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Unabhängige Saatgutbank
Das Green Team

Das Saatgut-Festival, Elin Pelin, 2018
Foto: © Svetlana Mihova

Die ehrenamtlich arbeitende Initiative „Green Team Bulgarien“ entstand 2009 und ist mehr oder weniger aus der Not heraus geboren. Es handelt sich um eine Gruppe junger Menschen, die politisch unabhängig und ohne mediale Unterstützung arbeitet. Die Initiative hatte sich bei ihrer Gründung zunächst nur vorgenommen die Schönheit des bulgarischen Waldes zurückzugewinnen. Das „Green Team Bulgarien“ arbeitet seither vorranging an zwei Projekten. Zum einen das Aufforstungsprojekt der wichtigsten einheimischen Bäume und zum anderen der Aufbau einer unabhängigen Saatgutbank. Unter dem Motto „Das Gute fängt bei dir an!“ startete 2009 eine Reihe von Aktionen, die bis heute andauern.
 

Von Maria Latinova

Die erste dieser Aktionen des „Green Teams Bulgarien“ war die Aufforstung des Nordparks in Sofia. Diese Aktion begann mit einer Gruppe von Menschen, die sich um einen jahrhundertealten Baum im Nordpark versammelte, um den Baum vor der Rodung zu schützen. Der Baum sollte Platz machen für einen neuen Supermarkt im Sofioter Stadtviertel Borovo. Nach dieser erfolgreichen Aktion wurden die Baupläne geändert und alle weiteren jahrhundertealten Bäume wurden von der Abholzung verschont. Der Begründer des „Green Teams Bulgarien“, Kalin Hristov, initiierte danach das Projekt „Eine Million Bäume“. Mit Hilfe tausender Freiwilliger wurden insgesamt über 80.000 Bäume in ganz Bulgarien gepflanzt.

Bei einer der letzten Beforstungsaktionen im Herbst 2019 in der Nähe der Höhle Tsaritchina wurden Traubeneichen, Zerreichen, Steineichen und Linden gepflanzt. Das Gebiet erfüllte sich in wenigen Minuten mit Menschen aller Altersgruppen, die alle gemeinsam, lächelnd und fröhlich, einen unvergesslichen Tag in der Natur verbrachten und bei der Beforstung halfen. 2017 wurde eine Fläche im Naturpark Vitosha unweit von „Aleko“ beforstet. Daran beteiligten sich über 700 Freiwillige, die mehr als 10 000 Fichtenbaumsetzlinge pflanzten. Für die Koordinierung wurde sich um die Lastwagen mit den Baumsetzlingen gekümmert, Megafone wurden bereitgestellt, es musste ausreichend Parkplätze für alle Freiwilligen geben.

Für die Beforstungsaktion erhielten alle Freiwilligen eine Einführung mit Hinweisen vor Ort, wie sie mit den Werkzeugen umgehen und wie und wo ein Baumsetzling gepflanzt werden sollte. Alle erhielten Handschuhe. Nach dieser ersten Einführung mussten die Freiwilligen zunächst einmal an die zum Teil schwer erreichbaren Orten kommen. Es wurden Fahrgemeinschaften gebildet und manche kamen per Anhalter zum Ziel. Häufig konnte man die Orte nur mit geographischen Koordinaten finden. Manchmal half der Ton eines Dudelsacks oder ein Kinderlachen, um den Weg zu finden. Vielleicht hört sich so Freiheit an?

