Prix Europa 2016 „Wir wollen, dass gute Stoffe entwickelt werden“

Susanne Hoffmann
Susanne Hoffmann | Foto (Ausschnitt): © Prix Europa - prixeuropa.eu

Was bewegt Medienmacher in Europa? Nirgendwo kann man das so kompakt und auf hohem Niveau erleben wie beim Prix Europa. Ein Gespräch zum Jubiläum des 30. Festival-Jahrgangs mit der Festivaldirektorin Susanne Hoffmann.

Frau Hoffmann, den Prix Europa kennt außerhalb der Medienbranche kaum jemand. Dabei ist es das größte Festival seiner Art. Worum geht es?

Der Prix Europa ist ein Wettbewerb zur Wahl der Besten Europäischen TV-, Radio- und Online-Produktionen des Jahres. Und wer diese Auszeichnung verdient, entscheiden Hunderte von europäischen Medienmachern. Im Jahr 2016 sind dafür 231 Produktionen mit einem hohen Qualitätsanspruch nominiert.

Wie definieren Sie Qualität?

Für mich hat ein Programm Qualität, wenn es meinen Horizont erweitert, mich zum Nachdenken bringt. Für unsere Fachjuroren steht natürlich besonders die handwerkliche Qualität im Vordergrund. Aber auf den Stimmzetteln gibt es auch das Kriterium „Overall impression“, also Gesamteindruck. Und da sind wir wieder bei der Frage: Hat mich das Programm erreicht? 

Also ist der Prix Europa eine Art Leistungsschau der europäischen Medien?

Uns geht es neben der Auszeichnung der Besten besonders auch um die Begegnung der Medienmacher. Der Prix Europa ist ein Arbeitsfestival, ein Workcamp. Bei uns gibt es außer der Preisverleihung keine großen Galas. Das Wichtigste ist die Woche davor, das intensive Sehen und Hören dessen was die Kollegen gemacht haben.

Warum ist das so wichtig?

Die Autoren arbeiten oft sehr isoliert unter schwierigen Bedingungen und bekommen wenig Feedback. Das sind einsame Menschen, die Geschichten haben, die sie unbedingt erzählen wollen. Die müssen zwischendurch mal das Gefühl haben: Ich bin nicht allein.

Die Seh- und Hörgewohnheiten anderer Länder kennen

Eine Besonderheit des Prix Europa sind die offenen Jurysitzungen. Wie laufen die ab?

Die Autoren sitzen mit in der Vorführung und danach wird gemeinsam diskutiert. Das Wertvolle daran ist der Austausch auf europäischer Ebene. Viele Produktionen sind ja heute Koproduktionen, die ins Ausland verkauft werden. Da ist es wichtig, die Seh- und Hörgewohnheiten anderer Länder zu kennen.

Bei Filmen und Serien kann man Untertitel einblenden. Wie funktioniert das gemeinsame Hören bei den Radiostücken?

Jedes Manuskript wird ins Englische übersetzt. Sie hören also ein finnisches Originalhörspiel und haben dazu das englische Skript in der Hand. Bei diesen Vorführungen herrscht eine besondere Atmosphäre – wie in der Kirche. Da sitzen hundert Leute muxmäuschenstill und hochkonzentriert in einem Raum und kein Stuhl darf knarren.

Europa verändert sich

Sie haben 2016 Einreichungen aus 35 Ländern bekommen. Das heißt, Sie definieren Europa über die 28 Mitglieder der EU hinaus?

Unbedingt! Am Anfang, 1987 in Amsterdam, waren nur die EU-Staaten dabei. Der Prix Europa sollte ursprünglich immer in der jeweiligen europäischen Kulturhauptstadt stattfinden. 1988 war das Berlin und da haben wir ganz klar gesagt: Europa sehen wir als Kontinent. Wir schließen den Osten nicht aus! Das Fernsehen der DDR war damals dabei, Bulgarien auch. Die Reise des Festivals durch Europa wurde irgendwann zu aufwendig, deswegen sind wir seit 1996 fest in Berlin verortet.

Als Motto haben Sie 2016 „Changing Europe“ gewählt. Warum?

Das ist doppeldeutig gemeint. Europa verändert sich. Und wir verändern Europa. Programmmacher sind Akteure, nicht nur neutrale Beobachter. Das ist vielen im letzten Jahr klar geworden. Allein die Frage: Sprechen wir von „Flüchtlingskrise“? Oder finden wir andere Worte?

Sie sehen in Ihrem Programm jedes Jahr, was Europa bewegt. Welche Themen sind das im Moment?

Krise! Überall! Wirtschaftskrisen, Terror, die Spaltung der Gesellschaft, Völkerwanderung – der Kontinent verändert sich. Das zeigt sich nicht nur in Dokumentationen, sondern auch im Fiktionalen. Viele Spielfilme und Serien sind heute politisch. Es gibt keine heile Welt.

Made in Germany

Deutschland hat die größte Medienproduktion in Europa. Heißt das automatisch, dass von hier auch besonders viele gute Programmideen kommen?

Es gibt sehr viel Gutes „made in Germany“: Wir zeigen im Wettbewerb 36 Produktionen aus Deutschland. Zum Beispiel den Spielfilm Das weiße Kaninchen, wo es um Cyber-Grooming geht. Und die Serie Ku'damm 56. Aber die deutschen Sender sind große Containerschiffe – es dauert, bis sich da was bewegt. Jetzt, wo sich so vieles in der Medienlandschaft ändert, ist der Moment der kleinen Länder gekommen. Die sind beweglich und gezwungen, für größere Projekte miteinander zu kooperieren. Belgien, Holland und die skandinavischen Länder können das sehr gut.

Und wer gibt im Online-Bereich den Ton an?

Man denkt ja immer, Internet sei so englisch dominiert, aber ich finde Frankreich sehr stark. In unserer Onlinekategorie kommen die spannendsten und auch die teuersten Sachen von dort.

Es gibt insgesamt 13 Programmkategorien beim Prix Europa. Neu dazugekommen ist in diesem Jahr „Digital Audio“. Was gibt es da zu hören?

Wir wollen zeigen, dass auch außerhalb der Rundfunkhäuser Spannendes produziert wird. Gerade im Audiobereich kann man als einzelner Autor sehr unkompliziert und günstig gute Sachen machen. Es ist ein internationaler Trend, dass tolle Features und Hörspiele auch außerhalb der Sender entstehen und sich auch anders finanzieren. Das finden wir gut. Wir wollen, dass gute Stoffe entwickelt werden und dass möglichst viele Menschen sie hören – egal wo.

Susanne Hoffmann ist Festivaldirektorin des Prix Europa und Generalsekretärin von Input, eine internationale Konferenz für öffentlich-rechtliches Fernsehen. Sie ist seit den Anfängen des Prix Europa 1987 mit im Team.