Fachartikel
(Lern-)Videoangebot im modernen Fremdsprachenunterricht

Lernen mit Videomaterial
© Adobe Stock

Ist jedes Video für die multimodale Textrezeption in der Fremdsprache geeignet? Welche Videoformate werden zurzeit im DaF-Bereich produziert?
Der Beitrag bietet einen kurzen Überblick zu den gängigsten Video-Arten im DaF-Bereich an und nimmt auch die multimodale Darstellung der Videoinhalte in den Blick.

Wandel in der Lernkultur

Mit dem Wandel der neuen Lernkultur fordern auch Lernende im Fremdsprachenunterricht mehr Einbezug von digitalen Medien (Ende 2014: 42). Videos scheinen ideal zu sein, um eine authentische (Fremd-)Sprache in das Klassenzimmer zu holen und einen Einblick in den aktuellen Sprachgebrauch zu geben. Im Privaten können Lernende mittlerweile auf ein unüberschaubares Videoangebot auf kommerziellen Videoplattformen wie YouTube, aber auch auf Bildungsservern, in Mediatheken oder auf privaten Plattformen einzelner Lehrkräfte zugreifen. Lernvideos, die auf Sprachvermittlung abzielen, werden durch kommunikative Bedürfnisse der Lernenden und Fertigkeitstraining im Fremdsprachenunterricht bestimmt. Je nach Kompetenzbereich (Rezeption, Produktion, Interaktion, Mediation) wird die Aufmerksamkeit der Lernenden gelenkt und unterstützt, beispielsweise mit Untertiteln, Sprechblasen oder anschließenden Übungen mit Lückentexten. Auf der Grundlage einer Literaturanalyse und eigener Internetrecherche lassen sich für Fremdsprachenkontexte einige Vermittlungsstile identifizieren, realisiert in diversen Videoformaten für unterschiedliche Altersgruppen:

1. Dialog- und Nachsprechvideos
2. Textbasierte Videos nach Themen
3. Grammatikanimationen
4. Erklärvideos
5. Spielerisch basierte Videos – Gaming
 

Dialog- und Nachsprechvideos

Mit Dialog- und Nachsprechvideos sind Lernvideos gemeint, die Hören und Nachsprechen der wichtigsten Sätze zu situativen Kontexten (Tagesablauf, Sich vorstellen, Im Café) anbieten. Dabei können Lernende die dargestellten Geschichten und Gespräche aus dem Alltag so oft wiederholen, wie sie möchten. Die Zielgruppe bilden Lernende auf dem A1-A2-Niveau, wobei es Playlisten auch für höhere Stufen gibt. Diese Videos werden normalerweise von Sprachinstituten oder von DaF-Lehrenden für DaF-Lernende produziert, auf Lernmanagementsystemen oder auf Blogs integriert oder als extra Video zu bereits vorhandenen Materialien zur Verfügung gestellt. Auf dem YouTube-Kanal der schweizerischen Hallo Deutschschule. Deutsch lernen mit Dialogen werden Dialog-Videos meistens in Comic oder Cartoon-Format umgesetzt. Die Dialogsituationen werden im Zeichenstil produziert. Das bedeutet, dass analog oder digital gezeichnete Dialogszenen abgefilmt oder mit einem Animationsprogramm erstellt werden. Zusätzliche grammatische Phänomene, wie beispielsweise die Kasusdeklination, werden in animierten Dialogen in Sprechblasen farblich kenntlich gemacht.
 Lernvideo zu einem Vorstellungsgespräch Lernvideo zu einem Vorstellungsgespräch | © Hallo Deutschschule
Das Zurechtfinden in Alltags- und Berufssituationen sowie gängige Smalltalks lässt sich zum Beispiel auf der Plattform LinguaTV trainieren. Für die jeweilige Lektion wird ein Begleitvideo zur Verfügung gestellt. In der Regel werden reale Szenen gefilmt (Realdreh-Format), denen Sprechanlässe und antizipierende Übungen (Was passiert weiter?) folgen.

Textbasierte Videos nach Themen und Grammatikanimationen

Themen- und textbasierte Videos bietet der Deutschlernerblog für Deutschlerner in aller Welt. In der Regel handelt es sich um klassische Slidecasts, die auf der Bildschirmaufzeichnung von Folien-Präsentationen basieren. Die Texte werden im Video vorgelesen und dabei werden beispielsweise grammatikalische Strukturen hervorgehoben, um die Aufmerksamkeit auf diese Phänomene zu lenken.

Die interaktive Plattform Das Aktuelle Grammatikstudio stellt Grammatikphänomene auf dem A1-B2-Niveau forschungsbasiert dar. Ausgehend von dem Ansatz der kognitiven Grammatik wird das Verständnis grammatischer Phänomene mithilfe von bildhaften Animationen unterstützt (Roche/EL-Bouz 2018). Da bewegte Bilder als Esperanto der digitalen Welt gelten, werden syntaktische Regeln anhand der Fußballspiel-Metapher unvertont dargestellt, indem beispielsweise Verben die Rolle der Torwarte übernehmen.
Lernvideo mit Grammatikanimation Lernvideo mit Grammatikanimation | Das aktuelle Grammatikstudio © MLA 2018

Erklärvideos

Erklärvideos für DaF-Lernende sind in der Regel persönliche Videos im Vlogging-Stil (Wolf 2020). Eine Sprachlehrkraft spricht direkt in die Kamera, erklärt und visualisiert sprachliche Regularitäten. Dazu werden weitere Links, Tipps und Übungen bereitgestellt, um sprachliche Formen einzuüben. Die bekannteste deutsche Plattform mit Nachhilfe-Videos Sofatutor bietet im klassischen Tisch-Legevideo-Format auch sprachliche Inhalte an, die dem schulischen Stoffkanon, Interessenlagen sowie den Lernniveaus der Schülerinnen und Schüler entsprechen. Bei Erklärvideos in Legetrick-Format werden gezeichnete Elemente wechselnd unter dem Aufnahmegerät bewegt und mit einem Tonkommentar begleitet.

