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Digital Natives
Kindheit im Zeitalter der Überwachung

Ein Mobilgerät auf dessen Bildschirm mehrere Social-Media-Apps zu sehen sind, sehr dunkel im Vordergrund ein Daumen und ein Finger
Die Folgen des Abschöpfens von Daten für die Zukunft der jungen Generation sind noch unbekannt | Foto (Detail): Michele Ursi © mauritius images/Alamy Stock Photos

Keine Generation stand so unter Überwachung wie die heutige. Kinder und Jugendliche sind Opfer kollektiver und exzessiver Datensammlung durch Online-Anwendungen und Ziel massiver spezifisch auf sie ausgerichteter Werbeinhalte – eine Invasion mit Risiken und Nachteilen im realen Leben. Wobei die Überwachung im Netz, obwohl ein weltweites Phänomen, ungleich verteilt ist: Kinder und Jugendliche in Europa genießen weit höhere Standards im Datenschutz und im Schutz der Privatsphäre als im sogenannten Globalen Süden. 

Von Juliana Vaz

93 Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Brasilien haben Zugang zum Internet, sagt die 2021 verwirklichte Studie „TIC Kids Online Brasil“ des Regionalen Zentrums für die Entwicklung der Informationsgesellschaft „Cetic.br“, einer Partnerorganisation der Unesco. Dies sind 22,3 Millionen Nutzerinnen und Nutzer an Bildschirmen. Von diesen sind 78 Prozent in sozialen Netzwerken, 62 Prozent mit einem Instagram-Profil, und 58 Prozent sind bei TikTok. Es ist die Generation der „digital natives“, die schon online aufwuchs und seit ihren ersten Lebensjahren mit den neuen Technologien interagiert. Die Identität und das Selbstbild dieser Kinder bilden sich in einer digitalen Umgebung heraus, und ihre gesamte Aktivität im Netz produziert im Zeitalter des „Überwachungskapitalismus“ wertvolle Daten.
  
Es wird geschätzt, dass ein Kind in den Vereinigten Staaten bis zum vollendeten 13. Lebensjahr den sogenannten ad-tech Unternehmen 72 Millionen Datenpunkte überlässt. „Es ist ein Kapitalismus, der sich aus Daten speist und aus der ständigen Verfolgung und permanenten Überwachung von allem, was wir online tun und dessen Wertschöpfung auf dieser Überwachung beruht, die unser Verhalten sowohl vorausberechnet als auch beeinflusst“, stellt Fernanda Bruno fest, Dozentin für Kommunikationswissenschaft und Koordinatorin des MediaLab der Universidade Federal von Rio de Janeiro. „Es geht darum, Beteiligung und immer weitere Daten zu generieren, denn aus diesen erwirtschaften diese Plattformen ihren Gewinn. Das Kind ist in dieser Umgebung sowohl das Objekt der Beschaffung von Daten als auch Ziel der direkten Inhalte sowie zunehmend auch der Werbung“, fügt sie hinzu.

Verletzte Privatsphäre

Die Folgen dieses intensiven Abschöpfens von Daten für die Zukunft dieser Generation sind noch unbekannt, doch von der Bedrohung der Privatsphäre weiß man bereits heute. Eine Studie von Human Rights Watch kam zu dem alarmierenden Schluss, dass zwischen Mai und August 2021 inmitten der Covid-19-Pandemie Kinder und Jugendliche weltweit bei der Nutzung von Programmen zum Online-Unterricht systematisch ausgespäht wurden. In 49 Ländern war die Privatsphäre dieser Kinder durch 145 der 163 von der Organisation untersuchten Programme gefährdet oder wurde unmittelbar verletzt – auch in Brasilien.
 
Unter anderem wurden durch die Plattformen Informationen über die Identität der Kinder gesammelt, wo sie wohnen, was sie im Unterricht tun und wer ihre Familienangehörigen sind. Die installierten Tracking-Technologien konnten Schülerinnen und Schülern zudem über den virtuellen Unterricht hinaus folgen. „Dieses exzessive Abschöpfen von Daten ist besorgniserregend, schon aus Gründen der Sicherheit. Einige Anwendungen speicherten die IP-Adresse der Schülerinnen und Schüler, was Rückschlüsse auf deren Aufenthaltsort in einem Umkreis von einem Kilometer zuließ und die Kinder im Fall einer Weiterverbreitung der Information auch offline Gefahr hätte aussetzen können, realen Angriffen in der realen Welt“, warnt Marina Meira, Anwältin und Projektkoordinatorin der Vereinigung Data Privacy Brasil de Pesquisa.

Ansprache und Manipulation

Human Rights Watch konnte auch nachweisen, dass Anwendungen persönliche Daten der Minderjährigen direkt an Werbetreibende weiterleiteten oder ihnen den Zugang dazu ermöglichte, in den meisten Fällen versteckt und ohne die Zustimmung der Eltern. Meira betont, dass die werbliche Ansprache von Kindern in Brasilien verboten ist und der Umgang mit persönlichen Daten von Kindern und Jugendlichen „in deren Sinne“ zu geschehen hat, wie es in der 2020 in Kraft getretenen Datenschutzgesetzgebung Brasilien heißt. 
 
„Kinder und Jugendliche, die sich noch in ihrer persönlichen Entwicklung befinden, haben das Recht zu experimentieren und selbst herauszufinden, was ihre Interessen, Vorlieben und Gewohnheiten sind. Sobald werbliche Inhalte direkt auf sie zugeschnitten werden, wird dieser Freiraum zur Erforschung und zum Begreifen der eigenen Persönlichkeit eingeschränkt. Das Ziel dieser Werbung ist tatsächlich die Manipulation der Konsumentinnen und Konsumenten“, so Meira. 

