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Kascha, Kurutob und Craftbier: Ein kulinarischer Stadtspaziergang durch Jekaterinburg

Jekaterinburg
© Markus Niedobitek

Jekaterinburg hat viel zu bieten: Die „Hauptstadt des Urals“ besticht nicht nur durch eine Vielzahl an Konzertsälen, Galerien und Museen, sondern auch durch ihre avantgardistische, konstruktivistische Architektur, monumentale Bauten und zahlreiche Denkmäler. Еrst vor einigen Wochen endete die industrielle Biennale des Urals, eines der größten Kunstprojekte in Russland. Selbstverständlich gehört zu einer modernen und internationalen Großstadt auch ein entsprechendes kulinarisches Angebot, und in der Tat strotzt Jekaterinburg nur so vor Cafés, Bars, Restaurants und natürlich den in ganz Russland berühmt-berüchtigten Shaurma-Imbissen. In diesem Beitrag möchte ich euch, werte Leserinnen und Leser, auf einen ausgiebigen, den Bauchumfang vermutlich ausdehnenden, kalorien- und definitiv abwechslungsreichen Stadtspaziergang mitnehmen. Los geht es bei mir zu Hause.

  • Schnee im Hof @ Markus Niedobitek
    Der verschneite Innenhof meines Wohnblocks…
  • Michurin-Straße © Markus Niedobitek
    … und die verschneite Michurin-Straße, auf der ich wohne.

