Eröffnung: Goethe-Zentrum Baku Zwischen Kapellen und Moscheen

„Unsound“-Festival im Goethe-Zentrum Baku
„Unsound“-Festival im Goethe-Zentrum Baku | Foto: Ilkin Huseynov

Seit Dezember vergangenen Jahres gibt es in Eriwan und Baku zwei neue Goethe-Zentren, die sich als Mittler zwischen Europa und Asien verstehen. Das Goethe-Zentrum in Baku wurde jetzt in Anwesenheit von Johannes Ebert, Generelsekretär des Goethe-Instituts, offiziell eröffnet. Er betonte die Brückenfunktion Aserbaidschans als eines der offensten Länder unter den islamisch geprägten Staaten der Region.

Die Seidenstraße, die im Goethe-Zentrum von Baku bereits Thema einiger Veranstaltungen war, ist der rote Faden, der das kulturelle Programm im „Kapellhaus“, dem Gemeinderaum der benachbarten lutherischen Kirche und Sitz des Goethe-Stützpunkts, zusammenhält. Es ist eine Straße der Geschichte und Geschichten, auf der nicht nur Handelswaren, sondern auch Kulturgüter, Weltanschauungen, Religionen, Traditionen und Bräuche unter den Völkerschaften bekannt gemacht, vermittelt und ausgetauscht wurden.

Mischa Kuball, Johannes Ebert und Alfons Hug bei der Eröffnung Mischa Kuball, Johannes Ebert und Alfons Hug bei der Eröffnung | Foto: Adil Yusifov

Leise und eindringliche Gesten

Seit Jahrtausenden ist der Kaukasus eine unruhige Weltregion. Die Versuchung, in dieser Gemengelage gut gemeinte Ratschläge erteilen zu wollen, ist groß. Alfons Hug, Leiter des Goethe-Zentrums in Baku, setzt jedoch vor allem auf die wundersame Wirkung leiser und doch eindringlicher Gesten. Für die Eröffnungsausstellungen schickte er den in Basel und Kairo lebenden ägyptischen Künstler Youssef Limoud drei Tage lang durch die Straßen von Baku, mit dem Auftrag, beliebiges Material für eine Installation zu sammeln, und er ließ den deutschen Lichtkünstler Mischa Kuball für die Shah-Moschee des Shirwanshah Palasts eine farbengetränkte, überaus symbolträchtige Leuchtskulptur konzipieren.

Kuball hat seine Arbeiten zwar bereits in Kirchen verschiedener Konfessionen zeigen können, doch waren bisher nach eigenem Bekunden alle seine Versuche gescheitert, auch in einer Moschee seine Lichtkunst zu präsentieren. Kuball  besann sich auf eine bahnbrechende Entdeckung des italienischen Universalgelehrten, Philosophen, Mathematikers und Astronomen Galileo Galilei, der zum ersten Mal die Sonnenflecken beobachtet und sie nicht als optisches Phänomen, sondern als Strukturen der Sonnenoberfläche gedeutet hat.

Lichtinstallation von Mischa Kuball Lichtinstallation von Mischa Kuball | Foto: Adil Yusifov

Wissenschaft und Glaube

In seiner Lichtinstallation „Five Suns / after Galilei“ lässt Kuball fünf verschiedenfarbige Scheiben, auf die er die Sonnenflecken, wie sie von Galilei gesehen wurden, eingraviert hat, in stoischem Gleichmaß mit- und gegeneinander rotieren, wobei der Lichtstrahl einer Projektorenlampe Farbmuster in immer neuen Kombinationen an die Wand der im 15. Jahrhundert für Frauen gebauten, heute jedoch inaktiven Moschee zaubert. Seine Arbeit versteht Kuball nicht nur als Erinnerung an den alten Streit zwischen Vernunft und Dogma, Wissenschaft und Glaube, dem gerade Galilei bei seinen Auseinandersetzungen mit der katholischen Kirche ausgeliefert war. Die Arbeit soll auch eine Würdigung der in Aserbaidschan praktizierten Toleranz und des multikulturellen Reichtums des kaukasischen Landes sein.

Einen ganz anderen Weg beschreitet Youssef Limoud. Er hat in den drei Tagen, an denen er durch die Straßen Bakus streifte, eine Fülle von Fundobjekten zusammengetragen, Rohre, rohe Backsteine, Drahtkörbe, Metallstifte, Gitterroste, Stangen, Metallscheiben, verkohlte Latten gefunden und damit im Kapellhaus in kürzester Zeit Stadtsiedlungen im Miniaturformat gebaut, die eines gemeinsam haben: Es sind Ruinenstädte, denen Zerfall und Niedergang innewohnt, denen aber auch Limouds künstlerische Hand zugleich einen unvergleichlichen poetischen Zauber verleiht.

Ausstellung von Youssef Limoud Ausstellung von Youssef Limoud | Foto: Adil Yusifov

Symbole des Übergangs und der Transformation

Limouds Ruinenstädte landen nach dem Ausstellungsende wieder auf dem Müll. Seine bisher größte Ruinenstadt hat er vor zwei Jahren bei der Biennale in Dakar gebaut und dafür den ersten Preis erhalten. Er sieht seine kunstvollen Gebilde auf Zeit als Symbole des Übergangs und der Transformation: Nichts ist beständig, irgendwann wird auch das phantastischste Kunstwerk oder Gebäude, im übertragenen Sinn selbst das mächtigste Herrschaftssystem oder auch manches gesellschaftliche Ideal zur Ruine oder verschwindet ganz von der Bildfläche. Seine Installation überschrieb Limoud mit dem vieldeutigen arabischen Wort „Maqam“, das ganz allgemein einen Ort bezeichnet, ‚auf dem etwas errichtet ist‘, das in der arabischen, türkischen und persischen Kunstmusik aber auch eine bestimmte Tonleiter bezeichnet.

Eröffnungsfeier des Goethe-Zentrums Baku Eröffnungsfeier des Goethe-Zentrums Baku | Foto: Adil Yusifov An den Eröffnungstagen des Goethe-Zentrums in Baku spielte auch die Musik eine wichtige Rolle, schon allein deshalb, weil das zur gleichen Zeit stattfindende „Unsound“-Festival für elektronische und experimentelle Musik in der lutherischen Kirche zu Gast war, vor allem aber weil zur Eröffnungsfeier aserbaidschanische Sänger und Musiker im Zusammenwirken mit einem Jazz-Pianisten ganz im Geist von Goethes „West-östlichem Divan“ traditionelle Mugham-Musik mit modernem „westlichen“ Klangempfinden auf  geradezu „harmonische“ Weise zu verbinden wussten. Die Universalität der Musik, die unter den Künsten vielleicht am besten geeignet ist, Klüfte oder gar Abgründe im menschlichen Miteinander zu überbrücken, wurde schließlich auch im Konzert des Frauen-Vokalensembles „Sjaella“ aus Leipzig mit Gesängen aus nahezu allen Epochen der europäischen Musik spürbar.