Berlinale Blogger 2018 Isle of Dogs - Wes Anderson wieder in Hochform?

„Isle of Dogs" von Wes Anderson
„Isle of Dogs" von Wes Anderson | Foto (Ausschnitt): © Twentieth Century Fox

Unsere Bloggerin Grace Barber-Plentie hat sich "Isle of Dogs" angeschaut. Hier erklärt sie, warum der Film für Haustierhalter und Tierhasser ein emotionales Erlebnis ist - und dennoch nicht ganz an frühere Erfolge Wes Andersons anknüpfen kann.

Wes Anderson mag keine Tiere - da muss man nur das Internet befragen. Googelt man "Wes Anderson und Tiere" stößt man gleich auf "Warum mag Wes Anderson keine Hunde?", gleich gefolgt von "Warum mag Wes Anderson keine Katzen?". Ganze Foren bei Reddit widmen sich solchen Themen. Der Mann mag Symmetrie und Schriftarten wie den Futura Font, aber eben keine Tiere.
 
Als verkündet wurde, dass Anderson einen zweiten Stop-Motion-Film mit dem Namen "Isle of Dogs: Ataris Reise" filmen wird, war ich dann doch ein bisschen verwirrt. Ein Mann, der schon in zwei Filmen ohne mit der Wimper zu zucken diesen Vierbeinern den Garaus macht, widmet ihnen einen ganzen Film? Das kann doch nicht gutgehen. Aber das Merkwürdige an "Isle of Dogs: Ataris Reise" ist die Tatsache, dass es zum größten Teil tatsächlich funktioniert.
 

Worum geht es hier?

 
Ähnlich wie bei Andersons beiden letzten Filmen "Grand Budapest Hotel" und Moonrise Kingdom", beschränkt sich "Isle of Dogs - Ataris Reise" darauf, ein kleines Szenario wie beispielsweise ein verschwundenes Gemälde oder ein vermisstes Teenagerpärchen oder eben in diesem Fall einen verschwundenen Hund wie ein Spinnennetz auszuweiten. Jede Menge verrückter Charaktere tauchen auf, es wechselt munter zwischen Gegenwart und Vergangenheit und am Ende wartet der Showdown. Bei vielen anderen Regisseuren wäre es ziemlich frustrierend, wenn sie diese Methode in drei Filmen hintereinander gewählt hätten, aber da Anderson zumindest die Zeiten, die Form und das Umfeld verändert hat, gibt er uns in jedem Film etwas Neues.
 
Dieses Mal führt uns Anderson in ein futuristisches Japan, wo der korrupte, katzenliebende Bürgermeister Kobayashi Hunde auf die Insel Trash Island verbannt hat, auf der sie den Rest ihres Lebens gegen Krankheiten und um Essensreste kämpfen müssen. Doch diese hundelose Existenz wird erschüttert, als sich Kobayashis Mündel Atari nach Trash Island begibt, um dort nach seinem geliebten Hund Spots zu suchen. Es ist eine einfache Geschichte, die eigentlich schnell erzählt ist, aber Anderson gibt uns neben dem Thema "Junge sucht seinen besten Freund" noch politische Korruption, mutige Wissenschaftler, studentische Aktivisten und eine Botschaft gegen Tierversuche. Dieser Mix macht dann ein sehr erfolgreiches Abenteuer aus, das einen von Anfang an fesselt.
 

Taugt der etwas?

 
Was allerdings nicht so funktioniert - jedenfalls für mich - ist Japan als Spielort. Anderson begibt sich hier auf eine Gratwanderung. Natürlich darf ein Filmemacher andere Welten erforschen als die, die er kennt, aber im Fall von "Isle of Dogs: Ataris Reise" frage ich mich schon, warum das hier sein musste. Der Regisseur versucht authentisch zu sein und eine dystopische Umgebung zu schaffen, es gelingt ihm mit der Welle von Hokusai auch ein visueller Gag, außerdem wird die Samurai-Kultur erforscht, aber wenn wir uns mal an das Motto "Schreib über das, was du kennst" halten wollen, gibt es hier nichts, was man nicht ebenso in eine amerikanische Umgebung hätte verpflanzen können. Nichts wäre verloren gelangen und so kann man im Umkehrschluss sagen, dass auch nichts gewonnen wurde. Auch wenn man darüber streiten kann, ob der Film unbedingt in Japan hätte spielen müssen, kann man aber schon sagen, dass Andersons Beschreibung von nicht-amerikanischen Kulturen sich verbessert hat. Bei 'Darjeeling Limited' fungierte Indien schließlich nur als interessante Umgebung für eine Familienzusammenführung.
 
