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Wie verhindern wir, dass wir zerbrechen?

Anfang Dezember 2019 fand in Moskau das Festival der Selbstorganisation statt. Es hat das langjährige Projekt des Goethe-Instituts Moskau und des MMOMA „Raum für Kunst” abgeschlossen.

Sein Programm verzichtete auf die Ausstellung von Resultaten künstlerischer Arbeit, stattdessen standen Arbeitsweisen und Arbeitsmittel wie Kommunikation, Beziehungen, Verbindungen, Affekte oder Emotionsarbeit im Mittelpunkt. Das Festival könnte als Zusammenkunft befreundeter Kolleg*innen bezeichnet werden mit dem Anliegen, alle zusammenzubringen und dank gelungener Umverteilung von Institutsmitteln einen Raum zu bieten, in dem sie sich treffen oder auch kennenlernen können. Dabei war das Festival in diesem Sinne gar nicht spektakulär oder übertrieben einladend für Externe; es gehörte in den überschaubaren Kreis von institutionellen Veranstaltungen, die sich an Fachkreise richten und nicht darauf abzielen, ausschließlich Inhalte zu produzieren.

Dieser Beitrag von Nastja Dmitrievskaja für syg.ma ist einem der Festivalereignisse gewidmet, nämlich der Performance „Gruppentherapie“, die von Nataliya (Natascha) Protassenia, Katja Shadkovska und Künstlerinnen der Gruppe „ShShSh“ initiiert wurde. Es ging darum, wie nötig es sein könnte, gezielt an den Beziehungen zu arbeiten, die die Menschen innerhalb einer selbstorganisierten Kunstinitiative, einer Arbeitsgruppe oder auch einer Gruppe von Aktivist*innen miteinander verbinden. Es wurden wichtige Fragen aufgeworfen: Welche Beziehungsarbeit ist möglich, wenn es sich um die Basis für Produktion und Abbildung der Gemeinschaft handelt? Wie verhindern wir, dass wir am Druck von außen zerbrechen? Und wie sind diese beiden Punkte zusammenzuhalten?

Der Beitrag besteht aus dem Interview mit den Organisatorinnen von „Gruppentherapie“ sowie Gesprächen mit den Vertreter*innen von drei Gruppen, die am Festival teilnahmen – Work Hard! Play Hard!, ShShSh und alpha nova & galerie futura.

Von Nastja Dmitrievskaja

Interview mit den Organisatorinnen von „Gruppentherapie“ 

Nastja Dmitrievskaja: Wie kamen Sie auf die Idee, dass es nötig sein könnte, Therapie für Künstlerinitiativen und –gruppen zu thematisieren?

Natascha Protassenia: Das Thema ist ziemlich heikel. Lassen Sie mich zunächst die Vorgeschichte erzählen. Ich wurde als Teilnehmerin zum Festival der Selbstorganisation eingeladen, und ich wollte einen Beitrag über die Schwierigkeiten machen, mit denen Bottom-Up-Initiativen zu kämpfen haben. Aus eigener Erfahrung in selbstorganisierten Initiativen (Anm. d. Red. SYG.MA: Natascha war Co-Kuratorin der Galerie Red Square) und aus Erfahrungen, die ich nur beobachtet habe, weiß ich wohl, dass sich hinter der hübschen Fassade der totalen Solidarität oft sehr viele persönliche Schwierigkeiten verstecken. Wir verbünden uns, weil wir die gleichen Werte teilen, und auch deshalb, weil es gemeinsam leichter ist als allein. Im Kreise von Gleichgesinnten fühlen wir uns wohl. Doch irgendwann treffen die Werte und Ansprüche des einen auf die des anderen, und dann wird es schwierig, herauszufinden, was genau wir eigentlich als Solidarität bezeichnet haben.

Irgendwann treffen die Werte und Ansprüche des einen auf die des anderen, und dann wird es schwierig, herauszufinden, was genau wir eigentlich als Solidarität bezeichnet haben.

