Gender und Sprache Gender in der Sprache

Diskussion - Gender in der Sprache
© Goethe-Institut Sofia

Eine Diskussion mit Prof. Dr. Miglena Nikolchina, Doz. Dr. Reni Yotova und Doz. Dr. Reneta Kileva-Stamenova, veranstaltet vom Goethe-Institut Bulgarien am 21. März 2017

Miglena Nikolchina: Guten Abend allerseits. Ich freue mich sehr, dass Sie sich so zahlreich für unser Thema interessieren, für ein Thema, das mich auch seit etwa 20 Jahren beschäftigt. Ich möchte mich beim Goethe-Institut für die Möglichkeit bedanken, diese Diskussion zu veranstalten. Wir haben uns heute versammelt, um das Thema aus der Perspektive der verschiedenen Sprachen zu beleuchten. Neben mir sitzen Reni Yotova - sie unterrichtet an der Sofioter Universität im Fach Französische Philologie, sie ist Autorin von vier Büchern, herausgegeben in Frankreich zu Fragen der gegenwärtigen Literatur - und Reneta Kileva - sie unterrichtet im Fach Germanistik an der Sofioter Universität und ist Fachfrau für Übersetzung. Mein Name ist Miglena Nikolchina. Ich unterrichte westeuropäische Literaturgeschichte an der Sofioter Universität. Reni wird die Interessen und die Phänomene in der französischen Sprache darstellen, Reneta wird darüber sprechen, was in der deutschen Sprache passiert und ich werde über die bulgarische Sprache sprechen. Dabei werde ich immer wieder Hypothesen einbringen über den Einfluss der englischen Sprache und vielleicht wird es uns gelingen, auch weitere Sprachen in diese Diskussion einzubeziehen.

Das Problem, das die feministische Theorie in der zweiten Hälfte des 20. Jh. aufstellt, beginnt mit einer ganz einfachen Tatsache in den europäischen Sprachen. Es gibt viele Sprachen auf der Welt und viele davon kommen uns sehr merkwürdig vor in Bezug auf die Art und Weise, wie sie die Geschlechter zum Ausdruck bringen. Wir werden aber heute nicht über Sprachen sprechen, die wir nicht kennen und wir werden uns nicht auf Gebiete begeben, die uns fremd sind. In den europäischen Sprachen ist es allerdings offensichtlich, dass, wenn wir über ein menschliches Wesen generell sprechen, das Maskulinum verwenden. Diese Überlegungen beginnen schon bei Simone de Beauvoire - vielleicht kann Reni später näher darauf eingehen -wir werden aber versuchen, uns auf den gegenwärtigen Stand der Dinge zu konzentrieren. Es entsteht ein Problem, weil daraus zu schlussfolgern ist, dass der Mensch ein Mann ist. Sie kennen doch das Sprichwort, dass die Frau der beste Freund des Menschen ist. Das heißt also, das universelle menschliche Wesen ist männlich und die Frau ist ein Mensch, insofern sie keine Frau ist. Das Weibliche ist also eine Abweichung vom Menschlichen.

