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Jazz 2025
Ein Jahr der Stimme(n)

Cologne Jazzweek | Foto (Ausschnitt): © Niclas Weber
Cologne Jazzweek | Foto (Ausschnitt): © Niclas Weber

Neben international vernetzten Projekten und einem starken künstlerischen Nachwuchs prägten Debatten über Teilhabe, Arbeitsbedingungen und Sichtbarkeit die Szenen in allen Bundesländern. Musikalisch wie gesellschaftlich war 2025 für den Jazz ein Jahr vielfältiger Stimmen.

Von Dr. Fanny Opitz

„Heimat, ein Zuhause fand ich (…) im Gesang und im Jazz, dieser improvisierten Musik aus Amerika, die für Freiheit und Rebellion steht, aber auch für Schönheit, Reinheit, Hass, Schmutz, Seelentiefe, eben für alles, was uns Menschen ausmacht,“ schreibt die Sängerin und Songwriterin Uschi Brüning in ihrer Autobiographie So wie ich. Als prägende Figur der ostdeutschen Jazzszene – noch vor dem Mauerfall – zeigt sie, wie sehr die Stimme im Jazz stets mehr war als Klang: ein Ausdruck von Haltung, Identität und der Freiheit, die eigene Geschichte auch in Krisenzeiten hörbar zu machen. Für ihr Lebenswerk wurde sie mit dem Deutschen Jazzpreis 2025 ausgezeichnet.

Die Stimme, nicht nur als künstlerisches Werkzeug, sondern als Sinnbild für Zugehörigkeit und gesellschaftliche Positionierung, stand 2025 im Mittelpunkt. Die Landesmusikräte kürten sie zum Instrument des Jahres, was auch auf den Jazz ausstrahlte. Neben Uschi Brüning wurde eine weitere Vokalistin mit einem zentralen Preis ausgezeichnet: Im Rahmen des Jazzfests Berlin erhielt den Albert-Mangelsdorff-Preis Lauren Newton – eine zentrale Stimme der freien internationalen vokalen Improvisation.

Motiv des Jahres: Die Stimme

Eine kraftvolle Brücke zwischen Stimme und Szeneentwicklung schlug die Schlagzeugerin und Komponistin Eva Klesse. Als Artist des Jahres beim Deutschen Jazzpreis ausgezeichnet, brachte sie ihr Ende 2024 erschienenes sozialkritisches Konzeptalbum Stimmen 2025 live auf die Bühne – unter anderem auf der Jazzahead!, der internationalen Leitmesse in Bremen. In diesem Werk verdichtet sie die Erfahrungen marginalisierter und diskriminierter Personen sowie zentraler Aktivist*innen und verwandelt sie in ein musikalisches Plädoyer für Vielschichtigkeit, Toleranz und Mut.

Mehr Sichtbarkeit: FLINTA*-Perspektiven im Jazz

Neben Projekten wie Stimmen, die Diversität ästhetisch verhandeln, spielte auch in der gesellschaftspolitischen Diskussion im Jahr 2025 die Frage nach gerechter Teilhabe im Jazz weiterhin eine wichtige Rolle. Eva Klesse, die zu einer der wenigen Frauen gehört, die in einem Instrumentalfach eine Professur innehaben, kritisiert die momentane Situation entscheidend und liefert Fakten: „Unter 4% aller Hauptfach-Instrumentalprofessuren im Jazz in Deutschland sind mit Frauen besetzt: Wenn man Gesangsprofessuren dazu rechnet, bleiben wir immer noch einstellig unter 10%. Diese Zahlen kann man sich auf der Zunge zergehen lassen. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs von Diskriminierung und Ungerechtigkeiten in vielen Bereichen.“

Erfreulicherweise stärkte eine Reihe herausragender Persönlichkeiten verschiedener Generationen in diesem Jahr die Sichtbarkeit und Präsenz von FLINTA* auf der Bühne und im musikpolitischen Geschehen. Dazu gehört die Pianistin und Komponistin Julia Hülsmann, deren Wirken weit über ihre eigenen Ensembles hinausreicht. Seit vielen Jahren prägt sie als Professorin und Bandleaderin die deutsche Jazzszene. 2025 wurde sie zum Ehrenmitglied des Deutschen Musikrats ernannt.

