Die Shooting Stars des Balkans
Die Balkan-Filme im Kontext der globalen Kinokultur
Das Kino auf dem Balkan provoziert regelmäßig die Sicht der Welt auf sich selbst. Zu den frühesten Anzeichen für ernsthaften Erfolg bei Autoren aus der Region zählen zwei aufeinanderfolgende Preise der Berlinale in den frühen 1960er Jahren – der Silberne Bär für die Regie von Nikos Koundouros für Junge Aphroditen (1963, Griechenland) und der Goldene Bär für den Film von Metin Erksan – Trockener Sommer (1964, Türkei). Natürlich sind die nachfolgenden europäischen Gesten der Anerkennung weitaus aussagekräftiger und beeindruckender, insbesondere die Ehrungen der Festivalfestspiele von Cannes, bei denen sich Yilmaz Güney und Costa Gavras 1982 die Goldene Palme entsprechend für Der Weg (Türkei) bzw. Vermisst (USA) teilten. Der unbestrittene Balkanfavorit an der Côte d'Azur ist jedoch Emir Kusturica, der vorerst der einzige auf der Halbinsel ist, der sich rühmt, dem Club der Besitzer von zwei „Palmen" für Papa ist auf Dienstreise (1985, Jugoslawien) und Underground (1995, Jugoslawien) anzugehören, obwohl die anderen drei Preisträger nicht weniger angesehene Meister sind: Theo Angelopoulos, Cristian Mungiu und Nuri Bilge Ceylan.
Von Gergana Doncheva
Die Analyse der Festivalexistenz von Kinoproduktionen aus Südosteuropa ist aus mehreren Gründen wichtig. Erstens hat das Festival als Institution die Macht neue Talente und künstlerische Phänomene zu entdecken und sie im Laufe der Zeit zu kanonisieren, wodurch diese Autoren und Filme Teil des weltweiten Nachlass der Kunstwelt werden. Zweitens zeigen sie durch den Vergleich mit anderen Werken deutlich ihren Platz und ihre Bedeutung im bestehenden globalen Medienkontext und drittens können Entwicklungstrends oder Regressionstrends klar identifiziert werden.
Eine sorgfältige Untersuchung der Archive der etabliertesten und renommiertesten Filmforen auf dem alten Kontinent – Cannes, Venedig und Berlin – zeigt überraschenderweise eine stetige Präsenz von Vertretern des Balkans über die Jahre hinweg, wobei erwägt werden sollte, dass auch/sogar die Chance einer Auswahl in einem der sekundären Festivalprogrammen, vom unerbittlichen Wettbewerb für Ruhm und Erfolg zwsichen Kandidaten aus der ganzen Welt begleitet wird. In diesem Sinne wirft die Beteiligung regionaler Werke und darüber hinaus ihre Nominierung in verschiedenen Kategorien und vor allem ihre offizielle Verleihung die Frage auf, wie wahr die Behauptung ist, dass lokale nationale Filmindustiren per Definition marginal sind. Im Allgemein sind sie dem durchschnittlichen westlichen Zuschauer, der sich nicht für Arthouse-Filme interessiert, wirklich unbekannt. Der starke Eindruck ist jedoch, dass das internationale Interesse an Filmemachern aus dem Balkan normalerweise durch eine bestimmte geopolitische Situation angeregt wird.
