Dörte Hansen, Mittagsstunde

Dörte Hansen © Sven Jaax

Die deutsche Schriftstellerin Dörte Hansen schafft es in ihrem Werk, Gegensätze zu vereinen. Beginnend mit ihrem Debütroman Altes Land, welcher im Jahr 2015 erschien und mit über einer halben Millionen verkauften Exemplaren Leserinnen und Leser verschiedener Altersgruppen ebenso begeistern konnte wie die Literaturkritik.

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Von und über Dörte Hansen


Dörte Hansen, geboren 1964 in Husum, arbeitete nach ihrem Studium der Linguistik in Hamburg als NDR-Redakteurin und Autorin für Hörfunk und Print. In ihrem Debütroman Altes Land, der 2015 zum Bestseller wurde, ging es um das Thema der Heimat und das Land als Sensuchtsort von Städtern. Auch ihr zweiter Roman, Mittagsstunde, befasst sich mit dem Land. Anhand des fiktiven nordfriesischen Orts "Brinkebüll" beschreibt sie die Umwälzungen auf dem norddeutschen Land infolge des Strukturwandels seit den 1960ern. Dörte Hansen lebt mit ihrer Familie in Nordfriesland.

Der deutsche Roman aus dem ländlichen Umfeld ist eine gelungene Studie eigenwilliger Gestalten, die sehr plastisch geschildert werden, mit all ihren Familiendramen und Traumata. Die Autorin verarbeitet darin den Untergang alter Ordnungen und die unerbittliche dörfliche Logik. Die Handlung zieht sich jedoch und wird auch durch die Menge an deutschen Namen gebremst, man muss sich einlesen und in die treffenden Bilder vertiefen, die eine melancholische Atmosphäre entstehen lassen.

Mittagsstunde

Die deutsche Journalistin und Schriftstellerin Dörte Hansen (geb. 1964), die Verfasserin des erfolgreichen Erstlingswerks Starý kraj (Orig. Altes Land, Host, 2016) führt in ihrem nächsten Prosawerk Mittagsstunde die Polemik mit dem Genre des Dorfromans und der damit verbundenen Idealisierung des ländlichen Raums fort. Sie siedelt die Handlung wieder in einem norddeutschen Dorf an, diesmal im fiktiven Brinkebüll, und verarbeitet das Thema Wandlung des traditionellen Dorfes zu einem modernen.

In Mittagsstunde beginnt das Ende der alten Zeiten mit der Bodenreform in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts und dem Wegzug von Landvermessern aus dem Dorf. Diese haben nicht nur einen Plan für die Flurbereinigung der Grundstücke ohne Raine und Remisen, sondern auch das schwangere behinderte Mädchen Marret zurückgelassen, die als Irre des Dorfes gilt, die Reste der hiesigen Natur hortet und nach der Entbindung beginnt, aus Zeichen zu lesen, dass das Ende der Welt nahe sei. Ihr Sohn Ingwer Feddersen, der kurz vor seinem fünfzigsten Geburtstag in sein Heimatdorf Brinkebüll zurückkehrt, um sich um die Großeltern zu kümmern, bildet im Roman das Bindeglied zwischen der abwechselnd in der Gegenwart und der Zukunft spielenden Handlung. Das Leben dieser wunderbar angelegten zentralen Gestalt wird am Wendepunkt seiner persönlichen Abrechnung geschildert.

Das Gasthaus der stillen Elly und des redegewandten Sönke Feddersen ist als Fixpunkt des ganzen Dorfes gleichzeitig logischer Mittelpunkt des Romans. Es übernimmt die Rolle eines weltlichen Beichtstuhls, ist ein Ort der Begegnungen, der Feierlichkeiten, der Beerdigungen, des Tanzes, und mit ihm sind nicht nur die zentralen Gestalten des Romans, sondern auch die eigenartigen kleinen Figuren des ganzen Dorfes verbunden, die gegen das Leben wie gegen einen starken Nordwind ankämpfen. Wie wichtig Feste sind, bringt ein Gesetz von Brinkebüll zum Ausdruck: auch wenn du kein Geld hättest, um ein Brot zu kaufen, so musst du doch eine Geburtstagsfeier für deine Nachbarn in der Dorfkneipe veranstalten. Auch Jahre später hat sich daran nichts geändert, das Dorf ist ein Freilichtmuseum der alten Zeiten, das erst nach dem Tod des Gastwirts Sönke, eines der letzten Alteingesessenen, zu einer Transformation bereit ist. Der Gasthof soll unter den Händen des dortigen Vereins der Countrytänzer Line Dance Buffalos zu einem amerikanischen Westernlokal umgestaltet werden.