Das ist das Thema, über das ich sprechen wollte, und so habe ich die Mädels von ShShSh kontaktiert. Das ist eine relativ junge Initiative von Künstlerinnen; sie sehen sich selbst als eine Art Gegenvorschlag zum heutigen Kontext, indem sie dazu aufrufen, eine andere Sensualität und experimentelle Organisationsformen auszuprobieren. Wir sprachen darüber, welche Bedeutung für sie Frauensolidarität, Mobilisierung von Frauen und weibliche Kunst haben. Das Gespräch war interessant und kontrovers. Wir wollten es öffentlich machen und den Kreis der Teilnehmerinnen erweitern, nicht nur Künstlerinnen einladen, sondern auch Wissenschaftlerinnen und feministische Aktivistinnen. Und so entstand die Idee der Diskussionsgruppe „FRAUENRAT“. Danach kam uns der Gedanke, eine Therapiegruppe für Künstlerinnen und Frauen in selbstorganisierten Bottom-Up-Initiativen ins Leben zu rufen, da sie oft in Doppelbelastungssituationen oder in finanzieller Abhängigkeit von ihren Familien oder Partnern leben. Tatsächlich aber ist solch eine Co-Abhängigkeit heute nicht nur für weibliche Kunstschaffende aktuell, sondern ist symptomatisch für die gesamte Kunstszene mit ihrem grassierenden Konkurrenzkampf um Anerkennung, dem begrenzten Zugang zu Ressourcen und der Abhängigkeit von wenigen Kunstinstituten. Eigentlich sind wir genau über all diese Überlegungen auf die Idee einer „Gruppentherapie“ für Künstlergruppen und selbstorganisierte Kunstinitiativen gekommen.

Symptomatisch für die gesamte Kunstszene sind grassierender Konkurrenzkampf um Anerkennung, begrenzter Zugang zu Ressourcen und die Abhängigkeit von wenigen Kunstinstituten.

Als Co-Moderatorin für die Gruppe konnte ich die Künstlerin und Kuratorin Katja Shadkovska gewinnen, mit der ich früher oft über Therapie bei Co-Abhängigkeit in Beziehungen und über Co-Abhängigkeit in der Kunstgesellschaft im Sinne eines Symptoms gesprochen habe. Doch wenn wir über Co-Abhängigkeit im Kontext der „Gruppentherapie“ sprechen, würde ich vorschlagen, das Konzept nicht als Begriff aus der Psychotherapie oder Diagnostik sondern als Metapher zu behandeln. Bezogen auf selbstorganisierte Gruppen ist die Co-Abhängigkeit eine Situation, in der du irgendwann in eine starke Abhängigkeit von deiner Umgebung gerätst, die oft gleichzeitig Freundes- wie Kollegenkreis ist.

Katja Shadkovska: Ich muss hier anmerken, dass die Komponente der Abhängigkeit in Beziehungen tatsächlich die Norm ist. Wir alle sind irgendwie voneinander abhängig. Wenn wir aber von Co-Abhängigkeit als psychologischem Begriff sprechen, so haben wir es bereits mit Destruktion zu tun, und das bedeutet, wir sprechen von einer Pathologie bis hin zu verschiedenen Persönlichkeitsstörungen. In der therapeutischen Behandlung von pathologischem Narzissmus gibt es beispielsweise den Begriff security attachment, wenn ein Mensch mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung sich nicht zugestehen kann, von irgendjemandem abhängig zu sein, sich zu öffnen, zu vertrauen. Doch das ist zweifellos ein Extrembeispiel. Co-Abhängigkeiten treten in den verschiedensten pathologischen Graden auf, von bedeutungslos bis hochgradig.