Übrigens wollen wir gleich zu Beginn vermerken, dass es keine Verbindung zwischen dem grammatischen Genus und der sozialen Gleichstellung gibt. Es gibt Sprachen, in denen es überhaupt keine Marke für das grammatische Genus gibt, wie zum Beispiel die türkische Sprache, das heißt aber bei weitem nicht, dass dort die Frauen gleichgestellt sind. Wenn wir aber von Sprachen sprechen, die philosophisch und theoretisch das Problem der weiblichen Gleichstellung reflektieren, ergibt sich dieses Problem - das Problem der Versprachlichung und das Problem, warum die Frau immer eine Ausnahme des Universellen bleibt, warum sie eine Abweichung ist und warum sie von der Sprache als eine Abweichung betrachtet wird. Im Bulgarischen, wie in einigen anderen slawischen Sprachen, haben wir allerdings einen kleinen Vorteil. Als erstes haben wir das Wort „Mensch“. Der Mensch, obwohl das Wort männlich ist, setzt immer voraus, dass er in verschiedenen Geschlechtern erscheint, während in Sprachen wie im Französischen oder im Englischen das Wort für Mann und für Mensch praktisch ein und dasselbe ist. Ein weiterer Vorteil der slawischen Sprachen, von dem sie aber unterschiedlich stark Gebrauch machen, ist das grammatische Genus für die Substantive – Maskulinum, Femininum und Neutrum (nicht alle Sprachen haben diese Kategorie. Das Englische hat sie zum Beispiel nur bei den Pronomen). Auf Bulgarisch konnte eine Frau vor der Wende nicht von sich sagen „Ich bin Friseur“. Es hieß ich bin Friseurin, ich bin Arbeiterin, ich bin Bäuerin und so weiter. Das Femininum für die Berufe wurde ganz normal verwendet, es war natürlich und es wurde nicht als abwertend empfunden. Etwas schwieriger war es um die beruflichen Grade und um die Machtpositionen bestellt, da dort Frauen selten anzutreffen waren - insbesondere bei Wörtern, die wir mehr oder weniger als fremd empfinden, zum Beispiel Professorin oder Dozentin. Wir sprechen dabei über den 1980-er Jahre vor der Wende. Nicht dass es unmöglich war, aber von einer Ministerin zu sprechen, klang komisch, genauso wie es andererseits seltsam war, wenn eine Frau von sich behauptet hätte „Ich bin Lehrer“ - d.h. in Bezug auf die normalen Berufe, in denen Frauen massenhaft gearbeitet haben, sprach man im Femininum und nicht etwa weil der Sozialismus mit seinem Grundgesetz Mann und Frau gleichgestellt hat oder weil er es für Frauen ermöglicht hat, Traktor zu fahren, sondern weil dies die Sprache seit eh und je möglich machte. Es gibt einen Bauer, es gibt aber auch eine Bäuerin; es gibt einen Bürger, aber auch eine Bürgerin. Auf einer seltsamen Weise begannen diese Formen nach der Wende nach und nach zu verschwinden, während man sich in anderen Sprachen tierisch darum bemühte, sie einzuführen, weil sie nicht natürlich von der Sprache hergegeben wurden. Wir dagegen haben sie und lassen es zu, dass sie verschwinden. Ich habe zwei Hypothesen, warum das passiert, aber bevor ich darauf eingehe, wollen wir erfahren, was in anderen Sprachen los ist und ich erteile das Wort zuerst an die deutsche Sprache, zu Ehren unserer Gastgeber.
 
Reneta Kileva: Ich werde mit einem kurzen historischen Überblick beginnen. In Deutschland und in den deutschsprachigen Ländern, im Kontext der Frauenbewegung Ende der siebziger Jahre, diskutierte man in verschiedenen Frauengruppen, -zentren und -organisationen sehr intensiv darüber, dass die Frauen vom entscheidenden Stimmrecht in der Familie, in der Gesellschaft, in der Politik und in der Kultur praktisch ausgeschlossen sind und dass die Männer nicht nur in der Gesellschaft die dominierende Rolle spielen, sondern auch in Bezug auf die Frauen, auf ihre Emotionalität, ihre Denkweise, ja auch ihre Ausdrucksweise. Diese Diskussionen machen die Wissenschaft und insbesondere die Sprachwissenschaft darauf aufmerksam und sie stellt sich die Frage, wie sich die Gleichstellung der Geschlechter in der Sprache widerspiegelt. Die Hauptthese der Sprachwissenschaftler lautet, dass die diskriminierenden Akte gegen die Frau in erster Linie Redeakte sind, zum Beispiel wie man eine Frau anredet, dass oft eine Anrede fehlt, die Art und Weise, wie man über die Frauen spricht etc. Ende der siebziger Jahre erscheinen die ersten wissenschaftlichen Publikationen zum Thema und die Universität Konstanz wird zum ersten akademischen Zentrum der sogenannten feministischen Linguistik, in dieser Zeit verbunden mit den Forschungsarbeiten von Luise Pusch und Senta Trömmel-Plötz. In ihren Analysen kommen sie zur Schlussfolgerung, dass die deutsche Sprache die patriarchale Struktur der Gesellschaft widerspiegelt, diese aber auch konstruiert und durchsetzt, dass die Rolle der Frau in dieser Gesellschaft schwach vertreten ist oder gänzlich fehlt. Daraus ergibt sich das Problem, dass die Frauen sich nicht mehr mit dieser Sprache identifizieren, was zu sozialen, aber auch zu psychischen Problemen führt, da es für jeden Menschen existenziell wichtig ist, dass er mit seiner Identität wahrgenommen und anerkannt wird. Die feministische Linguistik kritisiert das System der deutschen Sprache in Hinblick auf seine grammatischen, morphologischen und lexikalischen Erscheinungen, die als frauendiskriminierend interpretiert werden - zum Beispiel Personen- und Berufsbezeichnungen, Funktionen und Titel, bei denen die maskuline Form als Standard gilt. Hier möchte ich übriges anmerken, da bereits von den femininen Berufsbezeichnungen im Bulgarischen die Rede war, dass ich mir das Register der Berufe und Funktionen des Nationalen Instituts für Statistik vom Jahr 2011 angeschaut habe - in diesem Register sind 5000 in Bulgarien ausgeübte Berufe aufgezählt, darunter gibt es nur vier feminine Formen und das sind Hebamme, Begleitdame, Krankenschwester und Stewardess (Flugbegleiterin). Dafür entdeckte ich die Berufsbezeichnungen Fußpfleger (Pedikürist) oder Nagelpfleger (Manikürist) etc. Umgekehrt führt das vergleichbare Berufsregister der deutschen Bundesagentur für Arbeit vom Jahr 2010 fast ausnahmslos maskuline und feminine Formen auf.
 
