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Das Cabinet des Dr. Caligari
Ein Meisterwerk des Expressionismus

Filmstill aus „Das Cabinet des Dr. Caligari", Regie: Robert Wiene, 1920
„Das Cabinet des Dr. Caligari", Regie: Robert Wiene, 1920 | Filmstill (Ausschnitt) Kino Lorber

Nur wenige Filme in der Geschichte des Kinos waren so einflussreich wie Das Cabinet des Dr. Caligari. Die langen Schatten dieses deutschen expressionistischen Klassikers wirken auch heute noch nach.

Von Robert Horton

Das Publikum von 1920 hatte noch nie zuvor so etwas wie Das Cabinet des Dr. Caligari gesehen; einige Zuschauer fielen in Ohnmacht, Kritiker diskutierten lebhaft den übertriebenen Stil des Machwerks. Ein Journalist schrieb in Variety: „Wer sich für kulturell beflissen hält und diesen Film nicht sieht, der leugnet seine Bildung.“ Viele andere Filmemacher wurden bald auf das Werk aufmerksam, das mit einem Schlag die Grenzen dessen, was das Kino möglich machen kann, erweiterte.
 
Wie aber konnte dieser einzigartige Film entstehen? Zwei Freunde, Carl Mayer und Hans Janowitz, die gerade die Schrecken des Ersten Weltkriegs erlebt hatten, besuchten in Berlin eine Hypnose-Show. Inspiriert durch dieses Spektakel schrieben die beiden eine Geschichte über den Einfluss der Herrschenden auf eine passive Bevölkerung. Obwohl beide noch ein unbeschriebenes Blatt waren, wurde das Drehbuch von Erich Pommer, dem Leiter des Decla-Filmstudios, angenommen. Die Geschichte ist an sich schnell erklärt: Zwei Freunde, die beide in dieselbe Frau verliebt sind, besuchen einen Jahrmarkt. Dort treffen sie einen Hypnotiseur, Dr. Caligari, sowie dessen schlafwandelnden Assistenten Cesare. Im Trancezustand prophezeit dieser den Tod eines der jungen Männer, woraufhin sich in der Stadt alsbald Angst und Schrecken breitmachen.

Einzigartiger Stil

Caligari trägt eine sehr besondere Handschrift, denn hier wird eine unheimliche Geschichte in eine wunderliche, künstliche Umgebung eingebettet. Inspiriert vom Expressionismus, der bereits die deutsche Kunst- und Theaterszene ergriffen hatte, entschieden die Filmemacher, dass dieser Ansatz bestens für den gewagten Stoff geeignet war. Auch der künstlerische Leiter Hermann Warm sowie die Set- und Kostümdesigner Walter Rohrig und Walter Reimann, die allesamt auch für das Avantgarde-Magazin Der Sturm tätig waren, waren dieser Kunstströmung sehr zugetan. Gemeinsam erschufen sie die windschiefen Formen und geometrischen Figuren, die dem Film als fantastisch-unrealistische Kulisse dienten. Ein Autor der New York Times bemerkte im Jahr 1921, dass dieser Stil „dem Raum neue Dimensionen und Bedeutungen zuschreibt und diesem so einen aktiven Teil innerhalb der Handlung einräumt“.
 
Ursprünglich war Fritz Lang für die Regie des Films vorgesehen, der damals noch am Anfang einer der größten Regiekarrieren in der Geschichte des Kinos stand, dann übernahm jedoch Robert Wiene seinen Platz. Man weiß nicht mehr genau, welcher von beiden für die ironische Rahmenhandlung verantwortlich zeichnete, sicher ist jedoch, dass dieses Stilmittel mit erklärt, warum in dem Film stets eine Atmosphäre der geistigen Umnachtung herrscht. Angeleitet zu ihrem übertrieben verzerrten, expressionistischen Spiel wurden die Schauspieler, besonders Werner Krauss als Caligari und Conrad Veidt als Cesare, von Wiene. Krauss feierte auch während der Nazi-Zeit in Deutschland noch weitere Erfolge, Veidt dagegen floh aus seiner Heimat und gelangte in England und Hollywood zu Ruhm.

Der Schatten des Dr. Caligari

Das Cabinet des Dr. Caligari ist ein Mitbegründer des sogenannten goldenen Zeitalters des deutschen Films, zu dem auch weitere düstere Meisterwerke wie Nosferatu (1922), Metropolis (1926) und M (1931) zählen. Die Art und Weise, wie der Film Ausstattung und Design nutzt, um die Gedanken und Gefühle seiner Figuren auszudrücken, hat sowohl den Hollywood-Horrorfilm als auch den Film noir maßgeblich beeinflusst.
 
Inzwischen weiß man, dass nicht nur Cesare die Zukunft vorausgesagt hat, sondern der ganze Film eine Prophezeiung in sich trägt. So schrieb der Soziologe und Filmtheoretiker Siegfried Kracauer nach dem Zweiten Weltkrieg in seinem hochgelobten Buch Von Caligari zu Hitler: Eine psychologische Geschichte des deutschen Films, dass Das Cabinet des Dr. Caligari die Entstehung des Dritten Reichs vorweggenommen  hat: Caligari verkörpert laut Kracauer demnach „eine sehr spezifische Vorahnung, denn er benutzt die Hypnose, um seinem ‚Werkzeug‘ seinen Willen aufzudrängen – eine Vorgehensweise, deren Inhalt und Zweck bereits jene Manipulation der Seele vorwegnimmt, die Hitler als erster in einem gigantischen Ausmaß praktiziert hat“.

Möglicherweise ist es seiner künstlich, fast schon halluzinogen anmutenden Ausstattung zu verdanken, dass der Film heute moderner wirkt als manch ein anderer Stummfilmklassiker. Der Film mag das Resultat eines gerade beendeten Krieges gewesen sein und hat womöglich einen weiteren prophezeit; ein ganzes Jahrhundert nach seiner Entstehung ist Das Cabinet des Dr. Caligari jedoch vor allem eines: zeitlos. Oder, wie der amerikanische Kritiker Roger Ebert bemerkte: „Der Film hat bis heute nichts von seiner magischen Anziehungskraft verloren.“
 

autor

Robert Horton © Robert Horton Robert Horton ist als Filmkritiker bei Seattle Weekly tätig und schreibt regelmäßig für Film Comment. Er ist Mitglied der National Society of Film Critics und Alumni-Mitglied der RIAS Berlin Kommission, eines Austauschprogramms für Journalisten. Horton hat das Magic Lantern-Filmprogramm am Frye Art Museum in Seattle kuratiert. Er hat bereits zwei Bücher zum Thema Film geschrieben und ist Co-Autor einer Graphic Novel. Website: roberthorton.wordpress.com; Twitter: @citizenhorton

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