Das Schlüsselwort in Nataschas Ansatz zur Co-Abhängigkeit in Bezug auf die „Gruppentherapie“ lautet Vertrauen. D. h. wir sprechen von einem Gesellschaftssystem, das Vertrauen verhindert und ausgerichtet ist auf die Minimierung oder häufig gar die Eliminierung des Menschlichen. Über genau dieses Thema haben wir vor Beginn der Arbeit diskutiert.

N. D.: Wenn wir nun unsere Aufmerksamkeit auf Begrifflichkeiten richten, muss gesagt werden, dass „Gruppentherapie“ das Augenmerk auf eine wichtige Angelegenheit für die Kunstszene gelenkt hat – im wörtlichen oder metaphorischen Sinne: dass nämlich selbstorganisierte Kunstinitiativen einen gewissen inneren Mechanismus brauchen, um ihre eigenen Beziehungen in Ordnung zu halten. Versuchen wir es dann doch mal mit einer Antwort auf folgende Frage: haben Sie das Gefühl, dass Künstler, Künstlerinnen, Aktivisten und Aktivistinnen den Beziehungen innerhalb ihrer Gruppen zu wenig Aufmerksamkeit widmen? Wie steht es Ihrer Meinung nach um diesen Punkt?

Selbstorganisierte Kunstinitiativen brauchen einen gewissen inneren Mechanismus, um ihre eigenen Beziehungen in Ordnung zu halten.

N. P.: Ich habe den Eindruck, es werden sich durchaus viele Gedanken darum gemacht, doch hilft das nichts. Und zwar deshalb nicht, weil der Feind nicht innen sitzt sondern außen. Und dieser Feind ist der Wettbewerb, der Kampf um symbolische Macht, um einen Platz in der Hierarchie und um institutionelle Anerkennung. Und genau das macht Beziehungen so verwundbar, denn es kommt zu einer Doppelbelastung: du arbeitest innerhalb einer gewissen Gemeinschaft, doch gleichzeitig musst du ja finanziell auch überleben und deine individuelle künstlerische Strategie verfolgen.

K. S.: Betrachten wir die meisten Bottom-Up-Initiativen, so beschäftigt sich dort normalerweise niemand mit irgendeiner Gruppentherapie im engeren Sinne. Ich habe nie gehört, dass irgendeine Initiative gemeinsam und in Eintracht zu einer Sitzung gegangen wäre. Hier ist alles abhängig von dem Bewusstsein jeder einzelnen Person. Wenn Menschen um des eigenen Vorteils willen Teil eines Kollektivs werden, kann es später zu Problemen mit gemeinsamen Projekten kommen. Wenn du aber in eine Gruppe kommst und ganz sicher weißt, dass es den Mitgliedern um die Arbeit an einem gemeinsamen Ziel geht, nicht für sich selbst, und dass sie manchmal sogar auf eigene Rechte am sogenannten Produkt, das entstehen soll, verzichten, dann ist das ein ganz anderer Ansatz. Aber das muss von Anfang an klar sein. Dann muss entweder ein entsprechender Vertrag aufgesetzt oder das Thema im Vorfeld besprochen werden.

N. D.: Der Punkt, den Katja hier angesprochen hat, scheint mir sehr wichtig zu sein. Es geht um Präventivmaßnahmen im Umgang mit Konflikten und Brüchen in Beziehungen. Direkt damit verbunden ist auch die Idee der „Gruppentherapie“. Welche Ratschläge würden Sie – ausgehend von Ihren eigenen Erfahrungen – Initiativen und Gruppen geben, wie bei unschönen Situationen, Konflikten und Alltagsärgernissen schon im frühen Stadium reagiert werden könnte?

N. P.: Ich würde raten, nicht in die Falle einer Verschmelzung zu tappen. Denn wenn wir anfangen, mit jemandem etwas zusammen zu machen, sind wir so beseelt von der gemeinsamen Tätigkeit, voneinander, von der gemeinsamen Idee, dass wir gelegentlich vergessen, dass wir eigentlich höchst unterschiedliche Menschen sind und nicht immer einer Meinung sein müssen. Im Aktivismus ist das ganz besonders wichtig.

