Worlds of Homelessness: 2. Tag

BILD: have you ever felt invisible © Goethe-Institut/Loredana La Rocca

Mi, 23.10.2019

16:00 - 21:00

NAVEL LA

Wie können sich Künstler auf sinnvolle Weise mit Obdachlosigkeit auseinandersetzen?

Künstler haben eine andere Art, die Welt zu sehen und zu beschreiben. Kunst kann politisch sein, und oft haben Künstler mit ihren Werken ein Bewusstsein für soziale Probleme geschaffen. Wie haben sich Künstler auf sinnvolle Weise mit Obdachlosigkeit auseinandergesetzt? Welche Strategien haben sie angewandt, um sich mit den betroffenen Bevölkerungsgruppen auseinanderzusetzen, oder sind sie selbst Teil davon? Welchen Herausforderungen sehen sie sich dabei gegenüber, und wie gehen sie damit um? Welche Formen der künstlerischen Auseinandersetzung mit Obdachlosigkeit sind problematisch und warum? Was könnte als Best Practice  beschrieben werden?
 
Seit mehr als drei Jahrzehnten engagieren sich John Malpede und Henriëtte Brouwers vom Los Angeles Poverty Department in der Künstlergemeinschaft von Skid Row, organisieren das "Festival for all Skid Row Artists,"  inszenieren preisgekrönte Aufführungen, Ausstellungen und die Walk the Talk Parade. Radames Eger wuchs in Brasilien auf, kam durch ein Tanzstipendium nach Europa  und lebt nun in Frankfurt am Main. Er war selbst obdachlos und entwirft und schneidert Kleidung für Obdachlose, wie eine Jacke, die zum Schlafsack umfunktioniert werden kann. Diese Kleidungsstücke verteilt er kostenlos unter den Bedürftigen. Licko Turle aus Brasilien ist in seinem Heimatland in Sozialprojekte involviert, wie Movimento Sem Teto da Bahia und das Theater der Unterdrückten. Fabian Debora arbeitet als Künstler, war Berater und Leiter des Substance Abuse Services & Programming und über 10 Jahren Mentor bei Homeboy Industries in Los Angeles. Aktuell ist er Executive Director der Somos LA Arte - Homeboy Art Academy.


WORLDS OF HOMELESSNESS: 2. Tag

16.00 - 18.00 Uhr   FILM:  
                                 
                                LONG STORY SHORT von Natalie Bookchin
                                EX°ST von Jonas Reuter & Radames Eger

18.00 - 19.00 Uhr Empfang


19.00 - 21.00 Uhr Diskussion: Wie können sich Künstler auf sinnvolle
                                                   Weise mit Obdachlosigkeit 
                                                   auseinandersetzen?


Einführung: Goethe-Institut und NAVEL
               
                             
                     John Malpede und Henriette Brouwers, Los Angeles, USA
                               
                     Radames Eger, Frankfurt, Deutschland 
                                          
                     
Licko Turle, Salvador de Bahia, Brasilien

                     Fabian Debora, Los Angeles, USA

                     Moderator: Kerem Halbrecht, Berlin, Deutschland


                              
John Malpede
ist Regisseur und Performer und realisiert Multi-Event-Projekte, die Komponenten aus Theater, Installation, Kunst im öffentlichen Raum sowie Bildung und Erziehung einbeziehen. 1985 gründete er das Los Angeles Poverty Development (LAPD), eine Performance-Gruppe, die sich hauptsächlich aus Obdachlosen und ehemaligen Obdachlosen zusammensetzt, die in Skid Row als Kunstschaffende leben und arbeiten. Er produzierte Projekte mit Gemeinschaften in ganz USA sowie Großbritannien, Frankreich, den Niederlanden, Belgien und Bolivien. 2004 wollte er mit der viertägigen, 200 Meilen umspannenden Veranstaltungsreihe „RFK in EKY“ zu historischen, aktuellen und sozialpolitischen Themen Robert F. Kennedys Reise von 1968 durch Kentucky als Teil des von ihm propagierten „Kampfes gegen die Armut“ wiederauferstehen lassen. Als Stipendiat am Center for Advanced Visual Studies des MIT entwickelte Malpede 2008/09 „Bright Futures“ als Reaktion auf die weltweite Finanzkrise. 2013 wurde Malpede mit dem Doris Duke Performing Artist Award prämiert. 2014 präsentierte das Queens Museum of Art in New York in einer ersten Retrospektive die Arbeit des LAPD. Die Ausstellung war 2016 am Armory Center for the Arts in Pasadena zu sehen.

