Überwachung Ilija Trojanow

Trojanow by Oliver Raw
Trojanow by Oliver Raw | Foto: Oliver Raw

Am 30. September wollte der deutsche Weltenbummler und Schriftsteller Ilija Trojanow von Brasilien nach Denver fliegen, um ebenda an einer Konferenz über deutsche Literatur, Kultur und Geschichte teilzunehmen. Am Flughafen Salvador de Bahia wird er jedoch festgehalten und darüber informiert, dass er nicht in die Vereinigten Staaten einreisen darf. Trotz fehlender Erklärung glaubt er den Grund zu kennen.

Trojanows bekanntestes Werk ist der fesselnde und im Jahre 2006 preisgekrönte Roman „Der Weltensammler“ über die Abenteuer des Forschers Richard Francis Burton im 19. Jahrhundert. 2009 schrieb er jedoch zusammen mit der Schriftstellerin Juli Zeh ein kurzes Sachbuch mit dem Titel „Angriff auf die Freiheit“, das die Eingriffe der Regierung in die Privatsphäre der Bürger beklagt. Die Autoren stellen die rhetorische Frage: „Warum werden Sie so genau überwacht? Es gibt überhaupt keinen Grund weshalb sich jemand für Sie interessieren sollte, oder? Sind Sie sich da sicher? Sind Sie sich ganz sicher?” Sie erklärten, dass Big Brother in den vergangenen Jahren heimlich die Überwachung von Telefonaten, Einkaufs- sowie Pendelgewohnheiten des deutschen Durchschnittsbürgers (unterstützt durch das Internet, Social Media und GPS) erweitert hatte. Und zwar mit der Logik: „Wer nichts zu verbergen hat, braucht sich auch keine Sorgen zu machen”. Die Autoren widersprechen dieser Logik. „Wir sprechen hier nicht von Ozeanien im Jahre 1984. Das hier ist die Bundesrepublik im Jahr 2009.” So schreiben sie: „Wenn Sie glauben, dass Sie unverdächtig sind, sind Sie ein hoffnungsloser Optimist.”

Sommer 2013 wurde die Vorahnung von Trojanow und Zeh bestätigt. Es wurde in Übersee bekannt, dass infolge der Anschläge vom 11. September die Überwachung Europas durch die amerikanische National Security Agency (NSA) ungeahnte Ausmaße angenommen hatte, die bislang der Öffentlichkeit worden wären. Diese grenzüberschreitende Verletzung der Privatsphäre anderer Nationen ließ der ehemalige NSA-Auftragnehmer Edward Snowden auffliegen, die diplomatischen Folgen spürt man noch heute. In der letzten Oktoberwoche fragte Bundeskanzlerin Angela Merkel den US-Präsidenten Barack Obama, ob ihre Mobiltelefonate abgehört wurden. Daraufhin bekam sie die unvollständige Antwort, dass weder zurzeit noch zukünftig ihre Telefonate abgehört werden. Im Juli waren Trojanow und Zeh unter 70.000 Unterzeichnern eines offenen Briefes an Bundeskanzlerin Merkel, in dem eine starke Reaktion von deutscher Seite auf das Abhören der NSA verlangt wird. Trojanow ging also davon aus, dass seine Einreise wegen seiner lautstarken Kritik an der NSA verweigert worden sei. Am 1. Oktober veröffentlichte er in der F.A.Z. einen Bericht über sein Visum-Debakel, in dem er schrieb: „Es ist mehr als Ironie, wenn einem Autor, der seine Stimme seit Jahren gegen die Gefahren der Überwachung und des Geheimstaates erhebt, die Einreise in das ‚land of the brave and the free‘ verweigert wird.” Es war vielleicht ironisch, aber kaum überraschend, wie Trojanow selbst kommentiert. Mitglieder der deutschen PEN Organisation brachten prompt einen öffentlichen Brief in Umlauf, in dem sie von den amerikanischen Behörden die Gründe für Trojanows Ablehnung verlangen; und bislang scheint die Situation auf sich zu beruhen.

Aber eigentlich ist dem nicht so. Am 14. November soll Trojanow zum zehnten, alljährlich stattfindenden New Literature from Europe Festival in New York als Gast zusammen mit acht weiteren Autoren, „deren Werke nationale Grenzen verschwimmen lassen”, auftreten. Wird ihm die Einreise in die Vereinigten Staaten dieses Mal gewährt werden? Er will sein neues Werk mit dem Titel „EisTau“ (2011, Carl Hanser Verlag) vorstellen, ein bewegender Roman über die Gefahren der Erderwärmung, welcher in den immer kleiner werdenden Gletschern der Alpen und Antarktis spielt; das scheint im Grunde genommen keine Bedrohung der amerikanischen Sicherheit darzustellen. Wenn ihm die Einreise in das Land aber ein weiteres Mal verweigert wird, muss die Frage gestellt werden: In welchem Universum machen eine umfassende Weltanschauung und ein starkes soziales Gewissen einen Mann zu einem Staatsfeind? Trojanow formuliert es in seinem Roman „Der Weltensammler“ anders: als Burtons verärgerter Gastgeber die möglichen negativen Konsequenzen der Reisen des Engländers durch sein Land überdenkt, so grübelt der Offizier Sharif: „Was kann ein einziger Mensch schon anrichten? Selbst wenn er ein Spion ist, ein besonders geschickter und schlauer Spion, was kann ein einfacher Pilger schon beobachtet haben, wie könnte er die Zukunft gefährden…?”