K. S.: Ich denke, niemand sollte Angst vor Konflikten haben. Konflikte wird es immer geben, ich würde dazu überhaupt keinen Rat erteilen wollen. Und wenn wir mit Konflikten zu tun haben, muss uns bewusst sein, dass es immer eine Lösung gibt. Das wichtigste ist, dir darüber klar zu werden, ob du wirklich eine Lösung anstrebst oder nicht. Und natürlich Wissen, Wissen und nochmals Wissen. Du brauchst Informationen, du musst sie suchen, und du musst sie finden wollen. Wer sich wirklich für die Lösung eines Konflikts interessiert, hat immer auch die Möglichkeit, selbst psychotherapeutische Informationen zu bekommen. Ich finde es gut, dass es jetzt immer mehr Populärpsychologie gibt, z. B. verschiedene Kanäle auf YouTube. Je mehr Menschen sich damit auseinandersetzen wollen, je mehr qualifizierte Fachleute da sind, um all das möglichst einfach zu erklären, desto leichter wird es, sich selbst zu schützen.

Niemand sollte Angst vor Konflikten haben. Konflikte wird es immer geben. Und wenn wir mit Konflikten zu tun haben, muss uns bewusst sein, dass es immer eine Lösung gibt.

N. P.: Es ist wichtig, zu begreifen, dass es sehr schwer ist, allein um das psychologische Wohl zu kämpfen. Wir müssen das gemeinsam tun.

Fragebogen für Teilnehmer und Teilnehmerinnen von selbstorganisierten Kunstinitiativen

Wie bewältigen Sie Brüche, Krisen oder Spannungen in Beziehungen innerhalb der Gruppe? Beschreiben Sie Ihre Erfahrungen als Technik für eine Therapie.

Olia Sosnovskaya (Work Hard! Play Hard!): Ich habe ehrlich gesagt nicht bemerkt, dass es irgendwelche Krisen in unseren Beziehungen gäbe. Das mag teilweise an der Intensität liegen, die sich entwickelt hat: wir leben an verschiedenen Orten und treffen uns nicht sehr häufig, aber wenn wir uns treffen, sind wir erstens sehr froh, dass wir einander endlich wieder sehen, und zweitens versuchen wir, so viel produktive Arbeit wie möglich zu schaffen. Es entsteht dann ein regelrechter Hackathon, und wir haben gar keine Zeit für Streit. Ich habe den Eindruck, uns hilft auch die Einstellung zu Work Hard! Play Hard!: für uns ist das nicht ein Projekt oder eine Arbeit, von der unser Einkommen oder unsere Karriere abhängen, sondern etwas, das neben unserem Beruf existiert. Ich versuche, nicht zu vergessen, dass wir Work Hard! Play Hard! zum Vergnügen machen. Insgesamt habe ich den Eindruck, wir alle gehen verständnisvoll und fürsorglich miteinander um, wir versuchen, Lasten und Verantwortung aufzuteilen, uns damit abzuwechseln, soweit das unsere Kompetenzen erlauben.

Uns hilft der Verzicht auf Perfektionismus und die Einstellung, dass Fehler eine produktive Kraft sind, dabei, dass wir funktionieren.

Aleksey Borisyonok (Work Hard! Play Hard!): Gerade jetzt befinden wir uns in einer besonderen Situation: wir haben viel Arbeit diese Woche und viele Veranstaltungen in einer Stadt, in der niemand von uns wohnt (Anm. d. Red. SYG.MA: Minsk). Das ist so besonders, weil es keine typische Arbeitsweise für eine selbstorganisierte Initiative ist. Für ein Jahr planen wir ein-zwei-drei-vier Treffen mit verschiedenen Methoden: Residenzen, Besuche oder gemeinsame Reisen. Wenn wir uns treffen können, dann ist das keine ständige Belastung und Arbeit; das Wichtigste ist die gemeinsame Freizeit: Spaziergänge, Wanderungen, Sauna, Clubs…

Aber das Element von Brüchen ist uns prinzipiell nicht fremd. Vielleicht hilft uns der Verzicht auf Perfektionismus und die Einstellung, dass Fehler eine produktive Kraft sind, dabei, dass Work Hard! Play Hard! funktioniert.

