Interview mit Margaret Atwood „Die Wahl war ein Weckruf“

Wache Beobachterin. Margaret Atwood setzt sich in ihren Romanen häufig mit Umwelt- und Geschlechterthemen auseinander.
Wache Beobachterin. Margaret Atwood setzt sich in ihren Romanen häufig mit Umwelt- und Geschlechterthemen auseinander. | © Liam Sharp

Die Schriftstellerin Margaret Atwood über die Aktualität von Klassikern in Zeiten von Trump, ihren neuen Roman und Ausflüge in die Comic-Welt.
 

Mrs. Atwood, in „Der Report der Magd“ von 1985 erzählen Sie, wie sich Amerika in eine christlich-fundamentalistische Diktatur verwandelt. Das Buch taucht jetzt wieder in den Bestsellerlisten auf, mit George Orwells „1984“ und Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“. Sind schlechte Zeiten gut für dystopische Romane?
 
Das waren sie schon immer. Sich das Schlimmste vorzustellen, ist ein Weg, sich darauf vorzubereiten. Wer solche Bücher liest, wird von bestimmten Entwicklungen nicht völlig überrascht. Wobei Donald Trump ja nicht der Einzige ist, den man im Blick behalten muss. Er für sich genommen ist ja kein gläubiger, rechter Fundamentalist. Das war ein Problem für die religiösen Fundamentalisten bei der Präsidentschaftswahl, dass er keiner von ihnen ist. Aber mit der Begründung „Gottes Wege sind unergründlich“ konnten sie dann doch für ihn werben. Und auch, weil er ihnen einige Dinge zugesteht, die sie schon lange fordern, wie das Verbot von Abtreibungen und die Rücknahme der bisherigen Transgenderpolitik.
 
Heißt das, Trumps Vorgehen in den vergangenen Monaten hat Sie wenig überrascht?

Ich habe in meinem Leben schon viel gesehen. Ich bin Jahrgang 1939, Hitler, Stalin, Mao, Pol Pot bis zum Genozid in Ruanda: All das ist passiert und wird weiter passieren. Dagegen ist keine Gesellschaft gefeit. Wichtig ist, die frühen Zeichen richtig zu interpretieren. Etwa das, was kürzlich in Arizona geschah. Dort verabschiedeten republikanische Senatoren ein Gesetz, demzufolge der Staat nach Demonstrationen, die eskaliert sind, den Besitz derer beschlagnahmen darf, die die Demonstration angemeldet haben. Das gefährdet die Versammlungsfreiheit.
 
Beim Women’s March für Frauen- und Menschenrechte nach Trumps Amtsübernahme in Washington gab es Schilder mit Aufschriften wie „Make Margaret Atwood Fiction Again“ und „ ,Der Report der Magd‘ war keine Bedienungsanleitung“. Was empfanden Sie, als Sie das sahen?
 
Ich habe auch an einem dieser Märsche teilgenommen, hier in Toronto. Mein Lieblingsschild war das einer Frau von Mitte 70: „After 60 years I am still holding the same fucking sign“. So ist das: Die Dinge bewegen sich im Kreis und kommen wieder. Die Wahl hat viele Menschen wachgerüttelt, die vorher unpolitisch waren. Jetzt merken sie, dass sie etwas zu verlieren haben. Das war ein Weckruf. Nun müssen wir sehen, wie viel Schaden die neue Regierung anrichtet. Das beginnt beim Umweltschutz und der Klimapolitik, die weitreichende Folgen haben: je stärker die Erderwärmung und je extremer die Wetterveränderungen, desto schwieriger die Versorgung der Weltbevölkerung mit Lebensmitteln, desto mehr Verteilungskämpfe und Bürgerkriege. Darunter leiden immer besonders die Frauen.

„Der Report der Magd“ wird derzeit als Fernsehserie verfilmt, die zweite Adaption nach Völker Schlöndorffs Kinofilm „Die Geschichte der Dienerin“ 1990.

Ich bin damals zur Premiere nach Berlin gereist. Die Mauer war gerade gefallen, der Film löste sehr unterschiedliche Reaktionen in Ost- und West-Berlin aus. Im Westen wurde vor allem über ästhetische Fragen gesprochen, im Osten sagten viele Zuschauer: „Das war unser Leben.“ Und sie meinten damit nicht die Kostüme oder den religiösen Teil der Geschichte, sondern die Repression und das Gefühl, dass man mit niemandem offen sprechen kann, weil immer die Stasi mithören könnte.

Auch Ihr neuer Roman „Das Herz geht zuletzt“ lässt sich als Kommentar zur Gegenwart lesen. Er spielt in einer Zeit, in der die Kämpfe um die letzten Ressourcen die USA in eine Wüste verwandelt haben. Gewalt und Anarchie herrschen, die Protagonisten ordnen sich freiwillig einem profitorientierten Gefängniskonzern unter.

