New Jazz, Improvisation, Elektronische Musik | 12+ Emiszatett Miss-tery feat. Marcus Schmickler

Markus Schmickler, Pegelia Gold, Elisabeth Coudoux im Studio © Privatarchiv

Mi, 08.12.2021

20:00

Bumaschnaja Fabrika (Moskau)

MUSIKALISCHE GEFECHTSAUFKLÄRUNG

Das Goethe-Institut geht in die zweite Runde seines „Jazz im Herbst“-Festivals: für den 3. November erwartete das DOM das Kölner Ensemble mit dem seltsamen Namen „Emiszatett“ (oder Emißatett). Nach offizieller Lesart ist dieser Name einfach vom Vornamen der Gründerin, der wunderbaren Kölner Cellistin Elisabeth Coudoux, abgeleitet und mit einem Suffix versehen, das Gruppen mit bestimmter Teilnehmerzahl kennzeichnet (hier: Quintett). Doch ist auch ein anderer Ursprung denkbar: das lateinische Wort emissarius – „der Späher“. Das passt zu einem Ensemble, das sich dem Erkunden neuer Territorien verschrieben hat, dem Erobern neuer Klangräume und dem Finden einer neuen Sprache. Und die Erkenntnisse aus dieser „Mission“ landen dann selbstverständlich beim Publikum.
 


Emiszatett hat eine ungewöhnliche Instrumentierung: Violoncello, Posaune, Kontrabass, Kleine Trommel (und einige zusätzliche Percussion-Instrumente), Klavier und/oder Synthesizer. Alle Musiker*innen verfolgen außergewöhnliche, mitunter radikale Ansätze ihres musikalischen Spiels bzw. der Tongenerierung. Das Konzert am 3. November in Moskau war allerdings ohne Schlagzeug geplant – stattdessen sollte die Berliner Sängerin Pegelia Gold mit dem Ensemble auftreten; sie wirkte auch bei der Aufnahme des dieses Jahr erschienenen Albums „Earis“ mit. Auf der Bühne gibt Emiszatett vor allem freie Improvisation zum Besten, doch beinhaltet ihre Musik auch zuvor Komponiertes – auch wenn es sich dabei nach Aussage der Hauptkomponistin Elisabeth Coudoux mehr um allgemeine Anweisungen handelt als um konkrete Noten.
 


Die Pandemie durchkreuzte jedoch diese Konzertpläne, und der Auftritt des Ensembles am 3. November im DOM fiel einem kurzfristigen Moskauer Lockdown zum Opfer. Eine ersatzlose Streichung kam allerdings weder für Elisabeth Coudoux noch für die Veranstalter in Frage, und so wurde rasch ein neues Konzert auf die Beine gestellt (wenn auch in anderer Besetzung und auf anderer Bühne). Am Mittwoch, den 8. Dezember, gehört die Bühne im Kulturzentrum „Bumaschnaja Fabrika“ drei Größen der experimentellen Musik: Elisabeth Coudoux, der oben bereits genannten Sängerin Pegelia Gold und dem berühmten Kölner Elektronik-Musiker Marcus Schmickler. Beide – Gold und Schmickler – haben in den vergangenen Jahren häufig mit Emiszatett zusammengearbeitet. Insbesondere Schmickler – vielleicht das größte Highlight unseres Festivals – dürfte dem Moskauer Publikum noch gut in Erinnerung sein aus seinem drei Jahre zurückliegenden fulminanten Quadro-Set im Duett mit dem nicht weniger bekannten Thomas Lehn am Analog-Synthesizer.

