meine Studenten zeigen, kannte ich schon aus den frühen 50er- und 60er-Jahren. Auch die Jugend von heute erschließt sich die Welt auf einem ganz normalen Wege, eben über diese Bedürfnisse.

Und es ist ja so: Holz bleibt Holz, Stein bleibt Stein, Wasser bleibt Wasser, Feuer bleibt Feuer, Erde bleibt Erde. Also ist es im Grunde genommen immer dasselbe. Doch es gibt natürlich Moden oder modische Wellen. Gerade die Mode trägt sehr viel dazu bei, bestimmte Sachen und bestimmte Dinge vergessen zu machen: kurze Röcke, lange Röcke, kurze Hosen, lange Hosen. Und irgendwann nach 20 Jahren gibt es dann eine Wiederentdeckung und das entspricht glaube ich dem russischen Sprichwort.

Ein anderes Beispiel: Meine Kinder hören Musik, die ist neu arrangiert, obwohl sie ursprünglich aus den 60er-Jahren stammt, und fragen dann: „ Papa hast du das schon mal gehört, da ist super!“ Und ich sage dann: „Ja, das kenne ich, das ist 40 Jahre alt.“ Oft sind es die Medien, mit denen bestimmte Erkenntnisse verarbeitet und bearbeitet werden. Das ist wie beim Essen, bei dem Sie eine neue Art erfinden, wie Sie Kartoffelsuppe zubereiten. Früher wurden Kartoffeln immer nur gekocht oder gebraten und plötzlich werden sie gedünstet und mit einer anderen Zutat kombiniert, so, dass es neu erscheint. Obwohl die Kartoffel an sich, die alte bleibt. Ein gutes Beispiel aus dem Bereich Essen ist auch Rucola, vor ein paar Jahren kannte den noch keiner und nun gibt es in jedem Restaurant Salat mit Rucola. Dabei ist der ganz alt, das ist ein sogenanntes „Arme-Leute-Gemüse“. Wenn Sie nach Griechenland gehen, da gibt es Rucola in riesigen Säcken, sehr billig, wie quasi Unkraut. Aber man isst und merkt, wie gut der Salat doch schmeckt.

Was bringt deutsche Designer dazu, zu alten Gegenständen zurückzukehren und sie neu zu denken?

Das ist ja keine explizit deutsche Ausstellung, sondern hier sind Beispiele aus ganz Europa versammelt. Deshalb nehmen wir auch immer neue Designer hinzu. Es geht darum, wie ein zeitgenössischer Designer mit den Überlieferungen seiner Kultur umgeht: mit traditionellen Elementen, Aspekten und Materialien. Beispielswiese eben die Flechtkunst: Dieses Kunsthandwerk ist ein altes Handwerk und dann nehmen wir ein neues Material und es entsteht mehr oder weniger etwas Neues. Aber im Grunde genommen ist es Traditionspflege mit anderen Mitteln. Oder wir nehmen ein altes Material - um jetzt beim Flechten zu bleiben: Korbwaren, Rattern - und machen eine neue Form daraus. Und das stellen wir sozusagen gegenüber: Die verschiedenen Wege, die verschiedenen Möglichkeiten, sich auf eigene Traditionen zu besinnen sind natürlich von Land zu Land, von Kontinent zu Kontinent sehr verschieden.

In anderen Ländern bekommt man andere Produkte aus der Natur, andere Rohstoffe. Wir haben z. B. kaum eine Bambuskultur, aber wenn Sie nach Asien fahren, nach Thailand oder nach China, da passiert sehr viel mit Bambus. Hier hingegen wird sehr viel mit Holz gearbeitet, deswegen habe ich auch die russische Designerin dabei, die viel mit Birke arbeitet. Das ist ja sozusagen der sibirische Urbaum, so weiß wie Sibirien. Und sie bringt es jetzt in eine neue Form und das finde ich spannend. Und genau das soll die Ausstellung animieren. Weil oft ist es so, dass Sie in ein Land kommen, wie Thailand oder Malaysia, und dort sehen Sie, dass sehr viele junge Designer sich sehr stark an Westeuropa orientieren, an Italien, Frankreich usw. Und mehr oder weniger kopieren. Aber diese Länder speisen sich natürlich aus einer anderen Tradition heraus. Wenn Philippe Starck einen Stuhl macht, dann heißt der Richard III. oder Louis Soundso und dabei orientiert er sich an der großbürgerlichen Geschichte der Franzosen. Das hat dann eine Beziehung zum Ort und Autor. Aber das nach Malaysia zu übertragen macht eigentlich keinen Sinn. Es ist viel sinnvoller, sich auf die heimischen Rohstoffe und die eigene Tradition zu konzentrieren, dann entstehen auch wirklich spannende Objekte.