Wenn nun also der Ort bei "Isle of Dogs: Ataris Reise" nicht so gut funktioniert, muss man die Hauptfiguren dagegen loben - die Hunde sind großartig. Die Animation ist exquisit, die verschiedenen Animationstechniken gehen mühelos ineinander über und füllen die Charaktere (selbst so eine Karikatur wie den Bürgermeister) mit Leben und Persönlichkeit. Frühere Filme wie "Rushmore" oder "Die Royal Tenenbaums" mögen zwar tiefer gehende Charakterbeschreibungen haben, aber hier hat jeder, sei es nun Hund oder Mensch, soviel Persönlichkeit, dass wir ihnen alle gerne 101 Minuten folgen. Wie bei jedem Film von Wes Anderson geht es hier um Außenseiter. Chief, der Anführer eines Hunderudels, ist ein perfektes Beispiel dafür. Von dem Moment an, in dem dieser griesgrämige Vierbeiner auf der Leinwand erscheint, wissen wir, dass er am Ende dann doch Herz zeigen wird. Trotzdem sollte man nicht vergessen, wieviel Handwerk in diesen Chief geht und die Interpretation durch seinen Original-Synchronisator Bryan Cranston sorgt dafür, dass man über diese vorhersehbare Entwicklung gern hinwegsieht.
 
Ich kann die großartige Animation und Original-Synchronisation nicht genug loben, aber was mich am meisten freut, ist, dass Wes Anderson mit "Isle of Dogs: Ataris Reise" zum emotionalen Filmemachen zurückgefunden hat. Man kann Wes Anderson leicht als reizenden, adretten Regisseur abtun (allerdings auch als jemanden, der einen Oscar gewonnen hat - das sollte man nicht vergessen), der die Liste sämtlicher Filmtricks beherrscht, die Filmstudenten in Begeisterungstürme ausbrechen lässt, aber für mich, auch wenn sich mein Geschmack im Laufe der Zeit geändert hat, war er immer jemand, der mich etwas fühlen ließ. Sei es Lachen, Tränen oder Wut. Anderson konnte uns in seinen Filmen immer etwas geben, wie zum Beispiel der Satz von Ben Stillers Figur in 'The Royal Tenenbaums',"Ich hatte ein hartes Jahr, Dad", - mit dieser Bemerkung erschließt sich uns das gesamte Gefühlsleben dieser Figur. Viele halten "Grand Budapest Hotel" für Andersons besten Film. Ich empfinde das nicht so, denn ich habe beim Anschauen absolut gar nichts gefühlt.
 
„Isle of Dogs" von Wes Anderson Foto (Ausschnitt): © Twentieth Century Fox

Bei "Isle of Dogs: Ataris Reise" sind dagegen sämtliche Emotionen da. Anderson ist kein melodramatischer Regisseur, der die Leute zum Weinen bringen will, aber er weiß immer die richtigen Akzente zu setzen, damit man etwas fühlt. Der Film hätte leicht ins Klischee verfallen können, wenn es um die Beziehung zwischen Mensch und Hund geht, aber Anderson muss uns das nicht bis in die Tiefe erklären. Jeder, der schon einmal ein Tier gehabt hat, wird es nachfühlen können und auch diejenigen, die noch nie eines besessen haben oder Vierbeiner nicht leiden können, bekommen hier einen Einblick, wie es ist, eine persönliche Bindung zu einem Tier zu haben.
 
Auch wenn "Isle of Dogs: Ataris Reise" nicht an den Höhepunkt von Andersons Schaffen heranreichen kann, ist es ein ganz ordentlicher Film, der den Regisseur aus einer ansonsten möglicherweise bevortehenden Phase der Stagnation herausreißen konnte. Es wird interessant sein, was der Filmemacher als nächstes plant. Und ob Tiere wieder ihr Leben lassen müssen.