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Chicago
Humboldt-Park

Chicago
© Frithjof Vogelsang

Als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Gruppe visionärer Stadtbewohner auf dem Reißbrett Linien zieht, entsteht in Chicago das bis dahin größte Park- und Boulevardsystem in ganz Amerika. Der Plan ist, in der rasant wachsenden und durch die rohe Industrie geprägten Stadt grüne Lungen zum Atmen einzufügen.

Öffentliche Plätze sollen dem urbanen Gewebe mehr Leben einhauchen, die Stadtteile besser erreichbar machen und ökonomische Entwicklung besonders auf dem Wohnungsmarkt anstoßen. Einer der insgesamt sechs Parks, die Chicago in Verbindung mit den Boulevards einkreisen, ist der Humboldt-Park im Westen der Stadt. Neben ihm gehören zum zusammenhängenden System der Lincoln-, Garfield-, Douglas-, Washington- und Jackson-Park. Vor knapp 150 Jahren wurde damit begonnen, den Humboldt-Park in einem überwiegend von deutschen und skandinavischen Einwanderern bewohnten Stadtteil anzulegen. Diese forderten noch vor dem ersten Spatenstich, den Park zu Ehren der Errungenschaften des Entdeckers und Naturforschers Alexander von Humboldt nach ihm zu benennen.

Nachdem der Park nur langsam Gestalt annahm, arbeitete sich der dänische Einwanderer und Architekt Jens Jensen vom Hilfsarbeiter zum leitenden Landschaftsarchitekten des Humboldt-Parks hoch und prägte seitdem maßgeblich die äußere Form des Parks. Inspiriert von der in Mode kommenden Prairie-Architektur konzipierte Jensen einen Fluss, einen Rosengarten, ein Bootshaus und ein Field House für den Park. Diese sind an die Natur des mittleren Westens angelehnt, versehen mit horizontalen Linien, um der Ästhetik der Prairie nahezukommen. Jensen verstand den Park als ein lebendes Labor, in dem er experimentieren konnte. So entstand der Fluss als Erweiterung des künstlich angelegten Sees im Park. Sein gewundener Wasserlauf ist mit Prairie-Pflanzen und kaskadenförmigem Gestein versehen.
 

Doch ist ein Park mehr als seine Architektur, Gebäude und Pflanzenwelt. Parks sind so wie die gesamte Stadt von einem sozialen Raum durchwoben.

Den Rosengarten entwarf er nach der Idee eines Community Garden, der besondere Wichtigkeit für jene Menschen hat, die keine Möglichkeit haben, auf dem eigenen Grundstück Blumen zu pflanzen. Im Groben lässt sich so die physische Gestalt des Humboldt-Parks beschreiben. Doch ist ein Park mehr als seine Architektur, Gebäude und Pflanzenwelt. Parks sind so wie die gesamte Stadt von einem sozialen Raum durchwoben. Parks werden auf unterschiedliche Art und von unterschiedlichen Menschen genutzt. Sie gelten als öffentliche Räume. Damit ist eine uneingeschränkte Zugänglichkeit für alle Bewohner und Besucher einer Stadt gemeint. Dabei ist es ein Recht, den öffentlichen Raum zum „Gemeingebrauch“ nutzen zu können, ohne Eintritt bezahlen zu müssen. Doch trifft das wirklich auf alle Parks zu?

Das Wesen, Verhalten und die soziale Gestalt von Parks zu verstehen, ist schwierig. Die Autorin und Architekturkritikerin Jane Jacobs (1916–2006) bezeichnete Parks als flüchtige Orte und alles andere als Lungen, die entworfen und einfach in die Stadt eingefügt werden können, um positive Effekte zu erzielen. Manche Parks erfreuen sich großer Beliebtheit, während andere verlassen und verfallen sind. Denken wir an die Gruppe von Visionären zurück, die die sechs Parks in Chicago zur gleichen Zeit entwarfen, um die Stadtteile zu beleben und aufzuwerten, und betrachten wir heute die Parks in ihren Stadtteilen, lässt sich eines sofort feststellen: Es gibt zwischen ihnen gravierende Unterschiede. Während der Garfield-Park zu dem Stadtteil mit der höchsten Kriminalitätsrate in Chicago gehört, ist der Lincoln-Park ein beliebtes und sicheres Touristenziel. Wie kommt es, dass sich die Parks so sehr unterscheiden?


