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Longread
El Lissitzky und Sophie Küppers: Eine Romanze mit der Avantgarde

Einband der niederländischen Zeitschrift „Wendlingen“. Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau, Russland © Staatliche Tretjakow-Galerie Zum 130. Geburtstag des weltweit bekannten Malers El Lissitzky veröffentlicht das Goethe-Institut Nowosibirsk ein Longread des Nowosibirsker Kunstkritikers Sergej Samoilenko. In diesem verflechten sich das Schicksal von El Lissitzky als hervorragendem Vertreter der russischen Avantgarde und dessen Familie mit seiner Kunst und den Nowosibirsker Underground-Ausstellungen in Akademgorodok während der Tauwetter-Periode zu einer Filmserie, deren Figuren sich auf unvorstellbare Abenteuer einlassen und auf unglaubliche Proben um der Kunst willen gestellt werden.

Sergej Samoilenko
Inspiratorin und Beraterin: Valeria Lissitzky


Im November dieses Jahres feiert die Welt den 130. Geburtstag des hervorragenden Künstlers der russischen Avantgarde El Lissitzky. Es wäre nicht richtig, ihn nur als Künstler zu bezeichnen: Während seines nicht sehr langen Lebens verwirklichte er sich als Buchillustrator und -designer, Maler, Architekt, Fotograf, Ausstellungs- und Möbeldesigner, als Autor propagandistischer Plakate und als Kunsttheoretiker. El Lissitzky war einer der bedeutendsten russischen Künstler des vergangenen Jahrhunderts, das an großen Namen in der Kunst äußerst reich war. Und wie Kandinsky und Malewitsch genoss auch El Lissitzky Weltruf.
 
Im kommenden Jahr wäre Sophie Lissitzky-Küppers ebenfalls 130 Jahre alt geworden. Sie war die Lebensgefährtin und Mitkämpferin von El Lissitzky und pflegte nach dem Tod ihres Mannes sein Erbe. Ohne Sophie wäre das Leben des Künstlers zweifellos nicht so fruchtbar gewesen, auch sein Vermächtnis wäre nicht in solch einer Fülle bewahrt worden.
 
Was hat Nowosibirsk, das so weit entfernt von Kulturhauptstädten der Welt zu sein scheint, mit diesem Namen zu tun? Es steht im direkten Zusammenhang. Sophie lebte hier mindestens vierzig Jahre lang, hier schrieb sie eine Monografie über das Schaffen ihres Mannes und hier wurde sie begraben.

Statt einer Einleitung: Ein Jahrhundert Kino

El Lissitzky, Selbstporträt <i>Konstrukteur</i> El Lissitzky, Selbstporträt Konstrukteur | © Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau, Russland Ich denke, dass die Schicksale von Lasar Lissitzky (das ist sein echter Vorname – als er Künstler wurde, nahm er ein Pseudonym an) und Sophie Küppers als Grundlage für einen großen epischen Roman dienen könnten. Oder für eine umfangreiche Fernsehserie, denn gerade dieses Genre nimmt heute zunehmend den Platz von Romanen ein. In diesem Mehrteiler gibt es alles. Den Aufstieg eines jungen, in der Provinz geborenen Mannes zum Gipfel der Kunst und seine Teilnahme an einem grandiosen, utopischen Projekt der Schöpfung einer neuen Welt. Eine Liebesgeschichte: Die Begegnung mit einer jungen deutschen Witwe, die er später heiratet, und vierzehn Jahre ihres gemeinsamen Lebens während der Stalinschen Säuberungen und am Anfang des Krieges. Politik und Geschichte: Als Schauplätze dienen Deutschland und Russland, und zwar in den besonders dramatischen Momenten dieser Epoche. Ein Handlungsstrang ist Sophies Leben mit ihrem Sohn im Exil in Sibirien – in einem politischen Klima, das sich nach Stalins Tod verändert, während der Tauwetter-Periode der 1960er-Jahre und dann bei einem neuen „Kälteeinbruch“. Beinahe ein Krimi  sind der Verlust einer in Deutschland zurückgelassenen Gemäldesammlung, die von Nazis gestohlen wurde, und die Versuche, diese nach dem Kriegsende wiederzuerhalten.
 
Im Großen und Ganzen könnte das wirklich eine Serie mit mehreren Staffeln sein, eine deutsch-russische Koproduktion, diese Idee ist ein Geschenk von mir. An dieser Romanverfilmung sind für uns vorerst die Geschichten über Nowosibirsk und über eine Ausstellung in der Gemäldegalerie des Hauses der Wissenschaftler im Jahre 1967 interessant. Um die Handlung besser verstehen zu können, lohnt es sich, der Inhalt der früheren Folgen kurz nachzuerzählen.
 

In dieser Folge wird der Inhalt der bisherigen Verfilmung nacherzählt

 

  • Porträt von El Lissitzky © Privatarchiv Lissitzky
    Porträt von El Lissitzky
  • Sophie Lissitzky-Küppers, 1930er-Jahre © Privatarchiv Lissitzky
    Sophie Lissitzky-Küppers, 1930er-Jahre
  • Besuch des Corbusierhauses in Paris, 1928: unten Piet Mondrian, rechts oben Sophie und El Lissitzky, links Mitarbeiter im Corbusierhaus © Privatarchiv Lissitzky
    Besuch des Corbusierhauses in Paris, 1928: unten Piet Mondrian, rechts oben Sophie und El Lissitzky, links Mitarbeiter im Corbusierhaus
  • Sophie, Jen und El Lissitzky, vermutlich 1932 © Privatarchiv Lissitzky
    Sophie, Jen und El Lissitzky, vermutlich 1932
  • El Lissitzky, Bildserie mit Jen. Lissitzky arbeitet an der Gestaltung der Bühne für die Aufführung des Theaterstücks von Sergej Tretjakow <i>Ich will ein Kind haben</i> im Meyerhold-Theater, Moskau, 1930 © Privatarchiv Lissitzky
    El Lissitzky, Bildserie mit Jen. Lissitzky arbeitet an der Gestaltung der Bühne für die Aufführung des Theaterstücks von Sergej Tretjakow Ich will ein Kind haben im Meyerhold-Theater, Moskau, 1930
  • Sophie und Jen Lissitzky, Moskau, 1930er-Jahre © Privatarchiv Lissitzky
    Sophie und Jen Lissitzky, Moskau, 1930er-Jahre
Lasar Lissitzky wurde im russischen Gouvernement Smolensk am 10. November 1890 nach dem julianischen Kalender geboren, das heißt, am 22. November nach dem gregorianischen Kalender. So berichten es die russischen Quellen und die deutschsprachige Wikipedia. Englischsprachige Quellen meinen aber, dass er einen Tag später zur Welt gekommen ist – am 11. (23.) November. Die Ursache für diesen Unterschied in den Angaben ist nicht klar. Wir vermerken es einfach als eine Tatsache.
 
