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Die Wanderausstellung bauhaus.photo
Neu sehen lernen

Die Gymnastiklehrerin Karla Grosch, maßgeblich beteiligt an den Aufführungen der Bühnenklasse, scherzt mit Studenten auf der Terrasse der Bauhaus-Kantine
© Bauhaus-Archiv | Museum für Gestaltung

100 Fotografien aus dem Berliner Bauhaus-Archiv / Museum für Gestaltung touren im Jubiläumsjahr quer durch die USA. Es ist ein sinnlicher Einstieg in das Thema Leben am Bauhaus – aber auch in die Bereiche der Architektur und der Produkte der berühmten Kunstschule. Astrid Bähr und Sibylle Hoiman, die beide an der Ausstellung mitarbeiteten, geben einen Einblick. Eine Übersicht über die Termine finden Sie unter: https://events.wunderbartogether.org/?s=bauhaus-archiv

Liebe Frau Bähr, liebe Frau Hoiman, warum war die Fotografie so wichtig für das Bauhaus?

Die Fotografie war ein gut geeignetes Medium, um sich selbst darzustellen, zu kommunizieren und die Atmosphäre am Bauhaus sowie grundsätzliche Ideen zu vermitteln. Man nutzte sie zur Dokumentation, aber auch, um die geschaffenen Werke unter die Leute zu bringen – beispielsweise in Ausstellungen, Büchern, Zeitschriften und Vorträgen. Die Fotografie wurde aber auch künstlerisch verwendet, insbesondere durch den Einfluss von László Moholy-Nagy, für den die Fotografie zentrales Medium des Schaffens in Theorie und Praxis darstellt. Und ab 1929 war sie unter der Leitung von Walter Peterhans auch Teil der Ausbildung.

Was sehen wir in der Ausstellung bauhaus.photo?

Die Ausstellung zeigt, wie Fotografie am Bauhaus eingesetzt wurde. Die Architektur, die Produkte und die dahinterstehenden Köpfe in Form von Portraits spielen eine große Rolle. Mit dem Kapitel „Leben am Bauhaus“ wird der vielleicht ‚privateste‘ Bereich gezeigt, der Einblicke in den Alltag der Bauhäusler gibt. Einige Aufnahmen sind davon natürlich inszeniert, wie etwa der „Sprung über das Bauhaus“ von T. Lux Feininger.

Und welches ist das berühmteste Bild in der Ausstellung?

Vermutlich eines von Lucia Moholy: Im Auftrag des Bauhaus-Gründers Walter Gropius hat sie das Bauhaus-Schulgebäude fotografiert – die Fotos zeigen eindrucksvoll, nach welchen Grundsätzen Gropius‘ Architektur funktioniert und wie Material, Form und Inhalt übereinstimmen. Bereits vor Eröffnung des Bauhaus-Gebäudes wurden ihre Fotos publiziert und weit verbreitet, sie wurden gewissermaßen zur Visitenkarte des Bauhauses.

Welche Rolle spielte das Paar László und Lucia Moholy-Nagy für die Entwicklung der Fotografie am Bauhaus?

Eine entscheidende! Lucia absolvierte, nachdem sie mit ihrem Ehemann László ans Bauhaus gekommen war, eine Fotografie-Ausbildung im Atelier Eckner in Weimar. Während sie Architektur und Produkte für das Bauhaus dokumentierte, arbeitete László Moholy-Nagy künstlerisch und gelangte zu radikal neuen Lösungen. Er schuf ein neues theoretisches Fundament für die Fotografie als künstlerisches Ausdrucksmittel. Von ihm gingen wichtige Impulse aus, lange bevor die Fotoklasse am Bauhaus eingerichtet wurde. Dies zeigt sich wunderbar in einigen der studentischen Fotografien in der Ausstellungssektion „Leben am Bauhaus“.

Was war so besonders an der Schule des ‚Neuen Sehens‘, die am Bauhaus gelehrt wurde?

Hier wurden neue Sehweisen ausprobiert, etwa in ungewöhnlichen Perspektiven, durch die Fragmentierung der Objekte, durch Mehrfachbelichtungen und Überblendungen oder im Fotogramm, dem Fotografieren ohne Kamera, allein durch die Belichtung des Fotopapiers. Damit konnten im sogenannten ‚Neuen Sehen‘ Wahrnehmungsmuster thematisiert und Sehgewohnheiten auf den Prüfstand gestellt werden.

