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Interview mit Gabriele Brandstetter
„Zeitgenössischer Tanz stellt Standards und Vereinfachungen in Frage“

Portait Brandstetter
© Christina Stivali

Die Tanzwissenschaft ist eine der jüngsten humanistischen Disziplinen der Welt. In Deutschland wurde sie erst Mitte der 90er-Jahre als selbständige Wissenschaft anerkannt, in Russland wird sie an keiner einzigen Universität unterrichtet. Wir haben mit Prof. Dr. Gabriele Brandstetter, Professorin an der Freien Universität Berlin, darüber gesprochen, welche Forschungsgebiete die Tanzwissenschaft genau umfasst.
 

Von Alexandra Poljakowa und Galiya Muratova

Frau Brandstetter, was ist Tanzwissenschaft, und womit setzt sie sich auseinander?
 
Das ist natürlich eine sehr umfassende Frage, aber ich werde versuchen, mich kurzzufassen. Die Tanzwissenschaft erforscht den Tanz in seiner weitgefassten Bedeutung: in unterschiedlichen Kulturen, Stilen und Traditionen; den Bühnen-, den sozialen und den Volkstanz, und ebenso das, was im zeitgenössischen Tanz an der Grenze der Künste abläuft. Da unser Forschungsgegenstand nun einmal der Tanz ist, kann man ihn nur dann analysieren, wenn man ihn sich unmittelbar ansieht oder wenn man Quellen dazu hat – zum Beispiel Videodokumente. Deshalb ist es in erster Linie eine historische Wissenschaft, wie auch andere Wissenschaften im Bereich der Kunst. Außerdem ist es eine Disziplin, die sich auch mit der ästhetischen Seite des Tanzes beschäftigt: damit, welche Formen er annimmt und wie diese von den Zuschauer*innen wahrgenommen werden. In welchem Kontext zum Beispiel ein Bauchtanz ausgeführt wird, hängt von der Situation und von der Zeit ab. Heute kann man Bauchtanz in Deutschland in Workshops tanzen, doch wenn man sich seine Geschichte ansieht, dann kann man auch nachvollziehen, in welcher Kultur er entstanden ist, was er über die gesellschaftliche Einstellung gegenüber der Frau aussagt und was wir über seine Bewegungen wissen.
 
Woran genau forschen Sie zurzeit?
 
Ich beschäftige mich gerade mit mehreren Fragestellungen. Zum Beispiel interessiert mich die Wechselwirkung zwischen Tanz und Rhythmus: wie der Tanz einen eigenen Rhythmus erzeugt und wie der Tanz durch den Rhythmus mit anderen Künsten verbunden ist, zum Beispiel mit der Musik; wie Tanzende sich untereinander mithilfe einer rhythmischen Synchronisation verständigen können. Außerdem forsche ich zu Berührungen: inwiefern sie in verschiedenen Stilen und Kulturen wichtig sind und wie sie aussehen. Es ist nämlich so, dass es Tanzkulturen gibt, in denen im Prinzip keine Berührungen vorkommen. Bei Volkstänzen berühren sich die Ausführenden mit Händen und Schultern, wenn sie sich im Kreis bewegen. Und dann gibt es auch noch den sozialen Tanz, in dem der Kontakt sehr eng sein kann, wie beim Tango oder es gibt kaum Kontakt: jeder tanzt für sich in der Gruppe, z. B. in der Disco. Und schließlich gibt es Kontaktimprovisation mit Berührungen und Gewichtsumverteilung. Das dritte Thema, das mich interessiert, sind die Schwarmbewegungen – sowohl auf der Bühne als auch im offenen Raum – wenn Tanzende, denen keine Choreographie vorgegeben ist, sich zusammen bewegen.
 
Kann man sagen, dass es für den heutigen Tanz bestimmte charakteristische Züge, Besonderheiten oder Tendenzen gibt?
 