Auch Large Ensembles unter der Leitung von Musikerinnen fanden Aufmerksamkeit: Die Klarinettistin Rebecca Trescher mit ihrem Tentett und Sextett, die junge zehnköpfige Band Volo um die Saxofonistin Sofia Will und die Monika Roscher Big Band. Auch die Schweizer Bandleaderin Sarah Chaksad, die mit deutschen Musiker*innen in ihrem Ensemble kooperiert, konnte unter anderem mit ihrem Auftritt auf dem Jazzfest Bonn zeigen, dass große Formationen zunehmend diverser werden und internationale Kooperationen neue kreative Räume öffnen. Chaksad vereint nicht nur viele Generationen an Musiker*innen in ihrem Ensemble auf der Bühne, sondern integriert auch ungewöhnliche Instrumente in ein Jazzsetting – zum Beispiel das Ziegenhorn, gespielt von der norwegischen Musikerin Hildegunn Øiseth. Gleiches gilt auch für die in Berlin lebende türkische Komponistin und Multiinstrumentalistin Başak Yavuz und ihr internationales Projekt Ne Var Ne Yok, in dem Jazz und Neue Musik auf orientalische Klänge treffen.

Erstmals unter der Leitung der neuen Direktorin Bettina Bohle legte eine Diskussion auf dem 19. Darmstädter Jazzforum den Blick auf das marginalisierte gesellschaftliche Thema der Care Arbeit in Musiker*innenfamilien. Die Saxofonistin Alexandra Lehmler sprach schonungslos offen über die Herausforderungen von Elternschaft und Arbeitsrealitäten. Mit ihrer Crowdfunding-Kampagne Care Works setzt die Berliner Musikerin Maria Reich außerdem ein weiteres wichtiges Zeichen für die oft unsichtbaren Seiten des Berufs.

Jazzvermittlung im Fokus und ein starkes Jahr für den Nachwuchs

Stilistisch frei, international und zugleich stark in den lokalen Szenen verwurzelt ist die deutsche Nachwuchsszene aufgestellt. Im Jahr 2025 konnte sie deutlich an Sichtbarkeit gewinnen. Zum einen durch bemerkenswert reife Debuts wie zum Beispiel Zen Garden vom Saxofonisten und Komponisten Max Treutner. Zum anderen vertieften bereits etablierte junge Musiker*innen ihre Zusammenarbeit besonders in Duo-Produktionen – darunter Under the Same Stars von Shuteen Erdenebaatar und Nils Kugelmann und Cameo von Johanna Summer und Jakob Manz. Auch auf etablierten Festivals stehen junge Künstler*innen vermehrt im Line-Up, darunter der Bassist Felix Henkelhausen, der beim Eröffnungskonzert des Jazzfest Berlin mit seinem Projekt Deranged Particles spielte.
Im institutionellen Bereich sorgte die Saxofonistin, Komponistin und Bandleaderin Theresia Philipp für ein wichtiges Signal. Als neue künstlerische Co-Leitung des Bundesjazzorchesters (Bujazzo) bringt sie eine junge Perspektive in eines der zentralen Ausbildungsensembles Deutschlands ein. Mit ihrem Fokus auf Kooperationen und Musiker*innen-Gesundheit steht sie für einen modernen Ansatz der Nachwuchsförderung.

Auch in der Musikvermittlung entstanden 2025 wichtige Impulse. Das Projekt Jazzpilotinnen der Deutschen Jazzunion erhielt den Deutschen Jazzpreis in der Kategorie Musikvermittlung und Teilhabe. Seit 2020 arbeitet die Initiative daran, Jazz und improvisierte Musik niederschwellig erfahrbar zu machen – etwa durch Schulprojekte, Kitabesuche sowie innovative Beratungs- und Weiterbildungsangebote. Auch bei etablierten Musikinstitutionen und Festivals schließen die Jazzpilot*innen mit ihren Formaten eine bestehende Lücke: Für Camille Buscot, Geschäftsführerin der Deutschen Jazzunion, bewegt sich das Projekt „an der Schnittstelle zwischen Improvisation, politischer Bildung und Gesellschaft“. Es zeige, wie „Menschen aus unterschiedlichen Lebensrealitäten und Kulturen im gemeinsamen Musikmachen“ zusammenfinden – und präge damit „die Jazzszene in Deutschland auf eine ganz neue Art und Weise.“