Traditionell verschickt das „Green Team Bulgarien“ im Herbst kostenlose Baumsetzlinge per Post an alle Interessierten im Land.  So werden alle Schulen, Kindergärten und Hunderte von Bürger*innen zu individuellen Förster*innen. Weiterhin wurden ausgesonderte Baumsetzlinge der Baumschule in Ivajlovgrad gerettet (2012), der Waldpark des Botanischen Gartens in der Nähe der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften in Sofia wurde gepflegt (2012), es wurde ein eigener Wald gepflanzt und der Boden des Müllabladeplatzes im Sofioter Stadtviertel  Suhodol wurde mit der Unterstützung der Gemeinde Sofia rekultiviert (März 2013). Außerdem wurde der natürliche Gürtel von Bergkiefer im Vitosha-Gelände Goli Vrah wiederhergestellt (März 2016), 700 Weißkiefern wurden in der Nähe des Dorfes Hrabarsko gepflanzt (November 2017), zwei Gelände wurden beim Dorf Plana mit Eichenbaumsetzlingen beforstet (Frühjahr und Herbst 2018) und lebendige Öko-Häuser aus Weiden wurden am Stausee Krasava bei Pernik  gebaut (2017). Es wurden Windschutzgürtel in der Nähe der Ökosiedlungen Borika und Trinoga im Dorf Zhelen angelegt und vieles andere wurde realisiert. Die Liste ist lang.

All dies konnte auch ohne finanzielle Unterstützung oder Sponsoren ermöglicht werden. Kalin Hristov erhielt für das ehrenamtliche Engagement 2018 vom damaligen bulgarischen Staatspräsidenten Rosen Plevneliev den Preis für „Nachhaltige Ideen und Umweltschutz“. Kalin Hristov widmete den Preis allen Freiwilligen.

Das Saatgut-Festival

Eines der wichtigsten Projekte des „Green Team Bulgarien“ ist die Gründung des unabhängigen Saatgut-Festivals in der Nähe der Stadt Elin Pelin, das im Jahr 2019 sein siebenjähriges Bestehen feierte. Traditionell findet das Festival eine Woche nach den orthodoxen Ostern statt. Dabei werden Saatgut, Baumsetzlinge und Pflanzengut unter den Teilnehmenden ausgetauscht.

Unser Ziel ist es die alten Sorten zu erhalten, indem wir gemeinsam mit anderen Freiwilligen Saatgut sammeln, archivieren und verbreiten, um weitere unabhängige Saatgutbanken in kleinen biolandwirtschaftlichen Betrieben und Dorfgemeinschaften zu etablieren. Wir züchten eine große Anzahl von Blatt-, Blüten- und Fruchtpflanzen; unser größtes Interesse gilt dem historischen, nicht genmodifizierten Saatgut der Tomaten-, Paprika-, Mais-, Kürbis-, Kohl- und Bohnensorten. Ihr Geschmack ist einmalig…

Nikolay Draganov, einer der Initiatoren der unabhängigen Saatgutbank


Das unabhängige Saatgut-Festival hat einen ganzheitlichen Ansatz. Verschiedene lokale Bauern und Gärtnereien beteiligen sich an dem Festival und tauschen ihr Saatgut und ihre Baumsetzlinge mit anderen. Dazu zählen „Die grasbewachsene Farm“ aus Varna, der biodynamische Ackerbau von „Onkel Mitko“ aus dem Dorf Batchevo, der Verein „Trinoga“ aus dem Dorf Zhelen, der Garten „Viki“ aus dem Dorf Abdovitza, der Garten „Lozen“ und viele andere. Auf einer Bühne können Teilnehmende sich während des Saatgut-Festivals Vorträge zu verschiedenen Themen anhören. In dieser „Grünen Zone“ erfährt man immer wieder etwas Nützliches und kann dazulernen, z.B. wie man Sauerteigbrot zubereitet oder wie man aus alten Fliesen ein Mosaik erstellen kann.

Parallel zur „Grünen Zone“ gibt es immer eine „Kinderzone“ mit Basteltischen, Second-Hand-Kinderkleidung, Vorträgen über das Pflanzen von Eicheln nach der Methode Fukanoro, auch ein Feng-Shui-Seminar wurde schon angeboten und Musik wird auch gespielt. Es wird gemeinsam vegetarisch gekocht und alle bringen ihr eigenes Geschirr und Besteck mit und tragen so zur gemeinsam Verantwortung gegenüber der Natur bei. Die Themen des Saatgut-Festival variieren jedes Jahr, doch der Grundgedanke ist immer der gleiche: das Festival ist ein Ort, an dem Menschen Ideen, Saat- und Pflanzengut sowie Erfahrungen austauschen können und sich Inspiration suchen.

