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Talmatschi
„Eigentlich ist alles im Leben eine Übersetzung“

Unsere Rubrik Тalmatschi möchte sich vertieft und aus erster Hand mit der Übersetzungsarbeit auseinandersetzen, indem wir mit Übersetzer*innen aus dem Deutschen und dem Bulgarischen in verschiedenen Interviews über Literatur, über die Besonderheiten der Übersetzung literarischer Texte sowie über ihren Beruf als Übersetzer*innen sprechen. Hier werden wir euch Übersetzer*innen aus Bulgarien und den deutschsprachigen Ländern vorstellen und den Versuch wagen, den Vorhang zu lüften und einen Blick hinter die Fassade der Übersetzungsarbeit zu werfen.

In unserem nächsten Interview sprechen wir mit Thomas Frahm, einem der wichtigsten deutschen Übersetzer für bulgarische Literatur.

Von Mélody Gugelmann

Thomas Frahm © Udo Kröber Seit bald 20 Jahren ist Bulgarien Ihre zweite Heimat. Aber bereits davor begann Ihre Arbeit daran, der deutschsprachigen Leserschaft Bulgarien in einem differenzierteren Bild näherzubringen. Was hält Ihre Faszination für dieses Land, für die bulgarische Kultur und die Menschen, die hier leben und den Wunsch, diese Vielfalt im deutschsprachigen Raum zu vermitteln, so lange am Leben?

Es gibt einen sehr schönen Sarkasmus über Journalisten, die ins Ausland gehen: Nach sieben Wochen könnten sie ein Buch schreiben, nach sieben Monaten einen profunden Essay, nach sieben Jahren – gar nichts mehr! In dieser Sentenz kommt eine grundlegende Diskrepanz zwischen gefühltem und tatsächlichem Wissen zum Ausdruck: In den Routinen des Zuhauseseins gibt es gefühlt wenig Neuigkeiten mit Nachrichtenwert, in der Fremde hingegen prasselt das Unbekannte nur so auf einen nieder. Das legt sich natürlich mit der Zeit und der Vertrautheit, vor allem bei Menschen, die es gewohnt sind, professionell und schnell zu recherchieren.

Bei mir, der im Grunde nicht journalistisch denkt, sondern von Dichtung und Philosophie herkommt, war es genau umgekehrt: Nach sieben Wochen begriff ich alles, nach sieben Monaten erkannte ich die Probleme, und nach sieben Jahren verstand ich gar nichts mehr. Erst da stand ich am Scheideweg: Kehre ich nach Deutschland zurück, oder setze ich mich nun wirklich mit Land und Leuten auseinander? Ausschlag gebend für mich, Letzteres zu tun, war meine Scham über deutsche Vertreter in Bulgarien, die nach sieben Wochen schon wussten, was in Bulgarien im Argen liegt, und natürlich auch, was die Menschen und ihre mehr oder weniger gewählten Vertreter ändern müssten. Hier sieht man, wie „kritisches Bewusstsein“, wenn es zu einer Üblichkeit des Selbstverständnisses wird, ins Gegenteil umschlägt und Menschen zu Elefanten im Porzellanladen macht. Da Scham manchmal nicht nur Ausdruck von Empfindlichkeit ist, sondern auch Erkenntnis einer Diskrepanz zwischen behauptetem und tatsächlichem Verständnis, fielen mir nun erst die Klischees auf, die vollkommen unkritisch reproduziert wurden und werden, übrigens in beiden Richtungen.