Reni Yotova: Wenn wir uns die französische Geschichte anschauen, müssen wir unbedingt den Namen von Olympe de Gouges erwähnen, die 1791 die „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“ verfasst und bereits mit dem geänderten Titel das feministische Problem darstellt. Wie bereits von Miglena erwähnt, bedeutet auf Französisch das Wort homme „Mensch”, und „Mann” zugleich. Dementsprechend geht es in der „Erklärung der Rechte des Menschen und Bürgers“ um den Bürger in Maskulinum. Olympe de Gouges verfasst ein Spiegelbild der Erklärung der Rechte des Menschen und Bürgers, selbstverständlich etwas abgeändert, die Erklärung gibt es als Text, sie wurde debattiert und logischerweise nicht angenommen. In diesem Text verlangt die Autorin die völlige Gleichstellung der Frauen gegenüber den Männern. Wie mich Miglena soeben erinnerte, wurde Olympe de Gouges geköpft.
Damit uns die Bedeutung der Sprache in der französischen Kultur bewusst wird, müssen wir die Gründung der Französischen Akademie 1635 erwähnen, die für die Sprach- und Literaturnormen zuständig ist. Sehr merkwürdig ist es übrigens, dass 2014, d.h. vor nicht allzu langer Zeit, ein Abgeordneter im französischen Parlament mit einem Viertel seines Monatsgehalts bestraft wurde, da er die Leiterin der Sitzung Sandrine Mazetier mit der Anrede Madame le Président – Frau Präsident anredete, mit dem maskulinen Artikel le, anstatt la ansprach. Und ebenfalls die Ministerin Ségolène Royal mit Madame le Ministre, und nicht la Ministre. Aus diesem Anlass und wegen der Strafe gab es 2014 eine große Debatte, wobei sich der bestrafte Abgeordnete auf die Französische Akademie berief und vorschlug, sich die Meinung der Experten und großen Gelehrten der Französischen Akademie anzuhören. In Bezug auf die Berufsbezeichnungen lautete die Meinung der Akademiker, dass bestimmte Berufe durchaus die weibliche Form bilden können, wenn dies von den grammatikalischen Regeln zur Bildung der weiblichen Formen zugelassen wird. Diese Berufe sind : Postfrau, Pharmazeutin, Rechtsanwältin, immerhin aber auch Holzfällerin, Komponistin, Verlegerin, das Wort professeur ist auf Französisch aber für Professor und Lehrer identisch. Es kann auf Französisch also keine „Lehrerin“, keine „Professorin“, keine „Autorin“, keine „Ingenieurin“ und auch keine „Staatsanwältin“ geben. Die Akademie bezeichnet sogar die Feminisierung dieser Berufsbezeichnungen als eine Barbarei gegen die französische Sprache.