Dina Schuk (Work Hard! Play Hard!): Ich bin eine Befürworterin von Umgebungen und Gruppen, wo Fehler wohlwollend akzeptiert werden. Darin arbeitest du zusammen, um zusammen zu sein, und bist nicht einfach im selben Raum, um professionell, schnell und fehlerfrei alles zu lösen und zu produzieren. Deshalb sind Brüche, Ängste, Misserfolge und Störungen Teil unseres gemeinsamen Abenteuers.

Ich glaube, als Arbeitsgruppe nehmen wir von Anfang an auch „Unrichtigkeiten“ in unser Geflecht aus freundschaftlichen Verbindungen auf, und deshalb sind für uns Kleinigkeiten und wenn Ideen oder Arbeitsweisen sich verändern nicht gleich etwas Außergewöhnliches. Wir machen daraus keine Katastrophen. Allein unsere Freundschaft ist schon „katastrophal“ (im positiven Wortsinn): ein Ereignis, aus dem sich dann alles andere ergibt.

Nikolai Spessivzev (Work Hard! Play Hard!): Ich denke, es wichtig, sensibel dafür zu sein, was die einzelnen Gruppenmitglieder begeistert und zwar nicht nur innerhalb der gemeinsamen, kollektiven schöpferischen Tätigkeit. Deshalb geht es mir bei Work Hard! Play Hard! nicht nur um die Arbeitstreffen, sondern auch um das, was dazwischen geschieht, wie wir unsere Zeit verbringen, gemeinsam und getrennt voneinander, welche Arbeitsweisen sich in unser Kaleidoskop noch einreihen, mit welchen Initiativen wir noch Verbindungen eingehen, und welchen wir lieber den Rücken kehren.

Ich würde sagen, unsere Arbeitsgruppe hat eine Fassade, die nach außen gerichtet ist, und es gibt eine sehr herzliche und emotionale Verbindung, aus der der Wunsch entsteht, gemeinsam zu arbeiten. Wir sind bemüht, einander ausreden zu lassen und zu hören, was der oder die andere zu sagen hat, einander entgegenzukommen. Wahrscheinlich weil es uns wichtig ist, einander zu verblüffen, etwas zu tun, für das es noch keine Worte gibt.

Es ist wichtig, einander zu helfen, Routine zu vermeiden. Manchmal ist das möglich, indem man sich gemeinsam auf die Arbeit stürzt oder diese aufteilt, man kann Zuständigkeiten verteilen und sich abwechseln, um nicht auszubrennen oder etwas neu lernen zu müssen. Und manchmal können Dinge automatisiert werden. Ich versuche z. B., meine Informatik-Kenntnisse einzubringen. Im Sommer habe ich ein Programm geschrieben, das aus Anmeldungen automatisch einen Zeitplan erstellt. Und jetzt testen wir gerade Master-of-Ceremony, ein Datenbank-Programm, das unser Arbeiten synchron hält. Ach ja! Und natürlich ist es ganz wichtig, feuchtfröhliche Feste zu feiern, auf denen dann neue Ideen entstehen.

Es ist wichtig, einander zu helfen, Routine zu vermeiden.

Vika Chupakhina (ShShSh): Ich bin gar nicht sicher, ob wir überhaupt so etwas wie Brüche hatten. Ich glaube, im Prinzip besteht die ganze Geschichte sowieso aus kleinen Splittern, aus Brüchen und Bruchstücken, und wir versuchen, sie zusammenzusetzen.

