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Die Stimmen der Emigration
Russische Spuren in der deutschen Gegenwartsliteratur

Mit dem Beginn des 21. Jahrhunderts tauchten in der Literatur neue Stimmen aus dem postsowjetischen Raum auf. Sie alle sind in jungen Jahren nach Deutschland emigriert, sprechen akzentfrei Deutsch und thematisieren ihre – teils bittere, teils beglückende – Erfahrung der Emigration in ein anderes Land. Die Berliner Journalistin Dascha Suomi stellt fünf russischsprachige Autorinnen und Autoren vor, die zur Stimme der Emigranten aus den GUS-Ländern geworden sind.

Von Daria Suomi

olga Grjasnowa

Olga Grjasnowa Foto: Stefan Röhl, Сollage: Nadezhda Ukhanowa | CC Anerkennung in der deutschen Literatur erhielt Olga Grjasnowa bereits für ihr erstes Buch Der Russe ist einer, der Birken liebt, das sie während ihres Studiums am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig zu schreiben begonnen hatte. Sie verbindet darin ihre Heimatstadt Baku, die sie 1996 gemeinsam mit ihren Eltern verlassen hatte, mit Frankfurt am Main, Israel und dem Gaza-Streifen. In einem gewissen Sinne kann man das Buch als biografisch bezeichnen. Die Hauptfigur Mascha reist nach Deutschland aus, als sie gerade zwölf geworden ist, und hat mit einigen Adaptionsschwierigkeiten in diesem neuen Land zu kämpfen – so wie auch die Autorin selbst. Im Buch fährt Mascha nach dem Tod ihres Freundes nach Tel Aviv, wo sie versucht, mit dem Verlust des Geliebten umzugehen und mit sich selbst klarzukommen. Für diesen Roman erhielt Grjasnowa den renommierten Klaus-Michael-Kühne-Preis, im Wettbewerb mit anderen jungen Autorinnen und Autoren den Anna-Seghers-Preis und wurde für den Deutschen Buchpreis nominiert. 2013 wurde ihr Buch für die Bühne adaptiert und ins Repertoire des Maxim-Gorki-Theaters in Berlin aufgenommen.


„Wenn ich mit meiner Mutter telefonierte, überkam mich manchmal die Sehnsucht nach einem Zuhause, ohne dass ich es hätte lokalisieren können. Wonach ich mich sehnte, war ein vertrauter Ort. Eigentlich hielt ich nichts von vertrauten Orten – der Begriff Heimat implizierte für mich stets den Pogrom. Wonach ich mich sehnte, waren vertraute Menschen, nur war der eine tot, und die anderen ertrug ich nicht mehr. Weil sie lebten.”

 
Olga Grjasnowa, Der Russe ist einer, der Birken liebt

Die Bücher von Olga Grjasnowa in der Bibliothek des Goethe-Instituts und in der Onleihe
 

alina Bronski

Alina Bronsky Сollage: Nadezhda Ukhanowa | CC Bronski schreibt unter einem Pseudonym und weigert sich, ihren wahren Namen preiszugeben. Bekanntheit brachte ihr das Buch Scherbenpark, das 2010 erschien. Sascha Neumann, die 17-jährige Hauptfigur, wohnt in einer deutschen Trabantenstadt und kommt nicht über den Tod ihrer Mutter hinweg, die vor ihren Augen vom Stiefvater ermordet wurde. Bronski kennt das Milieu, in dem ihre Figur lebt, gut – sie ist selbst in ihrer Kindheit aus Swerdlowsk (heute: Jekaterinburg) nach Deutschland emigriert. Das Buch ist in der Ich-Perspektive geschrieben. Es zeichnet sich durch Ironie und Geradlinigkeit aus – man will mit Sascha mitfühlen, sie umarmen und manchmal aber auch die Luft anhalten, wenn sie im Hof ihre Tante oder Gleichaltrige anpöbelt. 2013 wurde das Buch von der deutschen Regisseurin Bettina Blümner verfilmt, die auch den spektakulären Dokumentarfilm Prinzessinnenbad über drei junge Mädchen aus dem Berliner Stadtbezirk Kreuzberg gedreht hat.
 

„Manchmal denke ich, dass ich nie wieder neue Menschen kennenlernen will, weil ich es satt habe, jedem das Gleiche von vorn zu erklären. Warum ich Sascha heiße und wie lange ich schon in Deutschland lebe und warum ich so gut Deutsch kann, ungefähr elfmal besser als alle anderen Russlanddeutschen zusammen. Ich kann Deutsch, weil mein Kopf voll ist mit grauer Substanz, die wie eine Walnuss aussieht und makroskopisch viele Windungen hat, mikroskopisch dagegen eine stolze Menge Synapsen.“

Alina Bronski, Scherbenpark
 
Die Bücher von Alina Bronski in der Bibliothek des Goethe-Instituts und in der Onleihe

 

Mitja Vachedin

Mitja Vachedin . Noch vor dem Erscheinen seines ersten Buchs wurde Vachedins Erzählung Der Schütze himmelblauer Glasur mit dem russischen Literaturpreis „Debüt“ für junge Autorinnen und Autoren ausgezeichnet. 2010 erschien sein erster Roman Schneedeutsche über eine Dreiecksbeziehung zwischen zwei jungen russischen Emigranten und einer Deutschen. Das Buch wurde für die Longlist der „Russischen Prämie“ nominiert.
 