Die Vorbereitungen zu dem Festival beginnen bereits immer im Winter des Vorjahres. Die Mitglieder des „Green Team Bulgarien“ verpacken dann eine Riesenmenge unterschiedlichen Saatguts, beschriften und lagern es für den Austausch im Frühling. Oft findet man unter dem Saatgut Okraschoten, Bohnen, Basilikum, Strand-Salzmelde, Paprikaschoten, Lophanthus, Mangold, Petersilie, verschiedene Sorten Peperoni und Tomaten. Bei den Tomaten gibt es z.B. Saaten wie den roten Gigant, Ochsenherz, Cherry, Triumph, griechische Tomaten u.a.
  • Das Saatgut-Festival, Elin Pelin, 2018 Foto: © Svetlana Mihova
  • Das Saatgut-Festival, Elin Pelin, 2018 Foto: © Svetlana Mihova
  • Das Saatgut-Festival, Elin Pelin, 2018 Foto: © Svetlana Mihova
  • Das Saatgut-Festival, Elin Pelin, 2018 Foto: © Svetlana Mihova
  • Das Saatgut-Festival, Elin Pelin, 2018 Foto: © Svetlana Mihova
  • Das Saatgut-Festival, Elin Pelin, 2018 Foto: © Svetlana Mihova
  • Das Saatgut-Festival, Elin Pelin, 2018 Foto: © Svetlana Mihova
2020 konnte das Festival auf Grund des Ausnahmezustandes im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie zum ersten Mal nicht stattfinden. Als Alternative zum physischen Festival, entwickelte das „Green Team Bulgarien“ ein kostenloses Saatgut-Austausch Internetportal. Hier konnten alle Interessierten bis zu vier Pakete Saatgut bestellen. Insgesamt wurden Dank dieser Initiative über 1.500 Pakete mit Saatgut per Post verschickt.

Jedes Frühjahr ist das „Green Team Bulgarien“ auf dem Saatgut-Festival Peliti in Griechenland vertreten. Das jährliche Festival findet in einem Ort knapp 50 km von der Stadt Drama entfernt statt. Dort haben die Bulgaren einen eigenen Ausstellungsstand mit bulgarischem historischem Saatgut. Häufig werden traditionelle bulgarische Gerichte wie rote Paprikaschoten, gefüllt mit weißen Bohnen, und Banitza zubereitet. Zum Festival kommen Gäste aus dem Ausland und Landwirte aus der Region. Die glühendsten Saatgut-Behüterinnen sind übrigens die Nonnen eines in der Umgebung liegenden Klosters.

Terre de Sémences oder die Geschichte des Vereins Kokopelli

Der französische Verein Kokopelli verschickt jedes Jahr Saatgut für das unabhängige Saatgutfestival in Bulgarien. Beim Indianerstamm der Hopi hieß Kokopelli der Tänzer, der während seines Flötenspiels Samen ausstreute. Zunächst  gründete Dominique Guillet die Gesellschaft „Terre de Sémеnces“, was „Land der Samen“ bedeutet. Sein Ziel war, nicht nur die historischen Sorten zu erhalten und neu zu beleben, sondern auch Land und Saatgut zu schützen. Zu schützen wovor? Vor der Monopolisierung durch internationale Konzerne, vor genetischer Genmanipulation und vor politischen Entscheidungsträgern.