Also erlaubt es die Sprache von Voltaire in Frankreich nicht, die weibliche Form Schriftstellerin, écrivaine, zu bilden – wenn man ein „e“ hinten anhängt, dann wird die weibliche Form gebildet, die unterschiedlich ausgesprochen wird. Die Feminisierung der Berufsbezeichnungen ist in anderen französischsprachigen Ländern durchaus gebräuchlich. Es kann also auch keine Autorin geben – von auteur kann auteure mit einem „e“ gebildet werden, die Form autrice ist ebenfalls möglich. Eines meiner Bücher, die Miglena erwähnt hat, ist in der Schweiz herausgegeben und dort bestand der Verleger mit Nachdruck darauf, dass überall autrice steht, wovon einige französische Professoren sehr verwundert waren. Paradoxerweise lässt ein dermaßen feminisierter Beruf wie der Lehrerberuf nur die maskuline Bezeichnung zu – egal ob Sie ein Mann oder eine Frau sind, bleiben Sie in Frankreich ein professeur.

Wie aber sieht es in anderen Ländern aus? Die Debatte über die Feminisierung der Berufsbezeichnungen von Berufen, die traditionell nur von Männern ausgeübt wurden, wird in Frankreich auf politischer Ebene seit den 1990-er Jahren geführt. 1982 gründet das Amt für die französische Sprache (ja, die gibt es in Frankreich auch) eine Arbeitsgruppe, die mit der Aufgabe beauftragt wird, eine Liste der Berufe zu erstellen, für die es keine weiblichen Bezeichnung auf Französisch gibt. Am 4. April 1986 veröffentlichte das Amt folgendes amtliche Dokument, ich zitiere: „Titel und Funktionen in Femininum. Ein Orientierungsversuch im Gebrauch“. Was empfiehlt Frankreich also? Die traditionellen Formen und die traditionellen Bildungsmodelle für das Femininum beizubehalten und die Ausnahmen, die sich in der Praxis behauptet haben, zu beschränken. Das heißt, dass die Norm weiterhin durch die Akademie bestimmt werden sollte. Süchtig nach linguistischen Debatten, verstehen die Franzosen allzu gut, dass die sprachlichen Probleme eigentlich politische Probleme sind. Erst 1998 ließ sich die gesamte französische Presse ausführlich darüber aus, inwieweit es angebracht sei, eine Ministerin Madame La Ministre zu nennen. Und dann äußerte sich der damalige Ministerpräsident Lionel Jospin, unterstützt durch Jaques Chirac, offiziell darüber, dass in Verwaltungstexten das Femininum verwendet werden soll und dass es Direktorinnen und Inspektorinnen geben darf, die bis dahin wie ihre männlichen Kollegen genannt wurden.
In anderen französischsprachigen Ländern wie z.B. in der Schweiz sieht es ganz anders aus. Die Schweiz wurde bereits genannt, sie ist ein Land mit vier offiziellen Sprachen und 23 Kantonen. Dort werden logischerweise die Entscheidungen auf unterschiedlichen Ebenen getroffen, d.h. eine einheitliche Sprachpolitik wäre in der Schweiz undenkbar. Die Bemühungen dort sind einerseits daraufhin ausgerichtet, dass die juristische Sprache verändert wird, so dass auch die Frauen als Rechtssubjekte vom Gesetz berücksichtigt werden. In Bezug auf das Französische ist die Schweiz vielleicht am weitesten fortgeschritten. In der Presse sind die weiblichen Formen weit verbreitet. Ich werde nun eine andere bekannte Feministin, Alice Rivaz, erwähnen. Zwei Jahre vor Simone de Beauvoires „Das andere Geschlecht“ schrieb sie ihren Roman „Der Bienenfriede“, der als der erste feministische Roman in der Schweizer Literatur gilt. Dementsprechend ist es in der Schweiz völlig üblich écrivaine, auteure, etc. zu schreiben. Alle Bezeichnungen von Berufen, die von Frauen ausgeübt werden, werden feminisiert. Die Kantone Genf und Jura haben sogar ein Wörterbuch des Maskulinums und Femininums herausgegeben. Seit der Erstausgabe 1991 gibt es mehrere Neuauflagen, das heißt, dass dieses Wörterbuch eine Art Anleitung für den Gebrauch des Maskulinums und Femininums bei Berufs- und Funktionsbezeichnungen ist.

