Bücher Leseprobe aus dem Buch „Ruhm“ von Daniel Kehlmann

„Ruhm“, Daniel Kehlmann
Foto: © Goethe-Institut Bulgarien

Unsere Leseempfehlung für den Sommerurlaub: der Roman „Ruhm“ von Daniel Kehlmann. Die Leseprobe wurde vom Rowohlt Verlag zur Verfügung gestellt.

Stimmen

Noch bevor Ebling zu Hause war, läutete sein Mobiltelefon. Jahrelang hatte er sich geweigert, eines zu kaufen, denn er war Techniker und vertraute der Sache nicht. Wieso fand niemand etwas dabei, sich eine Quelle aggressiver Strahlung an den Kopf zu halten? Aber Ebling hatte eine Frau, zwei Kinder und eine Handvoll Arbeitskollegen, und ständig hatte sich jemand über seine Unerreichbarkeit beschwert. So hatte er endlich nachgegeben, ein Gerät erworben und gleich vom Verkäufer aktivieren lassen. Wider Willen war er beeindruckt: Schlechthin perfekt war es, wohlgeformt, glatt und elegant. Und jetzt, unversehens, läutete es.
     Zögernd hob er ab.
     Eine Frau verlangte einen gewissen Raff, Ralf oder Rauff, er verstand den Namen nicht.
     Ein Irrtum, sagte er, verwählt. Sie entschuldigte sich und legte auf.
     Am Abend dann der nächste Anruf.
     «Ralf!» rief ein heiserer Mann. «Was ist, wie läuft es, du blöde Sau?»
     «Verwählt!» Ebling saß aufrecht im Bett. Es war schon zehn Uhr vorbei, und seine Frau betrachtete ihn vorwurfsvoll.
     Der Mann entschuldigte sich, und Ebling schaltete das Gerät aus.
     Am nächsten Morgen warteten drei Nachrichten. Er hörte sie in der S-Bahn auf dem Weg zur Arbeit. Eine Frau bat kichernd um Rückruf. Ein Mann brüllte, daß er sofort herüberkommen solle, man werde nicht mehr lange auf ihn warten; im Hintergrund hörte man Gläserklirren und Musik. Und dann wieder die Frau:
     «Ralf, wo bist du denn?»
     Ebling seufzte und rief den Kundendienst an. Seltsam, sagte eine Frau mit gelangweilter Stimme. So etwas könne überhaupt nicht passieren. Niemand kriege eine Nummer, die schon ein anderer habe. Da gebe es jede Menge Sicherungen.
     «Es ist aber passiert!»
     Nein, sagte die Frau. Das sei gar nicht möglich.
     «Und was tun Sie jetzt?»
     Wisse sie auch nicht, sagte sie. So etwas sei nämlich gar nicht möglich.
     Ebling öffnete den Mund und schloß ihn wieder. Er wußte, daß jemand anderer sich nun sehr erregt hätte – aber so etwas lag ihm nicht, er war nicht begabt darin. Er drückte die Auflegetaste. Sekunden später läutete es wieder.
     «Ralf?» fragte ein Mann.
     «Nein.»
     «Was?»
     «Diese Nummer ist... Sie wurde aus Versehen... Sie haben sich verwählt.»
     «Das ist Ralfs Nummer!»
     Ebling legte auf und steckte das Telefon in die Jackentasche.
     Die S-Bahn war wieder überfüllt, auch heute mußte er stehen. Von der einen Seite preßte sich eine fette Frau an ihn, von der anderen starrte ein schnurrbärtiger Mann ihn an wie einen verschworenen Feind. Es gab viel, das Ebling an seinem Leben nicht mochte. Es störte ihn, daß seine Frau so geistesabwesend war, daß sie so dumme Bücher las und daß sie so erbärmlich schlecht kochte. Es störte ihn, daß er keinen intelligenten Sohn hatte und daß seine Tochter ihm so fremd vorkam. Es störte ihn, daß er durch die zu dünnen Wände immer den Nachbarn schnarchen hörte. Besonders aber störten ihn die Bahnfahrten zur Stoßzeit. Immer so eng, immer voll, und gut gerochen hatte es noch nie.
