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Interview
Egbert Rühl: „Ein Computer kann niemals Kreativität ersetzen“

Egbert Rühl
© Selim Sudheimer

Von Galiya Muratova

Schon zum zweiten Mal versammelte das russisch-deutsche Forum ART-WERK unter seinem Moskauer Dach Expertinnen und Experten des Kreativsektors aus Deutschland und Russland. Eines der erörterten Themen war die Monetarisierung von kreativen Produkten. In Deutschland wurden bereits in vielen Bundesländern Strukturen geschaffen, die im Kreativsektor Beschäftigte dabei unterstützen, mit den Herausforderungen des modernen Marktes umzugehen – zum Beispiel die Hamburg Kreativ Gesellschaft. Mit dessen Geschäftsführer Egbert Rühl sprach das Magazin Deutschland und Russland im Rahmen des Forums über den Kreativsektor in Deutschland und Russland, die Herausforderungen der Zukunft und den Weg des Kreativen.
 
Herr Rühl, in der modernen Welt geben kreative Industrien sehr oft ein Produkt heraus, das den Erwartungen des Publikums entspricht: zum Beispiel Blockbuster oder Popmusik. Wie kann man in einer solchen Lage noch eine individuelle kreative Einheit sein? Und sollte man Mainstream machen oder nach einem eigenen Weg suchen und gegen den Strom schwimmen?
 
Das ist immer die Wahl jedes Einzelnen. Wenn sich jemand an einer großen Nachfrage orientiert, dann muss das nicht heißen, dass er auch garantiert daran Millionen verdient. Und doch kann man etwas Eigenes machen, eine einzigartige Kreation erschaffen und damit einen Profit erzielen, der über die Einnahmen aus Blockbustern hinausgeht. Sie müssen selbst entscheiden, ob Sie dieses Risiko eingehen oder nicht, zum Beispiel, ob Sie sich für experimentelle Musik entscheiden (denn das ist ein enger Markt) oder für Pop. Man kann im einen wie im anderen Fall erfolgreich werden oder scheitern. Nachdem Sie diese Entscheidung getroffen haben, müssen Sie versuchen, auf einen konkreten Markt zu gelangen, und wenn dieser klein ist und Sie nicht daran verdienen können, dann sollten Sie darüber nachdenken, wie man auf andere Weise an Geld kommt, nicht über den Weg der Kunst.
 
Sie beschäftigen sich schon lange mit dem Support der Kreativindustrie. Inwiefern braucht man in Deutschland eine solche Vermittlerrolle? Wie weit ist dort der Kreativsektor entwickelt, und ist er in ausreichender Weise monetarisiert?
 
In Deutschland ist der Kreativsektor sehr weit entwickelt, aber er ist ziemlich heterogen. Deswegen ist das Geld, das in den kreativen Industrien in großer Menge fließt, ungleichmäßig verteilt, was sich auf die Einkünfte der Menschen auswirkt, die in diesem Bereich beschäftigt sind. Deshalb bemüht sich unsere Gesellschaft darum, die Arbeitsbedingungen für Vertreter/-innen kreativer Berufe zu verbessern. Wir führen zum Beispiel ein erstes Consulting durch, besonders im Business-Bereich, auch Coachings, und teilen dann unsere Expertise: Wie findet man einen Arbeitgeber, wie bekommt man konkrete Aufträge. Wir helfen auch mit Räumlichkeiten aus und geben Ratschläge bezüglich Fragen der Finanzierung, zum Beispiel, was Support-Programme angeht, günstige Kredite, und außerdem haben wir auch eine Crowdfunding-Plattform. Unsere Dienstleistungen sind sehr günstig – wir können bis zu 90 Prozent der Kosten decken. Unsere Firma ist eine private Organisation, allerdings bekommen wir eine Finanzierung durch das Bundesland Hamburg.
Artwerk 2018 (c) Mikhail Vetlov / FES Russia Kommt es vor, dass jemand trotz der Unterstützung von Seiten des Staates von einem kreativen Beruf enttäuscht ist und sich dazu entscheidet, eine andere Tätigkeit aufzunehmen? Haben Sie oft mit so etwas zu tun?
 
In Deutschland passiert es sehr häufig, dass jemand eine professionelle kreative Tätigkeit aufnimmt, dann aber eine Familie gründet, Kinder bekommt und in diesem Lebensabschnitt einsieht, dass für den Erhalt der Familie keine ausreichenden Mittel mehr bereitstehen. Dann ändern die Leute in der Regel die Strategie: Sie verfolgen ein neues Profil und verwenden weniger Zeit auf ihre kreative Tätigkeit.
 
Neben der Zurücksetzung der Kunst zum Nutzen eines Berufs mit besserem Einkommen gibt es auch einen gegenläufigen Trend, zumindest in Russland. So beschließt zum Beispiel ein Buchhalter, seine langweiligen Zahlen gegen den inspirierenden Beruf des Innenarchitekten einzutauschen. Doch parallel dazu existiert die Überzeugung, dass man Kreativität entweder hat, oder eben nicht, und dass es unmöglich ist, sie zu entwickeln. Was glauben Sie: Kann unser Buchhalter eine kreative Ader entwickeln, auf Innenarchitekt umschulen und damit erfolgreich sein?
 