Lassen wir Kindheit und Jugend weg. Im Jahre 1915 schloss Lasar Lissitzky sein Studium mit einem Ingenieur- und Architektur-Diplom ab, nach der Revolution gesellt er sich zu der von Malewitsch gegründeten Gruppe UNOWIS (Bestätiger der Neuen Kunst). Er unterrichtet an der WChUTEMAS (Höhere Künstlerisch-Technische Werkstätten), befasst sich mit Architektur, plant seinen berühmten senkrechten „Wolkenbügel“. Im Jahre 1921 wird der Meister als Vertreter der neuen revolutionären Kunst vom Volkskommissariat für Bildung nach Deutschland entsandt, um zu deutschen Künstler*innen Kontakte aufzunehmen.
 
Im Jahre 1922 lernte Lissitzky, der sich damals schon El Lissitzky nannte, Sophie Küppers in Hannover kennen. Sophie, seit Kurzem verwitwet, war Kunstwissenschaftlerin und Galeristin. Ihr Mann, Paul Küppers, Sammler und Galerist, war an der Spanischen Grippe gestorben. Seine Frau, die zwei kleine Söhne hatte, war mit deutschen Künstler*innen befreundet, stellte Gemälde von Klee, Kandinsky und Mondrian aus und kaufte diese an. Zum ersten Mal sah sie Lissitzkys Werke, die beiden lernten einander kennen, zwischen ihnen entstand eine Freundschaft, ein Briefwechsel folgte. Sie heirateten im Jahre 1927 und entschieden sich für einen Umzug nach Moskau.
 

Im Jahre 1921 wird der Meister als Vertreter der neuen revolutionären Kunst vom Volkskommissariat für Bildung nach Deutschland entsandt, um zu deutschen Künstler*innen Kontakte aufzunehmen.


Im Jahre 1930 kam ihr gemeinsamer Sohn zur Welt, der den Vornamen Jen bekam, später wurde er in Boris umbenannt. Im Land veränderte sich das Klima, die Schöpfer*innen der Avantgarde waren nicht mehr gefragt, Lissitzky wurde allmählich von der vordersten Linie der Kunst verdrängt, seine Freunde verschwanden – einer nach dem anderen – im Gemetzel der Säuberungen. Kurt, der älteste Sohn von Sophie, kehrte heimlich nach Deutschland zurück.
 
Im Jahre 1941 begann der Krieg. Am 30. Dezember starb El Lissitzky. Sophie und die zwei jüngeren Kinder blieben nahezu ohne Existenzmittel zurück. Ihr mittlerer Sohn Hans wurde als Person deutscher Nationalität in ein Lager getrieben. Sophie selbst wurde zusammen mit ihrem jüngsten Sohn Jen ein Jahr vor dem Kriegsende interniert, so kamen die beiden nach Nowosibirsk.
 

In dieser Folge wird die Architektur der Wohnbaracken mit der des Konstruktivismus verglichen

  • Niedergebranntes Fachwerkhaus in Nowosibirsk, rechts unten ist das Fenster der Wohnung zu sehen, die Ende der 190er-Jahre Sophie und Jen bewohnten. © Privatarchiv Lissitzky
    Niedergebranntes Fachwerkhaus in Nowosibirsk, rechts unten ist das Fenster der Wohnung zu sehen, die Ende der 190er-Jahre Sophie und Jen bewohnten.
  • Sophie Lissitzky-Küppers leitet einen Handarbeitszirkel im Kulturhaus Nowosibirsk, 1940er Jahre © Privatarchiv Lissitzky
    Sophie Lissitzky-Küppers leitet einen Handarbeitszirkel im Kulturhaus Nowosibirsk, 1940er Jahre
  • Sophie Lissitzky-Küppers, Nowosibirsk, Ende der 1940er Jahre. Foto: Jen Lissitzky © Privatarchiv Lissitzky
    Sophie Lissitzky-Küppers, Nowosibirsk, Ende der 1940er Jahre.
  • Sophie Lissitzky-Küppers mit ihren Schülerinnen im Kulturhaus, Nowosibirsk, 1949 © Privatarchiv Lissitzky
    Sophie Lissitzky-Küppers mit ihren Schülerinnen im Kulturhaus, Nowosibirsk, 1949
  • Sophie Lissitzky-Küppers in ihrem Zimmer. An der Wand – die Lithographie „Neuer“ von El Lissitzky, Nowosibirsk, 1970er-Jahre © Privatarchiv Lissitzky
    Sophie Lissitzky-Küppers in ihrem Zimmer. An der Wand – die Lithographie „Neuer“ von El Lissitzky, Nowosibirsk, 1970er-Jahre
  • Sophie Lissitzky-Küppers in ihrer letzten Wohnung, kurz vor ihrem Tod, Nowosibirsk. Foto: Jen Lissitzky © Privatarchiv Lissitzky
    Sophie Lissitzky-Küppers in ihrer letzten Wohnung, kurz vor ihrem Tod, Nowosibirsk.

Wie sich Sophie auf die Reise ins Exil vorbereitete, wie sie Freund*innen ihre Wertsachen zur Aufbewahrung gab, wie sie zusammen mit ihrem Sohn mehrere Wochen lang in einem beheizten Güterwagen reiste, wie sie beide in Nowosibirsk eintrafen und empfangen wurden – dies alles ist im Buch Die geraubten Bilder der deutschen Journalistin Ingeborg Prior beschrieben, das in russischer Sprache im Jahre 2016 im Nowosibirsker Verlag Swinjn und Söhne veröffentlicht wurde.
 