In Belgien ist die Situation auch sehr weit fortgeschritten, allerdings in einer anderen Art und Weise. So wird zum Beispiel das Wort professeur in Femininum nicht durch ein „e“ verändert, sondern der Artikel wird feminisiert – une professeur oder la professeur, die Endung ändert sich nicht, eine weibliche Form gibt es aber trotzdem. Was den Rechtsrahmen in Belgien anbelangt, wurde am 21. Juni 1993 ein Dekret verabschiedet, mit dem die Feminisierung der amtlichen Texte verbindlich wird.

Ich werde auch ein drittes Beispiel anführen, aus Quebec, wo der Fortschritt am größten ist – dort werden sämtliche durch die Französische Akademie festgelegten Ausnahmen vom Normfranzösisch systematisch verletzt, die Ausnahmen werden immer mehr. Es ist gar kein Problem, dass unsere Kolleginnen, die Professorinnen in Quebec und Montreal mit der weiblichen Form angeredet werden, professeurе wird mit der Endung „e“ geschrieben und das ist völlig in Ordnung. Auf die gleichen Art und Weise sind sämtliche Verwaltungsfunktionen in Quebec, also Bürgermeisterin, mairesse, was in Frankreich kaum verwendet wird, Madame la Président die obligatorische Anrede. Sie sehen also durch diese Beispiele, dass es in der französischen Sprache nicht einheitlich aussieht. Am konservativsten in Bezug auf die Evolution der Sprache bleibt Frankreich. Vor einigen Jahren habe ich sogar Alain Rey, einer der Verfasser des großen französischen Wörterbuchs, im Radio gehört, der anlässlich des 8. März behauptete, dass es eine absolute Barbarei gegen die französische Sprache sei, Berufsbezeichnungen auf dieser Weise zu feminisieren.
 
Miglena Nikolchina: Sie sehen also, Frankreich mag sehr konservativ sein im Vergleich zu anderen französischsprachigen Ländern, dort wird aber immerhin eine Debatte geführt, es gibt Bestrebungen, die Situation zu verändern und das ist nicht einfach. In der bulgarischen Sprache haben wir Formen, die in der Sprache vorhanden sind, die wilde Entwicklung der Sprache in den letzten 30 Jahren läuft aber genau in die entgegengesetzte Richtung im Vergleich zur französischen und zur deutschen Sprache.
 
Publikum: Habe ich es richtig verstanden, dass es in Bulgarien momentan zwei Tendenzen gibt: eine der der Generation YZ, nämlich keine weiblichen Formen zu verwenden, und eine der früheren Generationen, die die feminisierten Formen entweder streng benutzen, wie sie das auch vor vielen Jahren getan haben oder der Feminisierung keine Beachtung zu schenken. Ich möchte einfach verstehen, welche Tendenzen momentan in Bulgarien vorhanden sind. Mit Sicherheit gibt es zwei oder drei und ich nehme an sie sind von Generation zu Generation, X, Y oder Z unterschiedlich, sozusagen. Können Sie es uns noch einmal kurz erklären?
 