Ein wichtiger Aspekt ist, dass ein Park zwar rein rechtlich ein öffentlicher Raum ist, der ihn durchziehende soziale Raum jedoch immer nur auf bestimmte Menschen wirkt. Durch zum Beispiel Angst, soziale Ungleichheit oder kulturell geschlossene Einheiten werden Barrieren geschaffen und andere vom Betreten des Parks abgehalten. Wenn in einem Park eine monotone Nutzung entsteht, ist die Eintönigkeit erstickend und schafft ein Vakuum. Ein ungenutzter Park ist wie eine Straße ohne Augen, sie wirkt gefährlich und wird gemieden.
 

Es gibt eine Vielzahl verschiedener Restaurants und Läden. Am bekanntesten ist die Paseo Boricua, ein Abschnitt auf der Division Street, der eine Art Mikrokosmus der puerto-ricanischen Community darstellt.

Im umliegenden Stadtteil des Humboldt-Parks wohnen seit den 1950er Jahren viele Bürger hispanischer Abstammung. Neben einem Teil der ursprünglichen nordeuropäischen Bevölkerung ziehen aufgrund von Gentrifizierungsprozessen immer mehr Menschen aus unterschiedlichen Einkommensschichten und Berufsgruppen in die angrenzenden Stadtteile. Es gibt eine Vielzahl verschiedener Restaurants und Läden. Am bekanntesten ist die Paseo Boricua, ein Abschnitt auf der Division Street, der eine Art Mikrokosmus der puerto-ricanischen Community darstellt. Die Umgebung hat unmittelbaren Einfluss auf den Park. Diversität in angrenzenden Wohnvierteln führt häufig zu einer lebendigen, kontinuierlichen und ganztägigen Nutzung. Lebendigkeit zieht mehr Lebendigkeit an, im sozialen wie im ökonomischen Sinne.

Durch diese Diversität hat sich im Humboldt-Park eine Entwicklung in Gang gesetzt, die im Park selber eine vielfältige Nutzung möglich macht. So gibt es im Field House ein Kunst-, Musik- und Sportangebot für Jugendliche,  Fußball- und Baseballfelder sowie einen Tennisplatz. Im Bootshaus befindet sich seit mehreren Jahren ein Café. Mit Unterstützung der puerto-ricanischen Community wurde der Umbau der alten Pferdeställe des Humboldt-Parks in ein Museum für puerto-ricanische Kunst und Kultur finanziert. Die Vielfalt in der Umgebung führt zu Vielfalt im Park und somit zu einem öffentlichen Raum, der einen breiten Zugang schafft. Ein Park hängt also unmittelbar von seiner bebauten und bewohnten Umwelt ab.

Die Visionäre schufen ästhetisch schöne Plätze, vielleicht sogar Lungen für die Stadt. Doch müssen eben diese Lungen als Teil eines Körpers verstanden werden, der nicht unabhängig von den anderen Organen gedacht werden kann. Wenn der Wissenschaftler und Architekturkritiker Lewis Mumford die Stadt als „ein geografisches Nervengewebe, eine ökonomische Organisation, einen institutionellen Prozess, ein Theater der sozialen Interaktionen“ definiert, sind Parks als öffentliche Räume ein wichtiger Bestandteil dieses Organismus. Der Humboldt-Park wird im Moment von der umliegenden Community gepflegt, geformt und belebt. Das war nicht immer so, und die Meinungen über die Beschaffenheit und Zugänglichkeit des Parks gehen auseinander. Doch auch das ist ein Wesensmerkmal von Parks und öffentlichen Plätzen.



Ihnen wird eine Bedeutung zugeschrieben. Diese Bedeutung hat eine Zeitlichkeit, die viel eher einem Rhythmus gleicht als einem Bestand. Parks verändern sich ständig, sowie ihre Umgebung sich auch im stetigen Wandel befindet. Der Humboldt-Park ist ein schöner, gepflegter und beliebter Mittelpunkt im Westen Chicagos, der viel zu bieten hat. Durch seine zahlreichen nordeuropäischen und puerto-ricanischen Einflüsse ergibt sich ein buntes und lebendiges Abbild. Der Park hat im Moment sein Gleichgewicht im Rhythmus gefunden. Ob dies so bleibt, und wie sich der Park entwickelt, ist ein kaum planbarer, aber durchaus von der Umgebung beeinflussbarer Prozess.

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