Henriëtte Brouwers ist seit 2000 stellvertretende Leiterin des Los Angeles Poverty Department. Bei zahlreichen Stücken des LADP wirkt sie als Co-Regisseurin, Produzentin und Performerin mit. Brouwers wurde in den Niederlanden geboren und war als Schauspielerin, Regisseurin und Dozentin in den Niederlanden, Frankreich und den USA tätig. In Paris war sie Ensemblemitglied von Augusto Boals Theater der Unterdrückten (1979-1982) und studierte Körpertheatertechnik bei Etiènne Décroux. In den Niederlanden gründete sie das Bewegungstheater ACTA und trat u.a. mit dem Shusaku & Dormu Dance Theatre, dem Grif Theater und Nationaal Fonds auf. 1993 präsentierte das Theatre Project in Baltimore ihr Werk „A Traveling Song“. Im selben Jahr gastierte sie als „Maya“ in Jim Grimsleys „The Decline and Fall of the Rest“ im 7 Stages Theatre in Atlanta. 1996 übernahm sie die Bewegungsregie für das Stück „Blue Monk“ von Robert Earl Price beim Olympic Arts Festival in Atlanta. Sie trat mit dem Solostück „Malinche and La Lengua, the Tongue of Cortès“ in den USA und den Niederlanden auf und führte Regie bei einer Reihe kollektiv entwickelter Performances, die auf La Llorona (die Weinende), einer Figur aus der mexikanischen Folklore, basieren. Sie ist Teil der bekannten „Passions“-Serie des Künstlers Bill Viola. Henriëtte Brouwers entwickelte mit John Malpede das Projekt „RFK in EKY“ (2004), eine Nachstellung von Robert F. Kennedys Reise von 1968 zur Untersuchung der Armut in der Appalachen-Region.

Das Los Angeles Poverty Department (LAPD) in Skid Row wurde 1985 von dem Regisseur, Performer und Aktivisten John Malpede gegründet. Es ist eine gemeinnützige Kunstorganisation und erste Performance-Gruppe des Landes, die sich hauptsächlich aus Obdachlosen zusammensetzt, sowie das erste Kunstprogramm überhaupt für Obdachlose in Los Angeles. LAPD entwickelt Performances und multidisziplinäre Kunstwerke, die die Erlebnisse von Menschen in Armut mit den sozialen Kräften in Zusammenhang bringen, die ihr Leben und ihre Gemeinschaften formen. Die Stücke des LAPD verleihen den Realitäten, Hoffnungen, Träumen und Rechten von Menschen Ausdruck, die in Skid Row leben und arbeiten. John Malpede und Henriëtte Brouwers erhielten 2018 gemeinsam ein Visual Artist Fellowship der Stadt Santa Monica.

Radames Eger: Ich bin Radames Eger, Modedesigner aus Frankfurt am Main. Geboren bin ich in Brasilien und lebe jetzt seit 15 Jahren in Europa. Nach meiner Kariere als Balletttänzer, habe ich mich der Schöpfung einer neuen Modewelt gewidmet. Mein Ziel dabei war es immer diejenigen zu kleiden, die es am meisten benötigen. Minderheiten wie Senioren, Kranke und Obdachlose, sowie alle Menschen, die nicht in die das klassische Schönheitsbild der Modewelt passen, sind die Menschen, für die ich meine Kollektionen kreiere. Die kommerzielle Modewelt habe ich als Teil der Vergangenheit erklärt.
Mit der 3-wöchigen EX°ST-Tour durch Deutschland, habe ich versucht in Form einer Mahnwache und der Ausstellung meiner Zelt-Jacke auf die Thematik der Obdachlosigkeit aufmerksam zu machen und besonders im Winter die Gesellschaft mehr zu sensibilisieren, damit in Zukunft niemand mehr auf der Straße sterben muss.