Miglena Nikolchina: Ich würde nicht behaupten, dass dies ein Generationenproblem ist. Ich gehöre sicherlich zur Generation, die sich, wenn sie sich anstrengt, daran erinnern kann, dass es auch mal anders ausgesehen hat. Ich sage das als jemand, der diesen Prozess bewusst beobachtet hat. Die Verwendung der Frauenbezeichnung für die meisten Berufe im normalen, natürlichen, spontanen Sprachgebrauch ist üblich, weil die Sprache eben diese Grammatik hat. Wir haben eine Grammatik, die diese Form zulässt und sie wurde von allen verwendet, ohne darüber nachzudenken. Danach, auf der gleichen Art und Weise, ohne nachzudenken, ohne zu reflektieren, wurden diese Formen marginalisiert aus, wie gesagt, mindestens zweierlei Gründen. Wenn eine Frau ihren Beruf respektiert und wenn sie ihre Biografie gut darstellen möchte und wenn sie ernst genommen werden will, verwendet sie die maskuline Form, d.h. die feminine Form wird als abwertend empfunden, sowohl für den Beruf selbst, als auch für die Frau, die ihn ausübt. Das ist momentan die Situation in unserer Sprache, und so sieht es seit mindestens 20 Jahren aus. Ich möchte aber zuerst das Wort an Frau Reneta Kileva erteilen und dann werde ich auf die Gründe zu sprechen kommen.
 
Stimme aus dem Publikum: Mit Ausnahme von 2-3 Berufen, die sie am Anfang genannt haben. Hebamme, Stewardess, Lehrerin, Krankenschwester.
 
Miglena Nikolchina: Nein. Man sagt heutzutage: „Ich bin Lehrer”. So sagt man das. Vor einiger Zeit habe ich das Problem mit Studenten der Neuen Bulgarischen Universität diskutiert, da sprang ein junger Mann auf und meinte sehr scherzhaft: „Na ja, ich arbeite und da ich in meinem Beruf auch Kaffee bringen muss, bin ich Sekretärin“. Die weibliche grammatikalische Form wertet tatsächlich den Beruf oder den Menschen, der ihn ausübt, ab. Und darin besteht auch das Problem.
 
Reneta Kileva: In den deutschsprachigen Ländern ist es der feministischen Linguistik gelungen, den Sprachgebrauch zu verändern und die ungleiche Vertretung der Geschlechter in der Sprache zu überwinden. Es wird für den gezielten Gebrauch von Sprachformen plädiert, die das weibliche Geschlecht eindeutig zum Ausdruck bringen – z.B. durch den femininen Suffix -in, durch unterschiedliche Varianten des parallelen Gebrauchs von maskulinen und femininen Formen (Mitarbeiterinnen иnd Mitarbeiter; Kaufmann/Kauffrau; Mitarbeiter(innen); Mitarbeiter/innen). Diese Ausdrucksweise schafft allerdings oft Probleme für die Kongruenz der Adjektive und Pronomen, was die Kommunikation erschwert. Deswegen wird der Gebrauch geschlechtsunspezifischer Formen lanciert, z.B. substantivierte Adjektive (die Steuerpflichtigen), substantivierte Adverbien (die Studierenden), Kollektivbezeichnungen (Team, Personal), Funktions- oder Institutionsbezeichnungen anstatt von Personen (Vorstand, Management) etc. In einigen amtlichen Texten ist es auch üblich, in der Einleitung zu präzisieren, dass mit den verwendeten Personenbezeichnungen sowohl Männer als auch Frauen gemeint sind.

Es gibt allerdings auch interessante Beispiele für den umgekehrten Ansatz. Im Text der 2013 angenommenen Geschäftsordnung der Leipziger Universität heißt es, dass die akademischen Positionen in der femininen Form angegeben sind, womit auch die männlichen Mitarbeiter gemeint sind. Ähnlich verwenden einige deutsche Übersetzungswissenschaftler(innen) die feminine Form Übersetzerin in der Funktion eines neutralen Femininums, der sowohl das weibliche als auch das männliche Geschlecht meint.
 
Miglena Nikolchina: Das erinnert mich an eine atemberaubende Anzeige, die jemand fotografiert und auf Facebook gepostet hat: „Putzfrau (auch männlich) gesucht“. In der englischen Sprache wird das Geschlecht nur bei den Pronomen deutlich. In diesem Fall ist eine der Lösungen, ab und zu she (sie) als universelles Pronomen zu gebrauchen, das den Menschen generell, egal ob Mann oder Frau, meint. Aus all dem Gesagten wird deutlich, dass es ein Problem gibt. Ein Problem, das mit den natürlichen Mitteln der Sprache, die für die unterschiedlichen Sprachen allerdings unterschiedlich sind, gelöst werden soll.
 