Ich verlasse meine Wohnung, laufe in Richtung Lenin-Straße und erreiche nach wenigen Minuten mein erstes Ziel: Das Café Kommuna. Das Café ist Teil eines gut besuchten Hostels und hat sowohl eine gemütliche, entspannte Atmosphäre als auch ein ausgesprochen leckeres und preisgünstiges Frühstücksmenü zu bieten: Für 200 Rubel, also knapp drei Euro, bekommt man eine großzügige Portion Kascha – eine Art Haferbrei aus verschiedenen Getreidesorten – mit frischen Früchten, eine Scheibe Toastbrot mit Käse und einem Getränk nach Wahl; ich entscheide mich für einen Cappuccino. Die nächsten Stunden quäle ich mich in der Leseecke des Cafés mit russischer Literatur herum, bevor mir mein Magen endlich ein untrügliches Zeichen gibt: Zeit für Mittagessen.
Uralische Föderale Universität Auf dem Weg zum Mittagessen komme ich am Hauptgebäude der größten Universität der Stadt (Uralische Föderale Universität) vorbei. | © Markus Niedobitek Die nächste Etappe führt mich ins tadschikische Dushanbe – Café Duschanbe, genauer gesagt. Vom Kommuna laufe ich ungefähr 20 Minuten Richtung Osten, biege dann rechts ab und erreiche die Malysheva-Straße, auf der sich das kleine, unscheinbare Lokal befindet. Die Bedienung begrüßt mich freundlich, noch mehr, als ich mit meinen herausragenden Tadschikischkenntnissen zu glänzen weiß: „Salam Aleikom“ (Hallo), „Kurutob und Tee bitte!“, „Rahmat“ (Dankeschön). Kurutob ist eines der bekanntesten tadschikischen Gerichte und zumindest im Duschanbe ausgesprochen lecker: Es besteht aus geschichtetem Fatir – einem ölhaltigen Brot –, das mit würzigem Joghurt, Qurot, dem Namensgeber des Gerichts, zubereitet und anschließend mit kleingeschnittenen Tomaten, Gurken, Zwiebeln und Kräutern bestreut wird. Wie so oft besteht die Genialität des Gerichts aus seiner Einfachheit. Die verschiedenen Bestandteile des Kurutobs fordern alle Geschmackssinne heraus: die angenehme, innen weiche und außen knusprige Konsistenz des fatirs, die leichte Säure des Joghurts, die Frische des Gemüses und der Kräuter. Der Kurutob im Dushanbe ist nicht nur geschmacklich kaum zu übertreffen, sondern mit 150 Rubel (ca. 2 Euro) für eine riesige Portion auch unschlagbar günstig. Den Rest des Nachmittags verweile ich im Café, trinke Tee und lausche den fernöstlichen Klängen, die über die Laptopboxen erschallen. Bereits um 16 Uhr beginnt sich der Himmel zu verdunkeln, nur eine halbe Stunde später ist es bereits stockfinster – die Nacht beginnt.
  • Hauptquartier des Militärbezirks © Markus Niedobitek
    Noch bei Tageslicht aufgenommen: Zwischen Duschanbe und Melodija befindet sich das Hauptquartier des Militärbezirks.
  • Panzer im Hauptquartier © Markus Niedobitek
    Hinter den Zäunen des Hauptquartiers stehen Panzer.
Auf den Weg in die Innenstadt komme ich an der Rjumotschnaja Melodija vorbei, die nach dem früher sowjetischen, inzwischen russischen Plattenlabel benannt ist – und ihrem Namen besonders Freitag- und Samstagnacht alle Ehre macht, wenn lokale DJs einen Mix aus Funk und Soul bis hin zu klassischer Diskomusik und Hip-Hop spielen. Rjumotschnajas waren eigentlich in der Sowjetunion verbreitete, kleine Stehbars mit hauptsächlich hochprozentigen Getränken und Snacks im Angebot. Die Melodija knüpft an diese Tradition an, gibt ihr jedoch mit zahlreichen originellen Eigenkreationen an Schnäpsen eine neue Wendung. Angesichts der frühen Stunde belasse ich es jedoch bei einem lokalen Craftbier und ziehe weiter auf der Lenin-Straße. Nach etwa 20 Minuten biege ich links ab und stoße kurze Zeit später auf mein nächstes Ziel: die Тscheburetschnaja Wremja Tsch.
  Die Tscheburetschanaja bei Nacht Die Tscheburetschanaja bei Nacht. Unten links: Werbung für die „Superdiskoteka“. | © Markus Niedobitek Von der Rjumotschanaja zur Tscheburetschnaja – wir verbleiben in der sowjetischen Tradition. „Wremja“ bedeutet „Zeit“ und das „Tsch“ steht für Tschebureki: dünne frittierte und für gewöhnlich mit einer herzhaften Füllung versehene Teigfladen. Im Unterschied zur Melodija steht hier das Essen dementsprechend etwas mehr im Vordergrund: Die Speisekarte verspricht neben einer breiten Palette an Tschebureki noch zahlreiche andere in Russland beliebte Gerichte wie Borschtsch, Pelmeni und Wareniki, die allesamt uneingeschränkt zu empfehlen sind. Unter dem Motto „Superdiskoteka“ lässt sich in der Wremja Tsch darüber hinaus jedes Wochenende zu Klassikern sowjetischer und russischer Pop- und Diskomusik wie dem bis zum heutigen Tage unübertroffenen „Buchgalter“ von Kombinazija singen und tanzen.

Wer dann immer noch nicht genug hat, findet schräg gegenüber mit dem Mizanthrop den idealen Ort, um die Nacht ausklingen zu lassen. In diesem, verglichen mit seinen Vorgängern etwas weniger sowjetisch anmutenden Etablissement tanzt die Jekaterinburger Jugend bis in die frühen Morgenstunden zu vornehmlich elektronischer Musik und Hip-Hop. Anders als der Name vermuten lässt, sind die Gäste meist sehr freundlich und die Stimmung ist stets ausgelassen.

Eine halbe Stunde Fußweg ist es noch nach Hause, dann endet unser Spaziergang, der leider nur einen Bruchteil dessen zeigen konnte, was Jekaterinburg nicht nur an kulinarischen Höhepunkten zu bieten hat. Ihr seid herzlich eingeladen vorbeizukommen und euch ein eigenes Bild zu machen – es lohnt sich!
 

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