Kino und Politik
Die Anerkennung für die Filme der bekannten Regisseure aus Südosteuropa (und nicht nur aus diesem geografischen Teil der Welt) hängt häufig mit dem politischen Kontext ihrer Festivalvorführung zusammen. Es gibt zahlreiche Beispiele: Yilmaz Güney und Nuri Bilge Ceylan erhielten in historischen Perioden intensivster Konfrontation zwischen dem herrschenden Regime und der intellektuellen Elite in der Türkei die höchste filmische Auszeichnung; die Silbernen Bären von Živojin Pavlović (Die Ratten erwachen, 1967) und Dušan Makavejev (Unschuld ohne Schutz, 1968), sowie der Goldene Bär von Želimir Žilnik für Frühe Werke von 1969 veranschaulichen deutlich die Doppelrolle der Berlinale während des Kalten Krieges, um nicht nur hochwertige künstlerische Werke hervorzuheben, sondern auch (aufgrund ihrer Nähe zu den Ländern des sozialistischen Lagers) um als ideologisches Instrument zur Förderung westlicher Werte zu fungieren. Daher ist es völlig normal, dass die kritischen Stimmen der mächtigen jugoslawischen Filmschule auf dem Deutschen Forum von diesen Jahren ihren würdigen Empfang finden.Die vielleicht vielsagendsten Fälle, in denen die politische Agenda die globale Sichtbarkeit der Autoren der Region beeinflusst, sind der Goldener Löwe aus Venedig von Milčo Mančevski für sein Debüt Vor dem Regen (1994, Mazedonien) und die Preise aus Cannes von Emir Kusturica und Theo Angelopoulos im Jahr 1995. Zu dieser Zeit war der Krieg im ehemaligen Jugoslawien in vollem Gange und die Phantasie der Welt war besessen von den ständig zirkulierenden Medienbildern ethnischer Konflikte in der sich auflösenden Föderation. Die Jury in Cannes, unter dem Vorsitz der mythischen Schauspielerin Jeanne Moreau, steht vor dem schwierigen Dilemma an wen von den beiden Anwärtern im „Balkan-Duell“ sie die Goldene Palme verleihen sollen – Emir Kusturica oder Theo Angelopoulos. Entschieden wurde für den bosnischen Filmemacher, wodurch er sich schließlich unter den führenden Namen des europäischen Kinos etablierte, obwohl Der Blick des Odysseus seines griechischen Rivalen qualitativ nichts nachsteht. Angelopoulos musste sich mit dem Hauptpreis zufrieden geben und bis 1998 warten, um den begehrtesten Festivalpreis für Ewigkeit und ein Tag zu erhalten.
Die Rumänische Neue Welle und die Griechische Bizarre Welle
In den Jahrzehnten bis zum Ende des 20. Jahrhunderts konnte man in den Elite-Filmforen von einer internationalen Legitimation einzelner lokaler Filmemacher sprechen, die allmählich den Status von auteurs erreichten und in das filmische Pantheon der großen Meister endgültig aufgenommen wurden. Dieser Trend hält bis zu einem gewissen Grad bis heute an, obwohl es auch interessante Ausnahmen zu beobachten sind: „Die Rumänische Neue Welle“ und die „Griechische Bizarre Welle“.Das rumänische Kino ist selbst in den schwierigsten Übergangszeiten nach 1989, als die Filmindustrie in den Ländern des ehemaligen Ostblocks zusammenbrach, nicht ohne Erfolg gewesen. In den 90er Jahren erhielten die Veteranen Dan Pița und Lucian Pintilie standing ovations in Venedig und Cannes, aber noch nichts kündigte die Entstehung einer sehr talentierten jungen Generation von Kameramännern an – Christie Puy, Cornelio Porumbo, Cristian Mungiu, Cătălin Mitulescu, Sinisa Dragan und Cristian Nemescu, die weltweit bekannt und nach 2000 zu einem globalen Festivalphänom namens „Rumänische Neue Welle“ werden sollten. Die Filme dieser Künstler gehen einen langen Weg und „klettern“ allmählich die strenge hierarchische Leiter hinauf, zuerst in lokalen und dann in regionalen Foren, um schließlich die einflussreichsten Festivals zu erreichen, auf denen sie wahrgenommen werden.
Tatsächlich war dieses künstlerische Phänomen bis zum Höhepunkt des Jahres 2007 bereits in den entlegensten Winkeln des Planeten erkennbar. Darüber hinaus verwandelte es sich schnell zu einer Art „Festivalmode“. Cristian Mungiu kommentierte seinen bemerkenswerten Durchbruch ganz objektiv und ehrlich: „Wenn ich meinen Film 2002 in Cannes präsentiert hätte, wäre die Wahrscheinlichkeit eine Goldene Palme zu bekommen, gering gewesen, aber ich habe das Interesse am rumänischen Kino genutzt.“ Die allmähliche Anhäufung von Anerkennung und Prestige schafften ein günstiges Empfangsumfeld, so dass sich der Film 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage als unerwarteter Favorit an der französischen Riviera erwiesen hat. Gegenwärtig gehören die „Rumänische Neue Welle“ und ihre Vertreter bereits zum Elitekreis der kanonischen Autoren, die zu Recht in die Geschichte des Kinos eingegangen sind.