Zusammen mit ihrem Sohn wohnte Sophie in einer Wohnbaracke. Sie teilten sich diese zuerst mit einer deutschen Frau, die auch ins Exil geschickt worden war, und bekamen später ein winziges Einzelzimmer. Sophie arbeitete am Anfang als Putzfrau. Dann erinnerte sie sich daran, was ihre Mutter ihr über Hauswirtschaft beigebracht hatte, und begann zu nähen, zu sticken und zu stricken. Der Ruf über Sophies Fähigkeiten und Talente sprach sich bis zum Leiter der Kalinin-Kulturhalle herum, der ihr vorschlug, einen Handarbeitskurs zu leiten und sich zweimal im Monat auf der Kommandantur zu melden.

Es ist wohl symbolisch, dass es Sophie zusammen mit dem Archiv von El Lissitzky gerade nach Nowosibirsk verschlug. Die Frau eines Konstruktivisten zog in eine Stadt mit konstruktivistischen Gebäuden.


Ihr Sohn wurde erwachsen und bekam einen Pass, in dem seine Nationalität als Russe angegeben war. Im Alter von 17 Jahren fuhr er nach Moskau und brachte nach seiner Rückkehr von dort einen Teil des zurückgelassenen Archivs von El Lissitzky mit.
 
Nach Stalins Tod reiste Sophie im Jahre 1958 für drei Monate nach Deutschland. Zu dieser Zeit wusste sie zwar, dass ihr Sohn Kurt lebt, ihr gelang trotzdem nicht, sich mit ihm zu treffen. Zwischen ihnen beiden und auch unter den Brüdern ergab sich kein Kontakt. Sophie kehrte nach Sibirien zurück. Jen war inzwischen Fotograf geworden, fertigte Fotos für Zeitungen in Nowosibirsk an, lernte mit einer Filmkamera umzugehen und wurde schließlich Kameramann.
 
Es ist wohl symbolisch, dass es Sophie zusammen mit dem Archiv von El Lissitzky gerade nach Nowosibirsk verschlug. Die Frau eines Konstruktivisten zog in eine Stadt mit konstruktivistischen Gebäuden.

In dieser Folge beginnt das Tauwetter

Im Jahre 1958 übergab Sophie einen Teil des Archivs von El Lissitzky an die Tretjakow-Galerie und das ZGALI (Zentrales Staatsarchiv für Literatur und Kunst, jetzt RGALI – Russisches Staatsarchiv für Literatur und Kunst), aber zuvor hatte Jen die Werke und Dokumente fotografiert. Während Sophie in Nowosibirsk nur mit wenigen Menschen in Verbindung stand, war Jen befreundet mit den Künstlern Eduard Gorochowski und Nikolai Grizuk.
 

Akademgorodok wurde zu einer noch nie gesehenen Enklave der Freiheit, ein wahres Naturschutzgebiet. Das Café Pod Integralom, das Kino Sigma, Schönheitswettbewerbe, scharfe Diskussionen, Festzüge am 1. Mai mit absurden und humorvollen Plakaten und Demonstrationen, die ihrer Zeit vierzig Jahre voraus waren – all das war Akademgorodok in den 1960er-Jahre.


Inzwischen hatte der Bau von Akademgorodok begonnen – einem utopischen Paradies für Wissenschaftler*innen, zwanzig Kilometer von der Stadt entfernt, mitten im Wald. Die Entscheidung, ein großes interdisziplinäres, wissenschaftliches Zentrums im Osten des Landes einzurichten, war von der Parteiführung getroffen worden. Zum Bau des Wissenschaftsstädtchens wurden erhebliche Mittel bereitgestellt, und es wurde sofort die Sibirische Abteilung der Akademie der Wissenschaften der UdSSR gegründet. In den ersten Jahren suchte die Leitung der Abteilung nach Nachwuchskräften und stellte sie ein. Das kulturelle und öffentliche Leben im Akademgorodok war freier und weniger ideologisch als ansonsten im Land. Den Wissenschaftler*innen hier wurde mehr erlaubt als den einfachen Bürger*innen. In Kombination mit der Hoffnung auf Tauwetter verstärkte die Romantik die Euphorie der Wissenschaftler*innen. Akademgorodok wurde zu einer noch nie gesehenen Enklave der Freiheit, ein wahres Naturschutzgebiet. Das Café Pod Integralom (Unter dem Integral), das Kino Sigma, Schönheitswettbewerbe, scharfe Diskussionen, Festzüge am 1. Mai mit absurden und humorvollen Plakaten und Demonstrationen, die ihrer Zeit vierzig Jahre voraus waren – all das war Akademgorodok in den 1960er-Jahre.
  Gestaltung des Kinderbuches <i>4 Handlungen</i>. Acht Blätter. Gestaltung des Kinderbuches 4 Handlungen. Acht Blätter. | © Van Abbemuseum, Eindhoven, Niederlande
Mitte der 1960er-Jahre arbeitete Sophie an einer Monografie über Leben und Werk von El Lissitzky. Sie schrieb das Buch auf Deutsch und hatte vor, dieses in der DDR zu veröffentlichen. An eine Publikation in der UdSSR dachte sie vermutlich nicht, da sie wusste, dass so eine Hoffnung sinnlos war. Fast alle Künstler*innen, die dem Sozialismus ihr Talent geopfert hatten, waren jetzt illegal: Lissitzky, Malewitsch, Filonow, Tatlin, Klucis.

Verstöße gegen dieses inoffizielle Verbot passierten selten. Zu Beginn der 1960er-Jahre veranstaltete der Sammler Nikolai Chardschiew in der Majakowski-Museumsbibliothek in der Gnesdikowskigasse kleinformatige Ausstellungen halbverbotener Künstler*innen der russischen Avantgarde, darunter waren auch Werke von El Lissitzky. Die Exposition fand vom 16. bis 18. November 1960 statt. Von einer größeren Ausstellung, die alle Seiten des vielfältigen Talents von El Lissitzky repräsentieren würde, konnte man nur träumen.

