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Eszter Kiss
Minderheiten und Wortwahl in den Medien

Klartexte, Grafik: Kristóf Ducki
© Goethe-Institut Ungarn

Spitz- oder Spottnamen mögen harmlos wirken. Die Stigmatisierung und Ausgrenzung gesellschaftlicher Gruppen basiert jedoch oft auf denselben sprachlichen Mechanismen wie das Gespött in der Schule. Die Benennung einer Gruppe kann deren Mitglieder der Möglichkeit berauben, ihre Identität selbst zu definieren – insbesondere, wenn die Benennung aus einer Machtposition erfolgt. Politisch korrekte Sprache nimmt darauf Rücksicht und wird genau deshalb von der populistischen Rhetorik verhöhnt.


Die meisten von uns bekamen schon einmal einen Spitznamen verpasst, den sie aus tiefstem Herzen hassten. Julchen, Seppi, Blondie, Bohnenstange – an sich ist an diesen Wörtern nichts falsch. Doch wenn einem der Name in einer unangenehmen Situation gegeben oder mit einer für die betreffende Person peinlichen Eigenschaft gepaart wird, wird aufgrund der daran geknüpften Assoziationen aus einer einfachen Bezeichnung plötzlich ein verletzendes Brandmal. Ebenso macht es einen großen Unterschied, ob man nach einer vermasselten Aufgabe aus Ärger über sich selbst sagt „Du bist so ein Idiot!“, oder ob einem dieser Satz von einem Kollegen oder einer Lehrerin an den Kopf geworfen wird.
 
Ähnlich wie diese Beispiele aus dem Alltag funktioniert auch die Benennung von Gruppen. Die mit einer Bezeichnung einhergehenden Assoziationen belasten den ansonsten neutral erscheinenden Ausdruck mit negativen (seltener auch positiven) Konnotationen und machen den Mitgliedern einer Gruppe das Leben schwer. Ein Spottname kann dafür sorgen, dass Blondie, Seppi oder die als Idiot oder Idiotin bezeichnete Person in den Augen der anderen langfristig gesehen schlechter dastehen. Genauso kann eine Bezeichnung, die negative Assoziationen hervorruft, eingesetzt werden, um eine ganze Gruppe auszugrenzen – insbesondere, wenn die Gruppe in der jeweiligen Gemeinschaft als Minderheit gilt.

Bezeichnungen sind an Stereotype und Vorurteile geknüpft

Von Einzelpersonen, aber vor allem von Gemeinschaften füreinander verwendete Bezeichnungen existieren nie nur für sich. Jede Bezeichnung hat eine Bedeutung und trägt die Geschichte und Umstände ihrer Entstehung in sich, das heißt, jenes Narrativ, das den Mitgliedern der Gemeinschaft den Namen sowohl erklärt, als auch mit zusätzlichen Informationen versieht. Diese an eine Bezeichnung geknüpften kompakten Informationshäppchen sind die Stereotype und Vorurteile, welche der Gemeinschaft und deren Mitgliedern zugeschrieben werden. Sie können natürlich auch positiv sein, wie beispielsweise im Fall des Gruppennamens Szekler (den ungarischen Szekler-Dialekt sprechende Bevölkerungsgruppe im Osten Siebenbürgens), bei dem viele an Begriffe wie wortkarg und weise denken. Häufiger kommt es jedoch vor, dass Stereotype eine negative Konnotation aufweisen.
 
Die Bezeichnungen, welche für die in jüngster Vergangenheit aus dem Ausland nach Ungarn gekommenen Menschen verwendet werden, zeigen besonders anschaulich, welch unterschiedliche Bedeutungsschichten Gruppennamen in sich tragen können. Die Menschen, die in der Hoffnung auf den Flüchtlingsstatus nach Europa kamen und sich deshalb (auch) in Ungarn aufhielten, wurden in den meisten Medienberichten als Flüchtlinge, Migranten oder Einwanderer bezeichnet.

Flüchtlinge, Migranten, Einwanderer – Die Bezeichnung macht den Unterschied

Ein Flüchtling ist eine Person, die in ihrer Heimat aufgrund eines geschützten Merkmals (zum Beispiel aufgrund ihres Geschlechts, ihrer ethnischen Zugehörigkeit, ihrer Religion oder ihrer politischen Ansichten) verfolgt wurde, deshalb in einem anderen Land einen Antrag auf Flüchtlingsstatus gestellt hat und in der Folge als Flüchtling anerkannt wurde. Migrant ist ein Sammelbegriff, der viele verschiedene Status umfasst, er steht für all jene Menschen, die ihren Wohnort ändern mit dem Ziel, sich niederzulassen. Das kann der Student sein, der zum Studieren in die Nachbarstadt zieht, die Geschäftsfrau, die einen Job am anderen Ende der Welt annimmt, oder auch der pendelnde Gastarbeiter. Das Wort Einwanderer wiederum wird für Menschen verwendet, die sich seit längerer Zeit in einem bestimmten Land aufhalten, beispielsweise um dort zu arbeiten, zu studieren oder einer Geschäftstätigkeit nachzugehen.
 
Von diesen drei Ausdrücken ist nur der erste, also Flüchtling, auch eine rechtlich definierte Kategorie. Die Begriffe Migrant und Einwanderer kennt das ungarische Recht nicht, weshalb deren Definition vielmehr eine Frage des öffentlichen Diskurses ist. Der größte Unterschied zwischen den Ausdrücken liegt darin, dass bei Flüchtlingen oder Asylwerbern (oder zusammenfassend bei Geflüchteten) davon ausgegangen wird, dass diese Menschen ihren Wohnort gewechselt haben, weil sie dazu gezwungen waren. Ist die Rede von Migration oder Einwanderung, wird dahinter allgemein eine größtenteils persönlich motivierte Entscheidung vermutet, wobei man aber auch in diesem Fall äußere Faktoren, die die Entscheidungsmöglichkeiten einschränken, berücksichtigen muss. Ein solcher äußerer Faktor kann beispielsweise die hohe Arbeitslosigkeit in einem Land sein.
 