Verluste: Abschiede 2025

2025 war auch ein Jahr großer Verluste. Mit dem Tod von Klaus Doldinger endete eine Ära – nicht nur für den Jazz, sondern auch für ein Millionenpublikum, das seine Musik oft kannte, ohne es zu wissen. Für Krimi-Fans auf der ganzen Welt war der Jazz über Jahrzehnte in der Titelmelodie des Tatorts präsent, dessen musikalisches Thema Doldinger komponierte. Während eines Konzerts im November verstarb zudem der Pianist Christoph Spendel, dessen pädagogische Arbeit eine ganze Musiker*innengeneration prägte, und der Klarinettist Theo Jörgensmann, eine zentrale Figur der freien improvisierten Szene verstarb ebenso 2025. Als Publizist und Chronist des Jazz wird auch der im Februar verstorbene Musikjournalist Siegfried Schmidt-Joos als versierte Stimme vielen fehlen.

Berlin, Köln und neue Orte

Mit Berlin und Köln blieben auch 2025 zwei Städte zentrale Motoren des Jazz in Deutschland: Die Cologne Jazzweek fand zum fünften Mal statt und unterstrich erneut die überregionale Relevanz der Kölner Szene. In den vergangenen zehn Jahren habe die Kölner Szene, so Festivalinitiator Janning Trumann, „eine beispielhafte Entwicklung durchlaufen“ – von der Gründung der Kölner Jazzkonferenz 2015 über den Ausbau des Stadtgartens zum Europäischen Zentrum für Jazz und aktueller Musik bis hin zur Etablierung der Cologne Jazzweek ab 2021. Mit der Verleihung des Deutschen Jazzpreises 2024 und 2025 und der kommenden European Jazz Conference 2026 zeige sich, „wie deutlich Köln inzwischen überregional und europäisch wahrgenommen wird“.

In Berlin wurde 2025 ebenso an einer strukturellen Stärkung der Szene gearbeitet. Das Projekt House of Jazz – Zentrum für Jazz und Improvisierte Musik befindet sich in seiner Pilotphase. Während dieser Zeit ist die Harfenistin und Komponistin Kathrin Pechlof für Strategie und Konzept verantwortlich. Die Bedeutung des Projektes beschreibt sie so: „Die fragilen Strukturen der freien Szene zeigen in der Krise, dass Institutionalisierung ein wichtiges Instrument der Resilienz sein kann.“ Seit 2023 würden unter dem Titel Zentrum Under Construction Inhalte des künftigen Hauses an verschiedenen Orten sichtbar gemacht. „Schon während dieser Pilotphase konnten wir Wirksamkeit erreichen – mit einem Residenzprogramm, Konzertformaten, als Plattform für Diskurs und als Katalysator künstlerischer Entwicklung.“ Für 2026 bestehe, so Pechlof, „berechtigte Hoffnung, dass endlich auch die Verortungsfrage zufriedenstellend beantwortet wird.“ Das Zentrum ist ein gemeinsames Vorhaben der Deutschen Jazzunion, der IG Jazz Berlin und Till Brönner wird in der Pilotphase vom Land Berlin sowie der BKM gefördert. Ziel ist eine institutionelle Ankerstruktur, die Präsentation, Forschung, Produktion und Vermittlung dauerhaft bündelt – initiiert und getragen von Musiker*innen selbst.

Auch Städte in Ostdeutschland setzten wichtige Akzente: In Halle (Saale) wurde das Festival A-Minor des Jazzkollektivs Halle erstmals überregional wahrgenommen, außerdem richtet die Stadt 2026 den Wettbewerb Jugend jazzt zum zweiten Mal aus. Der Brandenburgische Jazzpreis ging 2025 an den Saxofonisten und Komponisten Wanja Slavin. Zudem wurde mit dem Jutta-Hipp-Preis des Sächsischen Jazzverbands eine weitere wichtige Auszeichnung der Region vergeben. In diesem Jahr zählten Marina Schlagintweit und ihr Large Ensemble (Komposition), Stephan Deller und sein Trio MOTUSNEU (Improvisation) zu den Preisträger*innen. Eckard Schleiermacher und der Saxstall Pohrsdorf wurden ebenso mit der Kategorie Ehrenpreis gewürdigt.
 