Trojanow, der großteils in Kenia und Deutschland aufwuchs, lebte in seinen Dreißigern eine Zeitlang in Bombay und schrieb ein halbes Dutzend feinfühlig beobachteter Sachbücher über Indien, Afrika und dem Islam. Sein Interesse und seine Neugierde für ferne Länder entstanden von selbst und ohne Hintergedanken. In unserem Zeitalter des Vielfliegertums ist er, wie viele andere auch, jahrzehntelang ungehemmt in unterschiedlichste Nationen gereist. Anders als die Hauptfigur in „Der Weltensammler“ musste er keine gefährlichen Hindernisse überwinden, um sein Wissen zu erweitern. Er war auch nie gezwungen, sich zu verkleiden oder zu tarnen, um sich in fremden Kreisen aufhalten zu können. Mit Blick auf seine kafkaeske Situation, hätte er vielleicht besser selbst auf den Rat seiner eigenen Romanfigur, dem ägyptischen Händler Wali, hören sollen. Dieser sagt zu Burton bevor er seine Haddsch antritt: „Verbergen Sie stets, wie wir zu sagen pflegen, Ihre Ansichten, Ihre Absichten und Ihre Aussichten.” Die derzeitigen internationalen Grenzgesetze stellen jedoch sicher, dass heutzutage kein Reisender inkognito reisen kann, so wie Burton im 19. Jahrhundert. Zusätzlich ist die Meinungsfreiheit—der Wert den die PEN Organisation recht kühn in Trojanows Verteidigung hochgehalten hat—mehr als ein Privileg; es ist ein Recht, welches im Bill of Rights, dem deutschen Grundgesetz und in vielen weiteren nationalen Verfassungen festgehalten wird. Hätte Burton überhaupt nach Mekka, Medina und zu den afrikanischen Tanganjika und Viktoria-Seen (letzterer wurde 1858 immerhin von ihm erstmals auf die Karte gesetzt) reisen können, um einen wertvollen Beitrag zur Literatur und Forschung leisten zu können, wenn ein jeder seiner Schritte und ein jedes seiner Worte auf diesen Reisen beobachtet und kritisiert worden wäre? Sogar im 19. Jahrhundert, lange vor digitaler Spurenhinterlassung, wurde Burton von einer Papierspur geplagt. Ein britischer Offizier im Roman Trojanows denkt über Burtons Problem nach: „Man kann im Grunde genommen alles über sich ändern, jedoch nicht seine Akte. Burton hat ein grundlegendes Verständnis für Ureinwohner, ihre Denkweise und ihre Sprache und das könnte uns von großem Nutzen sein. Doch die Nähe, aus denen seine Kenntnisse stammen, hat bei Leutnant Burton zu Verwirrungen hinsichtlich seiner Loyalitäten geführt.” Die Loyalität eines Soldaten gehört seinem Land, aber die Loyalität eines Schriftstellers geht über geopolitische Anliegen hinaus: sie gehört nur seinem eigenen Werk. Und Trojanow ist kein Soldat.

Schon seit jeher steht die Welt jenen (realen als auch fiktiven) Abenteuerlustigen, die ferne Länder aus der Nähe betrachten möchten, mit gemischten Gefühlen, teilweise mit Bewunderung, teilweise mit Misstrauen, gegenüber. Homer war fasziniert vom listigen Odysseus, der aber von den Trojanern wiederum geächtet wurde. Diese verübelten ihm seine Kenntnis von ihren geheimen Traditionen und Sitten, deren Übermittlung an die Griechen eben diesen schließlich die Einnahme der Festungsstadt gewährleistete. Burton, dessen einzigartige Berichte über Indien, Afrika und die islamische Welt einen erheblichen Teil zur Dokumentation der Weltgeschichte beigetragen haben, wurde von seinen Zeitgenossen und fremden Gastgebern als widerspenstiger und unmoralischer Exzentriker verspottet. Und es ist nicht so lange her, dass die amerikanische Zoologin Dian Fossey, die ihr Leben der Forschung der Primaten in Ruanda widmete, 1985 dort ermordet wurde - ein Fall, der bis heute ungelöst ist. Trojanow ist nur das jüngste Mitglied dieser langen, erlesenen Reihe. In Lebzeiten erwerben diese Forscher genauso viele Feinde, wie Freunde; nach ihrem Tod und in der Literatur werden ihre Heldentaten zur Legende.

Für die, die versuchen, Ilija Trojanows Untersuchungen der globalen Kultur oder seine literarische Leistungen zu drosseln, sollten sein gesamtes Schaffenswerk lesen und dann den Vorwurf achten, den Sir Richard Burton in Trojanows Roman an einen Fremden richtet, der ihn für sein Einmischen in die Kämpfe anderer kritisiert hatte: „Ihr denkt immer nur in groben Mustern, Freund und Feind, unser und euer, schwarz und weiß. Könnt ihr euch nicht vorstellen, dass es etwas dazwischen gibt?”