Aus alledem ist ersichtlich: Ohne auch nur irgendetwas über eine Person zu wissen, bedingt die Bezeichnung, die man für sie verwendet, eine Vorstellung über ihre Vergangenheit und ihre Absichten. Das ist der erste Schritt des rhetorischen Werkzeugs des medialen Framings. Der zweite Schritt besteht darin, diese Assoziationen an weitere Informationen zu knüpfen. Das tun die verschiedenen Akteurinnen und Akteure des öffentlichen Lebens: Wenn Politikerinnen und Politiker ständig von den negativen Folgen der Immigration sprechen und die in ihrem Land eintreffenden Menschen unabhängig von ihrer wahren Situation als Migranten und Einwanderer bezeichnen, ordnen sie diese Menschen willkürlich einer Kategorie zu, die sie zuvor als negativ dargestellt haben. Dadurch werden diese Menschen praktisch der Möglichkeit beraubt, sich in den Augen der anderen selbst zu definieren. Schließlich ist die Stimme der Akteurinnen und Akteure des öffentlichen Lebens in den Medien immer „lauter“ als die einer Minderheitengruppe.

Wenn das Wort „Migrantin“ als Kränkung empfunden wird

So kommt es dazu, dass Wörter, die in der öffentlichen Meinung und im Mediendiskurs mit negativen Konnotationen aufgeladen werden, in der betreffenden Gemeinschaft nach einiger Zeit nicht mehr neutral verwendet werden können. Dies kann mehrere Gründe haben, etwa, dass ein Ausdruck tatsächlich mit Unterdrückung, Diskriminierung oder Gewalt in Verbindung gebracht wird. Manchmal genügt es jedoch schon, wenn eine einflussreiche Gruppe, beispielsweise eine politische Partei, ihn über einen langen Zeitraum hinweg in einem negativen Kontext verwendet. Dies führt schließlich dazu, dass der betreffende Ausdruck von diesem negativen Narrativ einverleibt wird.
 
So mag zum Beispiel eine in Ungarn lebende französische Geschäftsfrau die Bezeichnung Migrantin heutzutage bereits als kränkend empfinden, obwohl das Wort eine präzise Umschreibung ihres Status ist. Ähnlich erging es dem Wort nigger in den Vereinigten Staaten. Der Ausdruck ist in einem solchen Maße mit der Unterdrückung von Afroamerikanerinnen und Afroamerikanern sowie mit der Sklaverei verknüpft, dass er nicht mehr salonfähig ist.
 
Nimmt man Rücksicht auf diese Bedeutungsnuancen, die sich im Sprachgebrauch offenbaren, spricht man von politischer Korrektheit (englisch political correctness, abgekürzt PC). Kritiker einer politisch korrekten Sprache argumentieren, sie sei zu kompliziert und mühsam. Oder sie behaupten, dass man beim Versuch, politisch korrekt zu sein, schnell in ein Fettnäpfen treten und ungewollt doch jemanden verletzen könne. Die Dinge beim Namen zu nennen, anstatt um den heißen Brei zu reden, würde ja nichts an der Wahrheit ändern! Diese häufigsten Einwände gegen PC klingen einleuchtend, nicht wahr? Genau deshalb sind diese Argumente Wasser auf den Mühlen der populistischen Politikerinnen und Politikern, die sich diese in ihrem Kampf gegen einen politisch korrekten Sprachgebrauch allzu gerne auf die Fahne schreiben.

„Nur“ Wörter, aber mit gravierenden Folgen

Populistische Rhetorik beziehungsweise Politik lässt sich am ehesten daran erkennen, dass sie unter Berufung auf den gesunden Menschenverstand die Welt vereinfachen will und simple Lösungen für komplexe Probleme bietet. Populistische Politik vertritt lediglich die Interessen der eigenen Gemeinschaft und schließt alle aus, die sie aus irgendeinem Grund für fremd hält, indem sie sie als Feinde oder Sündenböcke darstellt. Die Instrumente, die hierfür eingesetzt werden, sind oft einfach „nur“ Wörter, für Minderheiten und Außenstehende verwendete Bezeichnungen, die von den Medien – sofern sie keine Verantwortung übernehmen und nicht bewusst gegen diese Art von Sprachgebrauch vorgehen – verbreitet und häufig sogar noch verstärkt werden.
 
Wie die obigen Beispiele anschaulich zeigen, ziehen diese harmlos oder auf den ersten Blick höchstens ärgerlich erscheinenden Ausdrücke gravierende Folgen nach sich. Sie können die Beurteilung, das Verhalten und im Endeffekt sogar die Situation und das Zurechtkommen von Mitgliedern bestimmter Gruppen in der Gesellschaft entscheidend beeinflussen. So scheinen die Etikettierung solcher Gruppen und der Verzicht auf politische Korrektheit nur so lange die einfache Lösung zu sein, solange man nicht selbst im Fadenkreuz steht.
 

Weiterführende Literatur
 
Flüchtling oder Migrant? Welche Bedeutung hat die Wortwahl? Artikel und Video von A Habitat for Humanity habitatforhumanity.org.uk/blog/2016/09/refugees-asylum-seekers-migrants-crucial-difference/

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