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Worlds of Homelessness
​Wohnen ohne Halt

Billboard in Los Angeles with the message "can't pray it away"
© Goethe-Institut Los Angeles

Alles und alle werden heutzutage vermessen, statistisch erfasst, in Tabellen gesteckt. Nur eine Gruppe scheint nicht zu interessieren: die Obdachlosen. Niemand weiß, wie viele es von ihnen gibt, wie viele neu hinzukommen, wie viele der Obdachlosigkeit entkommen, wie lange die Obdachlosigkeit andauert. Doch langsam wächst das Interesse. Sie kommen uns näher. Und wir ihnen.

Von Jutta Allmendinger

Dies liegt an der gestiegenen Sichtbarkeit von obdachlosen Menschen. Auch wenn wir keine Zahlen kennen, gefühlt werden es immer mehr. Zudem werden unsere Stereotype über Obdachlose erschüttert. Haben wir sie bislang als drogen- und alkoholabhängig, als geisteskrank oder kriminell abgetan, als "deserving homeless" in der Sprache der Armutsforschung, so müssen wir erkennen: Wir liegen falsch. Auch erwerbstätige, gesunde, ehrliche und fleißige Menschen werden obdachlos. Schnell steigende Mieten, ein rückgängiger Bestand von bezahlbarem Wohnraum, immer größere Entfernungen zwischen Wohnen und Arbeiten tun das ihre. Sorgen und Ängste sind vom Rand der Gesellschaft in die Mitte gerutscht.

Dieses Panoptikum zeigt: Wohnen muss ein Menschenrecht sein.

Diese Sorgen sind nachvollziehbar. Immer mehr Erwerbstätige müssen auf der Straße leben. Die Unterkünfte für Wohnungslose sind überfüllt, die Verwaltung überfordert. Bestands- wie Neuvertragsmieten sind gestiegen, besonders in den Städten. Ein Umzug in günstigere Wohnungen auf dem Land ist meist keine Lösung. Denn pendeln kostet Zeit. Und, so sarkastisch es klingen mag, Pendeln kostet vor allem Geld. Gerade Geringverdienern nimmt langes Pendeln die Zeit für einen Nebenjob.

Noch kennen wir in Deutschland Zeltstädte wie auf den Straßen in Midtown Los Angeles nicht. Auch nicht Parkhäuser, die nachts geöffnet bleiben, damit Obdachlose in ihren Autos schlafen können, bewacht und durch Versorgungstrucks verpflegt. Dabei gelten Parkhäuser als Privileg. Viele schlafen einfach in Autos. Die meisten Menschen in Deutschland sind von der Obdachlosigkeit auch mehr als nur einen paycheck away, wie man in Kalifornien sagt. Bis in die höhere Mittelschicht hinein ist dort zu hören, wie nahe man der Obdachlosigkeit ist: schlechter Kündigungsschutz, geringe Rücklagen, hoch belastete Häuser, fehlende soziale Sicherung für Krankheit oder Alter und kein Wohngeld. Und Zwangsräumungen sind wesentlich einfacher als in Deutschland.
 
Während ihrer Zeit als Thomas Mann Fellow hat Jutta Allmendinger 2018 zum Thema Wohnraum und Wohnungslosigkeit in Los Angeles geforscht. Wir begleiteten sie auf das “Skid Row Festival” im Downtown von L.A. Skid Row ist ein rund 0.4 Quadratmeilen großer Bezirk, der eine der höchsten Wohnungslosenraten in den Vereinigten Staaten aufweist. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Jürgen Robert von Mahs (New School, New York) nutzte Allmendinger die Gelegenheit, um mit den Bewohnern der Skid Row ins Gespräch zu kommen. Copyright: Villa Aurora & Thomas Mann House e.V. 2018

Dieses Panoptikum zeigt: Wohnen muss ein Menschenrecht sein. Dazu gehört bezahlbarer Wohnraum, ausreichende Einkommen, eine gute öffentliche Verwaltung. Weitere Maßnahmen sind nötig. Investoren sollten verpflichtet werden, einen Teil der Bausumme für bezahlbare Wohnungen mit Sozialbindung zu verwenden.
Wir brauchen mehr und bessere Unterkünfte für Obdachlose, die sicher und auch für Partner oder Tiere zugänglich sind. Hilfsangebote müssen auch Erwerbstätigen offenstehen. „Housing First“-Ansätze, die Obdachlose schnell und vorbehaltlos in eine eigene Wohnung vermitteln, müssen entschlossener ausgebaut werden. Das öffentliche Verkehrsnetz ist gerade für Obdachlose wichtig und muss ausgebaut bzw. erhalten werden. Und, ja, wir brauchen viel mehr Wissen über die Obdachlosen selbst.

Zentral aber ist unsere Haltung. So nah uns die Obdachlosigkeit gekommen ist, ertragen können wir ihre Nähe nicht. Auch Deutsche sind „Nimbys“: Obdachlose sollen draußen wohnen, not in my backyard. Die gegenüber Obdachlosen defensive und feindliche Architektur spricht Bände. Wir dürfen der Obdachlosigkeit nicht näher kommen, nur um sie wieder aus den Augen verlieren zu können.

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