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Dezentrale Autonome Organisationen
Die Chancen von Blockchain für die Kulturbranche

Geometrische Formen in verschiedenen  Farben
Radical Friends Summit | Illustration (Ausschnitt): © Radical Friends|Haus der Kunst

Der Blockchain-Technologie gehört die Zukunft. Nicht nur für Technologie­unternehmen, auch für die Kunstbranche eröffnen sich neue Möglichkeiten, besonders wenn man mit DAOs arbeitet. So lassen sich Prozesse nicht nur partizipativer gestalten, sondern auch Kunstwelten als verbundene Gemeinschaft erleben.

Von Sarah Johanna Theurer und Sarah Lehnerer

DAOs, Decentralised Autonomous Organisations (auf Deutsch: dezentrale autonome Organisationen) sind eine auf der Blockchain basierende Organisationsform. Sie gilt vielen als die Zukunft des Internets. Das World Wide Web sowie das Web 2.0 der Sozialen Medien hatten immer wieder Hoffnung auf eine partizipative, vielstimmige Öffentlichkeit geweckt – und dann besonders die freie Szene von Entwickler*innen und Künstler*innen außen vor gelassen. Die Blockchain Technologie ist das Gerüst für das sogenannte Web 3.0, eine weitere Entwicklungsstufe des Internets, in der zentral organisierte Plattformen wie Facebook und Amazon durch dezentral organisierte Interessengemeinschaften ersetzt werden könnten. Davon könnte auch der Kunst- und Kulturbereich profitieren.

Staatliche Kulturinstitutionen liegen traditionell außerhalb des Marktes und es gibt berechtigte (Berührungs-)Ängste bei der Übertragung von Marktmechanismen auf Räume außerhalb des Marktes. Können wir mithilfe von Finanztechnologie auch nicht-extraktivitische und nicht-monetäre Beziehungen und mehr Solidarität schaffen? 

Dieser Frage ging das Goethe-Institut zusammen mit dem Haus der Kunst München bei dem Online-Symposium Radical Friends. DAO Summit for Decentralisation of Power and Resources in the Artworld im Januar 2022 nach. Jaya Klara Brekke, Forscherin im Bereich politischer Ökonomie, wies dabei auf das ambivalente Erbe dieser Technologie hin: „DAOs verbinden Strukturen von linksradikalen Aktionsgruppen mit einer libertären Marktlogik“. Einerseits beschleunigen sie die Tendenz, Einfluss sowie Entscheidungsgewalt in Vermögenswerte (Tokens) umzuwandeln und diese gegen einen Preis zu handeln, andererseits bietet die Blockchain die Möglichkeit autonomer Organisation.

Erweiterte Relationen

DAOs sind zunächst einmal Gruppierungen von Menschen, die die praktische Verwaltung ihrer Gruppe an Algorithmen delegieren. Letztere müssen von ihren Mitgliedern bestimmt und gestaltet werden; man spricht deshalb von einer Peer-to-Peer-Technologie. Jede Aktion und jede Entscheidung, die innerhalb solcher Gruppierungen getroffen wird, wird mithilfe einer Blockchain aufgezeichnet und ist für jedes ihrer Mitglieder zugänglich und nachvollziehbar. Der Beitritt zu einer DAO erfolgt in der Regel über den Erwerb der Token dieser DAO.

Neue Technologien – wie die Blockchain und ihre DAOs – sind niemals nur ein Mittel zum Zweck; sie etablieren neue Formen der Konsens- und Entscheidungsfindung sowie der Verwaltung von Ressourcen und Kapital. DAOs werden also nicht nur Märkte, sondern auch soziale Infrastrukturen verändern.

Die Möglichkeit der DAOs, den Nutzer*innen und Mitwirkenden eines Netzwerkprotokolls Eigentumsrechte zuzuweisen, schafft Organisationsmodelle jenseits von Privateigentum und Wertschöpfung. Diese Organisationsmodelle sind nicht neu, wie die Künstlerin Kei Kreutler auf dem Blog Gnosis Guild mit einer Illustration von Elenor Carrington erklärt. Sie vergleicht DAOs mit Genossenschaften, Freundesgruppen und Kollektiven und meint, dass diese „kleinen“ Formen der Organisation von den „großen“ Institutionen oft übersehen werden.

In dem Magazin FlashArt plädiert Penny Rafferty, Co-Kuratorin des Radical Friends Symposiums im Januar 2022 in einem Artikel für eine „Post-Öffentlichkeit, für einen befreiten Raum, in dem sich die Nutzer*innen selbst verwalten.” Ein DAO könnte einen solchen Raum herstellen. Für Kulturinstitutionen wie Museen sind Teilhabe und Partizipationspolitiken wichtige Faktoren, die ihre Daseinsberechtigung entweder untermauern oder in Frage stellen können.  