Lieder, Schlager, sind ein wichtiger Teil von Ingwers Leben und eigentlich auch des Lebens seiner Familie. Aus diesem Grunde gelangten diese auch in die Titel der Kapitel. Es ist allerdings verwirrend, dass die Auszüge aus den englischen Liedern nicht ins Tschechische übersetzt wurden, im Gegensatz zu den deutschen. Unübersetzt tauchen sie dann auch im Text selbst auf. Auch wenn dies sicherlich zu rechtfertigen ist, wirkt das Ergebnis seltsam.

Ein starkes Motiv sind der Grund und Boden, der von Generation zu Generation vererbt wird, und die damit zusammenhängende Verwurzelung in Familientraditionen. Obwohl sich Ingwer durch seinen Weg als Hochschulprofessor den bestehenden Ordnungen entzieht und er Sönke enttäuscht, der ihn als seinen Sohn und Nachfolger sieht, verliert der Grund und Boden für ihn nicht an Wichtigkeit. Für Ingwer und auch für den Lehrer des Ortes und eigentlich auch Marret, die unter der familiären Entwurzelung und den vielen Geheimnissen leiden, die sich um ihr Leben ranken, verliert der Grund und Boden den Wert eines Familienvermögens und wird frei von diesen sekundären Bedeutungen zu dem, was er primär ist – Boden, in dem man Gestein sammeln kann. Und auch archäologische Grabungen durchführen, die auf unsere gemeinsame Vergangenheit als Menschen hindeuten.

Die Autorin fängt sehr gelungen und mit unerbittlicher Präzision die dörfliche Logik, die Ordnung der Dinge und das kommune Denken ein. Alle wissen von den anderen alles, doch der, den es betrifft, ahnt nichts davon, er wird hinter seinem Rücken oft mit bösen Spitznamen betitelt. Schon ein kleines Kind weiß, was es nicht sagen darf. Kuckuckskinder, Untreue, Abhängigkeiten. Ein Dorf verzeiht viel, wenn man von dort stammt, auch dass man Frau und Kind schlägt. Das größte Vergehen ist es, ein Zugezogener zu sein.

Die Bilder, die mit Hilfe prägnanter Metaphern vor dem Leser auftauchen, sind in einer melancholischen, belastenden Atmosphäre gehalten. Der Charakter der Gestalten scheint sich im Roman vom Umfeld, in dem sie leben, abzuleiten. An der suggestiven Schilderung der entsprechenden Realien ist zu erkennen, dass die Autorin aus Nordfriesland stammt und nach Stationen in europäischen Städten dorthin zurückgekehrt ist.

Dörte Hansen konzentriert sich auf zwischenmenschliche Beziehungen und Familiengeheimnisse. Sehr plastisch zeichnet sie die Psychologie und die Traumata der einzelnen Figuren, oft nur in Andeutungen und Details setzt sie das Mosaik der Familie Feddersen zusammen. In diesem ist auch der Krieg verarbeitet, konkret das Thema der Rückkehrer, die niemand mehr erwartet. Die Bevorzugung der sozialen Problematik verlangsamt jedoch den Handlungsfluss, der Roman zieht sich, und die Lesbarkeit der Übersetzung wird auch von den vielen deutschen Namen gebremst, doch schließlich würdigt der Leser dies ähnlich wie den Geschmack eines lange durchgezogenen Bouillons.

© Martina Siwek Macáková
Die Buchbesprechung ist in Zusammenhang mit dem digitalen Literaturmagazin iLiteratura entstanden.
Der Roman Mittagsstunde erschien 2019 im Verlag Host auf Tschechisch (Übersetzung: Viktorie Hanišová) unter dem Titel Polední hodina.

Altes Land. Penguin Verlag 2015. Tschechisch: Starý kraj. Übersetzt von Viktorie Hanišová. Host 2016.
Mittagsstunde. Penguin Verlag 2018. Tschechisch: Polední hodina. Übersetzt von Viktorie Hanišová. Host 2019.
 

Das Ende der Welt ist da! Was nun?

Ein Stern der deutschen Literatur; Dörte Hansens Roman Mittagsstunde erscheint auf Tschechisch.


Mit zwei Büchern hat Dörte Hansen (geb. 1964) erreicht, wovon andere Schriftstellerinnen und Schriftsteller ihr ganzes Leben lang träumen: Sie wurde eine Bestsellerautorin und eine angesehene Figur der deutschsprachigen Literaturszene. Ihr Erstlingswerk Altes Land (2015) verkaufte mehr als eine Million Exemplare. Ähnlich erfolgreich ist ihr zweiter Titel Mittagsstunde (2018), der nun von Viktorie Hanišová ins Tschechische übersetzt wurde.