Wann wurde diese Ausstellung konzipiert? Wie wurden die Teilnehmer ausgewählt?

Hier sind neben vielen Deutschen Designern auch viele Holländische vertreten. Holland hat sich in den letzten Jahren, was neues Design angeht, zum führenden Land entwickelt, das muss man schon sagen. Sehr viele haben eine sehr gute Ausbildung, sehr gute Schulen besucht und deswegen haben wir sehr viele Holländer dabei. Wir haben sehr viele Deutsche, aber Holland ist mit Abstand die zweitstärkste Gruppe.
2008/2009 habe ich begonnen, diese Ausstellung zu entwickeln. Das ist insgesamt die vierte Ausstellung, die ich für die ifa gemacht habe und sie resultiert aus der Beobachtung heraus, dass in vielen Ländern die eigenen Traditionen etwas zurückgedrängt werden. Gerade in asiatischen und in südamerikanischen Ländern, und das war mein Konzept: Ich wollte eine Ausstellung machen mit Beispielen, wie wir in Westeuropa mit Tradition umgehen.

Ich habe begonnen das über die Zeit zu sammeln und 2010 war dann die Premiere in Israel, in der Nähe von Tel Aviv, in einem Vorort namens Cholon. Da waren dann auch sehr viele Israelis dabei, fast 20. Und genau so viele Holländer und Deutsche. Es war fast eine israelische Ausstellung. Ein paar Sachen haben wir dann anschließend weggelassen, weil das war eigentlich auch immer die Idee: Wir zeigen möglichst viele Designer aus dem Land, in dem wir ausstellen.

In Russland funktioniert das wieder ganz gut. In Sankt Petersburg waren es drei, in Moskau sind es jetzt wieder mehr, und das ist eigentlich auch der Sinn der Ausstellung. Es ist wichtig, dass den Leuten klar wird, dass sie eigentlich die gleichen Fähigkeiten haben, und wenn sie sich an ihren Quellen, an ihrer Geschichte, an ihrer Kultur orientieren, kommen sie letztendlich zu den gleichen Ergebnissen wie Deutsche, Holländer, Franzosen oder Italiener.

Die nächsten Stationen nach Israel waren Indien, Australien, meist in Kooperation mit dem Goethe-Institut zusammen, das uns hilft Partner zu suchen. So war das in Kuala Lumpur, in Jakarta, in Manila, in Taipei, in Seoul und eben in Neuseeland und in Australien in Sydney und in Melbourne und jetzt in Russland. Zuerst in Petersburg, nun in Moskau, dann in Nischni Nowgorod und im Februar dann noch in Nowosibirsk, da wird es sicher sehr kalt sein.

Gibt es  in dieser Ausstellung Arbeiten, die Ihnen sehr gefallen?

Das ist immer so eine Sache mit Favoriten, das ist sehr schwer zu sagen, weil ich die Arbeiten ja alle ausgesucht habe, da sie mir persönlich sehr gefallen. Das hier gefällt mir z. B. sehr gut, weil ich es sehr originell finde,  ein Holländisches, der Teppich „Playing with Tradition“, oder der Schrank von Silvia Knüppel. Bei jeder Gruppe habe ich so ein bis zwei Favoriten. Oder diese Variationen des Monoblocs, alle drei sehr originell…Wir haben den  mit reingenommen, weil die Gartenmöbel um die Jahrhundertwende vom 18. ins 19. Jahrhundert oft mit sehr dünnen Eisenstäben gemacht wurden und der Designer hat das aufgenommen und es auf den Monobloc übertragen, dadurch wird der Stuhl natürlich sehr elegant. Er nennt den hier Monothon. Es gibt nämlich eine Firma „Thonet-Möbel“ und er hat das kombiniert und einen Monobloc abgeschnitten und durch diese typischen Elemente des Thonet-Stuhls ergänzt, das finde ich natürlich schon außergewöhnlich.