Elisabeth Coudoux tritt nicht zum ersten Mal bei „Jazz im Herbst“ auf: sie spielte hier bereits mit dem Köln Quartett des amerikanischen Trompeters Peter Evans. Typischerweise spielt sie freie Improvisationen, in denen jedoch auch komponierte Elemente enthalten sind. Meist spielt sie in (nicht zu kleinen) Kammerensembles mit ungewöhnlicher Instrumentierung – und das ist nicht weiter verwunderlich, denn das Violoncello gehört an und für sich nicht zu den gängigsten Instrumenten für Improvisations-Ensembles. Coudoux spielte bereits oder spielt noch in bzw. mit einem Violoncello-Quartett, einem Quartett mit Klavier, Tuba und Kleiner Trommel, einem Quartett mit zwei Saxofonen und Bassgitarre, einem Quintett mit Turntables, Blockflöte, Waldhorn und präparierter Bassgitarre und weiteren mehr. Außerdem ist sie fester Bestandteil des radikalen Ensembles Zeitkratzer, das buchstäblich jede Art von Musik auf ganz eigene Weise interpretiert: von serbischen Volksliedern bis zu Lou Reeds provokativen Album „Metal Machine Music“, von Kraftwerk bis zu Jazz-Standards.
 

Der Einfluss des Komponisten und Improvisationsmusikers Marcus Schmickler auf die Entwicklung von experimenteller elektronischer Musik der letzten zwanzig Jahre ist wohl kaum zu überschätzen. Beeindruckt von der Musik Stockhausens begann Schmickler 1991 ein Kompositionsstudium bei Johannes Fritsch, der in den 1960er Jahren mit Stockhausen gearbeitet hatte. Schmickler schloss sich damals der Elektro- und Improvisationsgruppe Kontakt an, die die Entwicklung der elektronischen Musik in den 1990er Jahren in vielerlei Hinsicht beeinflussten. 1995 war Schmickler Mitbegründer des Labels und unabhängigen Distributors A-Music. Unter dem Pseudonym Pluramon wurde er zu einem wichtigen Pioniere des Post-Rock; sein Markenzeichen war dabei seine raffinierte Art Klangtexturen zu bilden.
 


Schmickler hat ein ausgesprochen breites Interessensspektrum; es reicht von Experimenten mit Psychoakustik bis zu Musikkompositionen für Theateraufführungen, von der Zusammenarbeit mit Vertretern der akustischen freien Improvisation bis zur Produktion von Minimal-Techno-Tracks. Im Duett mit Thomas Lehn verwendet er SuperCollider und erzeugt damit Klänge in Echtzeit. Schmicklers Musik ist wichtiger Bestandteil namhafter Labels für experimentelle Elektro-Musik wie Mille Plateaux, Erstwhile Records, A-Musik, Max Ernst und Editions Mego.

Bleibt noch die Sängerin Pegelia Gold. Sie tritt bei Emiszatett – wie auch die anderen Mitglieder – vor allem als Instrumentalistin auf: ihre Stimme wird zum Instrument, mit dem sie Klänge und Töne erzeugt. Sonst ist sie häufig auch als Sängerin zu hören (übrigens in durchaus unkonventionellen Projekten, wie auf ihrem Album „Echospheres“, an dem auch Improvisations-Musiker*innen wie Elisabeth Coudoux beteiligt waren), oder an der Schnittstelle verschiedener Genres: eines ihrer letzten Projekte war beispielsweise „Orpheus Has Just Left the Building“ von Peter Fulda, eine Henry Purcell gewidmete Mischung aus Elementen klassischer Musik, Jazz und Avantgarde. Mit Gold erreicht die Musik von Emiszatett scheinbar eine neue Dimension: neben der freien Improvisation und dem Ausloten aller Möglichkeiten der Klangerzeugung rückt nunmehr der Ton als solcher, als reine akustische Schwingung, ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Die Musik des Ensembles erinnert dabei irgendwie an Stücke repetitivistischer Komponisten.
 



Wir haben beschlossen, diesem neuen Trio den Namen Emiszatett Miss-tery zu geben. Erstens werden Teile des Quintetts fehlen, da die Musiker nicht anreisen können, und zweitens ist das, was wir am 8. Dezember zu hören bekommen werden, bislang streng geheim – doch schon bald wird der Schleier gelüftet…
 

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