Reneta Kileva: In diesem Zusammenhang soll erwähnt werden, dass die Diskussion in den deutschsprachigen Ländern momentan von der Exposition des männlichen und weiblichen Geschlechts in der Sprache abrückt. Vielmehr widmet man sich dem Thema, dass der Gebrauch von entweder maskulinen und oder femininen Formen eigentlich den heterosexuellen Stereotyp festigt, der nicht unbedingt für alle Mitglieder der Gesellschaft akzeptabel ist und die sich verändernden Art und Weisen, auf die man in der postmodernen Gesellschaft Mann oder Frau ist, nicht berücksichtigt. Ein Bespiel dafür könnte Facebook sein, das 58 Möglichkeiten zur Identitätsbezeichnung und Geschlechtszugehörigkeiten bietet, die auch einen Platz in der Sprache finden sollten. In diesem Kontext werden in der deutschen Sprache solche Schreibweisen bevorzugt, bei denen durch Symbole die Vielfalt der Geschlechtsidentitäten ausgedrückt wird, z.B. Schüler_innen oder Student*innen.
 
Miglena Nikolchina: Da ist bereits der Übergang zu einem anderen Thema. Das Verschwinden der Geschlechter und auch die Roboter sollten wir lieber andermal diskutieren.
 
Reneta Kileva: Ja, das ist tatsächlich Gegenstand einer anderen Debatte. Ich möchte aber einige Worte über die Institutionalisierung der geschlechtstoleranten Sprache sagen, was in Deutschland und im deutschsprachigen Raum sehr beeindruckend, ja sogar der beeindruckendste Prozess in der neuen Geschichte der deutschen Sprache ist. Dieser Prozess vereinigt die Anstrengungen der feministischen Bewegung, der akademischen Kreise und der Politik. Noch 1962 äußerte die erste deutsche weibliche Ministerin Elisabeth Schwarzhaupt den Wunsch, mit Frau Ministerin angesprochen zu werden. 1972, unter dem Druck der Frauenvereine, wurde die Anrede „Fräulein“ in der offiziellen Korrespondenz abgeschafft, weil es keine Entsprechung für einen unverheirateten Mann gibt. Daher wurde „Fräulein“ als diskriminierend eingestuft und abgeschafft. Es wurden auch erste Anleitungen zur Vermeidung des sexistischen Sprachgebrauchs veröffentlicht, erstellt durch Vertreter(innen) der feministischen Linguistik. Eine sehr wichtige Rolle spielte in der Politik Rita Süssmuth, die im Zeitraum 1988-1998 Vorsitzende des Deutschen Bundestags war und die eine Debatte initiierte, die 1990 in einer Entscheidung zur Vermeidung der geschlechtsspezifischen Bezeichnungen in Gesetzesentwürfen und amtlichen Urkunden und deren Ersatz durch neutrale Formulierungen für beide Geschlechter mündete. Gleichzeitig verabschiedete der Bundestag auch eine Resolution, die der geschlechtsneutralen Sprache die gleiche Bedeutung beimisst wie der klaren, verständlichen und präzisen Sprache der Gesetzestexte. Dieses Gleichgewicht wird bis heute mit der Unterstützung des Vereins Deutsche Sprache gesucht, der den Bundestag bei der Formulierung aller Rechtstexte berät.

Ähnliche Prozesse laufen in Österreich und in der deutschsprachigen Schweiz ab. Als Ergebnis haben wir eine umfassende Gesetzgebung, die die Gleichstellung der Geschlechter sicherstellt, auch einschließlich auf sprachlicher Ebene. Dies wirkt sich wiederum auf die Rechtsakte der Ministerien, Institutionen, Gemeinden, Organisationen, Bildungseinrichtungen, Medien, Firmen, Konfessionsgemeinschaften etc. aus und spiegelt sich in Anleitungen zu einer symmetrischen Vertretung der Geschlechter in der Sprache wider, die nicht nur auf dem Papier bestehen bleibt, sondern in allen Sphären der offiziellen Kommunikation eine praktische Anwendung findet.
 