  • Lucia Moholy-Nagys weltberühmtes Bild des Bauhaus-Gebäudes © Bauhaus-Archiv | Museum für Gestaltung
  • T. Lux Feininger springt über das Bauhaus © Bauhaus-Archiv | Museum für Gestaltung
  • Das Paar László und Lucia Moholy-Nagy prägte die Fotografie am Bauhaus und das Bild des Bauhauses in der Welt fundamental © Bauhaus-Archiv | Museum für Gestaltung

Einige der Bilder zeigen den Alltag der Studentinnen und Studenten am Bauhaus – hier wurde nicht nur studiert, sondern getanzt, gesportelt, Theater gespielt, geliebt. Die Zwischenkriegszeit in Deutschland war aber auch eine Zeit der Armut und des Hungers. Können Sie uns ein realistisches Bild vom Alltag geben?

Der Großteil der überlieferten Fotografien stammt aus der Zeit in Dessau – die schlimmen Hungerjahre der Weimarer Zeit waren da schon vorbei. Ab 1925 besaßen einige der wohlhabenderen Studierenden Kleinformatkameras, die sie auch ihren Mitstudierenden liehen. Auffallend ist, dass die positiven Aspekte des Bauhauses als Gemeinschaft überwiegen, da Fotografie auch ein Medium war, um die Gemeinschaft zu feiern und sich auszutauschen. Das Bild des Bauhauses, das uns über die Fotografien überliefert wird, kann aber immer nur ein subjektives sein.

Die Nazis zwangen die Bauhaus-Schule 1933 in die Knie. Viele Bauhäusler mussten fliehen. Einige sehr bekannte Persönlichkeiten wie Walter Gropius oder Mies van der Rohe, letzter Bauhaus-Direktor, fanden eine neue Heimat in den USA. Wer aus der Fotoschule konnte hier eine neue Karriere aufbauen?

Josef Albers und seine Frau Anni emigrierten bereits 1933 in die USA. Seine am Bauhaus entwickelten Unterrichtsmethoden setzte Albers am Black Mountain College in Asheville, North Carolina, fort. 1937 folgten Walter Gropius und László Moholy-Nagy. Während Gropius in Harvard Architektur unterrichtete, gründete Moholy-Nagy das New Bauhaus in Chicago, später die School of Design, aus der eine ganze Schule von Fotografen und Fotografie-Lehrern hervorging. Unter den in die USA ausgewanderten Bauhäuslern sind auch die Fotografen Walter Peterhans und Andreas Feininger hervorzuheben.

Welche Ideen und Erkenntnisse des Bauhauses haben auch in der heutigen Zeit ihre Gültigkeit?

Die am Bauhaus verhandelten Themen sind mit den heutigen Debatten in Bezug auf Architektur, Wohnen und Arbeiten verwandter als man sich das oft vorstellt. Schließlich befinden wir uns auch heute in einer Gesellschaft, die sich zunehmend in zwei Lager spaltet und von großen sozialen Unterschieden geprägt ist. Die daraus entstehenden Probleme verlangen nach langfristigen Lösungen, für die etwa die Beispiele des sozialen Wohnungsbaus und der Städteplanung der Weimarer Republik Anregungen liefern können. Es ist faszinierend zu sehen, mit welcher Offenheit, Transparenz, Toleranz und auf welch hohem kommunikativem Niveau ähnlich gelagerte Diskurse am Bauhaus geführt wurden. Von dieser Art des Umgangs und der Kommunikation könnte man heute lernen.

Das Bauhaus-Archiv / Museum für Gestaltung besitzt die weltweit größte Sammlung zur Geschichte des Bauhauses (1919-1933). In einem vom Bauhaus-Gründer Walter Gropius entworfenen Gebäude präsentiert die Berliner Bauhaus Institution als Museum für Gestaltung Schlüsselwerke seiner Sammlung und erforscht als internationale Forschungsstätte Geschichte und Wirkung des Bauhauses. Derzeit wird das Bauhaus-Archiv denkmalgerecht saniert und um einen Museumsneubau erweitert. Im temporary bauhaus-archiv werden Interessierten kleinere Ausstellungen und Veranstaltungen geboten.

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