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Interkulturelles Lehren und Lernen
Interkulturelle Lernprozesse neu gedacht

Kulturen sind keine klar abgrenzbaren Netzwerke.
Kulturen sind keine klar abgrenzbaren Netzwerke. | © vege - Fotolia.com

Kulturen sind nicht klar voneinander abgrenzbar und in sich nicht homogen. Vielmehr definieren sie sich über dynamische Beziehungen zu und Interaktionen zwischen Personen. – Was bedeuten diese neuen Erkenntnisse für die Konzeptualisierung interkultureller Lernszenarien? Wie können diese Einsichten in die Praxis umgesetzt werden?

Von Dr. Jürgen Bolten

Kultur und Interkulturalität im Wandel: Die globale Vernetzung ist heute, egal ob in der Ökonomie, der Ökologie, der Logistik oder der Medientechnologie, allgegenwärtig. Nicht nur die  politischen Strukturen scheinen sich momentan wieder zu verhärten, sondern auch Ab- und Ausgrenzungen nehmen weltweit zu und Migrationsbewegungen werden gebremst. All das geschieht innerhalb eines Netzwerks, in dem Menschen sich nicht mehr in der Weise isolieren lassen, wie es vor wenigen Jahrzehnten noch der Fall gewesen ist. Kulturen, gleichgültig wie weit oder eng man diesen Begriff fasst, gewinnen ihre Identität heute weniger aus sich selbst heraus als vielmehr durch die Qualität ihrer Beziehungen zu anderen kulturellen Akteursfeldern. Mit der Bezeichnung Akteursfeld, sind überwiegend Netzwerke von Menschen aber zunehmend auch von nicht-menschlichen Handelnden, wie beispielsweise im Kontext des Internets der Dinge, gemeint.

Kulturen sind offener, dynamischer und untereinander stärker verflochten. Denkt man diese Perspektive konsequent zu Ende, gelangt man zum Begriff der Transkulturalität. Dahinter verbirgt sich die Annahme, dass Kulturen Mischformen und faktisch nicht voneinander abgrenzbar sind. Der Philosoph Wolfgang Welsch hatte diesen Transkulturalitätsbegriff in den 1990er Jahren gegen ein Interkulturalitätsverständnis stark gemacht, das primär strukturell ausgerichtet und durch Kulturvergleiche geprägt war. Laut Welsch würden dadurch Abgrenzungen zwischen den Kulturen erzeugt, die kulturelle Homogenität suggerieren. Folge dieses Verständnisses sind unzulässige Generalisierungen und Stereotypenbildungen – also das Gegenteil dessen, was interkulturelles Lehren und Lernen eigentlich bezweckt. Diese Kritik ist berechtigt. Jedoch hat das Konzept der Transkulturalität auch seine Schwachstelle. Die entgrenzende, transkulturelle Perspektive wird den realen Gegebenheiten von Abgrenzungen, Strukturkonflikten und Machtinteressen nicht gerecht. Aktuelle Diskurse, die Kultur und Interkulturalität neu zu denken beanspruchen, versuchen das Strukturelle und das Prozesshafte miteinander zu verknüpfen. Kultur repräsentiert hierbei die Strukturperspektive und Interkulturalität die Prozessperspektive – gleichsam als zwei Seiten derselben Medaille.

Veränderte Grundannahmen interkultureller Forschung

Auch wenn aktuelle Plädoyers für eine Neuorientierung der Interkulturalitätsforschung und des interkulturellen Lernens sehr vielfältig argumentieren, stimmen sie hinsichtlich ihrer Grundannahmen überein: Kulturen basieren, unterstützt durch Gewohnheiten, Übereinkünfte oder Gesetze, auf den konventionalisierten Handlungsregeln ihrer Akteure. Da sich Menschen oftmals nicht nur zu einer, sondern zu mehreren Kulturen zugehörig fühlen, sind diese Prozesse komplex. Je vielfältiger sich das Aushandeln gestaltet, desto problematischer ist es, Kulturen als homogene, klar abgrenzbare Netzwerke zu beschreiben. Daher sind Eigenes und Fremdes miteinander verwoben und bilden lediglich Eckpunkte in einem Spektrum mit unterschiedlichen Graden von Vertrautheit und Unvertrautheit. Man spricht von einer interkulturellen Situation, wenn in ihr Unvertrautheit und Unbestimmtheit überwiegen. Das liegt daran, dass keine plausiblen Regeln zum Verhalten und zum Handeln bekannt sind. Interkulturell kompetentes Handeln besteht darin, Regeln unter Einbeziehung der Sichtweisen von Interaktionspartnern aushandeln zu können. Gelingt dies, nimmt der interkulturelle Prozess mit dieser Strukturierung erste fragile Formen von Kulturalität an. Interkulturelles Handeln kann durchaus zu Missverständnissen führen, sollte aber in erster Linie als Chance verstanden werden Neues zu entwickeln und unbekannte Potenziale zu entfalten.