Im Vergleich zu rumänischen Regisseuren, deren Lieblingsthemen eng mit dem Kontext der jüngsten Vergangenheit ihres Heimatlandes, sowie mit der nachfolgenden Ära des Postkommunismus verbunden sind, bevorzugen griechische Filmemacher mit der Bezeichnung „Griechische Bizarre Welle“ eher ein universelleres Thema, das sich für ein möglichst breites globales Publikum eignet und nicht zu einer bestimmten künstlerischen Richtung gehörend wahrgenommen werden soll, d.h. sie halten sich nicht an kategorisch festgelegte kollektive ästhetische Prinzipien, sondern weisen eine Reihe von Merkmalen auf, die Journalisten und Forschern Anlass geben, sie in einer gemeinsamen Perspektive zu betrachten. Unter diesen etablierten Autoren möchte ich Filippos Tsitos, Panos Koutras, Efthymis Filippou, Babis Makridis, Yannis Economides, Elina Psiku, Alexandros Avranas, Alexis Alexiou und Syllas Tzoumerkas ausdrücklich erwähnen. Zweifellos sind die auffälligsten zwei Namen jedoch Giorgos Lanthimos und Athina Rachel Tsangari.
Die Balkan-Spur im zeitgenössichen Arthouse-Kino
Der Ruhm von Giorgos Lanthimos stieg anlässlich seines zweiten Spielfilms Hundszahn (2009), für den er den Preis in der Kategorie „Un Certain Regard“ (Cannes) erhielt. Das Erscheinungsbild der Arbeit fällt mit der damals einsetzenden globalen Finanzkrise zusammen, die die dominierende Interpretation der verschiedenen ausländischen Zuschauer auf spezifische Weise umrahmt und färbt. Und obwohl es keinerlei Zusammenhang zwischen der wirtschaftlichen Situation und dem plötzlichen Interesse an der zeitgenössischen griechischen Filmindustrie gibt, weckt die Medienpräsenz Griechenlands in den Nachrichten eindeutig die große Neugier auf die Kinematographie dieses Balkanlandes. Nur ein Jahr später, setzte Attenberg (2010) die Athina-Rachel Tsangari erfolgreich in den Fokus der Aufmerksamkeit der wichtigsten Festivals, aufgrund ihrer provokanten Originalität und ihrer Fähigkeit, existenzielle Probleme des Menschen eingehend zu analysieren.Insbesondere dieser vielversprechende Start gab Giorgos Lanthimos die außergewöhnliche Gelegenheit ein kosmopolitischer Filmemacher zu werden, der sich bewusst dafür entschieden hat, die Grenzen seiner eigenen nationalen Kultur zu verlassen und in einem ausgesprochen internationalen Umfeld zu arbeiten. Seine letzten drei Filme, The Lobster (Hummer sind auch nur Menschen) (2015), The Killing of a Sacred Deer (2017) und The Favourite (Intrigen und Irrsinn) (2018), wurden vollständig in englischer Sprache gedreht, einschließlich der Beteiligung von westeuropäischen, amerikanischen und australischen Künstlern, sowie der Finanzierung dieser Produktionen basierend auf der produktiven Koproduktionsformel. Das emblematische Beispiel eines begabten griechischen Autors zeigt deutlich, dass der Weg zu einer globalen Karriere in der heutigen Kunstwelt direkt mit der Suche nach universelleren Themen und Bildern verbunden ist, die die emotionale und intellektuelle Reaktion zeitgenössischer globaler Zuschauer provozieren können.
First Films First
Kennst Du unsere Filmakademie? 2016 begann das Goethe-Institut ein innovatives, intensives professionelles Ausbildungsprogramm mit dem Ziel, junge Filmschaffende aus Südosteuropa dabei zu unterstützen, ihren ersten langen Spielfilm zu entwickeln. FIRST FILMS FIRST hilft acht Nachwuchsregisseur*innen aus Südosteuropa dabei, ihren Traum als Filmemacher zu realisieren.
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