Es gab nur einen Weg, dieser Falle zu entkommen: Nichts mehr zu behaupten, was ich nicht selbst überprüft habe. Das ging so weit, dass ich vor Jahren, als ich einen Bulgarien-Reiseführer übernehmen sollte, der „relauncht“ und „magaziniger“ geschrieben werden sollte, bereits unfähig war, hierfür die passenden Texte zu liefern. Ich hatte der Redaktion beim Kennenlerngespräch am Telefon mitgeteilt, dass noch nicht einmal elementare bulgarische Kochrezepte im Reiseführer stimmten, geschweige denn die Empfehlungen, wie man mit Bulgaren kommuniziert. Das wurde als Ausweis meiner Kompetenz verstanden, ich schrieb Probetexte. Diese wurden ohne Abgabe von Gründen als ungeeignet abgelehnt. Ich vermute, die Redaktion befürchtete, ich würde den Käufern die Urlaubsstimmung vermiesen. Ich sollte es noch einmal versuchen. Ich habe stattdessen um Auflösung des Vertrags gebeten und aus diesen Texten ein eigenes Buch für Kulturreisende nach Bulgarien entwickelt mit dem ironischen Titel „Oh, Bulgarien“.

Sie haben 2014 den CHORA Verlag gegründet, um einen neuen Weg zu finden, bulgarische Literatur zu verlegen und vor allem Wissen über Bulgarien zu vermitteln, ohne auf dem überfüllten Buchmarkt mit der überwältigenden Konkurrenz kämpfen zu müssen. Funktioniert es? Was sind die größten Herausforderungen?

Die größte Herausforderung war beim Verlag dieselbe wie beim eben geschilderten Prozess, Bulgarien wirklich kennenzulernen. So wie dort in den ersten Jahren gar keine echten Kenntnisse entstanden, sondern nur neue Informationsbrocken an alte Vorurteile und falsche Selbstbilder andockten, so musste ich mich auch beim Aufbau des Verlags erst einmal von allem befreien, was einem als angebliches Muss angeraten wird: Auslieferung, Buchhandelspräsenz usw. Ich kannte das System des deutschen Buchhandels 2014 bereits seit 25 Jahren, hatte einmal für das Börsenblatt über Kleinverlagsprobleme geschrieben und wusste: CHORA wird ein Nischen-Projekt in einem neu zu entwickelnden Überlebensmix. Wichtig war eigentlich nur, dass Michael Hellwig, ein langjähriger Freund, Lyriker und Literaturnarr, sich anbot, meine Bücher zu lektorieren; ohne das stimmt die Qualität auf Dauer nicht. Als Deutschlehrer verfügte er zudem über den wichtigen Blick für Rechtschreibfehler, Uneinheitlichkeiten und semantische Konflikte.

Seit 2011, als ich mit einer Zarev-Übersetzung in Leipzig war, zeichnete sich ab, dass es das war, ich vom Übersetzen nicht mehr lange würde leben können und ich über kurz oder lang meinen Lebensschwerpunkt wieder nach Deutschland würde verlagern, dort auch eine Wohnung finden und noch einmal ganz von vorn anfangen müssen.

Da habe ich im Abschiedsschmerz zunächst nur EIN Buch geplant mit Texten, die mich später einmal an „mein“ Bulgarien erinnern sollten. Auf der Festplatte fand ich nicht nur unerwartet viele unveröffentlichte Texte, sondern erinnerte mich beim Prüfen der Texte auch an die wenig einfühlsamen Änderungen meiner Beitragstitel für Rundfunk-, Zeitungs- und Zeitschriftentexte. Da ich nun niemandem mehr gefallen musste, nur um Honorar zu bekommen, machte ich nicht nur diese Änderungen rückgängig, sondern korrigierte auch eigene Dummheiten oder verwandelte sie in Selbstironie.

So entstand der Verlags-Erstling „Die beiden Hälften der Walnuss. Ein Deutscher in Bulgarien“. Ein namhafter Übersetzerkollege schüttelte nur in verständnislosem Tadel den Kopf, weil er keinerlei Konzept erkennen konnte. Es gibt aber eines: Das Buch versammelt 14 Texte, die die Gattung des Essays jeweils maximal dem Thema anpassen (und nicht umgekehrt!). So gibt es formal alles vom kulturologischen Überblicksessay bis zur Satire, von der Essayreportage bis zur Dokumentarerzählung, vom Feuilleton bis zum Artikel. Vierzehn ganz verschiedene Texte, die Bulgarien und seine Menschen schildern…

