Übersetzungsliteratur Im Gespräch mit Ross Benjamin

Ross Benjamin by Lauren Benjamin
Ross Benjamin by Lauren Benjamin | Foto: Lauren Benjamin

Übersetzer Ross Benjamin trägt mit seiner Expertise zum Thema Deutsche Übersetzung am US-Buchmarkt bei.

In den letzten Jahren sind zahlreiche hochwertige Übersetzungen ins Englische von anspruchsvollen und bedeutenden Werken der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur erschienen. Talentierte Übersetzer und Übersetzerinnen wie Susan Bernofsky, der wir den originellen und packenden Roman Visitation (Heimsuchung) von Jenny Erpenbeck in Englisch verdanken, oder Shelley Frisch, die uns Reiner Stachs meisterhafte, tiefgreifende Biografie von Kafka näher brachte, haben die Grenzen der englischsprachigen Literatur neu definiert und Platz für bisher unbekannte Stimmen geschaffen, die gerade durch ihr Anderssein faszinieren. Englische Übersetzungen – darunter auch Anthea Bells Version des tragikomischen Romans Wie der Soldat das Grammofon repariert (How the Soldier Repairs the Gramophone) des in Bosnien geborenen, deutschen Autors Saša Stanišić, David Dollenmayers Übersetzung des surrealen Romans Crossing the Hudson (Die Reise über den Hudson), geschrieben von dem jüdischen Austro-Amerikaner Peter Stephan Jungk, und Tess Lewis’ in Kürze erscheinende Version des bewegenden Romans Tauben fliegen auf (Fly Away, Pigeon) von der in Serbien geborenen, Schweizer Autorin ungarischer Abstammung Melinda Nadj Abonji – spiegeln zunehmend die Vielfältigkeit der heutigen Literaturlandschaft im deutschsprachigen Raum wider. Diese Vielfalt stellte auch das Thema des diesjährigen Festival Neue Literatur dar, bei dem deutsche, österreichische und Schweizer Schriftsteller verschiedenster Abstammung vertreten waren. 

Hierbei wird immer mehr Literatur neu entdeckt, sowohl weithin anerkannte Werke als auch solche, die bisher keine Beachtung fanden. So auch Breon Mitchells Neuübersetzung des Günter Grass Romans Die Blechtrommel (The Tin Drum), Bernofskys Übersetzungen einiger Werke von Robert Walser und ihre Neuübersetzung der Kafka-Erzählung Die Verwandlung (The Metamorphosis), Philip Boehms Übersetzung des Romans Ein Hermelin in Tschernopol (An Ermine in Czernopol) von Gregor von Rezzori, und Burton Pikes Übersetzung von Gerhard Meiers Toteninsel (Isle of the Dead). Die hier genannten Übersetzer und Übersetzerinnen zeichnen sich durch ihre Fähigkeit aus, die kulturellen Eigenheiten und den sprachlichen Erfindungsgeist des Originaltexts nicht nur zu wahren, sondern auch hervorzuheben, und dabei die Möglichkeiten der englischsprachigen Literatur zu erweitern. Jedes dieser Werke ist – um eine Metapher des hervorragenden deutsch-englisch Übersetzers John E. Woods zu verwenden – ein "Handgranatenwurf über die Mauer" des Provinzialismus der englischsprachigen Welt. 

Trotz der Vielfalt und Qualität dieser Übersetzungen vom Deutschen ins Englische finden sich in der englischsprachigen Verlags- und Medienlandschaft immer noch eingefahrene Verhaltens- und Denkweisen, die das Einflusspotenzial von literarischen Übersetzungen hemmen. Übersetzer, die vom Deutschen ins Englische arbeiten – und hierzu gehöre auch ich – müssen gegen diese Situation ankämpfen, sofern sie ihrer Arbeit nachgehen, angemessen bezahlt, als Autor der Übersetzung namentlich genannt und zumindest in irgendeiner Form Anerkennung hierfür finden wollen. Gewiss verdankt jedes der hier genannten Bücher sein Dasein einem Verlag, der ein Wagnis eingegangen ist und dessen Engagement hier nicht in Zweifel gezogen werden soll. Ich selbst habe bereits mit einigen vorbildlichen Verlagen, die Übersetzungen publizieren, zusammengearbeitet. Wenn ich das Umfeld generell als abweisend bezeichne, dann nicht, um die Methoden und Werte irgendeines bestimmten Verlags zu kritisieren. Tatsächlich sind die hier beschriebenen Verhaltens- und Denkweisen lediglich Symptome für weitaus tiefgründigere Marktfaktoren, die sich über den Rahmen dieses Artikels hinaus erstrecken. 

