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Online-Projekt „Re-Visiting Orientalism“
Klischee trifft Wirklichkeit

Im Vordergrund die „Promenade du Harem“ des Malers Jean Louis Gerome, im Hintergrund die Baustelle des Hotels Royal Atlantis in Dubai.
Im Vordergrund die „Promenade du Harem“ des Malers Jean Louis Gerome, im Hintergrund die Baustelle des Hotels Royal Atlantis in Dubai. | Collage (Ausschnitt): © Andréas Lang

In der Online-Ausstellung „Re-Visiting Orientalism“ des Goethe-Zentrums Baku treffen orientalistische Gemälde aus dem 19. Jahrhundert auf aktuelle Videoaufnahmen. Für „Goethe aktuell“ erklärt der Künstler Andréas Lang, wie orientalistische Zerrbilder den Blick auf den Nahen Osten, Asien und Nordafrika bis heute prägen.

Von Andréas Lang

Seit Edward Saïd im Jahr 1978 sein einflussreiches Werk „Orientalismus“ veröffentlicht hat, wird der Begriff Orientalismus in vielen akademischen Diskursen verwendet, um auf eine insgesamt abwertende westliche Sicht auf den Nahen Osten, Asien und Nordafrika hinzuweisen. Nach Saïds Analyse charakterisiert der Westen diese Gesellschaften als statisch und unterentwickelt – und schafft damit einen Blick auf die orientalische Kultur, der im Dienste der imperialen Herrschaft gelernt, dargestellt und reproduziert werden kann. Diese Konstruktion impliziert, so Saïd, dass die westliche Gesellschaft im Gegensatz dazu entwickelt, rational, flexibel und überlegen ist.

Orientalistische Zerrbilder

Solche orientalistischen Ansichten und Zerrbilder sind tief in der westlichen Gesellschaft verwurzelt und stellen weiterhin ein Problem in der westlichen Sicht auf die nahöstliche, nordafrikanische und islamische Welt dar. Der Orientalismus wurde zu einem gedanklichen Rahmen für alle westlichen hegemonialen, kolonialen Bestrebungen und zu einer Möglichkeit, den Orient umzustrukturieren und Macht über ihn auszuüben.
Die Videosequenz „New City“ überlagert Bilder des Burj Khalifa mit dem Gemälde „Der Turmbau zu Babel“ von Lucas van Valckenborch. Die Videosequenz „New City“ überlagert Bilder des Burj Khalifa mit dem Gemälde „Der Turmbau zu Babel“ von Lucas van Valckenborch. | Collage (Ausschnitt): © Andréas Lang
Eines der Schlüsselereignisse war der Ägyptenfeldzug Napoleons in den Jahren von 1798 bis 1801. Napoleon wurde bei der Eroberung nicht nur von einer riesigen Armee begleitet, sondern auch von Künstlern, Wissenschaftlern, Archäologen, Biologen, Philologen, Architekten und Historikern. Ihr Ziel war es, Ägypten auf jede erdenkliche Weise zu studieren und zu erforschen, aber nur für die Europäer*innen, nicht für die Ägypter*innen. So wurde die Eroberung auch zu einer ideologischen und wissenschaftlichen Expedition.

Ein Bild außerhalb von Geschichte und Wirklichkeit

In der Kunst- und Filmgeschichte, in der Bilder von Mysterien, sinnlichen Phantasien und Projektionen reproduziert und klischeehaft dargestellt werden, wird das Abbild zu einem Bild außerhalb von Geschichte und Wirklichkeit. Seit den frühen Werken von Georges Méliès bis hin zu „Lawrence von Arabien“, „Indiana Jones“ oder „Star Wars“ hat die Bildsprache des Orientalismus im Film einen wichtigen und alles durchdringenden Platz gefunden. Sie ist die Schöpferin des Anderen, und heute wird diese Bildsprache auch von den Einheimischen und der Tourismusindustrie gerne reproduziert. So gibt es zum Beispiel in Istanbul an beliebten Tourist*innenorten zahlreiche kleine Fotostudios, in denen sich Besucher*innen in historische osmanische Kostüme kleiden können.
Das Gemälde „Le Sahara“ von Gustave Guillaumet trifft auf das verlassene „Star Wars“-Filmset in Tunesien. Das Gemälde „Le Sahara“ von Gustave Guillaumet trifft auf das verlassene „Star Wars“-Filmset in Tunesien. | Collage (Ausschnitt): © Andréas Lang
Mit dem Projekt „Re-Visiting Orientalism“ nähere ich mich den verschiedenen Projektionen des Orientalismus, indem ich über historische orientalistische Gemälde zeitgenössische Szenerien lege und so ein Interpretationsfeld eröffne und geopolitische und soziale Probleme sowie politische Realitäten andeute. Das Werk wird zu einer subversiven Dekonstruktion der westlich-orientalistischen Perspektive, indem es sich ihrer Ästhetik bedient und ein Palimpsest des Jetzt und des traditionellen orientalischen Vorstellungsbildes schafft.

Subversive Dekonstruktion

Während meiner Recherche arbeitete ich in Baku, Istanbul, Kuwait, Tunesien und Dubai. Ich reiste an diese Orte, um Bilder zu produzieren. In meinen jüngsten Projekten wurde das Archiv- und Forschungsmaterial zu einem eigentlichen Teil der ausgestellten Arbeit. In diesem Projekt zum Orientalismus entschied ich mich zum ersten Mal, diese Schichten zu kombinieren und in kritischen Kompositionen zu überlagern. „Re-Visiting Orientalism“ wurde während meines Stipendienaufenthaltes an der Kulturakademie Tarabya in Istanbul im Jahr 2018 initiiert.

 

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