Miglena Nikolchina: Ich bitte nun Reni zu ergänzen, wenn sie etwas ergänzen möchte.
 
Reni Yotova: Ja, ganz kurz in Bezug auf die französische Sprache. Da wir das Thema Institutionalisierung angesprochen haben, soll die hervorragende Arbeit der Internationalen Organisation der Frankophonie erwähnt werden. Das ist eine multilaterale Organisation, an der 84 Staaten beteiligt sind, die sich die Gleichstellung der Geschlechter auf die Fahnen geschrieben hat. Zum ersten Mal wurde vor zwei Jahren eine haitianische Frau kanadischer Staatsbürgerschaft, Frau Michaëlle Jean, zur Vorsitzenden der Organisation gewählt. Die wichtigsten Zielgruppen der Organisation sind Frauen und Jugendliche, es werden regelmäßig Wochen der französischsprechenden Frauen organisiert. Es gibt da auch eine Stelle zur Überwachung der Gleichstellung der Geschlechter und da die Mitgliedstaaten nach jedem Gipfeltreffen eine Erklärung verabschieden, haben sie sich auch zum Ziel gesetzt, eine Veränderung der Sprache in Bezug auf die Frauen zu bewirken. Das geht über die Einführung der Feminisierung der Berufsbezeichnungen und Anreden in allen öffentlichen Urkunden. Es schien mir wichtig die Arbeit dieser Organisation zu erwähnen, da dadurch das Monopol eines einzigen Staates auf die französischen Sprache gebrochen wird.
 
Miglena Nikolchina: Sie haben gesehen, wie der Kontext aussieht. In der bulgarischen Sprache beobachten wir genau das Gegenteil. Ich habe Ihnen zwei Hypothesen versprochen, nun, da wir keine Zeit haben, werde ich sie nur als Grundlage für künftige Diskussionen erwähnen.
Die erste Hypothese betrifft den Einfluss der englischen Sprache nach der Wende, obwohl ich mich immer wieder frage, warum uns früher das Russische nicht beeinflussen konnte. Das Russische kann gleichermaßen weibliche Formen bilden, tut es aber aus irgendwelchen Gründen nicht – während des Sozialismus war dort der Trend, mit maskulinen Formen zu sprechen viel stärker ausgeprägt, genauso wie wir es heute tun. Meine erste Hypothese ist also der externe Einfluss, der Einfluss einer anderen Sprache mit einer unterschiedlichen Grammatik.

Meine zweite Hypothese ist der Verfall der Idee der Weiblichkeit nach der Wende. Ich meine nicht die Position der Frauen, die Frauen bleiben weiterhin aktiv, sie sind überall, das kann man sehen, auch in Bereichen, die früher ausschließlich von Männern besetzt waren, beispielsweise in den höheren Posten in den Printmedien. Die „Mutrisierung“* der ersten Jahre nach der Wende schuf ein Frauenbild, nach dem die Frauen Models, Prostituierte oder Stripperinnen waren. Einige westliche Frauenorganisationen, die nach der Wende hier aktiv wurden, haben meiner Meinung nach durch ihre Prioritäten leider auch dazu beigetragen. Denn ihre Prioritäten lagen in erster Linie beim Thema Gewalt gegen Frauen. Nicht dass es diese Gewalt oder den Frauenhandel nicht gibt, aber durch ihre Prioritäten ist die Frau ständig als Opfer in den Vordergrund gerückt. In dieser Situation begannen sich die normalen Frauen, die ja die Mehrheit sind, zu schämen und vermieden gemeinsam mit ihrer Umgebung die weibliche Form. Denn die tollen Frauen sind eigentlich Männer! So ungefähr. Und die kleinen niedlichen Frauen, die gehören in eine andere Kategorie.
 
Mit Kürzungen
 
Tonaufzeichnung von:
Aisun Kabak, Ivangelina Vateva, Stefan Kalpachev und Lilia Trifonova

Die bulgarische Version des Textes wurde in Literaturen Vestnik (16/2017) veröffentlicht.

 
* kommt von dem bulgarischen Wort „Mutra“ („Fratze“), das Mafiosi in Bulgarien bezeichnet.