Der unerwartete, bis heute anhaltende Erfolg des Buches und die Resonanz auf Vorträgen vor den Deutsch-bulgarischen Gesellschaften bewirkte, dass ich anfing, zu verwerten, was sonst noch erarbeitet war, aber brach lag: Gelegenheitsübersetzungen bulgarischer Erzählungen etwa, die ich zu einer Anthologie bündelte mit dem Plural-Titel „Gegenwarten“, der das polychrone Zeitverständnis Bulgariens meint und in der Textauswahl widerspiegelt. Dafür entstand ein eigener Essay zur Einführung. Als dann Blagovest Zlatanov, ein bulgarischer Slawist, der in Heidelberg lehrt, mir sagte, er habe kein Lehrmaterial über bulgarische Literatur für seine Studenten, bot ich ihm an, meine Essays zur bulgarischen Literatur herauszugeben mit der Bibliografie der ins Deutsche übersetzten bulgarischen Literatur. Es gab trotz aller Slawistik-Institute seit einer DDR-Publikation von 1983 keine Einführung in die bulgarische Literaturgeschichte mehr. Der neueste Brockhaus-Artikel von Norbert Randow enthielt nur Zahlen und Namen, vermittelte aber kein Verständnis für Zusammenhänge.

So beschloss ich, selbst eine Einführung zu schreiben und nicht eher zu ruhen, bis ich selbst die wichtigen Zusammenhänge und Inhalte der bulgarischen Literaturgeschichte begriff – Motto: Wenn ich es verstehe, müssten es auch andere Deutsche kapieren. Aus den geplanten 10 wurden 100 Seiten mit vielen Zitaten aus teilweise noch unbekannten Quellen. Die Bibliografie des entstandenen Bandes „Heiliger Buchstabe, heillose Zeiten“ kann ich dank der auflagenbefreiten Einzeldruck-Technologie jährlich aktualisieren und Neuerscheinungen aufnehmen.

Das war der Anfang. Es folgte die Zusammenarbeit mit der in der Schweiz lebenden Bulgarin Evelina Jecker Lambreva, deren Erzählungen genau jenes Alltagsleben der einfachen Bulgaren heute schildern, über die nie etwas in der Zeitung steht. Da sie durch eine mit ihrem Mann betriebene psychotherapeutische Praxis abgesichert ist und etwas für ihre Heimat tun wollte, bot sie mir an, die Übersetzung der Literaturgeschichte von Prof. Milena Kirova zu finanzieren, für die ich inzwischen Fortsetzungsbestellungen von Fach- und Institutsbibliotheken habe. Zwei Bände sind bis jetzt erschienen.

Meine Idee beim Programmaufbau war, meiner deutschen Sicht möglichst immer eine bulgarische entgegenzustellen. So hat zum Beispiel Frau Lambreva meiner Anthologie „Gegenwarten“ eine eigene Prosaauswahl unter dem sprechenden Titel „Verborgenes Leben“ beigesellt. Logische Fortsetzung war, meinen eigenen Erzählwerken Bände mit ausgewählten Werken bulgarischer Autoren gegenüberzustellen, deren Stimme ich für bedeutend halte. Erschienen ist bereits zum 50. Publikationsjubiläum Vladimir Zarevs eine Auswahl mit seinem Erstling, mit Auszügen aus fünf noch nicht übersetzten Romanen und einer Reihe publizistischer Texte über Bulgarien und Europa.

Ihr Bestreben, Wissen über eine der wohl unbekanntesten Regionen Südosteuropas zu sammeln, zu fördern und zugänglich zu machen, fand und findet auf unterschiedliche Art und Weise Ausdruck in Ihrer Arbeit. Mitte der 90-er Jahre begannen Sie mit dem von Ihnen gegründeten Avlos-Verlag mit der Herausgabe einer Bulgarischen Bibliothek, eine Reihe mit Gedichten, Romanen und Essays von bulgarischen AutorInnen in deutscher Sprache. Welche Idee steckt hinter einer solchen Bibliothek und inwiefern knüpft Ihr aktuelles Bulgarien-Programm des CHORA Verlags an diese Arbeit an?