Ihren Debütroman haben Sie erst vor vier Jahren veröffentlicht, bis dahin waren Sie als Journalistin tätig. Was hat Sie zu diesem Wechsel bewogen?

Es handelte sich nicht um einen ausgesprochen bewussten Prozess. Mein ganzes Leben lang habe ich meinen Lebensunterhalt mit dem Schreiben für Radio und Printmedien verdient. Und der Gedanke, ein Buch zu schreiben, hat mich seit meiner Kindheit begleitet, auch wenn es nur eine sehr vage Idee war. Zu einem bestimmten Punkt in meinem Leben, so um die fünfzig, kam dann eine Art Spannung auf: Ich hatte den Eindruck, dass ich etwas ändern musste. Es war klar, dass, wenn ich etwas schreiben wollte, es jetzt sein musste. Und so schrieb ich, statt in eine midlife-crisis abzurutschen, den ersten Roman.

Mit diesem Buch haben Sie fantastischen Ruhm erlangt. Plötzlich sind Sie eine literarische Berühmtheit. Was macht das mit einem Menschen?

Am Anfang war es eine Überraschung und eine Freude. Aber dann kam die Panik. Ich hatte das Gefühl, wenn etwas so Unwahrscheinliches passieren kann – mein Debüt ist ein Bestseller! – dass dann absolut alles passieren kann. Vielleicht werden Menschen um mich herum plötzlich sterben oder der Himmel wird einstürzen. Es war wie in einem seltsamen Märchen, es passte überhaupt nicht zu der Vorstellung, die ich von mir hatte. So begann ich daran zu zweifeln, was ich wirklich über mich und die Welt um mich herum wusste. Der Erfolg schockierte und verunsicherte mich. Aber dann fand ich mich damit ab. Heute beruhigt mich diese Tatsache: Statt Existenzangst habe ich die Freiheit, zu schreiben, was ich will und wann ich will.

Wie sind Sie zum Journalismus gekommen?

Alles was ich mache, beginne ich erst spät. Ich habe an der Universität promoviert und dachte, ich würde Wissenschaftlerin werden, aber dann wurde mir klar, dass die Welt der Academia zu eng ist. Ich wollte aber beim Schreiben bleiebn, also entschied ich mich für das Zeitungswesen. Ich habe nie Journalismus studiert, ich habe einfach angefangen, als freie Journalistin zu arbeiten.

Sie arbeiteten für verschiedene deutsche Radiosender, dann für den Print. Wie geht es den traditionellen Medien in Deutschland heute? Haben sie eine Zukunft, oder werden sie vom Internet überrollt?

Es ist dasselbe wie überall. Die Tageszeitungen haben große Probleme. Die jungen Leute von heute können keine Zeitungen mehr lesen und interessieren sich nicht sehr für die öffentlich-rechtlichen Medien. Es wird viel darüber diskutiert, wie man diesen Trend umkehren kann, wie man nicht nur die über Sechzigjährigen, sondern auch die jungen Leser ansprechen kann. Eigentlich denke ich mir, dass ich den Journalismus zum richtigen Zeitpunkt verlassen habe, weil sich die Situation weiter verschlimmert. Die Auflagen sinken, Redaktionen werden zusammengelegt, eine Menge Kollegen wurden entlassen. Und das gilt genauso für gedruckte Zeitungen wie für den Rundfunk. Und es wird schlimmer...

Was ist damit?

Das Verhalten und die Gewohnheiten junger Menschen müssten geändert werden. Aber damit müsste schon in der Grundschule begonnen werden. Manche Printmedien laden zum Beispiel Schüler in die Redaktion ein, um ihr Interesse zu wecken. Aber ich fürchte, dass wir diese Schlacht verlieren.

Gleich auf der ersten Seite des Romans Mittagsstunde steht der Satz "De Welt geiht ünner“. Wie nehmen Sie wahr, was heute in der Welt geschieht?

Man muss sich den Optimismus erkämpfen. Wenn Sie die Nachrichten zu sehr verfolgen, könnten Sie den Eindruck gewinnen, dass das Ende der Welt tatsächlich bevorsteht. Wie während des Dreißigjährigen Krieges, von dem ich in letzter Zeit viel gelesen habe: Millionen von Menschen wurden von der Pest getötet, Trümmer und Scheiterhaufen überall. Die Informationen müssen gefiltert, nur so viel aufgeladen werden, wie man tragen kann. Ich freue mich immer, wenn ich auch etwas Positives erfahre, wie zum Beispiel, dass jemand eine abbaubare Verpackung erfunden hat. Aber Gründe für das Ende der Welt und dagegen ließen sich in jeder Periode der Menschheitsgeschichte finden...