Spielerisch basierte Videos – Gaming

Videos, in denen Sprachfertigkeiten spielerisch trainiert werden, reichen von privat erstellten Videos via PowerPoint zum interaktiven Memorieren von Vokabeln bis hin zu Serious Games, Second Lifes und Lernen mit Avatar. In den Low-Cost-Varianten findet man beispielsweise Memory-Videos auf privaten Kanälen der Lehrkräfte. Lernende versuchen nach aufmerksamem Zuhören den passenden Begriff für die im Nachhinein verdeckte Karte zu wiederholen. Das andere Ende des Spektrums stellen interaktive Abenteuerspiele dar, in denen man in der Regel einem Charakter folgt, der eine Stadt entdeckt, ein Geheimnis entschlüsselt oder ein Problem lösen muss. Dazu gehört zum Beispiel das Spiel Ein rätselhafter Auftrag, das vom Goethe-Institut produziert wird. Die Deutsche Welle hat den frechen Charakter Harry produziert, der mit Hilfe der Lernenden versucht, aus einer Zeitschleife herauszukommen. Die sprachlichen Fertigkeiten, die man im Rahmen solcher virtuell erzählten Geschichten anwenden muss, können auf Kontexte in realer Welt übertragen werden. Um den Protagonisten zu helfen, wird nicht nur eine situative Lexik, sondern auch alltagsrelevante Textsorten wie E-Mails, Bewerbungen oder Lebensläufe gelesen oder geschrieben. Auf diese Weise werden Spielelemente mit Vokabular- und Übungen zu Landeskunde verzahnt. Studien zu Vorteilen und Grenzen von digitalen Spielen im DaF/DaZ-Unterricht hat Gabriel (2016) zusammengestellt. Bereiche, in denen ein besonderer Zuwachs an Fremdsprachenkenntnissen zu verzeichnen ist, betreffen Lexik, Diskursstrategien, grammatikalische Strukturen sowie landeskundliche, kulturelle und soziale Aspekte. Der Lernerfolg hängt von mehreren Faktoren ab. Neben dem Zeitfaktor, der didaktischen Einbettung des Videos und begleitenden Aufgaben vor, während und nach dem Video, spielt die Zielgruppengerechtigkeit (z.B. Eignung von Spielen für den L2-Erwerb) eine wichtige Rolle. Der authentische Kontext, der Spaßfaktor, die Interaktivität und das Feedback innerhalb des Spiels sind für das Aufrechterhalten der Motivation ausschlaggebend.
 

Literaturhinweise

  • Ende, Karin (2014): „Motivation durch digitale Medien im Unterricht? Aber ja!“ In: Fremdsprache Deutsch. Zeitschrift für die Praxis des Deutschunterrichts, 51, 42–48.
  • Gabriel, Sonja (2016): Spielend Fremdsprachen lernen – Wie können digitale Spiele den Fremdsprachenerwerb unterstützen? Eine kurze Übersicht über den derzeitigen Stand der Forschung. In: Medienimpulse. 54 (3). Online: https://journals.univie.ac.at/index.php/mp/article/view/mi973 (29.01.2021).
  • Roche, Jörg; EL-Bouz, Katsiaryna (2018): „Deutsche Grammatik sportlich und animiert“. In: Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht, 23 (1), 30‒42.
  • Wolf, Karsten D. (2020): „Sind Erklärvideos das bessere Bildungsfernsehen“? In: Dorgerloh, Stephan; Wolf, Karsten D. (Hrsg.): Lehren und Lernen mit Tutorials und Erklärvideos. Weinheim/Basel: Beltz, 17–24.

Verlinkungen

Autorinnen 

Dr. Zuzana Münch-Manková ist Postdoc im Bereich DaZ/DaF an der Universität Oldenburg mit dem Schwerpunkt „sprachliches und fachliches Lernen" im Rahmen der Forschungsakademie. Ihre Forschungsschwerpunkte sind digitalgestützter sprachsensibler Fachunterricht, Deutsch als Zweitsprache und Mehrsprachigkeit in fachlichen Kontexten, Professionalisierungsforschung und Fortbildungsformate für DaZ- und DaF-Lehrkräfte.

Juliane-Nicola Müller de Acevedo ist Expertin für Unterricht und Leiterin der Initiative PASCH – „Schulen: Partner der Zukunft“ für das Goethe-Institut in Brasilien. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Förderung von Lese- und Schreibfertigkeiten in mehrsprachigen Kontexten, Fortbildungsdidaktik, Sprachdiagnostik und interkulturelle Begegnungen im digitalen Raum.

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