„Berliner Chic“ Uli Richter, Revisited

Rico Puhlmann: uli richter men-Modell fotografiert für die Zeitschrift Constanze Mode, 1973 | Fotografie
Rico Puhlmann: uli richter men-Modell fotografiert für die Zeitschrift Constanze Mode, 1973 | Fotografie | © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek / Klaus Puhlmann, Berlin

Uli Richter hat die deutsche Nachkriegsmode geprägt wie kaum ein anderer: Der Westberliner entwarf unprätentiöse, moderne Mode, die für alle Frauen tragbar sein sollte – und prägte dabei „Berliner Chic“. Zu seinem 90. Geburtstag im Jahr 2016 ehrten ihn junge Modemacher.

Berlin als deutsche Modehauptstadt, das ist heute trotz internationaler Fashion Week eine nicht immer unumstrittene Bezeichnung. Dabei entstand dort schon in den Nachkriegsjahren eine neue, junge Mode, entworfen von Modemachern wie Uli Richter, Heinz W. Claussen oder Heinz Oestergaard. Deren Modelle, teilweise noch vor Berliner Stadtruinen fotografiert, strahlten einen solchen internationalen Chic aus, dass sie schnell als  modisches Zeichen für den  Neuanfang gesehen wurden.

Gerade der Gegensatz eines Alltagslebens in der von Diktatur und Krieg zerstörten Stadt und der frischen Mode des jungen Uli Richter begründeten den „Berliner Chic“. Allerdings betont Richter, der Shootingstar dieser Jahre, bis heute, seine Mode sei immer international und keiner Stadt zuzuordnen gewesen. Später berühmt gewordenen Mode-Fotografen wie F. C. Gundlach, Regina Relang und Rico Puhlmann haben seine Kreationen von Beginn an sehr ungewöhnlich in Szene gesetzt.

Neu interpretiert

Zu seinem 90. Geburtstag widmet das Kunstgewerbemuseum Berlin dem ebenso genialen wie streitbaren Richter eine Sonderausstellung, in der nicht nur Modelle und Fotografien aus seiner langen Karriere und seiner späteren Arbeit als Hochschullehrer an der Berliner Hochschule der Künste zu sehen sind. Gezeigt werden außerdem moderne Entwürfe junger Berliner Designer wie Jennifer Brachmann, Steinrohner, William Fan oder Michael Sonntag – die Richter neu interpretieren und ihn damit ehren.

Heinrich von der Becke: Uli Richter mit den Mannequins Gisela Ebel und Gitta Schilling 1959 Heinrich von der Becke: Uli Richter mit den Mannequins Gisela Ebel und Gitta Schilling 1959 | © Bildarchiv Heinrich von der Becke im Sportmuseum Berlin Das Gefühl Uli Richters für Stoffe und Schnitte, für große Entwürfe und kleine Details gilt bis heute als Maßstab, wenn es in der deutschen Mode um Couture geht. Seine Merkmale, vor allem die harmonischen Farbkompositionen, die klaren Schnitte und die für die damalige Zeit sehr ungewöhnlichen Materialmixe, waren stilbildend: Schlangenleder, Seide, Kaschmir und Tweed fanden sich bei ihm ebenso in einem Kostümentwurf vereint, wie später in seinen Herrenkollektionen Seide, Schurwolle und Samt aufeinander abgestimmt wurden.

Uli Richter entwarf unprätentiöse, moderne Mode, die für alle Frauen tragbar sein sollte. Seine Roben taugten mit ihren eleganten Schnitten und außergewöhnlichen Stoffen aber auch für den großen Auftritt, wie prominente Kundinnen von Kanzlergattin Ruth Brandt über Schauspiel-Ikone Hildegard Knef bis hin zu Fürstin Gracia Patrizia zeigten.

„Ich wolle immer perfekt sein, mein Leben lang“, erklärt Richter den eigenen Anspruch an seine Mode. Dabei war er auch geschäftstüchtig und erkannte früh, dass Marketing und Presse wichtige Teile der Arbeit sind. Schnell griff er internationale Trends auf. So zeigte er ab 1962 als erster Deutscher eine Pret-à-Porter-Linie.

wegweisende Kollektionen

Viele dieser und anderer wegweisenden Kollektionen sind seit 2005 im Besitz des Kunstgewerbemuseums – allein 661 Modellkleider, Mäntel, Kostüme und Accessoires von 1949 bis 1989, dazu 3.000 Fotografien und 11.000 Zeichnungen. Die jungen Designer, die um eigene Interpretationen Richters gebeten worden waren, konnten sich aus diesem Fundus Fotografien, aber auch Modelle zur Ansicht aussuchen.

Die mit ihren Herrenkollektionen international erfolgreiche Designerin Jennifer Brachmann nahm sich für ihren von Richter inspirierten Entwurf vor allem die Silhouetten zum Vorbild: lange Mäntel und Hosen mit weitem Bein. Diese Klassiker zerlegte sie anschließend in Basismodule. Das Ergebnis ist ein sehr modern aussehender Mantel mit Raglanärmeln, großen Seitentaschen und vorderer, halber Keller-Falte. Sie habe darauf geachtet, dass die Klassiker miteinander kommunizieren, indem sie die Linien des Mantels in den Linien der hochgeschnittenen Hose wieder aufnehme, so Jennifer Brachmann, die sich außerdem von den Frauenkollektionen inspirieren ließ, „insbesondere von deren verspieltem Detailreichtum“, wie sie hinzufügt.

