Klassische, Alte und Neue Musik 2025
Noch spielt die Musik
Das Musikjahr in Deutschland hat Positives zu vermelden: Publikumszahlen steigen, mehr Menschen machen selbst Musik, in sozialen Netzwerken finden sich mehr Reichweiten für Klassik, die Branche öffnet sich. Auch wenn in Sachen Kulturförderung der Druck hoch bleibt. Was bedeutet das für die Zukunft?
Von Ida Hermes
Es gibt mittlerweile viele Möglichkeiten, wie die Welt untergehen kann, und sei es nur die Welt der Kultur. Vor dem Hintergrund von Krisen und Kriegen verhandelt es sich härter darüber, wen Kunst und Kultur in Deutschland erreichen kann, und ob etwa aufwändige Opernproduktionen sich dadurch noch legitimieren lassen.
Der Opernbetrieb kennt die Debatte gut. Mit seinem Artikel Ist Oper heute noch möglich? mischte sich der Komponist Ernst Krenek 1937 in einen großen Streit darüber ein. Und spitzte ironisch zu: „Die Frage, ob ‚heute noch‘ Oper möglich sei, implizierte fast stets die andere: ob es mit dem […] erreichten Stand der Rationalität verträglich sei, dass man diese durch […] Nonsens gekennzeichnete Essenz des Opernhaften gutgläubig und gutwillig hinnehme.“
Zukunft im Nebel
Der aktuelle Stand der Rationalität scheint mit Nonsens heiter umzugehen, zumindest im Hinblick auf KI-Chatbots, die sich eine eigene Welt erfinden. Hinsichtlich Kulturförderung sieht es etwas weniger heiter aus, wobei es auf Bundesebene eine Neuerung gab. Große Kürzungen der Kulturetats waren für 2025 in Planung, dann Mitte des Jahres eine Überraschung: Der Bund stockt vorerst auf in Sachen Kultur, auch das Saarland und NRW, wo es statt Kürzungen von acht Millionen nun acht Millionen mehr geben soll.Anlass zu Optimismus gibt das kaum: Den größten Anteil der Finanzierung von Kultur stemmen die Kommunen, und die verzeichnen massive Defizite. Wie sich die Lage entwickelt, ist kaum vorhersehbar. Neben Kürzungen bereitet also mangelnde Planbarkeit Künstler*innen Sorge.
In der Bevölkerung ist das Interesse an Kulturangeboten indes in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen, so der Freizeit-Monitor 2023 im Rückblick auf zehn Jahre. Eine Befragung des Musikinformationszentrums von April 2025 stellt fest, dass der Anteil der Menschen, die selbst Musik machen, auf über zwanzig Prozent gestiegen ist. Mit elf Prozent bleibt das Interesse am Besuch von klassischen Musikfestivals konstant.
Zwischen Kassenschlager und Innovation
Der Betrieb reagiert auf den omnipräsenten Untergang einerseits mit Eskapismus und Wunschkonzertschlagern, wie etwa Mozarts Zauberflöte, die sich ungebrochener Beliebtheit erfreuen, andererseits mit einer Art vorweggenommener Trauma-Verarbeitung. Die Komponistin Sara Glojnarić setzt ihrem Publikum bei den Wittener Tagen für neue Kammermusik im Mai Kopfhörer auf, lässt es akustisch in den Ballsaal des Passagierdampfers MS Titanic eintreten und mit ihm versinken. Bevor alle zusammen Céline Dion singen, fragt die Sopranistin Sarah Maria Sun: „Was ist eure Musik für das Ende der Welt?“Songs for the End of the World ist zugleich Livepodcast und Kopfhörerkonzert und öffnet künstlerisch einen Raum für Trauer, Zukunftsängste, Empathie. Der Deutsche Musikautor*innenpreis hat Sara Glojnarić 2025 in der Kategorie Nachwuchs ausgezeichnet. Wie sie sich zwischen Popkultur und Humor, Experiment und Ernst bewegt, macht sie zu einer wegweisenden Künstlerin. Das Ende der Welt zieht sich wie ein roter Faden durch Produktionen 2025. Philippe Manoury bringt in Köln Die Letzten Tage der Menschheit nach Karl Kraus auf die Bühne. Ketan Bhatti beim Beethovenfest einen scheiternden Helden Odysseus, der um die Deutungshoheit seiner Welt ringt, die er in den Abgrund stürzt. Und in der Oper Bonn hält Krieg Einzug. Ein Theatersaal ist zu sehen, unbestuhlt, ein Blindgänger hat die Kuppel zertrümmert und raucht im Bühnenbild.
