Ursula Krechel: Landgericht

Ursula Krechel: Landgericht Copyright: Jung und Jung Spannend, einfühlsam, und im fantastischen Stil geschrieben. In einem Amtsdeutsch - den Lebensverhältnissen gegenübergestellt - einfach genial.

Ursula Krechel gelingt mit ihrem Roman „Landgericht” eine Meisterleistung: mit viel Empathie, einem scharfen Auge fürs Detail und mit perfekt eingearbeiteten und gründlich recherchierten historischen Tatsachen erzählt sie den Leidensweg einer zerrissenen Familie. Der Auftakt zur Geschichte könnte auf den ersten Blick als Glücksfall angesehen werden: Dr. Richard Kornitzer, der wegen seiner jüdischen Abstammung seinen Beruf als Richter aufgeben musste, kann noch rechtzeitig ins Ausland fliehen. Seine beiden Kinder werden durch eine christliche Hilfsorganisation nach England zuerst in Pflegeheimen, dann bei Pflegeeltern untergebracht, die Frau von Richard Kornitzer, die von den Rassegesetzen nicht betroffen ist, bleibt in Deutschland und überlebt den Krieg. Und jetzt, nach Kriegsende, den die Korntizers überlebt haben, könnte die in alle Welt zerstreute Familie wieder zusammengeführt werden.

Der Neuanfang ist jedoch mit gewaltigen Schwierigkeiten verbunden: Deutschland liegt in Trümmern, das neue Leben von Claire und Richard Kornitzer ist ein Kampf um das Allernötigste. Dr. Kornitzer bekommt eine Stelle beim Gericht, jedoch nagt an ihm immer mehr und mehr, dass seine Karriere einen abrupten, unrechtmäßigen Bruch erfuhr. Claire und Richard finden auch schwer den richtigen Ton miteinander und mit ihren Kindern, die zerrissene Familienbande lässt sich nicht so schnell wiederherstellen.

Nachdem wir den nicht gerade glorreichen Neuanfang der Familie Kornitzer nach dem Krieg mitverfolgen können, lässt uns die Autorin in die alte Welt und in die wechselvollen Jahre des Ehepaars eintauchen: Anfang der Dreißiger in Berlin sind Richard und Claire voller Hoffnung, der Mann kann mit einer Karriere beim Patentgericht rechnen, die Frau leitet geschickt eine Werbeagentur. Doch nach der Machtergreifung muss Richard fliehen, und verbringt fast ein Jahrzehnt in Kuba, während Claire den Schikanen der Gestapo ausgeliefert ist, da sie sich weigert, sich von Richard scheiden zu lassen. Andere Schikanen kommen auf Richard und Claire zu, als sie ihre Entschädigungsansprüche geltend machen wollen. Wir erfahren viele interessante Details über das Leben und Leiden der Kornitzers, dabei tauchen wahre Persönlichkeiten wie der deutsch-jüdische Architekt Erich Mendelsohn oder der österreichische Sozialdemokrat Julius Deutsch auf.

Der Roman ist in einem fantastischen Stil, mit enorm vielen, jedoch nie langweiligen Details geschrieben, eine wunderbare Schilderung von menschlichen Schicksalen, die tief von den Ereignissen des 20. Jahrhunderts gezeichnet waren.