Ira Tsykhanskaya (ShShSh): Ja, so sehe ich das auch. Wir hatten nichts Explosives, keine radikalen Brüche, denn wir sind nicht so eng miteinander verbunden, dass etwas richtig kaputtgehen könnte. Wir haben sehr feine und flexible Verbindungen mit großer Distanz; dramatische oder traumatische Erfahrungen sind da fast nicht möglich.

Marie-Anne Kohl (alpha nova & galerie futura): Für mich gehört zu den wichtigsten Dingen, dass man miteinander redet und klarmacht, dass niemand mit seinen Probleme allein ist, denn das bringt emotionale Sicherheit. Und danach lassen sich dann Lösungsmöglichkeiten erarbeiten.

Katharina Koch (alpha nova & galerie futura): Ganz wichtig ist es, offen miteinander über die verschiedenen Bedürfnisse und Sorgen zu sprechen und darüber, wie damit umgegangen werden kann. Dafür braucht es Vertrauen zwischen den Mitgliedern der Gruppe. Dann finden sich auch Lösungen. Doch auch wenn jemand beschließt, die Gruppe (vorübergehend) zu verlassen, muss das akzeptiert werden. Auf die Person darf dann kein Druck ausgeübt werden. Das Einzige, was hier wichtig ist, wäre klarzustellen, dass er/sie jederzeit zurückkommen kann, wenn an der Konfliktsituation gearbeitet werden muss.

Welchen Rat würden Sie selbstorganisierten Kunstinitiativen geben, wenn es um Beziehungen und das gemeinsame Arbeiten geht?

Aleksey Borisyonok (Work Hard! Play Hard!): Ganz banal und gleichzeitig schwierig und problematisch: die Absprache von Arbeitsumfang, Zuständigkeitsbereichen und Intensität gleich am Anfang. Wird aus der Arbeit dann ein großes Gebilde, das nicht mehr auseinanderzudividieren ist, kann es manchmal sinnvoll sein (oder ist es tatsächlich sogar immer), klar publik zu machen, wer was gemacht hat: die eine vielleicht die Dokumentation, die andere die Website.

Optimierung: es kann tatsächlich ein Großteil der Arbeit mit analogen und digitalen Assistenten und Prozessen optimiert werden: Excel, Alfred, Size-Up, Planer, Zotero oder Show and Tell. Das reduziert die Routinearbeiten und gibt mehr Zeit für Kommunikation, Fantasie und Spekulationen in der Gruppe. Und nicht vergessen: ihr macht all das vor allem, weil es Spaß macht – Euch selbst und anderen!

Dina Schuk (Work Hard! Play Hard!): Ein konkretes Beispiel: für nicht ganz dringende Kommunikation nutzen wir in der Regel E-Mails – mit Themen und Unterthemen. Irgendwann haben wir im Laufe unserer Zusammenarbeit festgestellt, dass diese schicken Chats mit Verlinkungen und Überschneidungen von Themen, Aufgaben und Anfragen uns nicht weiterbringen, sondern uns im Gegenteil nur den letzten Nerv kosten: um etwas zu finden, mussten wir ewig scrollen und waren nicht mal sicher, das Gesuchte dann auch zu finden. Deshalb haben wir die Kommunikationswege aufgeteilt: den Chat Work Hard! Play Hard! nutzen wir nur für dringende Fragen, alles andere besprechen wir per Mail Außerdem haben wir den Chat Play Hard! Play Hard!, bei dem geht es dann um alles außer Arbeit: wir schicken uns Links, erzählen von Gerüchten, schreiben uns, wenn uns etwas gefallen hat, schicken uns Fotos aus der Reihe „Wer war Wo“ und so weiter. Wir haben also den Kommunikationsfluss einfach aufgeteilt.

