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Ein Meister bei der Arbeit
Gerhard Richter Painting

Filmstill aus „Gerhard Richter - Painting", Regie: Corinna Belz, 2011
„Gerhard Richter - Painting", Regie: Corinna Belz, 2011 | Filmstill (Ausschnitt) Kino Lorber

Gerhard Richter Painting ist ein Film über Methode. Ganz behutsam fordert er uns auf, im Alltäglichen Bewegung wahrzunehmen und sorgfältig und kritisch über den Entstehungsprozess von Kunst nachzudenken.

Von William Jameson

Zwischen 2008 und 2009 begleitete Filmemacherin Corinna Belz den Künstler Gerhard Richter in seinem privaten Studio in Köln und auf zwei Ausstellungen, an der National Portrait Gallery in London und an der Goodman Gallery in New York. Das Ergebnis ist der Film Gerhard Richter Painting aus dem Jahr 2011, ein intimes Porträt eines Künstlers bei der Arbeit. Das Besondere an diesem Film – was ihn zugleich zu einem Experiment und einem Erfolg macht – ist, wie gut er den künstlerischen Schöpfungsakt erfasst, ohne sich dabei in marktschreierischem Hype zu verlieren. Obwohl Richter beim Dreh 77 Jahre alt war, ist der Film keine Lebensrückschau. Ebenso wenig lässt er sich auf Drama ein, indem er etwa die Gerüchteküche befeuert oder Meinungen von außen einbringt. Er zeigt einfach Richter bei der Arbeit und beim Denken und beobachtet ihn dabei aus nächster Nähe bei seinen Vorbereitungen für bevorstehende Ausstellungen.

Ein Meister bei der Arbeit

Belz lädt ihre Zuschauer dazu ein, sich in den täglichen künstlerischen Prozess hineinzuversetzen. Lange, ungeschnittene Szenen mit Richter beim Malen wechseln sich ab mit bearbeiteten Zeitrafferaufnahmen, in denen Richter schält, kratzt und seine Leinwände neu bemalt. In der ersten Szene weist Belz Richter in die Nutzung der Kamera in seinem Studio ein; sein Studio wird im Abspann als „Kamerastudio zwei“ aufgeführt. Dies ist eine Geste der Zusammenarbeit. Auf einer Seite der Kamera ist Richter das Objekt vor der Linse, auf der anderen ist er Co-Autor seiner eigenen Geschichte.
 
Die Handlung des Films besteht aus lockeren Frage- und Antwortrunden zwischen Belz und Richter, während er malt. Belz stellt die offenkundigen Fragen, die vielleicht auch jeder Zuschauer hätte, etwa zu Richters Farbwahl (klassische Farben, keine Erdtöne) und welche Farbe er wozu verwendet. Seine Assistenten erzählen Belz, dass er für die abstrakten Werke eine besondere Farbe nutzt, die er gleichmäßig mit einem großen Wischer auftragen kann. Nachdem die Kamera lange auf zwei grell bunten Leinwänden verweilt hat, fragt Belz, ob die Gemälde so bleiben. Richter tritt einen Schritt zurück und verneint. Erst müssen sie sich setzen. „Die sehen vielleicht zwei Stunden lang gut aus. Manchmal einen Tag lang“, sagt er. „Am Ende machen sie, was sie wollen.“

Malerei als moralischer Akt

Gerhard Richter wurde 1932 in Dresden geboren und kam 1961 als politischer Flüchtling nach Westdeutschland. Aufgrund seines politischen Status kehrte er erst 1987 wieder nach Hause zurück, als seine Familie bereits verstorben war. Die Entscheidung, im Exil zu malen, war für Richter von großer Bedeutung. Mehr als einmal bekräftigt er, Malen sei ein moralischer Akt. Daneben stellt Belz geschickt Aufnahmen in seinem Atelier in Düsseldorf aus dem Jahr 1969, in denen Richter ähnliche Fragen gestellt werden. „Malerei geht von der moralischen Persönlichkeit aus,“ sagt er da, „aber weil man einer Gesellschaft angehört, ist man nicht allein.“ Später nimmt Belz ein Gespräch zwischen Richter und dem Kunsthistoriker Benjamin Buchloh auf. „Hier sind wir alle völlig gleichberechtigt,“ so Richter, „der Produzent und der Konsument, der Künstler und der Beobachter. Beide müssen nur eines erfüllen: sehen können, ob es gut ist oder nicht. Dieses Urteil müssen sie fallen können.“
 
Im Grunde geht es in Belz` Film genau darum: die Empfindsamkeit, zu wissen, ob ein Gemälde gut ist oder nicht. So schwierig das auch sein mag, ist es eben dieses Experiment, das den Film so authentisch wirken lässt. Richter erklärt: „Ich glaube, ich kann das nicht. Unter Beobachtung malen. Das ist schlimmer als im Krankenhaus zu liegen. Malerei ist sowieso eine geheimniskrämerische Angelegenheit.“

Amerikanischer Enthusiasmus

Für amerikanische Beobachter, die genau hinhören, bietet Richters Rhetorik einzigartige Aufschlüsse über die Unterschiede zwischen den beiden Kulturen. Richter ist nie bombastisch, will nichts zu stark vereinfachen und gibt nicht alles preis. „Amerikaner sind so enthusiastisch“, sagt er. „Und sie scheuen sich nicht, auszusprechen, was sie denken.“ Richter erzählt, dass er bei seiner ersten Ausstellung in den USA an der Onnasch Gallery im Jahr 1973 überrascht war, als amerikanische Fans auf ihn zukamen und ihm sagten, es sei eine großartige Ausstellung gewesen. „Nur die grauen“, sagten sie, „die sind Bullshit.“
 
Letztlich lässt Richter seine Kunst sprechen. „Über Malerei zu sprechen ist nicht nur schwierig, sondern vielleicht sogar unsinnig“, sagt er. „Man kann nur in Worte fassen, was Worte auch ausdrücken können, was Sprache vermitteln kann. Malerei hat damit nichts zu tun.“ Richter findet, ein Gemälde muss sich im Lauf der Zeit bewähren. Nur Gemälde, die der Betrachtung auch Tage und Wochen, nachdem sie gemalt wurden, noch „standhalten“, sind auch ein Erfolg. Auf ähnliche Weise hält sich auch Gerhard Richter Painting gut.
 

autor

William Jameson © William Jameson William Jameson studierte Germanistik an der University of Washington und am Internationalen Kulturinstitut in Wien. Der Absolvent des Iowa Writers' Workshop lebt nun in San Francisco. 

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