Alternative Werte

Anstatt DAOs nur als einen weiteren Schritt in der Ausweitung der Märkte und Finanzialisierung der Welt abzutun, sollten wir die Art und Weise untersuchen, wie diese Technologie den Wert, den wir als Gemeinschaften Dingen zuweisen, neu definiert. Wert ist Dingen nicht inhärent, sondern eine Zuschreibung, die sich innerhalb verschiedener Kulturen, Branchen und sozialen Klassen sehr stark unterscheidet. Prozessen wie Recherche oder reproduktiver Arbeit könnten innerhalb einer DAO bestimmte Werte zugeschrieben werden und damit nicht nur Sichtbarkeit und Vergleichbarkeit dieser in der Kunstwelt oft nicht vergüteten Leistungen fördern. Das könnte vielmehr zur Einhaltung gewisser Mindestlöhne beitragen und die vorherrschende „Geschenkökonomie” ablösen, in der Entlohnung nach Vorleistung und in Form von Preisen und Einladungen erfolgt. Das hinterfragt die Entscheidungskriterien derer, die bislang die Gelder und Wertzuweisung verwaltet haben. Für Kultureinrichtungen bedeutet das, bei der Finanzierung öffentlicher Güter und der Redistribution von Mitteln mehr Mitbestimmung und daher mehr lokale Relevanz zu erzeugen.  

Intelligente Regeln 

DAOs ermöglichen es, Transaktionen von Werten jeder Art ohne zentrale Verwaltungseinheit zu organisieren. Das Verfahren ist fälschungssicher und basiert auf dem Konsens aller Beteiligten. Organisationen, wie auch das Goethe-Institut, das seit vielen Jahren als ein dezentralisiertes Netzwerk von 158 Instituten in 98 Ländern aktiv ist und sehr eng mit den jeweiligen lokalen Communities und der Zivilgesellschaft arbeitet, könnten hierfür als Beispiel aber auch als Laboratorium für Implementierungen dienen. 

Das bisher in der Kulturarbeit vorherrschende Modell der „Soft Contracts“, das einen gegenseitigen Nutzen annimmt, diesen aber nicht konkret benennt oder beziffert, könnte durch die „Smart Contracts“, einer auf der Blockchain basierenden Form intelligenter Verträge, neue Arbeitsverhältnisse ermöglichen. Alana Kushnir, Juristin und Principal Investigator der Serpentine Galleries R&D Platform Legal Lab, sucht rechtliche Lösungen für den Bereich der Kunst in der Blockchain--Technologie und erforscht Prototypen dieser intelligenten Verträge, die komplexe Vereinbarungen automatisch kodieren und ausführen. Vertrauen zu digitalisieren steigert die Effizienz durch den Wegfall von Zwischenhändler*innen und anderen Verwaltungseinheiten, die beispielsweise das Urheberrecht schützen. Durch die Automatisierung könnten hier bürokratische Hürden und Barrieren abgebaut werden.

Neue Aufgaben

DAOs ermöglichen es uns auch, zumindest auf theoretischer oder metaphorischer Ebene, Autorität neu zu überdenken und alternative Wertesysteme durch eine selbstorganisierte, autonome Struktur zu schaffen. Sie etablieren Führungsstrukturen, in der die Organisation die Interessen aller Mitglieder, „werteorientierter Investoren” sozusagen, anteilig berücksichtigt. Und sie ermöglichen es, diese Entscheidungsprozesse durch intelligente Verträge und kodierte Konsensverfahren transparent festzuschreiben.

Der Entwickler Cem Dagdelen beschreibt die Blockchain als „spekulatives Versprechen”: „Blockchain ist nur so mächtig, wie man in der Lage ist, zwischen den Netzwerk-Mitgliedern eine gemeinsame Kultur zu schaffen, einen Austausch, der nicht nur auf Transaktionen basiert.”

DAOs erlauben es uns, die Kunstwelten als verbundene Gemeinschaften zu sehen und nicht als Maschinen, die durch wettbewerbsorientierten Individualismus ein Produkt erzeugen. Und, wie der Autor Max Haiven es formulierte: „Kreativität und radikale Vorstellungskraft sind keine Dinge, die Individuen haben, sondern etwas, das Kollektive tun.” DAOs könnten uns helfen, wenn auch bislang hauptsächlich auf metaphorischer Ebene, neue Formen der wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Organisation (und Verwaltung) zu erfinden. Ein wirklich dezentrales Umfeld, in dem Gemeinschaften aus aller Welt an Open-Source-Organisationen arbeiten, scheint die Blockchain allerdings aufgrund der Zugangsbeschränkungen durch Token-Erwerb und die ökologische Problematik des zu großen Energieverbrauchs auf Kosten des globalen Südens bisher nicht zu sein.

Es bedarf weiterer experimenteller Laboratorien und der Offenheit von Kultur- und Kunstinstitutionen, um sich gemeinsam diesen Fragenstellungen zu stellen.

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