Heinrich von Kleist Michael Kohlhaas auf der ungarischen Bühne

Michael Kohlhaas auf ungarischer Bühne_Magazin
Amphitryon im Nationaltheater Budapest | Foto: Nemzeti Színház

Heinrich von Kleists Erzählung Michael Kohlhaas erschien 1810 zum ersten Mal in Druck. Sie erzählt eine Geschichte aus dem 16. Jahrhundert, aus der Zeit, als sich die deutschen Kleinstaaten herausbildeten und im Rechtssystem Chaos herrschte. Kleists Hauptfigur, der Rosshändler Michael Kohlhaas wird zum Opfer dieses juristischen Labyrinths. Am Anfang der Erzählung steht er noch als Musterbürger da, doch unter dem Einfluss der Ereignisse bricht seine Neigung zu extremen Gegensätzen durch: Die Frömmigkeit des Familienoberhaupts und das subtile Rechtsgefühl haben in seinem Charakter ebenso Platz wie die Bereitschaft zum Töten, die im Namen der Gerechtigkeit mit dem Flammenschwert fuchtelt.

Kleist schildert die Figuren und Situationen auch als Erzähler äußerst plastisch, er arbeitet mit expressiven Gesten, als ob er die Szenen gleich auf die Bühne stellen und verfilmen wollte. Die Exposition selbst könnte bereits die Anfangsszene eines Thrillers sein: Mensch und Pferd stehen im unheilvollen Regen, die Stiefel versinken im Schlamm, über Kohlhaasens Haupt sammeln sich dunkle Wolken und Menschenschatten. Der Erzähler setzt die Naturkatastrophe als Projektion der schweren Gedanken ein, die die Seele der Hauptfigur bedrücken. 

Kleists Erzählung bietet reichen Dramenstoff, sie ist voll mit Bühnensituationen und dramatischen Wendungen.

Kolhaas in der Diktatur

Der siebenbürgisch-ungarische Schriftsteller, Erzähler, Essayist und Theaterautor András Sütő (1927-2006) verfasste sein Stück „Palmsonntag eines Pferdehändlers“ 1973, im Rumänien des allmächtigen Ceauşescu-Regimes. Sütő formuliert hier seinen politischen Widerstand gegenüber der sich festigenden Willkürherrschaft.

Das Stück handelt von den möglichen Einstellungen zur Macht. Die verschiedenen Alternativen werden durch drei Figuren verkörpert: die Revolte durch Nagelschmidt, die christliche Demut durch Lisbeth und die Kompromissbereitschaft durch Luther. 

Kolhaas (sic!) vertritt alle drei Einstellungen – zumindest eine Zeit lang. Eine seiner wichtigsten Gedanken lautet: „Wer einen Aufstand entfacht und ihn nicht zum Sieg bracht, ist ein Massenmörder“. Dieser Satz frisst sich in sein Wesen hinein wie ein Fluch, und er erfüllt sich auch schließlich, als er die Fahne der Gerechtigkeit schwenkend, als Massenmörder Tausende in den Tod führt und tausende Familien ausrottet.

Nagelschmidt ist Sütős Bühnentrouvaille, denn er kommt zwar auch in Kleists Erzählung vor, spielt aber dort eine wesentlich kleinere Rolle. Sütő setzt ihn als Räsoneur, als Projektionsfläche für den seelischen Selbstkonflikt der Hauptfigur ein. In der endlosen, fieberhaften Diskussion zwischen den beiden Freunden Kolhaas und Nagelschmidt können die inneren Kämpfe der Hauptfigur formuliert werden.