Interkulturelles Handeln bedeutet, die Sichtweisen der anderen Personen während des Aushandelns von Regeln zu berücksichtigen. Interkulturelles Handeln bedeutet, die Sichtweisen der anderen Personen während des Aushandelns von Regeln zu berücksichtigen. | © Trueffelpix - Fotolia.com

Konsequenzen für interkulturelles Lehren und Lernen

Vor dem Hintergrund der veränderten theoretischen Grundauffassungen ist offenkundig, dass auch etablierte Ansätze interkulturellen Lehrens und Lernens überdacht werden müssen. Übungen, die mit „Dos & Don´ts“ arbeiten, oder Aufgaben, die Kulturen auf Nationalkulturen reduzieren und versuchen, diese mit Hilfe von Dimensionsmodellen oder standardisierten Annahmen zu erklären, sind mit den neuen Paradigmen nur schwer vereinbar. Gleiches gilt für Rollenspiele und Simulationen mit zwei gegensätzlich konstruierten und entsprechend in sich homogen dargestellten Kulturen oder für „Culture Assimilator-Übungen“, die interkulturelle Missverständnisse monokausal erklären.
Neue Übungstypen zum interkulturellen Lernen, die den oben beschriebenen Wandel berücksichtigen, liegen derzeit in größerem Umfang noch nicht vor. Entsprechende Initiativen, unter anderem auch die Konzeptentwicklung für Interkulturelle Trainings des Goethe-Instituts, sind angestoßen worden. Zu den übergreifenden Lernzielen zählen dabei:
  • Konstruktiver Umgang mit Unbestimmtheits- und Unsicherheitssituationen
  • Perspektiven reflektieren und dementsprechend handeln
  • Unterschiede nicht nur hinsichtlich ihres Missverständnis-, sondern vor allem hinsichtlich ihres Chancenpotenzials verstehen
  • Synergiepotenziale identifizieren und umsetzen
  • Bewusstsein für Machtasymmetrien entwickeln, die bei interkulturellem Handeln auch durch unterschiedliche Sprachkompetenz entstehen können
  • Kulturen als nicht scharf voneinander abgrenzbare, mehrwertige und potenziell offene Netzwerke verstehen
  • Kulturelle Entwicklungen in ihren globalgeschichtlichen Zusammenhängen verstehen
  • Für interkulturelles Handeln motiviert sein und selbst dazu motivieren

Potenzial von digitalen Medien

In methodisch-didaktischer Hinsicht geht es darum, den Erfahrungshunger der Lernenden zu wecken und ihnen zu zeigen, wie sie unterschiedliche kulturelle Netzwerke selbst entdecken. Außerdem benötigen Lehrende Methoden, mit denen sie Interkulturalität nicht nur thematisieren, sondern auch initiieren. Hierbei eröffnen digitale Medien Möglichkeiten, die bei weitem noch nicht ausgeschöpft sind: Durch virtuelle Klassenräume können Lerner(gruppen) weltweit im Rahmen virtueller Planspiele miteinander agieren und aktuelle Themen in Projekten kollaborativ erarbeiten. Zusammenarbeit unter Bedingungen von Mehrsprachigkeit, Zeitverschiebung und Unbestimmtheit lässt sich auf diese Weise live realisieren. Mit Hilfe von Screencasts können Lernende diese Prozesse grenzüberschreitend gemeinsam im virtuellen Raum analysieren. Derartige Lernszenarien bieten Schnittstellen zu allen angeführten Lernzielen.
Ähnliches gilt für digital unterstütztes entdeckendes Lernen: Google Earth und Street View ermöglichen nicht nur sehr differenzierte Entdeckungsreisen, sondern dokumentieren aufgrund der von Nutzerinnen und Nutzern weltweit hinterlegten Bilder und Kommentare gleichzeitig auch unterschiedlichste Perspektiven auf ein und denselben Sachverhalt.

Aber auch für nicht-digitale Lernszenarien lassen sich leicht Übungen für neues interkulturelles Lernen entwickeln: „Positive Incidents“ sind Ereignisse, die nicht auf Missverständnissen beruhen, sondern in denen die Potenziale der Beteiligten zusammenwirken. Sie lassen Neues entstehen, das keiner der Beteiligten allein hervorgebracht hätte. Ebenso zählen zu diesen Übungen Rollenspiele, die Mehrfachidentitäten ihrer Akteure berücksichtigen; Fallstudien, in denen die Entfaltung interkultureller Synergiepotenziale dokumentiert ist und nicht zuletzt Co-Working Projekte, in denen gegenseitige Wertschätzung und ein bewusstes Miteinander im Vordergrund stehen. Ein Beispiel hierfür bietet das Zuckerturmspiel:

Gemeinsam ist diesen neuen Übungstypen ihre Zielsetzung, aus einer selbstkritischen Perspektive heraus interkulturelles Handeln als eine Chance des Miteinander und des Vernetzens kultureller Akteursfelder zu verstehen und zu praktizieren. Dabei ist die Gleichwertigkeit von Lokalem und Globalem zu akzeptieren. 
 

LITERATUR

Bolten, Jürgen (Hg.) (2016): (Inter-)Kulturalität neu denken. Sonderheft des Interculture Journal. Bd. 15, H. 26.

Haas, Helene (2009): Das interkulturelle Paradigma. Passau: Stutz Verlag.

Helmolt, Katharina van/Berkenbusch, Gabriele/Jia, Wenjian (Hg.) (2013): Interkulturelle Lernsettings. Konzepte – Formate – Verfahren. Stuttgart: ibidem.

Thiagarajan, Sivasailam/Bergh, Samuel van den (Hg.) (2014): Interaktive Trainingsmethoden. Thiagis Aktivitäten für berufliches, interkulturelles und politisches Lernen in Gruppen. Schwalbach/ Ts.: Wochenschau Verlag.

Welsch, Wolfgang (2009): Was ist eigentlich Transkulturalität? 

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