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Interview mit Marina Korenewa
„Die deutschen Leser/-innen werden unaufhörlich an die Existenz der russischen Literatur erinnert”

Marina Korenewa_Asja Kopitschnikova_Artikel_Intro
© Goethe-Institut / Asja Kopitschnikova

Von Tatjana Socharjewa

Die Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin Marina Korenewa hat 2018 im Rahmen der „Translators in Residence” in Straelen Russland vertreten. Im Interview erzählt sie von Formen der Unterstützung für Übersetzer/-innen in Russland und Deutschland, von der Rolle professioneller Netzwerke und vom Ruf der russischen Literatur im Ausland.

Können Sie etwas von den „Translators in Residence” in Straelen berichten? Gibt es solche Formen der Unterstützung für Übersetzer/-innen in Russland? 

„Translators in Residence“ gibt Übersetzer*innen, die in diese kleine Stadt an der niederländischen Grenze kommen, die Möglichkeit, hier einige Zeit zu verbringen und in ruhiger Umgebung zu arbeiten sowie die viele Tausende von Bänden starke Bibliothek zu nutzen, in der Bücher zu den unterschiedlichsten Wissensgebieten und in den unterschiedlichsten Sprachen vertreten sind. Und gleichzeitig können sie sich mit Kolleg*innen austauschen: konkrete sprachliche Probleme besprechen oder sich einfach nur untereinander beraten. 2018 hat das Straelener Übersetzer-Kollegium sein vierzigjähriges Bestehen gefeiert. Anlässlich dieses Datums wurde ein Seminar abgehalten, das sich mit einem der bedeutendsten deutschen Autoren des 20. und 21. Jahrhunderts beschäftigte – W. G. Sebald – und 16 Übersetzer*innen (aus Italien, Tschechien, der Slowakei, Ungarn, Finnland, Schweden, Holland, Griechenland, Polen, Bulgarien, Mazedonien, Dänemark, Litauen und Russland) an einem Tisch versammelte, die im Laufe einer Woche gemeinsam an Texten Sebalds arbeiteten und ihre Erfahrungen austauschten.

In unserem Land gibt es leider weder solche Institutionen noch ein solches Format. Das einzige, was existiert, ist eine russisch-deutsche Werkstatt für literarisches Übersetzen, und ohne die Unterstützung der deutschen Seite hätten wir nicht mal diese. Sie findet jährlich statt – einmal in Deutschland und einmal in Russland. Aber wie Sie verstehen werden, ist das nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, denn die Leute gehen dann wieder auseinander und es bleibt offen, ob sie noch ein zweites Mal in die Werkstatt aufgenommen werden. Nutzen haben solche Veranstaltungen zweifellos, aber bisher haben sie noch keine irgendwie feststellbaren Resultate erbracht. Und noch dazu ist der Ruf der deutschen Literatur in Russland sehr schlecht – die Verlage sind nicht gerade erpicht darauf, deutsche Autor*innen zu suchen und herauszubringen: die Auflagen sind klein, und das alles verkauft sich schlecht. Deswegen hängt sehr viel von den Bemühungen des/der Übersetzer*in ab. Wenn man hier Enthusiasmus nicht fördert, dann entstehen auch keine Ideen, die an einen Verlag herangetragen werden könnten. Nur Übersetzer*innen können diese Situation heute verändern. Wenn man aber die Nachwuchskräfte damit alleine lässt, dann werden wir es nicht weit bringen.

Junge Übersetzer/-innen schmeißen ihren Job oft hin, weil sie sich gezwungen sehen, gerade schriftliche Übersetzungen in der freien Zeit zu erledigen, die ihr Hauptberuf ihnen lässt …

Marina Korenewa_Asja Kopitschnikova © Goethe-Institut / Asja Kopitschnikova
Ja, diese Situation ist nicht neu, so war es immer. In unserem Land ist es praktisch unmöglich, von Übersetzungen zu leben. Selbst in der Sowjetzeit konnten nur wenige Übersetzer*innen von den Honoraren existieren, obwohl diese deutlich höher waren als jetzt. Fast alle Übersetzer*innen der postsowjetischen Epoche machen noch irgendetwas anderes – Unterrichten oder Dolmetschen etwa – und für die Arbeit an schöngeistiger Literatur bleibt wirklich nur die „Freizeit“. Es ist also so, dass man das nur der Liebe zur Kunst wegen macht: Schließlich ist selbst ein kleines Kinderbuch manchmal ein ähnlicher Kraftakt wie ein komplizierter philosophischer Text, und der Lohn für diese Arbeit steht überhaupt nicht im Verhältnis zu den Mühen und zum schlussendlichen Resultat. Deswegen sind Belletristik-Übersetzer*innen heute ein kleiner Klub von Verrückten, die bereit sind, ihre Energie und Zeit für die Kunst zu opfern.

Wie ist die Lage in Deutschland? Kann man sagen, dass es die deutschen Übersetzer/-innen leichter haben?