     Seine Arbeit aber mochte er. Er und Dutzende Kollegen saßen unter sehr hellen Lampen und untersuchten defekte Computer, die von Händlern aus dem ganzen Land eingeschickt wurden. Er wußte, wie fragil die kleinen denkenden
Scheibchen waren, wie kompliziert und rätselhaft. Niemand durchschaute sie ganz; niemand konnte wirklich sagen, warum sie mit einemmal ausfielen oder sonderbare Dinge taten. Man suchte schon lange nicht mehr nach Ursachen, man tauschte einfach so lange Teile aus, bis das ganze Gebilde wieder funktionierte. Oft stellte er sich vor, wieviel in der Welt von diesen Apparaten abhing, von denen er doch wußte, daß es immer eine Ausnahme war und ein halbes Wunder, wenn sie genau das taten, was sie sollten. Abends im Halbschlaf beunruhigte ihn diese Vorstellung – all die Flugzeuge, die elektronisch gesteuerten Waffen, die Rechner in den Banken – manchmal so sehr, daß er Herzklopfen bekam. Dann fragte Elke ihn ärgerlich, warum er nicht ruhig liege, da könne man sein Bett ja ebensogut mit einer Betonmischmaschine teilen, und er entschuldigte sich und dachte daran, daß schon seine Mutter ihm gesagt hatte, er sei zu empfindsam.
     Als er aus der Bahn stieg, läutete das Telefon. Es war Elke, die ihm sagte, er solle noch Gurken kaufen, heute abend auf dem Heimweg. Im Supermarkt in ihrer Straße gebe es die jetzt besonders billig. Ebling versprach es und verabschiedete sich schnell.
     Das Telefon läutete wieder, und eine Frau fragte ihn, ob er sich das gut überlegt habe, auf so eine wie sie verzichte man nur, wenn man ein Idiot sei. Oder sehe er das anders? Nein, sagte er, ohne nachzudenken, er sehe das genau so.
     «Ralf!» Sie lachte.
     Eblings Herz klopfte, sein Hals war trocken. Er legte auf.
     Den ganzen Weg bis zur Firma war er verwirrt und nervös. Offensichtlich hatte der ursprüngliche Besitzer der Nummer eine ähnliche Stimme wie er. Wieder rief er beim Kundendienst an. Nein, sagte eine Frau, man könne ihm nicht einfach eine andere Nummer geben, es sei denn, er bezahle dafür.
     «Aber diese Nummer gehört jemand anderem!»
     Unmöglich, antwortete sie. Da gebe es –
     «Sicherungen, ich weiß! Aber ich bekomme ständig Anrufe für... Wissen Sie, ich bin Techniker. Ich weiß, daß sich bei Ihnen dauernd Leute melden, die von nichts eine Ahnung haben. Aber ich bin vom Fach. Ich weiß, wie
man –»
     Sie könne gar nichts tun, sagte sie. Sie werde sein Anliegen weiterleiten.
     «Und dann? Was passiert dann?»
     Dann, sagte sie, werde man weitersehen. Aber dafür sei sie nicht zuständig.
An diesem Vormittag konnte er sich nicht auf die Arbeit konzentrieren. Seine Hände waren zittrig, und in der Mittagspause hatte er keinen Hunger, obwohl es Wiener Schnitzel gab. Die Kantine hatte nicht oft Wiener Schnitzel, und normalerweise freute er sich schon am Tag vorher darauf. Diesmal jedoch stellte er sein Tablett mit dem halbvollen Teller in die Stellage zurück, ging in eine stille
Ecke des Eßsaals und schaltete sein Telefon ein.

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