Damals, als ich den Avlos-Verlag betrieb, war ich mit einer bulgarischen Schriftstellerin verheiratet, die nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wollte, dass einige der großen bulgarischen Autoren, die sich vor und nach der Wende durch Charakter, Talent und Eigensinn auszeichneten, auf Deutsch erscheinen. Das waren Blaga Dimitrova, Konstantin Pavlov, Radoj Ralin und Ivajlo Petrov. An diese Reihe knüpfe ich heute an, allerdings eben mit geändertem Konzept: Werkauswahl mit begleitenden Texten zur Einführung, Bibliografie usw.

Ein Schwerpunkt, den Sie mit dem Avlos-Verlag setzten, war das Verlegen von interkultureller Literatur oder Migrantenliteratur. Heute geben Sie im CHORA-Verlag zwei Werke (Bulgarischer Reigen und Niemandes Spiegels) von Evelina Jecker Lambreva heraus – auch eine Autorin an der Schnittstelle zweier Kulturen. Was ist die Besonderheit der Migrantenliteratur, vor allem in Bezug auf den bulgarisch- und deutschsprachigen Raum?

Als Besonderheit der schreibenden Migranten habe ich damals den Begriff des „doppelten Blicks“ geprägt, da ich befand, dass sie Deutschland und uns Deutsche sowohl anhand der mitgebrachten kulturellen Standards als BEOBACHTER sehen können, aber eben auch durch ihr meist langjähriges  Leben und Arbeiten in Deutschland als TEILNEHMER an unserer Kultur und Mentalität. In dem Band „Heiliger Buchstabe, heillose Zeiten“ gibt es zu diesem Thema über bulgarische Autoren im Ausland den Aufsatz „Grenzüberschreitende Nationalliteratur“.

Sind auch Sie ein „Migranten-Autor“ oder ein interkultureller Autor?

Das kann ich nur hoffen. Es geht ja nicht um einen Kulturwechsel, sondern darum, sich der Konflikte bewusst zu werden, die aus der eigenen Sozialisation und kulturellen Prägung erwachsen, wenn man in eine fremde Kultur wie Bulgarien kommt und dann zum „I-Dötzchen im eigenen Leben“ wird, weil man wie ein Erstklässler als reifer Mann noch einmal lesen und schreiben lernen muss.

Bei mir war nach all den Jahren in Bulgarien dann nicht die eigene Hybris das Problem, also der Irrglaube, ich wäre nun ein voll funktionstüchtiger Neu-Bulgare geworden, sondern die Zuschreibungen anderer, die mir das bescheinigten: Die Bulgaren aus Stolz, dass ein Deutscher sich ihnen so annähert, die Deutschen, weil sie es lieben, einen sogenannten Kenner oder Experten zur Hand zu haben. Meine ironische Antwort war immer: „Ich kann ja noch nicht einmal ein bulgarisches Kreuzworträtsel lösen. Das müsste ich aber, weil darin abgefragt wird, was jeder Schulabsolvent in Bulgarien weiß.“

Sie haben vier Romane von Vladimir Zarev aus dem Bulgarischen übersetzt und wurden dafür für den Brücke Berlin Literatur- und Übersetzerpreis sowie für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Eine Herkulesarbeit, denn allein seine Roman-Trilogie umspannt fast ein Jahrhundert bulgarische Geschichte und ist, was die Seitenzahl betrifft, ebenso umfangreich. Wie gehen Sie ein solches Projekt an und wie funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Übersetzer, Autor und Verlag?