Aber ist nicht positives Denken in einer Zeit, in der sich über uns die bedrohlichen Nachrichten über die Erderwärmung, das aggressive Russland und China hinwegwälzen, ein bißchen Selbsttäuschung?

Da müssten wir uns einigen, was das Ende der Welt bedeutet. Für mich ist es die Zerstörung der menschlichen Zivilisation, und dazu ist es noch nicht gekommen. Und dann: Was ist die Alternative zum positiven Denken? Es sollte lauten: Das Ende der Welt ist da! Was nun? Wie soll der Mensch damit leben? Es erscheint mir unerträglich, deshalb versuche ich, die Dinge anders zu betrachten. Ich will mir nicht den Glauben nehmen lassen, dass es Menschen gibt, die wirklich nach einer besseren Welt streben. Es mag naiv klingen, aber ich möchte mir diesen Glauben gönnen.

In der Mittagsstunde schreiben Sie über das fiktive deutsche Dorf Brinkebüll. Gibt es darin eine Symbolik: eine Rückkehr zur Tradition, zur Natur, zu sich selbst?

Brinkebüll ist für mich ein Symbol für die Prozesse, die sich in den 1960er Jahren in mehr oder weniger allen deutschen Dörfern abgespielt haben: Das Landleben war plötzlich zu Ende. Mittagsstunde ist also eine Geschichte des Verlustes. Brinkebüll steht für Ordnung und Gesellschaft, die es nicht mehr gibt. Der Blick ist nostalgisch, aber nicht sentimental, er idealisiert das Dorf mit Sicherheit nicht. Vor einem halben Jahrhundert kam es gewissermaßen zu einem Ende der Welt, auch wenn es nur kleine Bauernhöfe betraf. Es war eine Welt, die meine Generation noch kannte, in der sie aufgewachsen ist. Die sechstausend Jahre zuvor hatte sich in dieser Welt praktisch nichts geändert, und plötzlich so eine Wende. Genau das wollte ich im Roman festhalten.

Haben Sie in der deutschen Literaturszene einen Seelenverwandten?

Mein ewiges und unerreichtes Vorbild ist Thomas Mann. Seine Buddenbrooks habe ich vielleicht zehnmal gelesen. Andere Vorbilder finde ich in der amerikanischen Literatur: Elizabeth Strout, Anne Tyler, Annie Proulx – alles ausgezeichnete Autorinnen. Von den zeitgenössischen deutschsprachigen Autoren gefällt mir Daniel Kehlmann, an dessen Roman Tyll ich dachte, als ich den Dreißigjährigen Krieg erwähnte. Und natürlich Herta Müller. Aber ich lese sehr willkürlich, ohne Plan und Struktur. Zum Beispiel habe ich kürzlich Grimmelshausen gelesen, weil mich Kehlmanns Tyll schon vorher fasziniert hatte. Die Welt ist voll von großer Literatur. Manchmal macht sie mir ein bisschen Angst: Warum sollte ich noch ein Buch schreiben? Schließlich gibt es so viele bessere als meins...

Verfolgen Sie die tschechische Literatur?

Zufälligerweise lese ich gerade Agnes von einer gewissen Hanišová. Außerdem lese ich Winterbergs letzte Reise von Jaroslav Rudiš. Früher habe ich viel von Václav Havel gelesen. Und weiter? Ich verspreche, dass ich bald zu etwas anderem kommen werde.

 
Der Interviewer Radim Kopáč ist Literatur- und Kunstkritiker, übersetzt hat Viktorie Hanišová. Das Interview erschien am 9. Dezember 2019 auf Tschechisch in den Lidové noviny.

(geb.1980) Übersetzerin, Autorin

Viktorie Hanišová kommt aus Prag. Sie studierte Lehramt für Englisch und Deutsch an der Karlsuniversität und übersetzt aus diesen beiden Sprachen. Sie ist zudem als Autorin für den Host-Verlag tätig. Aus dem Deutschen übertrug sie die Romane Mittagsstunde (Dörte Hansen), Hundert schwarze Nähmaschinen (Elias Hirschl), Hool (Philipp Winkler), Und was hat das mit mir zu tun? (Sacha Batthyany), Altes Land (Dörte Hansen) ins Tschechische.

Deutschsprachige Literatur in tschechischer Übersetzung


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