In Deutschland gibt es dieses Phänomen auch. Die Leute werden sich im Laufe ihres Lebens ihrer Unzufriedenheit im Beruf bewusst und möchten etwas verändern. Da wir bei uns Vollbeschäftigung haben, ist es leichter für sie, sich neu zu qualifizieren: Sie haben keine Angst, ohne existentielle Mittel auf der Straße zu stehen. Und was die Entwicklung der Kreativität angeht: Für eine solche Tätigkeit braucht man zweifelsohne Talent. Doch ein Talent muss man auch weiterentwickeln. Die gute Nachricht lautet, dass es im Kreativsektor sehr viele unterschiedliche Berufe gibt. Und wenn aus unserem hypothetischen Buchhalter kein guter Künstler wird, so kann er doch anfangen, hervorragende Texte zu schreiben. Und es kann auch nicht jeder Mensch Buchhalter sein: Das ist eine universelle Regel für jeden beliebigen Beruf.
 
In Russland geben Vertreter/-innen kreativer Berufe, zum Beispiel Künstler/-innen, immer häufiger Kurse für Laien. Für sie ist das eine ihrer Einnahmequellen. Inwieweit ist das auch in Deutschland so, und sollten nicht alle Vertreter/-innen des Kreativsektors darüber nachdenken?
 

Das kann eine sehr gute Strategie sei – warum auch nicht. In Deutschland ist das Unterrichten in einigen Bereichen beliebt, zum Beispiel im Bereich Musik: Wir haben etwa 16 Musikhochschulen, an denen klassische Musik auf sehr hohem Niveau gelehrt wird, und nur etwa hundert Orchester. Und mit der Arbeitsmarktsituation sieht es dann folgendermaßen aus: Etwa einmal im Jahr wird für ein Orchester ein Trommler gesucht. Die übrigen Trommler geben Musikunterricht. Eine ähnliche Situation beobachten wir auch im Bereich der bildenden Kunst.

Kreative Industrie Artwerk Diskussion (c) ART-WERK / Mikhail Vetlov / Ksenia Nizova
 
Gegenwärtig glauben die Leute immer stärker daran, dass man mit einer kreativen Tätigkeit Geld verdienen kann und auch sollte. Es ist klar, dass man dafür die Früchte seiner Arbeit einfahren, sie ständig auf irgendeine Weise bewerben und immer „sichtbar“ sein muss. Welcher Weg ist effizienter: sich selbst die Marketing-Skills anzueignen oder sich eine vermittelnde Instanz zuzulegen, die das Managen dieser Arbeiten übernimmt?
 

Gerade verändert sich die Situation auf dem Markt. Verlage und Plattenfirmen müssen sich auf diese Veränderungen einstellen, denn man kann sich Musik online herunterladen und ein Buch selbständig im Internet publizieren. Die Digitalisierung verändert aktiv unser Leben und gibt den im Kreativsektor Beschäftigten die Möglichkeit, ihre Produktion selbst abzusetzen. Die Frage ist nur, ob die Künstler/-innen oder anderweitig Kreativen alle Stadien der Produktentwicklung abdecken können. Und was die Eigenwerbung betrifft – das ist auch eine individuelle Entscheidung jeder einzelnen kreativen Persönlichkeit: Kümmert man sich selbst darum (und das ist eine Menge Arbeit) oder sucht man sich professionelle Unterstützung.
 
Sprechen wir etwas detaillierter über die Digitalisierung. Expertinnen und Experten prognostizieren ja, dass viele Berufe verschwinden werden, weil bestimmte Funktionen von Programmen durchgeführt werden. Was glauben Sie, betreffen diese Veränderungen auch den Kreativsektor?
 

Ja, in Deutschland gab es Fälle, als zum Beispiel Sportreportagen durch ein Computerprogramm abgedeckt wurden, da für diese Reportagen üblicherweise Standard-Formulierungen verwendet werden. Eine holländische Agentur hat außerdem ein Programm entwickelt, mit dem man ein Bild im Stil Rembrandts malen kann. Und zwar keine Kopie, sondern ein richtiges Bild im Stil des großen Malers. Aber trotzdem ist Kreativität heute sehr wichtig, vor allem deshalb, weil eine Automatisierung sie eben nicht ersetzen kann. Eine Maschine kann zwar auf der Basis irgendwelcher vorgegebener Kriterien ein Buch schreiben, doch sie kann die Grenzen der vorhandenen Menge an Parametern nicht überschreiten. Genauso kann ein Computer zwar ein Rembrandt-Bild malen, ist aber nicht in der Lage, für die bildende Kunst einen neuen Stil zu entwickeln. Und deshalb werden kreative Berufe auch immer gebraucht werden.
 

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