Risiken und Vorteile

Mit der plötzlichen Umstellung des Unterrichts von Präsenz- auf Distanzunterricht, mussten sich auch Lehrkräfte auf neue digitale Instrumente umstellen und improvisieren, oft ungeachtet der Risiken wie auch der Vorteile dieser neuen Anwendungen. Laut der ebenfalls von Cetic.br 2021 durchgeführten Studie „TIC Educação“ zur Bildungssituation wählten Lehrkräfte für den virtuellen Unterricht nicht immer das von ihnen selbst bevorzugte Programm, und nur 45 Prozent waren zu jedem Zeitpunkt in die Entscheidungen über den Einsatz digitaler Technologien in ihren schulischen Aktivitäten eingebunden. Für Tel Amiel von der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Brasília war der Einsatz dieser schulischen Plattformen, die sich in der Phase der häuslichen Isolation als invasiv herausstellten, eine Notfallmaßnahme und das Ergebnis von „Jahren der Missachtung der Frage von Infrastrukturen der schulischen Bildung“ Brasiliens. 
 
Amiel kritisiert fehlende Transparenz in den Verträgen zwischen Bildungsnetzwerken und Unternehmen, die diese Plattformen entwickelten, die häufig ohne öffentliche Beratung beschlossen worden seien, im schulischen genauso wie im universitären Bereich. „Es gab eine Unzahl von absolut tauglichen alternativen Plattformen in industriellem Maßstab, wie etwa die freie Software Moodle, das von fast allen staatlichen Universitäten verwendet wurde, oder Conferência Web, ein Videoformat, das sehr, sehr gut funktioniert“, sagt er.
 
Die Expertin Fernanda Bruno verweist darauf, dass das Abschöpfen und die Weitergabe von Daten für andere Zwecke als die der Bildung zu einem besorgniserregenden „Schneeballeffekt“ geführt hätten, da Daten sehr leicht außer Kontrolle gerieten. „Die App Descomplica zum Beispiel war in der Lage, die Klicks und Mouse-Bewegungen aufzuzeichnen. Und eine der Firmen, denen die App diese Daten zur Verfügung stellte, ist Hotjar, ein Unternehmen, das sich darauf konzentriert, das Verhalten der User auf bestimmten Seiten zu verstehen, um sie möglichst lange dort zu halten. Das heißt, diese Firma fokussiert sich klar auf die Beeinflussung des Online-Verhaltens, und das ist mit Blick auf eine kindliche und jugendliche Zielgruppe besorgniserregend.“ 

Unlesbare Bestimmungen 

Die fehlende Transparenz der Plattformen überträgt letztlich den Eltern die Verantwortung der Informationsbeschaffung und des Schutzes vor möglichen Gefahren beim Einsatz der Apps. Nur haben sie oft weder die Mittel noch die Zeit, sich undurchsichtigen Dokumenten zu widmen. „Die Datenschutzbestimmungen sind für die meisten Menschen unlesbar und unverständlich. Allein das Lesen des Kleingedruckten ist äußerst schwierig. Und dies ist vor allem ein Anzeichen dafür, dass dem Datenschutz keine große Bedeutung beigemessen wird“, sagt Meira von Data Privacy Brasil. „Es ist nicht richtig, dies allein den Familien aufzubürden. Wir müssen den Staat in die Pflicht nehmen und auch die Unternehmen, die den digitalen Raum beherrschen, hin zu einer aktiveren Rolle und zu einem tatsächlichen Schutz der Rechte von Kindern und Jugendlichen und zur Schaffung von Produkten, die diese im digitalen Raum schützen.“ 

Asymmetrischer Datenschutz 

Auch wenn es sich um ein weltweites Phänomen handelt, ist Überwachung im Online-Bereich über die Welt ungleich verteilt. Ganz im Allgemeinen genießen Kinder und Jugendliche in Europa höhere Datenschutzstandards als die im sogenannten Globalen Süden, in denen weniger strenge Gesetze herrschen. Wenn ein Jugendlicher oder eine Jugendliche etwa in Brasilien, Kolumbien oder Südafrika TikTok installiert, ist der Account automatisch „öffentlich“. In Großbritannien oder Deutschland, bietet die App von sich aus die Option an, den Account „privat“ zu betreiben. Plattformen wie Instagram oder Whatsapp bieten ähnliche Variationen des Umgangs mit Daten an, je nachdem in welchem Land sich das Kind befindet – eine „designbasierte Diskriminierung“, kritisieren Kinderschutzorganisationen. 
 
„Die Überwachung ist letztendlich asymmetrisch und nutzt Gesetzeslücken in Ländern des Globalen Südens. Brasilen hat sogar gute Datenschutzgesetze, nur kein gutes System der Kontrolle und Sicherstellung, dass sie auch eingehalten werden“, sagt Bruno. „Und es gibt noch etwas, das uns noch verletzlicher macht: Der ärmere Teil der brasilianischen Bevölkerung hat weit weniger Möglichkeiten der Auswahl einer Plattform mit besserem Datenschutz. Im Allgemeinen nutzen die Menschen die erstbeste App, die ihnen begegnet. Und die Auswahl an sich ist in Ländern wie dem unseren bereits deutlich eingeschränkt.“

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