Das Szenario erinnert an Bilder aus dem ukrainischen Mariupol. Es spiegelt sich wider in einer Musik aus den 1980er Jahren, der es die Sprache verschlagen hat: Die Worte sind nach ihrem Klang aneinandergereiht statt nach ihrem Sinn in der einzigen Oper des Georgiers Gija Kantscheli. „To be or not to be?“ singt Clélia Oemus, siebzehn Jahre alt, mit himmlisch kristallener Stimme. Und reicht die Frage an den Betrieb weiter: Kann Kunst vor dem Hintergrund von Krieg noch stattfinden, und vor allem – hat sie noch Sinn?
Am Theater Bonn bleibt aktuell ausgerechnet die Zukunft der Reihe Fokus ʼ33 ungewiss. Mit aufwändigen Forschungsprojekten hinterlegt, bringt sie Werke zur Aufführung, die im politischen Rauschen ihrer Zeit untergegangen sind.
Die Maschine übernimmt
In Sachen historische Aufführungspraxis zeigt im Sommer die Ruhrtriennale einen Beitrag der neuen Art. Das Festival bespielt im Ruhrgebiet Industriedenkmäler mit einem spartenübergreifenden Programm. In der Turbinenhalle in Bochum ist das britische Will Gregory Moog Ensemble eingeladen und macht auf originalen Moog-Synthesizern Musik von Bach, Händel, Beethoven und Berlioz. Getreu nach dem Vorbild von Wendy Carlos, Pionierin der elektronischen Musik, die den Moog in den 1960er Jahren mitentwickelte.„Alt“ geworden ist diese analoge Elektronik der Zeit bis vor der Entwicklung der Künstlichen Intelligenz. Die neue Generation Maschine erzeugt als KI Bilder, die nur noch durch ein Wasserzeichen unterscheidbar sind von echten Fotografien, und sie tobt sich bei Streamingdiensten aus. KI-Bands generieren Musik, teils mit völkisch nationalistischem Inhalt, die vor allem von anderen Bots begeistert gehört wird. Das entbehrt durchaus nicht einer gewissen Komik, zieht aber ernste Folgen für Komponist*innen nach sich: Auf diese Weise werden künstlich Ausschüttungen generiert, die im Topf fehlen für die, die ihren Unterhalt mit Musik verdienen und ohnehin von Streamingriesen wenig bekommen. Die Premiere Oracle greift bei der Ruhrtriennale nach den Sternen und lässt eine Künstliche Intelligenz zu Bewusstsein kommen. Chaotisch, laut, bedrohlich. Es drängt sich die Frage auf, ob nur dadurch das Ende nahen soll oder ob es nicht längst droht. Die Einordnungen der Kritiken fielen sehr unterschiedlich aus.
„Wer Angst hat, durch KI ersetzt zu werden, sollte sich fragen, warum“, schreibt mir Kaan Bulak, der sich KI in seinem Alltag als Komponist und Pianist zunutze macht. Ein einfaches Beispiel: Wenn er eine Sängerin einen Text rückwärts singen lassen möchte, kann KI zügig transkribieren. „Natürlich existieren Optionen für eine KI-generierte Musik, doch ihre Anwendung hat keine Überschneidungen mit meinem Schaffen. Gerade jetzt, wo die objektive Arbeit von der KI übernommen werden kann, gewinnt im Künstlerischen die intuitiv-subjektive Perspektive deutlich an Wert.“
Zuhause zwischen Berlin und Istanbul lässt Kaan Bulak in seiner Musik Traditionen ineinanderfließen, eins werden. Das Lied Fructus Eius spielt mit Bruchstücken, die sich in verschiedene Richtungen bewegen und überlappen. Ein Stück wie eine Blume, das den Moment stillstehen lässt im schnelllebigen Internet.