In dieser Schelmenfolge taucht der große Kombinator auf

Alles veränderte sich im Jahre 1965. In Akademgorodok befand sich das Haus der Wissenschaftler im Bau und man diskutierte darüber, was dort in der Zukunft eigentlich stattfinden sollte. Gerade zu dieser Zeit wandte sich der Moskauer Künstler und Sammler Alexander Schigalko an die Leitung der Sibirischen Filiale der Akademie der Wissenschaften der UdSSR. Er bot seine gesamte Sammlung als Schenkung an. Die Sammlung bestand hauptsächlich aus den Gemälden von Schigalko, darunter waren aber auch Werke von den Peredwischniki (Künstler*innengruppe „Die Wanderer“).
 
Michail Katschan, Nachwuchswissenschaftler und Leiter des vereinigten Gewerkschaftskomitees der Sibirischen Filiale der Akademie der Wissenschaften der UdSSR, wurde nach Moskau entsandt, um Schigalko und dessen Sammlung kennenzulernen. Bei Schigalko zu Hause traf er Michail Makarenko, den der Sammler als seine Vertrauensperson vorstellte.

Über Michail Janowitsch Makarenko sollte mehr erzählt werden. Alle, die sich an ihn während seiner Nowosibirsker Periode erinnerten, bezeichneten ihn einstimmig als einen großen Abenteurer und verglichen ihn mit Ostap Bender oder mit Alessandro, dem Grafen von Cagliostro.

Makarenko erzählte dem neuen Bekannten kurz über sich selbst: Arbeit für einen Sammler, der ihm das Verständnis für Malerei beibrachte; nicht abgeschlossenes Studium an der Lomonossow-Universität Moskau; Heirat mit der Tochter eines Priesters; Strafverfahren wegen des Baus eines Hauses für seinen Schwiegervater durch „Einkünfte aus Kapitalvermögen“, das übrigens eingestellt wurde; Scheidung. Diese Informationen, die von einem noch jungen Mann ganz freimütig mitgeteilt wurden, machten einen großen Eindruck auf Katschan. Er hielt Makarenko für einen notorischen Schwindler, allerdings für einen genialen Schwindler.
  Michail Makarenko und Wjatscheslaw Rodionow, 1967, Akademgorodok, Nowosibirsk. Michail Makarenko und Wjatscheslaw Rodionow, 1967, Akademgorodok, Nowosibirsk. | © Eduard Hämäläinen Über Michail Janowitsch Makarenko sollte mehr erzählt werden. Alle, die sich an ihn während seiner Nowosibirsker Periode erinnerten, bezeichneten ihn einstimmig als einen großen Abenteurer und verglichen ihn mit Ostap Bender oder mit Alessandro, dem Grafen von Cagliostro.
 
In seinem Buch Auszüge aus meinem Leben, das im Gefängnis geschrieben und im Jahre 1974 im Verlag Possew veröffentlicht wurde, erzählt Michail Makarenko seine Autobiografie, die einem Schelmenroman gleicht.
 
Als Michail Gerschkowitsch in Rumänien im Jahre 1930 geboren, riss er von zu Hause aus und überquerte unter einem falschen Namen die rumänisch-sowjetische Grenze. Kinderheim, Flucht, Umherwandern. Zu Beginn des Krieges war er „der Sohn des Regiments“, er wurde verletzt, zog sich eine Quetschung zu, wurde in einem Lazarett behandelt, geriet in eine Okkupationszone, trieb sich wieder im Land herum, lief aus Kinderheimen fort, lernte an einer Suworow-Militärschule, lief wieder davon, arbeitete in einem Kolchos. Er ließ sich Ende der 1950er-Jahre in Leningrad nieder, wurde an der philosophischen Fakultät der Lomonossow-Universität Moskau für ein Fernstudium immatrikuliert, heiratete Ljudmila Makarenko, die Tochter eines orthodoxen Priesters, und nahm ihren Familiennamen an. Er baute ein Haus, wurde wegen einer Straftat verfolgt, kämpfte gegen sowjetische Beamte und Miliz, verdiente sein Brot mit dem Restaurieren von Gemälden und alten Möbeln, auch für die Eremitage.

In dieser Folge begegnete Picasso nicht El Lissitzky und Filonow

Zuerst kam ein Container mit Gemälden an, dann kam Makarenko angefahren, mit seinem jungen Assistenten, dem zwanzigjährigen Wjatscheslaw Rodionow. Makarenko wollte hierbleiben, um sich persönlich um Schigalkos Sammlung zu kümmern – und nicht nur um diese, wie sich später herausstellte. Von Anfang an schlug er vor, sich nicht auf eine Ausstellung zu begrenzen.
 

Picasso in Akademgorodok schien auf den ersten Blick Nonsens zu sein, ein neuer, von Michail Makarenko geschaffener Mythos. Und doch – wie sich Freund*innen erinnerten – hing ein Brief, in dem der spanische Künstler über die Bürokratie in Moskau schimpfte und seine Ausstellung in Sibirien plante, gerahmt an der Wand im Arbeitszimmer des Direktors der Gemäldegalerie.


Schließlich wurde Makarenko als Direktor der Gemäldegalerie eingestellt, zuerst allerdings als Sanitärinstallateur. Bald darauf zog er aus dem Hotel in eine ihm zugewiesene 3-Zimmer-Wohnung im Erdgeschoss des Hauses 7A in der Prawda-Straße um, wohin er auch seine private Sammlung brachte. Den Erinnerungen von Michail Katschan zufolge war es nicht einfach eine Wohnung: Sie soll KGB-Mitarbeiter*innen als Treffpunkt mit Informant*innen gedient haben.
 
Sofort wurde ein Galerierat unter der Leitung von Lew Rosenfeld, der als Abteilungsleiter am Institut für Thermophysik tätig war, organisiert. Lew Rosenfeld war Makarenkos Nachbar im Hausflur und ebenfalls Sammler. Katschan erinnerte sich daran, dass Werke von Nikolai Rerich und Zinaida Serebrjakowa an den Wänden der Wohnung von Rosenfeld hingen.
 