Sein Debut im Deutschen erfolgte 2017 mit dem Erscheinen des teils biografischen Buchs Engel sprechen Russisch, das 17 Erzählungen  enthält: über seine Kindheit in der russischen Realität der 90er-Jahre und über Deutschland, wo er lebt, seitdem er 17 ist.
 
Vachedin lebt in Berlin, ist Fachredakteur für Prosa bei der russischsprachigen Literaturzeitschrift Berlin-Berega, in der Autorinnen und Autoren aus der russischsprachigen Emigranten-Szene publizieren, und schreibt für die Deutsche Welle und andere Medien.

Wie Zahnpasta bestehe ich aus drei Schichten: zehn Jahre sowjetische Kindheit, zehn Jahre wilder russischer Kapitalismus, zehn Jahre Westdeutschland. Rot, blau, weiß – mein russisch-deutsches Zahnpastaleben.”

Mitja Vachedin, Engel sprechen Russisch
 
Der Roman Engel sprechen Russisch von Mitja Vachedin in der Bibliothek des Goethe-Instituts

Sasha Marianna Salzmann

Sasha Marianna Salzmann Foto: Stefan Loeber, Сollage: Nadezhda Ukhanowa
Salzmann ist eher Dramaturgin als Autorin. Ihre Stücke wurden auf den Bühnen der großen Theater Deutschlands inszeniert, etwa am Bayerischen Staatsschauspiel und Deutschen Theater in Berlin. Für Theater hatte sie sich schon in Russland begeistert, aus dem ihre Eltern Mitte der 90er-Jahre als Kontingentflüchtlinge emigriert waren. Eine ihrer bekanntesten Arbeiten ist Muttersprache Mameloschn, ein Familienstück über drei Generationen einer jüdischen Familie.
 
Nachdem sie einige Jahre am Maxim-Gorki-Theater in Berlin gearbeitet hat, schrieb Salzmann 2017 ihr erstes Buch Außer sich. Es handelt von der jungen Frau Alice, die, nachdem sie mit ihren Eltern nach Deutschland ausreiste, ihren Platz in diesem neuen Land nicht finden kann und nach Istanbul reist, um ihren verloren gegangenen Bruder zu suchen. Der Roman wurde für die Shortlist des Deutschen Buchpreises nominiert.
 

„Immer wenn ich merke, dass es für Menschen eine Vorstellung von Welt gibt, auf die sie ohne Zweifel bauen, fühle ich mich allein. Ausgeliefert. Sie sprechen davon, Dinge mit Sicherheit zu wissen, sie erzählen, wie etwas gewesen ist oder sogar wie etwas sein wird, und ich merke dann immer, wie sehr ich nichts weiß von dem, was als Nächstes passieren könnte. Ich weiß ja noch nicht mal, als was ich angesprochen werde, wenn ich Zigaretten kaufen gehe – als ein er oder als eine sie?“.


Sasha Marianna Salzmann, Außer sich
 
Der Roman von Sasha Marianna Salzmann in der Bibliothek des Goethe-Instituts und in der Onleihe
 

Lena Gorelik

Lena Gorelik Lena Gorelik | Foto: Das blaue Sofa / Club Bertelsmann, Collage: Nadezhda Ukhanowa Lena Gorelik wurde in St. Petersburg geboren und ist noch in ihrer Kindheit mit ihren Eltern nach Deutschland emigriert. In ihren Büchern nimmt sie oft Bezug auf ihre jüdischen Wurzeln. So auch im Roman Hochzeit in Jerusalem, der für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde und in dem sie teilweise ihre persönliche Erfahrung beschreibt. Die Hauptfigur Anja, ein russisches Mädchen mit jüdischen Wurzeln, das in Deutschland aufwächst, lernt im Internet Julian kennen, der seine Wurzeln in Israel suchen will. Gemeinsam mit ihm fährt sie zur Hochzeit einer Cousine dorthin. Das Thema der Selbstidentifikation von Kontingentflüchtlingen mit der deutschen Gegenwart und die persönlichen Erfahrungen der Autorin werden mit talentierter Prosa und spitzem Humor beschrieben.
 
Auf große Resonanz stieß 2012 ihr Buch Sie können aber gut Deutsch! über den Umgang der deutschen Gesellschaft mit Ausländerinnen und Ausländern. Es ist eine eigenwillige Antwort auf das Skandal-Buch des deutschen Politikers Thilo Sarrazin Deutschland schafft sich ab, in dem sich der Autor scharf gegen Immigration aussprach. Gorelik stellt dar, dass sich der Integrationsprozess von Ausländerinnen und Ausländern in die deutsche Gesellschaft ziemlich langwierig und mühsam gestaltet.

„Werde ich toleriert, wird hingenommen, eben ausgehalten, geduldet, dass ich da bin oder dass ich so bin, wie ich bin. Toleranz bedeutet noch nicht einmal Akzeptanz, Toleranz ist eine Haltung, die immer von oben herab kommt und einen in die Knie zwingt, erniedrigt: Ach schau mal, bin ich nicht nett, dass ich dich hier so, wie du bist, toleriere? Toleranz hat wenig mit Gleichberechtigung zu tun, auch wenig mit einem Miteinander.“

Lena Gorelik, Sie können aber gut Deutsch!
 
Die Bücher von Lena Gorelik in der Bibliothek des Goethe-Instituts und in der Onleihe

 

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