  • Regina Relang: Hahnentritt-Complet von Uli Richter, 1959 | Fotografie | Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek © Münchner Stadtmuseum / Sammlung Fotografie, Archiv Relang
    Regina Relang: Hahnentritt-Complet von Uli Richter, 1959 | Fotografie | Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek
  • Uli Richter für S & E Modelle: Blau-weißes Cocktailkleid, 1959 © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum / Fotostudio Bartsch, Berlin
    Uli Richter für S & E Modelle: Blau-weißes Cocktailkleid, 1959
  • Uli Richter für S & E Modelle: Abendensemble 1957 © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum / Fotostudio Bartsch, Berlin
    Uli Richter für S & E Modelle: Abendensemble, 1957
  • Ruth Doering: Skizze eines Mantels aus einer der ersten Kollektionen von Uli Richter, 1959/1960  © Uli Richter
    Ruth Doering: Skizze eines Mantels aus einer der ersten Kollektionen von Uli Richter, 1959/1960
  • Uli Richter: Grafitfarbener Doublefacewendemantel mit Norwegermuster und Prinzesskleid, 1960 | Lace-Tweed, Maschinenstrick © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum / Fotostudio Bartsch, Berlin
    Uli Richter: Grafitfarbener Doublefacewendemantel mit Norwegermuster und Prinzesskleid, 1960 | Lace-Tweed, Maschinenstrick
  • Gerd Hartung: Zeichnung eines Hochzeitskleids, 1959 © Uli Richter
    Gerd Hartung: Zeichnung eines Hochzeitskleids, 1959
  • Hans-Jürgen Kammer: Archivzeichnung des Herrenmodells „Globetrotter“ mit Stoffprobe, H/W 1974/75 © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek
    Hans-Jürgen Kammer: Archivzeichnung des Herrenmodells „Globetrotter“ mit Stoffprobe, H/W, 1974/75
  • Hans-Jürgen Kammer: Zeichnung eines braunen, pelzbesetzten Lackledermantels mit Bluse und brauner Hose, 1986 © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek
    Hans-Jürgen Kammer: Zeichnung eines braunen, pelzbesetzten Lackledermantels mit Bluse und brauner Hose, 1986
  • F.C. Gundlach: Modell von Katharina Skupsch, 1989 | Fotografie © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek / Reproduktion: Katz
    F.C. Gundlach: Modell von Katharina Skupsch, 1989 | Fotografie
  • Ursula Knipping: Cape-Mantelkleid, um 1964 | Fotografie © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek / Ursula Knipping
    Ursula Knipping: Cape-Mantelkleid, um 1964 | Fotografie
  • Entwurf von Firkant für die Ausstellung, 2016 © Elena Kikina
    Entwurf von Firkant für die Ausstellung, 2016
  • Michael Sontag: Mantel mit überschnittenen Ärmeln, 2016, Leihgabe Michael Sontag © Christian Schwarzenberg
    Michael Sontag: Mantel mit überschnittenen Ärmeln, 2016, Leihgabe Michael Sontag
  • Steinrohner: Digitale Entwurfscollagen, 2016 © Inna Stein, Caroline Rohner
    Steinrohner: Digitale Entwurfscollagen, 2016
  • William Fan: Mantel und Hose aus Glencheck mit Kostümjacke und Bluse im Materialmix, 2016, Leihgabe William Fan © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum/Achim Kleuker
    William Fan: Mantel und Hose aus Glencheck mit Kostümjacke und Bluse im Materialmix, 2016, Leihgabe William Fan
  • Uli Richter Revisited, Ausstellungsansicht, 2016 © Kunstgewerbemuseum / Staatliche Museen zu Berlin / David von Becker
    Uli Richter Revisited, Ausstellungsansicht, 2016

Genau diesen Detailreichtum hatten auch Inna Stein und Caroline Rohner, die Designerinnen von Steinrohner, vor Augen, als sie einen Cocktailkleidklassiker Richters neu interpretierten. Die Rosendesigns von Richters Roben finden sich bei ihnen zwar abgewandelt auf einem schlichteren Kleid wieder, für den Glitzereffekt trugen sie aber zusätzlich reflektierenden Glasperlen-Staub auf, wie er zum Beispiel im Straßenbau verwendet wird. Das mutet auf den ersten Blick sehr avantgardistisch an. Doch schon Uli Richters Vorbild, das „Rosenkleid“ welches 1957 das damalige Topmodell Gitta Schilling trug, bestand aus Canvas, einem Stoff, der bis dahin eher mit Dekorationsdesign als mit Mode in Verbindung gebracht wurde.

Julia Leifert, eine junge Designerin von Philomena Zanetti, zeigt ebenfalls, wie Richters Entwürfe heute zeitgemäß umgesetzt werden können, allerdings mit anderem Ansatz: Sie entwarf einen Hosenanzug aus Schurwolle, in Anklang an Richters Arbeiten aus den 1970er-Jahren, und kombiniert dazu eine Korsage, ein den Oberkörper eng umschließendes, schulterfreies Kleidungsstück aus Papier, beide Teile aus fairer, nachhaltiger Produktion.

Michael Sontag dagegen widmete sich sehr erfolgreich einem anderem Schwerpunkt Richters: der Tragbarkeit. Sein dunkler, weit schwingender Mantelentwurf mit den überschnittenen Schultern wäre auf jedem Laufsteg ebenso gut aufgehoben, wie auf der Straße. Und er hätte, ebenso wie die meisten von Richters Arbeiten, das Zeug zu einem zeitlosen Klassiker. Und das nicht nur in Berlin, sondern auch international, was Uli Richter sicher am meisten gefallen würde.