Bedeutungsträchtig ist bereits Sütős Titelwahl. Das Osterfest ist die wichtigste Feier des Christentums. Am Sonntag vor Ostern, am Palmsonntag, mit dem die Karwoche beginnt, zog Christus triumphierend in Jerusalem ein. Er wurde vom Volk als „Davids Sohn“, als der „König Messias“ gefeiert, der Israel vom Joch der Römer befreien wird, obwohl Jesus ein politisches Engagement ablehnte. Kolhaas sucht als „König Messias” Gerechtigkeit im Kampf gegen die Macht, die jedes Recht mit Füßen tritt, und er vermag weder von Luther noch von seiner Frau Lisbeth zur Frömmigkeit zurückgebracht werden. In seiner Verblendung identifiziert er sich letztendlich mit der gegen ihn begangenen Ungerechtigkeit. 

Sütős Stück Blumensonntag eines Pferdehändlers war zu seiner Zeit auch in Ungarn von brennender Aktualität und Brisanz. Mit dem tragischen Schicksal der Hauptfigur, seinem Ausgeliefertsein gegenüber der Macht und der voreingenommenen Rechtsprechung konnten sich viele identifizieren.

Kohlhaas im Schlachthof

Der ungarische Lyriker und Dramenautor István Tasnádi (*1970) verarbeitete die Geschichte von Michael Kohlhaas 1999 in einem Theaterstück mit dem Titel ‚Öffentlicher Feind‘ zur „musikalischen Verhetzung“, wie der Untertitel sagt. Die Jahreszahlen 1999 und 1973 stehen für zwei verschiedene Epochen, und zwar sowohl politisch als auch theatergeschichtlich. András Sütő verfasste eine klassische Bühnenadaption, in der er seine klare politische Stellungnahme formulierte. Tasnádi, der bereits in einer grundlegend anderen Theaterkultur geschult wurde, wählte eine radikalere Form. Mit einem frappierenden erzählerischen Perspektivenwechsel führt er uns anhand des Schicksals zweier Opfertiere durch die Geschichte von Kohlhaas. Sein Stück entfaltet sich nicht um eine zentrale Idee, der Zuschauer wird ständig mit neuen Fragen konfrontiert.

Der Schauplatz des Stückes, die Abdeckerei von Dresden, wirkt ebenso bedrückend wie der unaufhörlich gießende Regen bei Kleist. Zwei ausgemusterte Pferde, zwei Gaule, beklagen sich vor ihren Schicksalsgenossen, diesen zukünftigen Würsten, über ihren Herren und Schöpfer. Ein Hengst und eine Stute: zwei Traumrollen für jede Schauspielerin und jeden Schauspieler. Der Hengst identifiziert sich mit den Prinzipien seines Züchters, die Stute verachtet sie, bezeichnet sie den Pferdehändler schlicht als Idioten. In den Zänkereien und Tändeleien der beiden können feine Analogien zur Beziehung zwischen Kohlhaas und seiner Frau Lisbeth entdeckt werden. Tasnádi schildert nicht nur das tragische Schicksal von Michael Kohlhaas, sondern auch das Liebesdrama der Pferde. Die Stute ist hoffnungslos und hartnäckig in den Hengst verliebt, sie wird vom instinktiven Wunsch geplagt, vom Hengst mit einem Fohlen schwanger zu werden. Im Verlauf der wechselhaften Geschichte wird der Hengst kastriert. Der Kastrierungsakt symbolisiert nicht nur das Aussterben der Familie Kohlhaas, sondern auch den Untergang der Kohlhaasschen Pferdezucht.

Die zwei Pferde stehen für jene äußere Sicht, die zum einen das Extreme in Kohlhaasens gerechtigkeitssuchender Wut besser erkennen lässt, zum anderen die Möglichkeit bietet, mit einer Art „Naivität“ darüber zu reflektieren.

András Sütő und István Tasnádi unterscheiden sich nicht nur in ihrem Stil, sondern auch in ihren dramaturgischen Mitteln erheblich. Sütő erzählt die Ereignisse nach dem klassischen linearen Aufbau. Tasnádi tut das in der Rahmenstruktur, hin- und herspringend in der Zeit. Sein wichtigstes Mittel ist die Entfremdung.

Alle drei Autoren jedoch haben einen sehr wichtigen gemeinsamen Zug: Keiner von ihnen spricht ein Urteil über Michael Kohlhaas.