Dieser Auftrag war natürlich ein Geschenk des Himmels für mich, und es gelangte zu mir über … das Goethe-Institut Sofia! Ich hatte auf Bitten des Deutschlandfunks, über Debatten in Bulgarien zu berichten, das Echo auf Vladimir Zarevs Wende-Roman „Verfall“ beschrieben. Der Verleger von Kiepenheuer & Witsch hörte den Beitrag freitagabends auf dem Heimweg im Auto, setzte seine Auslandslektorin auf Zarev an, die meldete sich bei Ihnen und fragte, wo sie mehr über den Autor erfahren könne. Eine Bibliotheksmitarbeiterin kam dann auf die Idee, mich anzurufen, da hatte ich gerade ein Gutachten über den Roman für Hanser geschrieben. Die Kölner wollten das unbedingt lesen, erbaten eine Probeübersetzung, das ging ganz schnell. Aber weil sie nur an Gegenwartsromanen interessiert waren, ging es nicht weiter. Gottseidank war Dimitré Dinev, der Autor des bislang erfolgreichsten bulgarischen Romans in deutscher Sprache, „Engelszungen“, ein alter Fan Zarevs. Er hatte ihn als Schüler gelesen. Die beiden lernten sich 2005 auf den bulgarischen Literaturtagen in Wien kennen, Dinev empfahl Zarev bei Deuticke. Michael Krüger, der Leiter der Verlagsgruppe, stimmte zu, und so konnte auch die Trilogie erscheinen, allerdings mit Abstrichen am Honorar.

Um mich beim Übersetzen ganz der spezifischen Sprachenergie Zarevs überlassen zu können, habe ich nicht einfach losgelegt, sondern in einer Vorlektüre sämtliche Sprach- und Sachprobleme vorab geklärt, dem Autor dann eine einzige Datei mit sämtlichen Fragen an ihn geschickt und erst, als ich alle Antworten hatte, habe ich mit dem Übersetzen begonnen.

Auf der Webseite des CHORA-Verlags verraten Sie bereits Ihre Pläne für den Herbst. Da wäre einerseits die Veröffentlichung Ihres neuen Romans mit dem Titel Träume sind das Teuerste, dessen Protagonist ein deutscher Übersetzer in Sofia ist, der sich nicht nur in seiner Übersetzungsarbeit, sondern auch in der Liebe sprachlos verloren zu haben scheint. Die Bedeutung des Übersetzens beschränkt sich nicht mehr auf die rein sprachliche Ebene und wird um eine neue Dimension erweitert. Können Sie uns mehr darüber verraten?

Wissen Sie, eigentlich ist alles im Leben eine Übersetzung. Das Gehirn, unser Nervenzentrum, übersetzt und interpretiert vieles, ohne dass wir Einfluss darauf haben. Und der lebenslange Lernprozess des Menschen ist auch nichts anderes als der Versuch, Unbekanntes in Bekanntes zu übersetzen. Der Aufenthalt in der Fremde hilft natürlich dabei, zu bemerken, was man eigentlich so alles nicht kennt und nicht versteht, aber auch hier lauert, was Kognitionspsychologen den „comprehension bias“ nennen, den Verständnisfehler zu eigenen Gunsten. Ein Freund hat ihn mir mal gestanden, als ich das Wort noch gar nicht kannte: Er sagte, wenn ich ihm etwas über mich und Bulgarien schriebe, hätte er immer den Eindruck, dass er das alles auch oder schon kenne. Bis ihm einmal ein Licht aufging und er gestand: „Irgendwann habe ich bemerkt, dass ich es nur deshalb kenne, weil ich dich kenne und es von dir gelesen habe!“

Da nun Bulgaren in der Regel bestrebt sind, einem Deutschen zu gefallen, macht man leicht den Fehler, zu glauben, man verstehe sich und sei eines Sinnes. Bis ich dank meiner Sprachkenntnis nicht mehr sofort als Deutscher erkannt wurde oder jovial als „halber Bulgare“ betrachtet wurde.