Unter bestimmten Umständen verhalten die Menschen sich so. Sie haben lieber einen starken Führer, der ihnen Ordnung verspricht, und geben dafür einige ihrer Grundrechte auf, als dass sie in anarchischen Verhältnissen ums Überleben kämpfen müssen. Meine beiden Hauptfiguren leben in ihrem Auto ohne jeglichen staatlichen Schutz. Da ist es eine große Versuchung, seine Freiheiten gegen vermeintliche Sicherheiten zu tauschen. Das würden Sie und ich wahrscheinlich genauso machen.

Ihr Buch verbindet Science-Fiction- und Thriller-Elemente mit einem Beziehungsdrama und mit komischen Elementen, liest sich aber vor allem als Appell, Grundrechte zu verteidigen.

Meine Botschaft ist: Wir müssen Lösungen gegen Arbeitslosigkeit, Armut und den Zerfall von sozialem Zusammenhalt finden. Wir brauchen ein staatliches soziales Netz. Aber genau das lehnen die rechtsgerichteten evangelikalen Fundamentalisten in den USA ab, weil sie wollen, dass verzweifelte Menschen ihre Kirche als einziges soziales Netz sehen.
 
Sie haben vor gut fünf Jahren mit den ersten Arbeiten an diesem Buch begonnen – und trotzdem klingt vieles wie ein Kommentar zu Trumps USA.

Weil vieles damals schon absehbar war. Auch die Privatisierung des Gefängnissystems, das so strukturiert ist, dass die Firmen nur Profit machen, wenn die Gefängnisse voll sind. Also werden immer neue Kriminelle produziert. Es gibt Orte in den USA, in denen das Gefängnis der einzige nennenswerte Arbeitgeber ist.
 
Margaret Atwood zeichnet Margaret Atwood. Schreibt nicht nur Romane, sondern auch Comics: Margaret Atwood. | © Lars von Törne Neben Ihren Romanen haben Sie eine in den USA und Kanada viel beachtete Comic-Trilogie geschrieben. Hauptfigur ist ein Mensch, der nach einem Unfall zugleich auch Vogel und Katze ist: „Angel Catbird“. Nebenbei erfährt man viel über den Schutz von Vögeln und Katzen. Wie kam es zum Wechsel ins Comic-Fach?

Mir liegen Vögel und Katzen gleichermaßen am Herzen, beide sind bedroht. Also habe ich überlegt, wie man dieses Thema anpacken und Katzenbesitzer dafür sensibilisieren kann, dass ihre Tiere eine große Bedrohung für frei lebende Vögel darstellen. So entstand in meinem Kopf die Figur eines Superhelden, der teils Katze und teils Vogel ist, daher beide Seiten des Problems sieht und auf diese Weise praktisch vermitteln kann, wie man beide Tierarten besser schützen kann.
 
Und wieso ist ein Comic dafür besser geeignet als ein Roman?

Wenn ich einen Roman über einen fliegenden Katzen-Vogel-Mensch schreiben würde, käme wahrscheinlich eine absurd-surrealistische Geschichte heraus. Aber das wäre die falsche Form. Im Comic funktioniert so etwas viel besser. Zumal es mir auch darum geht, Familien zu erreichen, sich bewusster mit ihren Katzen und deren Verhalten zu beschäftigen und Vögel besser zu schützen. Und die treibende Kraft hinter der Anschaffung von Katzen sind in vielen Familien zehnjährige Kinder. Also musste ich eine Form finden, die Zehnjährige anspricht und Erwachsene ebenso.
 
Bei der Lektüre des Comics hat man das Gefühl, es hat Ihnen auch viel Spaß gemacht, ihr inneres Nerd-Girl rauszulassen.

Ich lese ja seit meiner Kindheit Comics. Anfangs vor allem Zeitungscomics, später war ich ein großer Fan von „Asterix“, dessen Wortwitz ich liebe, und dann auch von Claire Bretechers Comics. Ich zeichne auch selbst Comic-Strips, in denen ich kleine Alltagserlebnisse verarbeite. Das mache ich seit meiner Kindheit und habe auch in letzter Zeit immer mal wieder welche gezeichnet.
 
Wie haben Ihre Leser auf den Ausflug in die Superhelden-Comic-Welt reagiert?

Einige sagten: „Oh Margaret, Sie sind verrückt geworden.“ Aber oft höre ich auch: „Meine Kinder lieben Ihr Buch.“ So wie mir sonst gerne gesagt wird: „Meine Frau liebt Ihr Buch.“
 
Als Schriftstellerin haben Sie völlige Kontrolle über jedes Element Ihrer Arbeit. Ein Comic wie „Angel Catbird“ hingegen ist eine Gruppenarbeit, bei der neben Ihnen als Autorin auch der Zeichner, eine Koloristin und ein Redakteur mitreden. Fällt es Ihnen leicht, Kontrolle abzugeben?


Ja, ich habe mein ganzes Leben lang mit anderen Menschen an Projekten gearbeitet. Schon als Schülerin habe ich mit Freunden ein Puppentheater gegründet, wir traten mit „Rotkäppchen“ oder „Hänsel und Gretel“ bei Kindergeburtstagen auf und verdienten so unser erstes Geld. Und in der High School brachten wir die erste Hauswirtschaftslehre-Oper der Welt auf die Bühne.