Nerd-Content geht viral
In sozialen Medien wie TikTok und Instagram ist klassische Musik zum ersten Mal hoch im Kurs. Das ist oft so unterhaltsam wie nischig, etwa wenn Querflöten Tschaikowskys Tanz der Rohrflöten über Milkshake von Kelis (2003) zaubern und damit viral gehen. Es sorgt auch dafür, dass der Pianist Louis Philippson aus Mülheim an der Ruhr in den Tagesthemen landet: Dieser postet beispielsweise Challenges, die er sich selbst setzt oder von seiner Community vorschlagen lässt – etwa, ein „unspielbares“ Stück in zehn Minuten spielen zu können.Oder es sorgt dafür, dass ein unangekündigtes Orgelkonzert von Anna Lapwood die Kölner Innenstadt lahmlegt. Rund 13.000 junge Menschen stehen in der Julisonne Schlange. Und weil Anna Lapwood sie nicht enttäuschen möchte, spielt sie direkt im Anschluss ein zweites Konzert im Dom. „Das belächeln nur Leute, die sie noch nie gehört haben“, konstatiert Wolfram Goertz in der Zeit. Und wirklich, gerade die Filmmusik zu Interstellar klingt auf der Orgel überirdisch schön. Aktuell ist Anna Lapwood Residenzkünstlerin in der Royal Albert Hall in London.
Eine, auf die sich alle einigen können – unabhängige Kritik wie Major Labels – ist die Violinistin Antje Weithaas, die seit 2004 auch Professorin an der Musikhochschule Hanns Eisler in Berlin ist. Für ihre Aufnahme des zweiten Violinkonzerts von Pēteris Vasks hat der Opus Klassik sie im Herbst zur Instrumentalistin des Jahres gekürt. „Für Neue Musik, das freut mich besonders!“
Weithaas bedient ein breites Repertoire und ist dabei eine Geschichtenerzählerin, die sich agil und mit einer Liebe zum Detail in unterschiedliche Stile eindenkt. „Ich nehme nur Musik auf, bei der ich den ganz klaren inneren Wunsch verspüre, sie aufzunehmen. Es ist ein Reinfühlen, die Auseinandersetzung mit einer Partitur, die Empathie gegenüber der Mentalität dieser Menschen, ihrer Sprache – ganz wichtig, und dann muss man es für sich verarbeiten und eine Überzeugung entwickeln, die man präsentieren möchte.“
Hoher Druck für junge Talente
An die Künstler*innen rücken jüngst Dokumentationen und Filme persönlich näher heran, in Inhalt und Machart. Primadonna or Nothing der Würzburger Regisseurin Juliane Sauter porträtiert die Sängerinnen Valerie Eickhoff, Angel Joy Blue und Renata Scotto und beleuchtet, was es bedeutet, wenn sich im Leben alles um die Musik dreht. Die ARD-Serie Anastasia Kobekina – Jetzt oder nie! verfolgt, wie ein Ausnahmetalent zur Marke entwickelt wird und blickt auf ihrem Weg zum Debütalbum hinter die Kulissen.Der Druck, unter dem junge Künstler*innen stehen, ist höher denn je. Das gilt nicht nur für den Bereich der Spitzenförderung. Die ARD-Serie begleitet eine junge Cellistin, die in jeder Hinsicht bei ihrer Professionalisierung unterstützt wird, dabei aber um Autonomie ringt. Der Usus im Regelbetrieb ist ein anderer. Labels beteiligen sich seit Jahren nur in Ausnahmefällen an den Kosten, an der Entwicklung und Organisation von Albumproduktionen. Nicht nur junge Musiker*innen müssen hier in Vorschuss gehen und sich das Wissen, das zum Vertrieb gehört, selbst aneignen.
Kulturkürzungen gefährden den Wandel
Mit Kulturförderung allein ist es nicht getan, wenn es darum geht, strukturelle Probleme im Kulturbetrieb zu lösen. Es ist Mut gefragt, auf allen Ebenen, damit immer teurer werdende, hochsubventionierte Theater und Opernhäuser politisch nicht gegen die freie Szene ausgespielt werden.Die Musiklandschaft ist in den letzten Jahren vielfältiger geworden, sie ist neu aufgeblüht nach Ende der Pandemie. Es hat sich gezeigt: Gerade in der Freien Szene steckt ein immens hohes kreatives und innovatives Potential, von dem auch große Festivals und Institutionen profitieren. Genau hier, bei den Freien, gibt es aber die meisten prekären Beschäftigungsverhältnisse, und aktuell verschlechtern sie sich häufig weiter. In Zeiten von Krisen und Unsicherheiten braucht es einen ehrlichen Blick auf Ressourcen. Vielleicht auch ein Umsteuern von finanziellen Mitteln. Und Bewusstsein dafür, dass man neben der Kunst um die Lebensgrundlage der Künstler*innen ringt. Wer noch nicht um Förderung bangen muss, sollte solidarisch sein.