Nikolai Spessivzev (Work Hard! Play Hard!): Für mich sind die freundschaftlichen Beziehungen viel wichtiger als die sogenannten Arbeitsbeziehungen. Meine Meinung ist: wenn du merkst, dass die Gruppe nicht mehr glücklich ist über das, was sie macht, dann ist es besser aufzuhören. Oft scheint es, dass die Geburt eines Kollektivs ein Fest ist und sein Tod ein großes Unglück. Wenn wir aber zulassen, dass Kollektive auch mal müde werden, langsamer laufen und austrocknen, und zwar genau so leicht wie sie entstehen, erblühen und zu Höchstleistungen auflaufen, dann können wir das Kollektiv als Instrument für die Entstehung neuer Gedanken nutzen, ohne einen Fetisch daraus zu machen und ohne auf Organisation um der Organisation willen zu bestehen. Und dann sprechen wir nicht davon, dass ein Kollektiv stirbt, sondern dass es neu entsteht, oder mutiert oder transplantiert wird oder Ähnliches.

Ira Tsykhanskaya (ShShSh): Ich denke, es ist wichtig, dem Gegenüber nicht die Verantwortung und eigene Erwartungen aufzubürden. Du solltest nur das übernehmen, was du auch schaffst: kriegst du das gerade hin, okay, dann machst du das. Wir sind viele Personen in der Gruppe, deshalb haben wir immer einen Wechsel von Arbeitsrausch: wenn es eine packt, dann legt sie los und arbeitet an etwas, während die anderen sich vielleicht erstmal bedeckt halten, und dann packt es eine andere und sie bringt sich in Prozesse ein, die sie interessieren. Natürlich kannst du nicht erwarten, dass alle voll mitmachen und in das Projekt eintauchen, denn das führt dann zu Enttäuschung, und du ärgerst dich und fängst an zu fordern, und dann haben wir bald eine Diktatur.

Es ist wichtig, dem Gegenüber nicht die Verantwortung und eigene Erwartungen aufzubürden. Du solltest nur das übernehmen, was du auch schaffst.

Vika Chupakhina (ShShSh): Bei der Überlegung, wie wir als Gruppe arbeiten wollen, haben wir nicht versucht, uns auf Ereignisse zu fokussieren. Im Zuge der Zusammenarbeit hat die Gruppe bestimmte Strukturen, einen Modus für Treffen und unsere Kommunikation entwickelt, und hat sich auf die Positionen und Arbeitsmodelle festgelegt, die für uns gut machbar waren. Zum Beispiel war es für viele wichtig, ihre Individualität zu bewahren, für sich selbst verantwortlich zu sein, und die Verbindungen innerhalb der Gruppe nicht zu eng zu gestalten, so dass die Möglichkeit erhalten blieb, eine gewisse Distanz zu wahren. Und bisher haben wir diese Position nicht geändert.

Marie-Anne Kohl (alpha nova & galerie futura): Versucht die Bedürfnisse und Wünsche der anderen Teilnehmer*innen zu verstehen und kommuniziert eure eigenen Bedürfnisse und Wünsche klar und deutlich. Bei der Verteilung von Pflichten – vom Kaffeekochen bis zur Erstellung eines Veranstaltungsprogramms – braucht ihr Transparenz und auch Abwechslung. Kümmert euch umeinander. Respektiert einander. Steht füreinander ein, und gebt euch Schutz und Deckung. Lasst Raum für das eine oder andere Manöver. Macht Pausen, ihr müsst gar nicht ständig zusammen arbeiten. Erzählt davon, was ihr gesehen oder gehört habt, was ihr erlebt habt, was euch gewundert oder genervt hat und über was ihr gestern, letzte Woche oder auch in den letzten zehn Jahren erschrocken wart. Glaubt nicht, dass ihr immer ein und derselben Meinung sein müsst zu verschiedenen Themen, akzeptiert andere Sichtweisen, Gedanken, Ideen, und lasst zu, dass die anderen euch überzeugen, aber überzeugt die anderen von eurer Meinung nur dann, wenn ihr ganz sicher seid, dass ihr das tun müsst. Tut zusammen Dinge, die Euch Spaß machen!

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