Goethe Intern #3 Amerikaner sind wahre Deutschlandfans

Keith mit einem deutschen Buch
Keith mit einem seiner deutschen Bücher. | © Lara Hansen

In der Zeit, in der ich nun schon hier bin, habe ich eines bestätigen können: Amerikaner sind wahre Deutschlandfans. Biergärten, die mit Weißwurst und Bretzeln werben, gibt es hier satt. Über das ganze Stadtgebiet verteilen sich Spuren der Berliner Mauer. Sogar Bundesligaspiele werden teilweise live übertragen.

Das bedeutet auch, dass die meisten Menschen vor Ort Deutschland mit Hofbräu Bier, Berlin und der Bundesliga assoziieren. Wenn ich ihnen von meiner Heimat mit den endlosen Deichen, frischen Fischbrötchen und Flensburger Bier erzähle, horchen sie erstaunt auf – das ist ein unbekanntes Deutschland. Dabei kann ich auch den Menschen hier mit einem freundlichen „Moin“ begegnen, ohne missmutige Blicke zu ernten. Denn im Südstaaten-Akzent wird das „Morning“ verschluckt und ähnelt durchaus unserem Moin. Allerdings zeichnet die Einwohner Washingtons eine gewisse Überschwänglichkeit aus, die den typischen Nordfriesen fehlen. Aus einem norddeutschen „‘Tschuldigung“ wird so ein wiederholtes „Es tut mir so leid, geht es dir gut? Kann ich dir helfen?“ – ein wahrer Kulturschock.

Meine Gastgeberin, Nancy, hat allerdings weniger von dieser Überschwänglichkeit und mehr von der norddeutschen Gelassenheit. Tatsächlich hat sie nämlich norddeutsche Vorfahren. Ihr Großvater, geborener Muhlmeister, nahm 1890 die lange Reise von Oldenburg nach New York auf sich, ihr Vater und der Rest der Familie wanderten Anfang des 20. Jahrhunderts aus, um den Vater in New Jersey zu treffen. Eines Tages möchte Nancy selbst ihre Wurzeln wiederfinden und in den Norden Deutschlands reisen. Alles südlich von Hannover interessiert sie dabei nicht. „Meine Leute sind im Norden," so Nancy. Als Studentin aus dem hohen Norden bringe ich ein Stück Geschichte nun direkt in ihr Haus. Das ist jedoch nicht der einzige Grund, dass sie mich aufgenommen hat. Sie hatte sich auch Spaß und Abwechslung im tristen Februar gewünscht. Der ist hier schließlich gleicherweise verregnet und verschneit wie in der Heimat, aber natürlich lange nicht so windig.

Auch Keith, Nancys guter Freund und Veteran, holt sich deutsche Kultur ins Haus, indem er gerne Praktikanten bei sich aufnimmt. Zwar hat er selbst keine deutschen Wurzeln, aber ihn verbindet mit Deutschland eine ganz besondere Beziehung. Geboren und aufgewachsen in einem Dorf in South Carolina, ein Südstaat, führte ihn seine erste Überseereise im zarten Alter von 23 Jahren als Veteran nach Deutschland, genauer gesagt, nach Ansbach. Sein erster Eindruck? „Gutes Bier und sehr gutes Essen.“ Eine Erinnerung wird ihn allerdings nie verlassen. Als Teil der Artillerie Einheit an der Berliner Mauer erlebte er am eigenen Leib den Berliner Mauerfall. „Es war verrückt. Alle liefen auf der Autobahn, vollkommen fremde Leute umarmten sich, eine unglaubliche Euphorie lag in der Luft. Nie wieder habe ich etwas Vergleichbares gesehen oder erlebt,“ erinnert er sich und ist sichtlich berührt.

Ein paar Jahre später, von 1995 bis 1998, verschlug es ihn erneut nach Deutschland, diesmal nach Worms. Damals schaffte er es erstmals in den Norden, und zwar nach Hamburg. „Die Menschen waren so groß“, lacht Keith. Außerdem konnte er die bayerische Wurst endlich durch frischen Frisch ersetzen. Der Fisch hatte ihm als Südstaatler durchaus gefehlt, somit entpuppte sich die Hafenstadt als willkommene kulinarische Abwechslung. Das sollte jedoch nicht das letzte Mal bleiben, dass Keith Deutschland besucht. Wenn er in die Rente geht, und seine derzeitige Anstellung in einer IT-Firma aufgeben kann, würde er gerne für mindestens fünf Jahre in Deutschland leben und noch einmal studieren, vorzugsweise Geschichte. An Ambitionen fehlt es ihm nicht für diesen Traum. Täglich liest er fleißig deutsche Geschichtsbücher, lauscht Hörbüchern und schaut jeden Abend die Tagesschau. Wenn er so weitermacht, dann ist es nicht unwahrscheinlich, dass er bald an einer deutschen Hochschule Geschichte studiert. Bis dahin werde ich Keith sowie Nancy weiter der nordfriesischen Kultur annähern, sodass sie am Ende ebenso natürlich „Moin“ wie „Hallo“ sagen – und auf ihrer nächsten Deutschlandreise einen Stopp im hohen Norden einlegen.