Der SWR Jazzpreis, einer der traditionsreichsten bundesweiten Jazzpreise, würdigte 2025 mit dem Vibraphonisten Christopher Dell erneut eine künstlerisch herausragende Persönlichkeit.

Der Jazz in Deutschland ist international – und vielfältig vernetzt

Weiterhin ist die deutsche Jazzszene international ausgerichtet, nicht nur nach Amerika. Die in München lebende mongolische Sängerin Enji, die mit ihrer Musik in Deutschland, Asien und den USA erfolgreich ist, war mit ihrem Album Sonor, das das Zuhören ins Zentrum stellt, eine wichtige Stimme im Jazzjahr 2025. Zum 25. Jubiläum des Trio Ivoire, einer Zusammenarbeit des Pianisten Hans Lüdemann mit dem Balafon-Meister Aly Keïta von der Elfenbeinküste, veröffentlichte das Ensemble Resurrection ein neues Album, das die Verbindung von afrikanischer Musik und europäischem Jazz weiterführt. Einen ähnlichen Ansatz verfolgt auch das Projekt Sargal des Trompeters Volker Goetze, der im Duo mit Ali Boulo Santo Cissoko an der Kora Jazz mit der Tradition der westafrikanischen Griots kombiniert. Auch gemeinsame europäische Perspektiven werden in der Zukunft gestärkt: Die Jazzahead! kündigte Schweden als Gastland 2026 an.

Mit Blick auf internationale Kritiker*innenstimmen sind deutsche und die deutsche Jazzszene prägende Artists im DownBeat Critics Poll 2025 präsent. Die August-Ausgabe des Magazins DownBeat kürte unter anderem die bereits seit vielen Jahren in den USA-lebende deutsche Komponistin Ingrid Laubrock zum Rising Star Composer und ihr Large Ensemble zum Rising Star Large Ensemble. Platzlisten erhielten Nils Wogram und Shannon Barnett (beide Erwähnungen als Trombonist of the Year) Silke Eberhard (Erwähnung als Alto Saxophonist of the Year) sowie Christopher Dell und Taiko Saitō (beide Erwähnungen als Vibraphonist of the Year).

Gegen Selbstausbeutung und Prekariat: Faire Bezahlung im Fokus

Finanziell ging es 2025 vielen Jazzmusiker*innen schlecht: Die Inflation belastet zusehends die Situation von Jazzakteur*innen in Deutschland, von Festivals über Venues bis hin zu Ensembles und Soloartists. Gleichzeitig stand das Thema Visa-Bestimmungen verstärkt im Fokus. Die weiterhin hohen Kosten für Visaanträge in die USA belasten insbesondere junge Musiker*innen und erschweren internationale Tourneen.

Um auf Missstände aufmerksam zu machen, schloss sich beispielsweise die Deutsche Jazzunion 2025 der gemeinsamen Honoraruntergrenzen-Empfehlung des Deutschen Musikrats an. Bei zu mindestens 50 Prozent vom Bund geförderten Projekten soll ein Mindesthonorar von 300 Euro pro Tag gelten. Diese Empfehlung setzt ein wichtiges politisches Signal für faire Arbeitsbedingungen. Zudem nahm der Berliner Schlagzeuger und neuer Vorsitzende der Deutschen Jazzunion, Michael Griener, den Welttag des Jazz am 30. April zum Anlass, eine „Stärkung der Infrastruktur“ zu fordern „von Proberäumen, Jazzclubs und Festivals, aber auch (der) Vergabe von Stipendien“. Dafür müssten gemäß Griener die „entsprechenden Fördertöpfe deutlich erhöht werden“, um „Selbstausbeutung und Prekariat“ zu verhindern. Die Relevanz solcher Forderungen wurde unter anderem durch die APPLAUS-Auszeichnung für das domicil Dortmund unterstrichen, die zeigte, wie wichtig stabile Strukturen für eine lebendige Szene im ganzen Land sind.

2025 war ein Jahr, in dem deutlich wurde, wie notwendig es ist, vielfältige Stimmen zu Wort kommen zu lassen, damit der Jazz in Deutschland auch künftig künstlerisch frei und international vernetzt bleiben kann. Denn Jazz ist nicht nur Musik, sondern ein Resonanzraum für Fragen von Teilhabe, Gerechtigkeit und Zukunftsfähigkeit und damit äußerst gesellschaftlich relevant.
 

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