  • Ordner aus dem Archiv des Architekten Wladimir Piwkin © Museum der Architekturgeschichte Sibiriens S. N. Balandin
    Ordner aus dem Archiv des Architekten Wladimir Piwkin
  • Verzeichnis der Ausstellungswerke von El Lissitzky in der Bildergalerie des Wissenschaftshauses Akademgorodok, 1967 © Museum der Architekturgeschichte Sibiriens S. N. Balandin
    Verzeichnis der Ausstellungswerke von El Lissitzky in der Bildergalerie des Wissenschaftshauses Akademgorodok, 1967

Die Ausstellung der Werke aus Schigalkos Sammlung wurde im Jahre 1966 sang- und klanglos eröffnet, jedoch schon begann man damit, neue Projekte vorzubereiten. In einer Ankündigung für das Jahr 1967 stehen neben Schigalkos Sammlung auch die Namen Deineka, Korin, Falk, Tscheremnych und sogar Picasso. Picasso in Akademgorodok schien auf den ersten Blick Nonsens zu sein, ein neuer, von Michail Makarenko geschaffener Mythos. Und doch – wie sich Freund*innen erinnerten – hing ein Brief, in dem der spanische Künstler über die Bürokratie in Moskau schimpfte und seine Ausstellung in Sibirien plante, gerahmt an der Wand im Arbeitszimmer des Direktors der Gemäldegalerie.
 
Die wichtigste Leistung von Makarenko bestand darin, dass er Werke von Künstler*innen ausstellte, die in den sowjetischen Museen unerwünscht waren. Dazu zählten Robert Falk, ehemaliges Mitglied der Gruppe „Der Karo-Bube“; Dmitri Grinewitsch, der wegen seiner adeligen Herkunft und des Dienstes in der Zarenarmee zu elf Jahren Lager verurteilt wurde, und Pawel Filonow. In der Galerie wurden Werke von Nikolai Grizuk sowie Sammlungen der Tretjakow-Galerie und des Russischen Museums ausgestellt. In dieser Reihe stand auch die Ausstellung der Werke von El Lissitzky.

In dieser Folge wollten sibirische Architekten eine Ausstellung in Moskau veranstalten

Es ist bekannt, dass an der Ausstellung die Filiale des Verbandes der Architekten in Nowosibirsk beteiligt war, und zwar die Architekten Sergej Balandin und Wladimir Piwkin. Dafür wurden 30 Exponate aus den Archiven von Sophie Lissitzky-Küppers ausgewählt, einige davon als Originale und die anderen als Fotokopien. Die Ausstellung wurde am 3. Dezember 1967 eröffnet und war bis Mitte Januar zu sehen – so berichtete jedenfalls Michail Makarenko in seinem Brief an den Präsidenten der Moskauer Filiale des Verbandes der Architekten. In seinem Schreiben bat er um Erlaubnis, diese Ausstellung auch in Moskau veranstalten zu dürfen, eventuell in einem größeren Format, um zugleich Werke aus der Tretjakow-Galerie, dem Bachruschin-Theatermuseum und aus privaten Sammlungen auszustellen. Makarenko fragte außerdem an, ob die Ausgabe eines Ausstellungskatalogs finanziert oder wenigstens die Herstellung der Druckvorlagen übernommen werden könnten, in diesem Fall könne die Gemäldegalerie die Kosten für die Druckarbeiten selbst tragen. Er bat weiterhin darum, eine Reise von zwei Personen nach Moskau zu bezahlen – für ihn selbst und für Jen Lissitzky oder einen der Nowosibirsker Architekten.
 
Diese Vorschläge stießen jedoch auf kein Interesse.

Ausstellung von Lissitzky in Akademgorodok, 1967. Teil 1. Früheres
 

  • Dreifaltigkeitskirche (<i>Schwarze Kirche</i>) in Witebsk, 1910, Privatsammlung © Privatsammlung
    Dreifaltigkeitskirche (Schwarze Kirche) in Witebsk, 1910, Privatsammlung
  • Erinnerungen an Ravenna, 1914, Sammlung des Van Abbemuseums, Eindhoven, Niederlande © Van Abbemuseum
    Erinnerungen an Ravenna, 1914, Sammlung des Van Abbemuseums, Eindhoven, Niederlande
  • Bucheinband <i>Sichat Chulin</i> von Moshe Broderson (<i>Prager Legende</i>), 1917. Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau, Russland © Staatliche Tretjakow-Galerie
    Bucheinband Sichat Chulin von Moshe Broderson (Prager Legende), 1917. Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau, Russland
  • Das Buch in Form einer Schriftrolle <i>Prager Legende</i>, Russische staatliche Bibliothek, Buchmuseum, Moskau, Russland © Buchmuseum
    Das Buch in Form einer Schriftrolle Prager Legende, Russische staatliche Bibliothek, Buchmuseum, Moskau, Russland

Es scheint, dass von dieser Ausstellung keinerlei Spuren geblieben sind außer Zeitungsartikeln, und keine*r der Zeitgenoss*innen, mit denen Kontakt aufgenommen wurde, kann sich an Details erinnern. Der Architekt Alexander Loschkin sagte bereits vor zehn Jahren, dass ein Plakat für diese Ausstellung irgendwo in seinem Archiv gelagert wurde, konnte dieses aber nicht finden.