Die Situation in Deutschland unterscheidet sich wesentlich von unserer. Erstens arbeitet der Großteil der Übersetzer*innen in der Regel nirgendwo anders. Die Honorare nehmen dort zwar ebenfalls ab, doch es gibt wenigstens einen Schutz in Form einer Gewerkschaft, die für die Rechte der Übersetzer*innen eintritt – zum Beispiel sicherstellt, dass die Honorarsätze nicht unter ein bestimmtes Minimum fallen. Bei uns gibt es einen solchen Schutz nicht, weswegen viele Übersetzer*innen (besonders die jungen) oft unter der Knute der Verlage stehen und sich über jede Möglichkeit freuen, ihre Arbeit einfach nur gedruckt zu sehen – wobei sie nicht einmal das Recht haben, auf die Gestaltung des Arbeitsvorgangs Einfluss zu nehmen. Wenn sich Übersetzer*innen früher noch selbst einen Text auswählten, ihn Verlagen anbieten und bis zur Publikation bringen konnten, so geschieht das heute immer seltener.

Ist die Entstehung einer solchen Berufsvereinigung in Russland möglich? Aktuell werden in den sozialen Netzwerken ja ziemlich aktive Diskussionen über die berufliche Ethik in der Übersetzungsbranche geführt.

Ich denke nein. Natürlich geht diese Bewegung in die richtige Richtung, aber meiner Ansicht nach hatten wir bei uns immer schon mehr Vereinigungen als nötig. Es gibt ja Unionen, aber einen praktischen „Nutzen“ aus ihrer Tätigkeit hat man nicht. Und außerdem können wir die Verlage mit solchen Methoden sowieso nicht umstimmen, ihre Einstellung gegenüber der deutschen Literatur zu ändern und endlich ein Interesse für sie zu entwickeln. Selbst wenn wir über eine Gewerkschaft erreichen würden, dass das Honorar nicht unter eine bestimmte Summe fällt, dann kann das Ergebnis dieses „Sieges“ ein trauriges sein: Man würde die deutsche Literatur, die ohnehin schon an den Rand des russischen Kulturraums gedrängt ist, einfach gar nicht mehr herausgeben. Und ich befürchte, dass ihr Fehlen niemandem auffallen würde.

Und womit ist dieses fehlende Interesse an der deutschen Literatur zu erklären? Kann man von einem Monopol der englischen Sprache sprechen?

Ich bin mir unsicher, ob man von einem Monopol sprechen sollte, aber natürlich orientieren sich viele Verlage auf die eine oder andere Weise an der englischen Sprache. Selbst wenn es um irgendeine andere Literatur geht – die spanische, französische oder deutsche – schauen alle erst einmal darauf, ob dieses Werk ins Englische übersetzt worden ist. Das ist so ein Ausgangspunkt. Wenn es positive Rezensionen und Bewertungen auf Englisch gibt, dann hat dieses Buch aus einem anderen Sprachraum die Chance, es auf unseren Literaturmarkt zu schaffen. Ein Problem ist noch, dass die deutsche Sprache für sehr „schwer“ gehalten wird, weil die Themen, die die deutschen Autor*innen aufwerfen, entweder viel zu weit von unserer Realität und unseren Problemen entfernt sind oder sich um die eigene Geschichte drehen, die, obwohl sie ja teilweise an unsere Landesgeschichte gekoppelt ist, dennoch in einem völlig anderen „Erinnerungsraum“ behandelt wird, in dem eine ganz andere Kultur und Ethik der Erinnerung bestehen. Und noch ein weiterer Aspekt, den ich für wesentlich halte – diese eigentümliche „Scheckung“ der deutschen Gegenwartsliteratur, ihre „kulturelle Vielsprachigkeit“. Es gibt sogar den speziellen Adelbert-von-Chamisso-Preis, der an ausländische Autor*innen vergeben wird, die auf Deutsch schreiben. Es gibt sehr viele solche Texte, die ziemlich spannend sind, aber für uns ist dieses literarische Feld völlig irrelevant.

W. G. Sebald wird bei uns in letzter Zeit ziemlich aktiv übersetzt. Verändert sich sein Status gerade?

Nein, der verändert sich nicht. Ich habe Sebald als Erste in die russische Sprache übersetzt: 2006 erschien beim Verlag Asbuka sein Roman Austerlitz. Zu diesem Zeitpunkt – vor mehr als zehn Jahren – hatte man noch überhaupt nichts von ihm gehört. Nur durch die Bemühungen der Poetin Maria Stepanowa, die sich Sebald über Susan Sontag erschlossen hatte (wie das ja oft vorkommt) gelang es, einen Verlag zu finden, der sich dazu entschließen konnte, diesen Autor aufleben zu lassen. Das war der Verlag Nowoje isdatelstwo (Neuer Verlag) von Andrej Kurilkin. Ich würde sagen, dass Sebald für diese kleine Gruppe, die sich vor zehn Jahren schon für ihn interessierte, nach wie vor aktuell ist. Dieser Autor ist natürlich keine Lektüre für die Massen, aber ein Interesse an ihm gibt es. Im BDT (Großes Towstonogow-Dramentheater, Anm. d. Red.) zum Beispiel wird gerade eine Inszenierung nach dem Roman Austerlitz vorbereitet – sie wird von dem jungen Regisseur Ewgenij Safonow auf die Bühne gebracht. Im Januar ist die Premiere.