Ich glaube, dass man nicht so verallgemeinern darf. Man kann nur sagen, dass die Kennzeichen des Tanzes heute äußerst vielfältig sind. Einerseits gibt es Ausrichtungen von historischer Bedeutung, deren Umsetzung sichtbar bleibt. Diese Tendenz könnte man als Archiv und Erbe bezeichnen. Und dann gibt es den zeitgenössischen Tanz, der versucht, in Bewegungen und Musik aktuelle politische Themen widerzuspiegeln, wie zum Beispiel Migration, Fragen der Identität, der Fremdheit und so weiter. Zeitgenössischer Tanz stellt auch Vereinfachungen und Standards der Gesellschaft in Frage, zum Beispiel, was Fitness und Schönheit angeht. Tanz unterstreicht heute, dass es unterschiedliche Körper und unterschiedliche Kulturen gibt, und dass diese Vielfalt wichtig ist. Und das ist bemerkenswert, denn schließlich war die Sphäre der Kunst in Bezug auf den Körper früher stark standardisiert – man nehme beispielsweise das Ballett. Moderner Tanz verhält sich kritisch gegenüber Standards und Normen.
Tanztheater © Martin Waelde Wo werden die Forschungsergebnisse der Tanzwissenschaft angewandt, oder wo kann man sie anwenden?
 
Ich würde das Wort „Anwendung“ nie verwenden, denn wir sind keine angewandte Wissenschaft. Humanwissenschaften sammeln Erkenntnisse, und diese Erkenntnisse können dazu dienen, die Entwicklung der Gesellschaft zu analysieren, darunter auch in Aspekten, die einen Bezug zum Körper haben.
 
An russischen Universitäten wird Tanzwissenschaft nicht unterrichtet. Inwiefern ist sie denn weltweit verbreitet?
 
Unterschiedliche universitäre Systeme sind unterschiedlich aufgebaut. Eine Tanzdisziplin kann man auch an arabischen Universitäten nicht studieren, aber an vielen Universitäten wird sie im Bereich der Theaterwissenschaft angeboten. Allerdings hat sich der Tanz als eigenständiger Forschungsgegenstand in den USA, Großbritannien und in vielen europäischen Staaten, darunter in Frankreich, Dänemark, Schweden, Deutschland und Österreich etabliert.
 
Wann war das?
 
Die Humanwissenschaften sind ja überhaupt noch sehr jung – sie sind im 19. Jahrhundert entstanden. Die Tanzwissenschaft wurde nach dem Zweiten Weltkrieg in den USA geboren, und in Deutschland wurde sie Mitte der 90-er Jahre zu einer eigenständigen Disziplin – dank der Bemühungen meiner Kolleg*innen und mir. Im Ergebnis wurde ich eingeladen, sie in Berlin zu unterrichten; mit der Möglichkeit, in dieser Disziplin Professorin zu werden und ein spezielles Magisterprogramm zu erstellen.
 
Auf wen ist Ihre Fakultät ausgerichtet: auf Humanist*innen oder auf Choreograph*innen und Tänzer*innen?
 
Auf Humanist*innen: wir bieten universitäre Bildung an, und um bei uns angenommen zu werden, muss man an der Universität eingeschrieben sein. Wenn Tänzer*innen und Choreograph*innen einen universitären Abschluss haben, können sie ebenfalls zu uns kommen. Manche bleiben, um ihre Dissertation zu schreiben. Wir haben zum Beispiel eine Doktorandin aus dem Iran, die über Tänzerinnen und Vertreibung schreibt, denn schließlich ist es Frauen heute im Iran verboten, öffentlich zu tanzen. Eine Mitarbeiterin hat vor Kurzem eine Arbeit über Pina Bausch geschrieben, und zwar genauer über ihre Tanzoper und darüber, wie sie mit der Schwerkraft umgeht.
 
Woher kommt ihrer Erfahrung nach der Großteil der Studierenden?
 
Die Mehrheit sind Humanist*innen, aber aus anderen Bereichen: aus der Kunstwissenschaft, Literatur, Musik und Theater. Etwa ein Drittel machen Choreograph*innen und Tänzer*innen aus.
 
Haben Sie viele ausländische Studierende, und sind darunter Studierende aus Russland?
 
Natürlich, wir haben auch Absolvent*innen aus Russland. Zum Beispiel hat die Autorin Olga Grjasnowa bei uns studiert. Gerade haben wir eine Studentin aus Moskau bei uns im Kurs. Russland ist ein Land, in dem man den Tanz liebt, ein Land mit starker Tanztradition. Es wäre wunderbar, wenn die Tanzwissenschaft an russischen Universitäten Einzug halten würde.
 

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