Ausstellung von Lissitzky in Akademgorodok, 1967. Teil 2. Prouns
 
  • Proun E1 <i>Stadt</i>. 1919–1921, Lithographie. Van Abbemuseum, Eindhoven, Niederlande © Van Abbemuseum
    Proun E1 Stadt. 1919–1921, Lithographie. Van Abbemuseum, Eindhoven, Niederlande
  • Proun 6B. Lithographie. Regionales Kunstmuseum Tomsk, Russland © Regionales Kunstmuseum Tomsk
    Proun 6B. Lithographie. Regionales Kunstmuseum Tomsk, Russland
  • Proun 1C <i>Haus über der Erde</i>. Original (Brett), 1919. Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau, Russland © Staatliche Tretjakow-Galerie
    Proun 1C Haus über der Erde. Original (Brett), 1919. Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau, Russland
  • Proun 5A. Gouache, Bleistift, Papier. Thyssen-Bornemisza-Museum, Madrid, Spanien © Thyssen-Bornemisza-Museum
    Proun 5A. Gouache, Bleistift, Papier. Thyssen-Bornemisza-Museum, Madrid, Spanien
  • Proun 43. Geprägtes schwarzes Papier, aufgeklebt auf Karton, Gouache, Aquarell, Tinte, Graphit, Aluminiumfarbe, farbige Papieraufkleber. Um 1922. Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau, Russland © Staatliche Tretjakow-Galerie
    Proun 43. Geprägtes schwarzes Papier, aufgeklebt auf Karton, Gouache, Aquarell, Tinte, Graphit, Aluminiumfarbe, farbige Papieraufkleber. Um 1922. Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau, Russland
  • Ordner für Prouns, Cover. 1923. Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau, Russland © Staatliche Tretjakow-Galerie
    Ordner für Prouns, Cover. 1923. Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau, Russland
  • Figuren-Ordner, Cover. Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau, Russland © Staatliche Tretjakow-Galerie
    Figuren-Ordner, Cover. Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau, Russland
  • Zimmer-Proun. Diabild. Nachgebildet in der Sammlung des Van Abbemuseums, Eindhoven, Niederlande © Van Abbemuseum
    Zimmer-Proun. Diabild. Nachgebildet in der Sammlung des Van Abbemuseums, Eindhoven, Niederlande

Vor vier Jahren stieß dann der Künstler Wjatscheslaw Misin im Archiv des Architekten Wladimir Piwkin im Museum für Geschichte und Architektur Sibiriens (an der Staatlichen Krjatschkow-Universität für Architektur, Design und Kunst Nowosibirsk) auf eine Aktenmappe mit Dokumenten, die auf die Ausstellung von El Lissitzky im Jahre 1967 hinweisen. In der Aktenmappe war Folgendes zu finden: eine handgeschriebene Liste aller ausgestellten Exponate; der genannte Brief von Makarenko mit dem Vorschlag, die Ausstellung in Moskau zu veranstalten; Artikel von S. Balandin und W. Piwkin über Lissitzky sowie der Briefwechsel mit Professor Juri Jaralow, Herausgeber des Sammelwerkes Die sowjetische Architektur. Die Ko-Autoren schlugen vor, ihre Artikel in dem Sammelwerk zu veröffentlichen und bekamen eine abschlägige Antwort.

Ausstellung von Lissitzky in Akademgorodok, 1967. Teil 3. Plakate, Posters
 
  • Plakat <i>Schlagt die Weißen mit dem roten Keil</i>. Lithographie. 1920. Russische staatliche Bibliothek © Russische staatliche Bibliothek
    Plakat Schlagt die Weißen mit dem roten Keil. Lithographie. 1920. Russische staatliche Bibliothek
  • Plakat der ersten russischen Ausstellung in Berlin 1922. Entwurf auf Transparentpapier. Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau, Russland © Staatliche Tretjakow-Galerie
    Plakat der ersten russischen Ausstellung in Berlin 1922. Entwurf auf Transparentpapier. Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau, Russland
  • Plakat der Ausstellung der russischen Kunst in Zürich. Museum für Gestaltung, Zürich, Schweiz. © Museum für Gestaltung
    Plakat der Ausstellung der russischen Kunst in Zürich. Museum für Gestaltung, Zürich, Schweiz.
  • Cover des Kulturmagazins <i>Broom</i>. Entwurf auf Transparentpapier. Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau, Russland © Staatliche Tretjakow-Galerie
    Cover des Kulturmagazins Broom. Entwurf auf Transparentpapier. Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau, Russland
  • Layout des Titelbildes des Kulturmagazins <i>Broom</i>. Sammlung des Van Abbemuseums, Eindhoven, Niederlande © Van Abbemuseum
    Layout des Titelbildes des Kulturmagazins Broom. Sammlung des Van Abbemuseums, Eindhoven, Niederlande
  • Einband zum Buch von Ilja Ehrenburg <i>6 Novellen</i>. Typographischer Abdruck. Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau, Russland © Staatliche Tretjakow-Galerie
    Einband zum Buch von Ilja Ehrenburg 6 Novellen. Typographischer Abdruck. Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau, Russland
  • Einband der niederländischen Zeitschrift <i>Wendlingen</i>. Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau, Russland © Staatliche Tretjakow-Galerie
    Einband der niederländischen Zeitschrift Wendlingen. Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau, Russland
  • Gestaltung des Kinderbuches <i>4 Handlungen</i>. Acht Blätter. Van Abbemuseum, Eindhoven, Niederlande © Van Abbemuseum
    Gestaltung des Kinderbuches 4 Handlungen. Acht Blätter. Van Abbemuseum, Eindhoven, Niederlande

Balandin und Piwkin wurde angeboten, anstelle ihrer Artikel nur Auszüge daraus zu publizieren. Entweder wurde der Vorschlag nicht angenommen oder die Veröffentlichung war wegen Zensur und ideologischer Gründe nicht möglich. Die 1960er-Jahre neigten sich ihrem Ende entgegen, die Zeiten wurden härter.