Das Projekt ist ein Vorzeigeprojekt. Der Verein begann mit 20 Hektar Land. Das Ackerland wurde nach den Methoden der biodynamischen Landwirtschaft bearbeitet. Das erste Saatgut wurde aus botanischen Gärten, Biofarmen und anderen Gärtnereien beschafft, die historische Sorten im Laufe von Jahrzehnten kultiviert hatten. „Terre de Sémences“ beschäftigte 45 Arbeiter*innen, darunter auch Menschen mit besonderen Bedürfnissen, mit geistigen Behinderungen, Drogenabhängige, Ex-Häftlinge. Das gewonnene Saatgut und die verschiedenen Sorten wurden in einem einmaligen Katalog zusammengestellt, der auch jenseits des Ärmelkanals bekannt wurde.

Der Verein „Terre de Sémences“ wurde größer und bekannter und die Zahl seiner Mitglieder wuchs stetig. Das Saatgut wurde in verschiedenen Gärtnereien verkauft. Bis eines Tages das französische Landwirtschaftsministerium auf den Verein  aufmerksam wurde. Wegen Restriktionen in der französischen Gesetzgebung musste „Terre de Seménces“ seine Tätigkeiten einstellen.

Das konnte den Begründer von „Terre de Sémence“ Dominique Guillet jedoch nicht stoppen. Er wurde eingeladen, vor dem Europaparlament zu sprechen. Er hatte es  mit seinen Tätigkeiten geschafft soziales Engagement mit dem Thema der Biodiversität zu verbinden. Der Verein „Terre de Sémence“ nannte sich um und wurde fortan zu Kokopelli. Kokopelli gab einen neuen Katalog heraus, in dem auf mehr als 400 Seiten über 900 traditionelle Pflanzensorten dargestellt wurden, mit Fotos jeder einzelnen Pflanze und konkreten Ratschlägen für die Züchtung einer jeden Sorte und es wurden u.a. Projekte mit Entwicklungsländern gestartet.

Im Jahr 2000 wurden über 80 000 kostenlose Saatgutpakete an viele Bauern in der Welt verschickt, und dank diplomatischer Bemühungen gelangten über 50 000 Pakete in verschiedene Gärten in Afghanistan. Ähnliche Projekte wurden in Marokko, Senegal und Brasilien ins Leben gerufen.

Der größte weltweite Saatgutspeicher befindet sich heute in Norwegen auf der Insel Spitzbergen. Dort wird Saatgut aus aller Welt in einem Tresor unter der Erde bei Temperaturen unter null Grad gelagert. Dieses Saatgut wird im Tresor hunderte von Jahre „schlafen“ um im Katastrophenfall eine Mindestzahl von Saatkörnern zu haben. Saatkörner, die dazu beitragen die zur Ernährung wichtigsten Lebensmittel nachzüchten zu können. Italienische Forscher*innen sind „auf der Jagd“ nach wilden Verwandten der Kulturpflanzenwelt, wie Karotten, Auberginen, Bohnen und Erdnüsse. Gerade diese „wilden“ Gene könnten in der Lage sein, die Ernte bei künftigen Extrembedingungen zu retten. Eine Rettung, die die Ernährung des gesamten Planeten angeht.

Das „Green Team Bulgarien“ fördert durch die unabhängige Saatgutbank den Erhalt und Entwicklung historischer Kulturpflanzen. Dazu werden die verschiedenen Sorten in den unbelasteten Gärten aller Mitstreiter*innen gezüchtet. Die Pflanzen widerstehen allen Veränderungen und „schreiben“ ihren Genotyp neu, gerade durch das alljährliche Überleben unter den Bedingungen einer sich verändernden lebendigen Natur. Ein Zukunftsprojekt des „Green Team Bulgarien“ sieht vor, die erworbenen Kenntnisse in einer Art Parkbibliothek für wichtige einheimische Sorten zu archivieren und diese Schüler*innen und Jugendlichen zugänglich zu machen. Schüler*innen könnten sich über projektbezogenen Unterricht zu historischem Saatgut neues Wissen erschließen.

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