Das ist ein Wesen, vor dem sie Tacheles reden konnten. Dies, und eben die Zarev-Romane, haben mir die Augen geöffnet. Von da an spürte ich, in wie vielen Situationen ich gar nicht wusste, was EIGENTLICH geschieht und wer die Menschen mir gegenüber wirklich sind. Als es niemanden mehr gab, der mir dies erklären konnte oder wollte, und ich auch nichts mehr in anderen Büchern fand, habe ich begonnen mit dem, was man „Beschreibungen vom Rand des Verstehens“ nennen könnte. Die Formel besagt, dass wohlfeile Erklärungen nicht mehr möglich sind, höchstens als Teil des Themas, und so begann ich, meine Erfahrungen und all die gehörten Geschichten belletristisch zu verarbeiten.

Und weiter wird eine deutschsprachige Übersetzung ausgewählter Werke von Boris Hristov erscheinen. Hristov ist ein Phänomen in der bulgarischen Literatur und „bis heute eine geistige und moralische Institution“ in Bulgarien, wie die Verlagsseite schreibt. Was sind die übersetzerischen Herausforderungen in Bezug auf Hristovs Lyrik und warum ist seine Übersetzung ins Deutsche wichtig?

Wer die Bulgaren und ihre Reiselust, die Emigration und ihre Bewunderung für wirtschaftlich erfolgreiche Nationen wie Deutschland verstehen will, muss die ENGE verstehen, aus der viele von ihnen kommen. Boris Hristov gehört dazu, er kommt aus der Provinz und ist in größter Armut aufgewachsen. Armut und Enge kennen auch Deutsche, die wie Hristov um 1945 geboren sind. Und Deutsche wie Bulgaren neigen dazu, sie als Schande zu betrachten, die man lieber versteckt und mit erkämpftem Wohlstand und/oder Erfolg vergessen machen will. Hristov gehört zu den wenigen, die zu ihrer Herkunft stehen, und indem er sie in seiner frühen Lyrik thematisierte, zeigte er, wie man sie durch Leidenschaft sprengen und durch Bildkraft in Fülle verwandeln kann. Das ist eine Hommage an die rettende Kraft einer schöpferischen Haltung zum Leben.

Ja, und was das Vergessen betrifft, so war ja auch der real existierende Sozialismus vor 1990 ein System, das nur an Selbstbestätigung interessiert war. Hristov aber beschrieb in seiner Novelle „Blindmaus“ („Sljapo kutche“) nur Außenseiter, die es in der offiziellen Propaganda gar nicht gab. Darum ist Hristov ein so guter und so mutiger Autor, und darum möchte ich seine Gedichte, die genannte Novelle und seinen Roman übersetzen und in meinem Verlag herausgeben.

Denn, das möchte ich zum Schluss noch betonen, weil ich es auch bei deutschen Redaktionen immer wieder angemahnt habe: Kritik besteht nicht nur in der schonungslosen Anprangerung von Missständen, sondern oft auch in der subtilen Erwähnung von Dingen, Menschen und Zusammenhängen, die es angeblich gar nicht gibt. Und dafür ist Literatur einfach besser geeignet als Journalismus…

Thomas Frahm, geb.1961 in Duisburg, ist Autor und Übersetzer von Texten aus dem Bulgarischen ins Deutsche. Seit 2000 lebt er als freier Autor und Publizist zwischen Duisburg und Sofia. In seiner Übersetzung aus dem Bulgarischen erschienen seit 2007 sechs Romane sowie Drehbücher, Theaterstücke, Lyrik und Erzählungen. Thomas Frahm hat u.a. Bücher von Vladimir Zarev, Lea Cohen, Angel Wagenstein, Milena Kirova sowie zahlreiche Texte für Anthologien und Zeitschriften übersetzt. Ferner hat er Anthologien der bulgarischen Literatur zusammengestellt und ist Autor von vier Büchern über Bulgarien: Die beiden Hälften der Walnuss: Ein Deutscher in Bulgarien (2014, CHORA Verlag), Oh, Bulgarien: Land und Leute, Kultur und Gesellschaft (2017, CHORA Verlag), Heiliger Buchstabe, heillose Zeiten: Bulgarische Literatur von den Anfängen bis heute (2018, CHORA Verlag) und des Romans Bote aus Bulgarien (2018, CHORA Verlag).

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