Ausstellung von Lissitzky in Akademgorodok, 1967. Teil 4. Fotomontage
 
  • <i>Tatlin bei der Arbeit</i>. Fotomontage. Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau, Russland © Staatliche Tretjakow-Galerie
    Tatlin bei der Arbeit. Fotomontage. Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau, Russland
  • Selbstporträt <i>Konstrukteur</i>. Foto. Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau, Russland © Staatliche Tretjakow-Galerie
    Selbstporträt Konstrukteur. Foto. Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau, Russland
  • <i>Die Hand des Konstrukteurs</i>. Gestaltung des Einbands der Publikation von Arbeiten der Architekturfakultät der WChUTEMAS (Höhere Künstlerisch-Technische Werkstätten). 1927. © Staatliche Tretjakow-Galerie
    Die Hand des Konstrukteurs. Gestaltung des Einbands der Publikation von Arbeiten der Architekturfakultät der WChUTEMAS (Höhere Künstlerisch-Technische Werkstätten). 1927.
  • Plakat zur Ausstellung von Lissitzky, Mondrian und Man Ray, Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau, Russland © Staatliche Tretjakow-Galerie
    Plakat zur Ausstellung von Lissitzky, Mondrian und Man Ray, Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau, Russland
  • <i>Lenin und die Massen</i>. Plakatentwurf mit Darstellung von W. I. Lenin, Russisches staatliches Literatur- und Kunstarchiv (RGALI), Moskau © Russisches staatliches Literatur- und Kunstarchiv
    Lenin und die Massen. Plakatentwurf mit Darstellung von W. I. Lenin, Russisches staatliches Literatur- und Kunstarchiv (RGALI), Moskau
  • <i>Leninbühne</i> (Projekt). PROUN 85, 1924. Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau, Russland © Staatliche Tretjakow-Galerie
    Leninbühne (Projekt). PROUN 85, 1924. Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau, Russland
  • <i>Läufer</i>. Diabild. 1926. Sammlung RUSS PRESS FOTO – Redaktionsarchiv des Magazins <i>Sowjetisches Foto</i> © RUSS PRESS FOTO
    Läufer. Diabild. 1926. Sammlung RUSS PRESS FOTO – Redaktionsarchiv des Magazins Sowjetisches Foto

In dieser Folge endet das Tauwetter

Im März 1968 fand das berühmte Liedermacherfestival statt, auf dem Galitsch sang, bald darauf wurde der Klub Integral geschlossen. Im Frühjahr 1968 tauchte „Der Brief der 46“ auf, in dem Wissenschaftler*innen in Akademgorodok ihre Meinung bezüglich der Gerichtsprozesse gegen Dissident*innen äußerten. Das Resultat waren Kündigungen und Druck auf diejenigen, die den Brief unterschrieben hatten.
 
Im Jahre 1968 wurden alle Aktivitäten der Gemäldegalerie eingestellt. Als letzter Tropfen, der bei den Parteifunktionär*innen das Fass zum Überlaufen brachte, erwies sich Makarenkos Absicht, eine Ausstellung mit Werken von Marc Chagall zu veranstalten.
 
Ein Ausstellungsplakat war schon fertig und ein Brief ans Kulturministerium wurde geschrieben, mit Einverständnis von Akademiemitglied Lawrentjew. Aus dem Ministerium kam eine Ablehnung.
 

El Lissitzky war für die Sowjetmacht ein „Exportprodukt“ – dem Westen wurde er als zukunftsorientiertes Schaufenster der UdSSR präsentiert, als Künstler, der den Zusammenhang mit der Avantgarde nicht verloren hat, während seine Kunst für das sowjetische Volk unzugänglich war.

Im nächsten Jahr kehrten Makarenko und Rodionow nach Leningrad zurück, wo zuerst Michail Makarenko und dann auch sein Assistent verhaftet wurden. Im Jahre 1970 wurde Makarenko zu acht Jahren Freiheitsstrafe verurteilt und nicht nur wegen des Schwarzhandels – im Gerichtsurteil war der Artikel 70 des Strafgesetzbuches der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR) erwähnt, über „Aufrufe zum Sturz des Staatssystems“. Wjatscheslaw Rodionow erhielt drei Jahre Freiheitsstrafe.
  Plakat zur Ausstellung von Lissitzky, Mondrian und Man Ray Plakat zur Ausstellung von Lissitzky, Mondrian und Man Ray | © Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau, Russland Inzwischen erschien im Jahr 1967 in der DDR, in Dresden, die Monografie El Lissitzky: Maler, Architekt, Typograf, Fotograf – Erinnerungen, Briefe, Schriften von Sophie Lissitzky-Küppers (im Jahr 1976 folgte die zweite Ausgabe). Das Veröffentlichen von Büchern in der DDR war nicht ungewöhnlich, sondern beinahe alltäglich. Wie es aber Sophie gelungen ist, ihr Buch in kapitalistischen Ländern herauszugeben, ist erstaunlich. Höchstwahrscheinlich wurde das Werk im Ausland mit Unterstützung der Presseagentur Nowosti veröffentlicht, die in der UdSSR außenpolitische Propaganda betrieb. Das Buch erschien 1968 in Großbritannien im Verlag Thames and Hudson und im selben Jahr in den USA, Neuauflagen folgten 1980 und 1992. Das Buch wurde ins Italienische übersetzt und 1967 in Italien veröffentlicht. El Lissitzky war für die Sowjetmacht ein „Exportprodukt“ – dem Westen wurde er als zukunftsorientiertes Schaufenster der UdSSR präsentiert, als Künstler, der den Zusammenhang mit der Avantgarde nicht verloren hat, während seine Kunst für das sowjetische Volk unzugänglich war.
 
In Europa wurde zu jener Zeit das Interesse an russischer Avantgarde geweckt, Ausstellungen mit Werken von El Lissitzky wurden veranstaltet, Bücher und Bildbände veröffentlicht. In der Heimat musste man darauf noch länger als zwanzig Jahre warten.

Statt eines Nachspiels

Bis zu ihrem Tod wohnte Sophie Lissitzky-Küppers in Nowosibirsk. Es gelang ihr nicht, nach Deutschland zurückzukehren, sie erhielt auch die während der Nazizeit gestohlenen Gemälde nicht wieder. Sie sah nicht die große Einzelausstellung der Werke ihres Mannes in Moskau, da diese erst im Jahre 1990 – zum 100. Geburtstag von El Lissitzky – stattfand. Sophie Lissitzky-Küppers starb im Dezember 1978 und wurde auf dem Friedhof Zajelzowskoje beerdigt.
 
Michail Makarenko wanderte kurz nach seiner Entlassung in die USA aus, wo er seine Tätigkeit als Menschenrechtsverteidiger fortsetzte. Er nahm nicht nur auch sein umfangreiches Archiv mit, sondern auch einige Gemälde. Im März 2007 wurde bekannt, dass Makarenko ums Leben gekommen war – von einem gemütskranken, religiösen Fanatiker zu Tode geprügelt.
 
Michail Katschan wohnte seit Mitte der 1990er-Jahre in den USA und verbrachte die letzten Lebensjahre in Kalifornien. Er starb im Jahr 2018.
 