In der englischsprachigen Literatur gibt es Legenden wie die, dass David Foster Wallace erst jetzt seinen Übersetzer gefunden hat. Hat man solche „Sorgenkinder“ auch in der deutschen Literatur?

Ich denke nein. Das hauptsächliche „Sorgenkind“ war Sebald, doch jetzt ist man ihm mehr oder weniger gewogen. Mir scheint, dass es bei uns keinerlei vernachlässigte Entdeckungen gibt. Gerade ist eine Zeit, in der man sich an die vernachlässigten Klassiker des 19. Jahrhunderts erinnern sollte, weil es da ziemlich viele Lücken gibt.

Welche der Klassiker beispielsweise?

Bei uns ist zum Beispiel der ganze Korpus der deutschen Romantik praktisch noch nicht übersetzt. Was das 20. Jahrhundert angeht, beobachten wir in Europa gerade einen Ausbruch des Interesses an Fallada, der bei uns auch nicht sehr gut vertreten ist – hauptsächlich mit Auslassungen und Glättungen, wie das häufig in der Sowjetzeit der Fall war. Jetzt werden seine Bücher wieder aktiv herausgegeben, nach den Handschriften, unter Wiederherstellung der Autorenrechte und der Auslassungen der Zensur, denn auch in der DDR wurde vieles beschnitten und die Bücher wurden nicht in ihrem vollen Umfang publiziert.

Sollten deutsche Autorinnen und Autoren, die zu Sowjetzeiten publiziert wurden, neu übersetzt werden?

Im Falle von sowjetischen Übersetzungen muss man erst einmal einen Abgleich mit dem Original vornehmen. Weil zu dieser Zeit Redakteur*innen mit einer eigenen sprachlichen Ideologie, die häufig die Funktion von Zensor*innen ausübten, sehr starke Institutionen waren. Teilweise hat sich die sowjetische Schule des Übersetzens an einer normativen literarischen Sprache orientiert, doch der Ausgangstext war eben längst nicht immer normativ – die deutschen Autor*innen bedienten sich eben einer freien sprachlichen Kreativität und konnten bewusst irgendwelche stilistischen „Abweichungen“ einbauen, die für sowjetische Übersetzer*innen nicht vertretbar waren. Deswegen wurden bei uns oft übersetzte Bücher herausgegeben, die in einer guten russischen Sprache geschrieben waren, dabei aber nicht immer die „Aufrauhungen“ des/der Autor*in wiedergaben. Davon abgesehen wissen wir, dass jede Übersetzung zwangsläufig veraltet – kaum ein Text lebt länger als 50 Jahre. Ich kann nicht sagen, ob das gut ist oder nicht. Wenn man sich die klassischen Texte des 18. und 19. Jahrhunderts ansieht, dann waren die Übersetzerinnen zu Beginn des 20. Jahrhunderts von ihrem Sprachgefühl her auf jeden Fall näher an den übersetzten Autor*innen als beispielsweise ich es bin, und daher liefern sie uns in einem gewissen Sinne – bei allen denkbaren Einschränkungen – oft einen „verlässlicheren“ Text als denjenigen, den gegenwärtige Übersetzer*innen erschaffen können.

Wird russische Literatur in Deutschland übersetzt? Gibt es ein Interesse an ihr?

Mit der Präsentation russischsprachiger Literatur im deutschsprachigen Raum sieht mehr oder weniger alles gut aus. Unsere Klassiker werden zu jedem Jubiläum unbedingt neu herausgegeben, es erscheinen Neuübersetzungen. So war es mit Dostojewskij und Tolstoi. Gerade läuft das Turgenjew-Jahr. Die deutschen Leser*innen haben also die Möglichkeit, unterschiedliche Übersetzungen kennenzulernen. Gogol etwa unterscheidet sich in der Übersetzung von Vera Bischitzky deutlich von den Übersetzungen der letzten Jahre, was die Tonalität angeht. Die deutschen Leser*innen werden unaufhörlich an die Existenz der russischen Literatur erinnert, und es wird wiederholt, dass es eine große Literatur ist. Aktiv übersetzt wird das 20. Jahrhundert. Zum Beispiel ist gerade der erste Band der vierbändigen Marina Zwetajewa erschienen. Er enthält Prosa in der Übersetzung von Olga Radetzkaja. Die bekannte Dichterin Ilma Rakusa hat die Ausgabe betreut. Man kann also sagen, dass unsere Literatur in guten Händen ist.

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