Allerdings gibt es eine Reihe von Hindernissen bei der Übersetzung von internationalen Literaturwerken ins Englische. Hierzu gehören u.a. der in der Literaturbranche vorherrschende, selbstbestätigende Glaube, dass Übersetzungen "sich nicht verkaufen lassen", und der hieraus resultierende Mangel an Geldern für deren Publikation und Vermarktung (sei es, weil ein großer Verlag – bei dem es von vornherein unwahrscheinlicher ist, dass überhaupt Rechte für ein Buch in einer Fremdsprache erworben werden – für die wenigen Bücher, die doch aufgenommen werden, nur ein minimales Budget zur Verfügung stellt, oder weil ein kleinerer Verlag schlichtweg nicht die nötigen Mittel hat). Auch seltene Rezensionen und geringe Beachtung durch die Medien − was auf die oben genannten Umstände und den automatischen Ethnozentrismus der anglo-amerikanischen Literaturkultur zurückzuführen ist − sowie ein Mangel an Kritikern, die, mit den Worten von David Dollenmayer, "zu einer fundierten Beurteilung der Qualität der Übersetzung in der Lage sind", stellen Probleme dar. Für literarische Übersetzungen ist es deshalb nur schwer möglich, sich bei einer breiten Leserschaft im englischsprachigen Raum zu etablieren. 

Die Annahme, dass englischsprachige Leser grundsätzlich etwas gegen Übersetzungen haben – also eine ganze Kategorie der Literatur mit einer großen Vielfalt an Texten – ist äußerst fragwürdig, zumal diese völlig außer Acht lässt, inwieweit die treibenden Kräfte des Buchmarktes die Aufgeschlossenheit der gesellschaftlichen Kultur beeinflussen. Die Reduzierung des Einzelnen auf genau kalkulierbare Verbraucherpräferenzen ist ein Zeichen unserer Zeit. Wenn diese Präferenzen dann als Basis für sämtliche Produkte, die wir vorgesetzt bekommen, gelten, schließt sich der Kreis um uns. Was bleibt da noch, um derart vorgefasste Meinungen über unser Wesen zu sprengen, wenn nicht die Kunst der Literatur: Werke, die uns nicht immer nur das geben, wonach wir uns ihrer Meinung nach sehnen, sondern uns ermöglichen, in fremde Welten einzutauchen, die uns auf ungeahnte Weise verändern. 

Natürlich sind es nicht nur Bücher in Übersetzung, die uns andere Perspektiven eröffnen können. Heterogenität innerhalb der englischsprachigen Literatur muss ebenso gefördert werden wie die Vielfältigkeit bei ausländischen Werken. Die Bedrohung durch kommerzielle Vereinheitlichung existiert in beiden Bereichen. Shelley Frisch weist darauf hin, dass manche Lektoren und Lektorinnen (wenn auch nicht ihre eigenen) bei Übersetzungen solche Texte bevorzugen, die "möglichst wenig auf Eigenheiten der fremden Kultur anspielen. Folglich sind auch die Übersetzungen selbst teilweise stark an die landeseigenen Normen angepasst: Sätze werden gekürzt, erklärende Übergänge werden hinzugefügt, fremdartige Inhalte werden angeglichen. Das Ziel ist ein Endprodukt, das kaum mehr von einem Text zu unterscheiden ist, der ursprünglich auf Englisch verfasst wurde." Ein derartiges Erzeugnis kann lediglich einem mittelmäßigen Text der englischsprachigen Literatur gleichkommen, also einem Schriftstück, das möglichst wenig von den gängigen kulturellen und linguistischen Normen abweicht. Dieses Auslöschen von jedem noch so kleinen Funken Fremdartigkeit führt zu einer Konventionalisierung von Werken, deren Wert und Stärke gerade in ihrem Verstoß gegen vorgefasste Denkmuster liegt. Die Neigung dazu, eine weitläufige Erschließung der kreativen und linguistischen Möglichkeiten im Keim zu ersticken, stellt eine Gefahr für die Literatur im Allgemeinen dar – egal, ob es sich hierbei um Übersetzungen oder Originaltexte handelt.