Licko Turle wurde 1960 in Rio de Janeiro geboren. Er ist Schauspieler, Regisseur und Professor und hat in Theaterwissenschaften promoviert. Er ist Gastprofessor innerhalb des Graduiertenprogramms der Theaterschule der Universidade Federal da Bahia. 1986 rief er mit Augusto Boal das Theaterzentrum der Unterdrückten in Brasilien und 1999 mit Amir Haddad das Institut Tá na Rua für Kunst, Erziehung und Bürgerschaft ins Leben. Er ist Autor von drei Büchern über das Theater der Unterdrückten und von vier Werken über Straßentheater. Er war in Asien, Europa, Afrika, Nord-, Mittel- und Südamerika und ganz Brasilien tätig. Seine Forschung dreht sich um ethnische Themen, Straßenbewohner, Volkstheater, politisches Theater, Straßentheater und soziale Bewegungen. Er koordiniert die internationale Konferenz „Theater der Unterdrückten und Universität“, die Landesversammlung des brasilianischen Straßentheaternetzwerkes sowie das Schwarze Forum für Darstellende Kunst. Seine aktuellen Stücke in Bahia, bei denen er Regie oder Co-Regie führt, sind „Essay für Demokratie“ und „Schwarze Haut, weiße Maske“. Er begleitet die Obdachlosenbewegung Bahia, die Artikulation des alten Zentrums von Salvador, die Theaterschule der MST (Bewegung der Landlosen) in Perus, São Paulo, sowie die Theaterbewegung an der Peripherie São Paulos. Derzeit lebt er in Salvador, Bahia, wo er die „Escola do Teatro Negro“ (Schule des schwarzen Theaters) ins Leben rufen möchte.

Fabian Debora wurde in El Paso, Texas, geboren und begann seine Laufbahn 1995 als Mitglied der East Los Angeles Streetscapers. Er nahm Unterricht bei zahlreichen Chicano-Künstlern und Wandmalern, die ihn mit den unterschiedlichsten kreativen Ausdrucksformen, von Graffiti und Wandmalerei bis hin zu Zeichnung und Malerei, vertraut machten.

Seine Werke wurden in Einzel- und Gruppenausstellungen in den USA und im Ausland gezeigt, wie in Santa Barbara, Los Angeles, Kansas City, Brooklyn und in ganz Lateinamerika.

Debora arbeitete zehn Jahre lang als Berater, Mentor und in leitender Funktion bei der Sucht- und Drogenberatung des Selbsthilfeprojekts Homeboy Industries in Los Angeles. Danach war er als Community Connection Director beim Arts for Incarcerated Youth Network tätig. Für die gemeinnützige Organisation ACTA Alliance of Traditional Arts unterrichtet er Kunst in Justizvollzugsanstalten für Erwachsene. Zudem ist er künstlerischer Leiter für die gemeinnützige Organisation Latino Producers Action Network (LPAN) und unterrichtet Künstler und Schüler im Viertel Boyle Heights in Los Angeles. Mittlerweile ist er geschäftsführender Direktor der von Homeboy Industries betriebenen Kunstakademie Somos LA Arte und geht dort seiner Vision nach, weiterhin im Großraum Los Angeles und darüber hinaus künstlerisch tätig zu sein.

Kerem Halbrecht ist Architekt und realisiert Projekte im öffentlichen Raum. Er initiierte die 72 Hour Urban Action, ein Mitmachprojekt für Designer und Stadtbewohner zur Gestaltung des städtischen Raums, das in ganz Europa und dem Nahen Osten mehrfach Anwendung fand. Zudem ist er Architekt und Mitbegründer von The Spaceship, einem wegweisenden, unabhängigen, gemeinschaftlich genutzten Arbeits- und Lebensraum, der seit 2007 zu einem Zentrum der freien Meinungsäußerung in Tel Aviv geworden ist. Halbrecht ist einer der Mitbegründer der kürzlich entstandenen Gruppe Just Add People, die Formate für eine spielerische Auseinandersetzung mit Raum entwickelt. Seit 2016 erforscht und entwickelt er für das Goethe-Institut in Rotterdam, Kyoto, Los Angeles und Guadalajara Programme zur Beteiligung von Bürgern an der Gestaltung und Unterhaltung der gebauten Umwelt. Halbrechts Werke werden weltweit ausgestellt und präsentiert, u.a. im Tel Aviv Museum of Art, an der Harvard Graduate School of Design, an der University of California Berkeley, am MIT Media Lab und am MoMA PS1.


 

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