Wjatscheslaw Rodionow verbüßte drei Jahre seiner Strafe im DubrawLag in Mordowien, dort lernte er orthodox-nationalistische Dissident*innen kennen. Jetzt ist er Direktor der Firma Kolokola, die verfallene Kirchen in der russischen Provinz restauriert, Glocken gießt und aufhängt. Wjatscheslaw Rodionow fragte an, ob noch irgendwelche Werke von Lissitzky in der Galerie verblieben sind. Seinen Erinnerungen zufolge hatte Sophie nach der Ausstellung mindestens zwei Gemälde geschenkt. Er sei ein bisschen traurig geworden, als er erfuhr, dass es diese Werke dort nicht mehr gibt und es auch nicht bekannt ist, wann sie verloren gegangen sind.
 

  • Sergej Samoilenko präsentiert das Buch <i>Sophies Testament</i> auf dem Buchfestival, Nowosibirsk, 2016 © Jana Kolesinskaja
    Sergej Samoilenko präsentiert das Buch Sophies Testament auf dem Buchfestival, Nowosibirsk, 2016
  • Jen Lissitzky © Privatarchiv Lissitzky
    Jen Lissitzky
  • Familienähnlichkeit: Sophie in jungen Jahren und Valeria Lissitzky © Privatarchiv Lissitzky
    Familienähnlichkeit: Sophie in jungen Jahren und Valeria Lissitzky
  • Valeria Lissitzky am Grab von El Lissitzky, Moskau © Privatarchiv Lissitzky
    Valeria Lissitzky am Grab von El Lissitzky, Moskau
  • Grab von Sophie Lissitzky-Küppers, Nowosibirsk © Privatarchiv Lissitzky
    Grab von Sophie Lissitzky-Küppers, Nowosibirsk

In der Gemäldegalerie des Hauses der Wissenschaftler wurden im Jahre 2014 Werke der Teilnehmer*innen am internationalen Wettbewerb „Die Welten von El Lissitzky“ ausgestellt – einem der russischen Avantgarde gewidmeten Wettbewerb für die Planung eines Objektes in kleiner architektonischer Form. Am Projekt nahmen 184 Teams von Architekt*innen, Designer*innen und Künstler*innen aus 42 Ländern teil.
 
Jen Lissitzky und dessen zweite Frau besorgten sich israelische Visa und reisten im Jahre 1989 zuerst nach Wien und dann nach Deutschland aus. Er verkaufte erfolgreich mehrere Werke seines Vaters, versuchte dann, Gemälde von Klee und Kandinsky, die einst im Besitz seiner Mutter gewesen waren, aufzuspüren und zurückzubekommen. Schließlich gelang es ihm, ein separates Abkommen mit einem der neuen Besitzer abzuschließen und eine Summe zu erhalten, die für den Kauf einer Hazienda im Süden Spaniens reichte. Das Archiv mit Handschriften, Briefen, Zeichnungen und Collagen übergab er im Jahr 2013 an das Sprengel Museum Hannover. Wie die Hannoversche Allgemeine mitteilte, starb er am 22. Januar 2020.
 
Sergej, Jens Sohn und El Lissitzkys Enkel, lebt in Israel. Zu Beginn der 2000er-Jahre gründete er das El-Lissitzky-Zentrum in Nowosibirsk. Mit seiner Unterstützung drehte Alexandra Archipowa einen Film über El Lissitzky. Die Kunstwissenschaftler*innen Alexander Kanzedikas und Soja Jargina veröffentlichten im Jahr 2004 mit Unterstützung des El-Lissitzky-Zentrums das monumentale, hervorragend durchdachte Werk El Lissitzky. Der Film des Lebens in sieben Bänden. Dieser Titel brachte mich auf die Metapher der Serie.
 
Hoffentlich wird dieser Film irgendwann gedreht.

Sergej Samoilenko Foto: Anton Wesselow © S. Samoilenko Sergej Samoilenko ist Dichter, Übersetzer, Theaterkritiker und Journalist. Er arbeitete als Redakteur der Kulturabteilungen mehrerer Zeitungen, Chefredakteur des Internetmagazins Sib.fm und Koordinator des Sibirischen Zentrums für zeitgenössische Kunst. Zu seinen Übersetzungen zählen Molières Komödie Tartuffe, Stücke von Georges Feydeau, Yasmina Reza, Éric-Emmanuel Schmitt, Alan Ayckbourn, Sébastian Thiéry und andere Dramatiker*innen. Er ist Autor von vier Gedichtbänden. Seine Gedichte wurden ins Englische und Spanische übersetzt.
 

Valeria Lissitzky © V. Lissitzky Valeria Lissitzky wurde geboren und lebt in Nowosibirsk. Sie studierte Sprachwissenschaft und Psychologie und arbeitet als Wohltätigkeitsprojektmanagerin, Übersetzerin und körperorientierte Psychotherapeutin. Sie lenkt die Aufmerksamkeit auf Projekte an der Schnittstelle von Psychologie, Kunst, Innovation und Interaktion. Sie ist begeistert von Musik, beschäftigt sich mit Gesang, schreibt Gedichte. Sie entwickelt und fördert einen integrativen Ansatz von Leben, Gesundheit, Beziehungen und Frieden. Sie ist Urenkelin von El Lissitzky und Sofie Lissitzky-Küppers.

 

Der Text wurde im Rahmen der sibirischen Premiere der Ausstellung „Die Stadt von morgen“ verfasst, die der Architektur des sowjetischen Modernismus gewidmet ist. Die Ausstellung des Goethe-Instituts wurde 2019 in Minsk, Jerewan und Moskau gezeigt. Im Rahmen des Deutschlandjahres 2020/21 präsentiert das Goethe-Institut Nowosibirsk die Ausstellung vom 24. November 2020 bis zum 24. Januar 2021 im Kulturzentrum KZ19. Die Ausstellung umfasst eine große Zeitspanne: vom Konstruktivismus der 1920er-Jahre bis zum sowjetischen Modernismus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und endet mit dem Übergang zur Architektur des Postmodernismus am Anfang der 1990er-Jahre.

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