Animationsfilme „Zigeunermärchen“ Sie erzählen, wenn sich nur Zuhörer finden

Doja, die Zigeunerfee
Doja, die Zigeunerfee | © Kecskemétfilm Stúdió

Mütterliche Aufopferung, weltliches Denken, ethnische Sehnsucht. Die Animationsfilmreihe Zigeunermärchen (Cigánymesék), die vor einigen Jahren – genauer gesagt 2014 – startete, behandelt ernste Fragen und versucht Themen wie die Identität des Roma-Volkes, seine gesellschaftliche Situation und historischen Wurzeln einem breiten Publikum mithilfe der abstrakten, symbolischen Instrumente des Märchens näher zu bringen. Die Reihe, die im Kecskemétfilm Stúdió produziert wird und bisher aus drei Episoden besteht, ist zwar nicht beispiellos, füllt aber dennoch eine Lücke in der Geschichte des ungarischen Animationsfilms.

Unter den ungarischen Animationsfilmen sind etliche Adaptationen von Volks- und Kunstmärchen zu finden (denken wir nur an Titel wie Der diamantene Halbkreuzer des kleinen Gockelhahns (Kiskakas gyémánt félkrajcárja), Die zwei winzigen Öchslein (Két bors ökröcske) und an die zwischen 1977 und 2011 produzierte Reihe Ungarische Volksmärchen (Magyar népmesék)). Das damals Neuartige an Ungarische Volksmärchen war der auf wissenschaftlichen, ethnografischen Sammlungen basierende Ansatz, die musikalische Authentizität (mit Musik unterlegt wurden alle Episoden vom Ensemble Kaláka, das auf die Traditionen der ungarischen Folkloremusik baut) beziehungsweise die eigene ornamentale Animationsfilmsprache, in welche auch die folkloristische dekorative Kunst einfließt. Zu diesen drei Säulen kam als „Geheimzutat“ der auktoriale Stil der Filmemacher dazu, darunter auch jener von Mária Horváth, die seit den Anfängen bei der Serie mitwirkt.
 
Auch die Roma-Thematik tauchte im ungarischen Animationsfilm bereits früher schon auf, wenn auch nur marginal. Statt bloß der Unterhaltung zu dienen, wird die Thematik in den ersten Bearbeitungen vielmehr aus soziologischer Motivation heraus behandelt. Der Dokumentar-Animationsfilm „Mir gefällt das Leben sehr“ („Nekem az élet teccik nagyon“, 1976) von Katalin Macskássy aus den Siebzigerjahren ist gleichzeitig mit paradigmatischen Dokumentarfilmen wie Schwarzer Zug (Fekete vonat, 1970) oder Cséplő Gyuri (1978) entstanden, welche die Lebensumstände der Roma aufdeckten. In diesem lediglich zehnminütigen Film von Macskássy erzählt eine Gruppe von unter prekären Bedingungen lebenden Roma-Kindern aus Komló über ihre schwierigen Familienverhältnisse, ihre Beziehung zu den Eltern, die Unterschiede bezüglich finanzieller Lage und Mentalität zwischen Roma und Ungarn, sowie über ihre Zukunftsperspektive und Sehnsüchte. Eine Eigenheit der Produktionsmethode dieses erschütternden Films besteht darin, dass die Stabsmitglieder, also die Autoren-Narratoren und Zeichner, selbst die Hauptdarsteller des Films sind. Während die von den Kindern gemalten und gezeichneten Bilder zu sehen sind, hört man ihre mal surrealen, mal zum Lächeln bringenden, meist aber herzergreifenden Geschichten.

Die Zigeunerin und der Teufel

Zigeunermärchen baut auf dieses Prinzip der kooperativen Filmproduktion nach dem Beispiel von Katalin Macskássy sowie auf die bewährte Formel von Ungarische Volksmärchen (ethnografische Forschungsarbeit, authentische Musikalität und Animationssprache). Die Regisseurin der neuen Reihe, Mária Horváth und ihr Produzent, Ferenc Mikulás haben als eine Art kulturelle Manager/Koordinatoren namhafte Vertreter der Roma-Kultur an Bord geholt, um die Authentizität der Filmreihe zu gewährleisten. Die Geschichten sind aus den mythologischen Kunstmärchen von Magda Szécsi entstanden. Die visuelle Welt der Reihe gründet sich auf die Malerei von Teréz Orsós (die übrigens von Magdolna Koltai, einer Zeichenlehrerin aus Komló, die damals im Film von Katalin Macskássy mitgewirkt hatte, entdeckt und zur Laufbahn als bildende Künstlerin angespornt wurde). Die musikalische Untermalung und die eingängige Titelmusik –inklusive der einleitenden Verse am Anfang jeder Episode, die mit den Worten „Ich erzähle ja, wenn sich nur Zuhörer finden“ schließen – sind der Verdienst der ungarischen Folkloregruppe Parno Graszt, die sich der authentischsten Roma-Musik widmet.
 
Doja, die Zigeunerfee
 
Zwischen Ungarische Volksmärchen und Zigeunermärchen gibt es trotz der gemeinsamen Ausgangspunkte und ähnlichen Produktionsmethoden doch einen wesentlichen Unterschied. Mária Horváth, die in beiden Reihen als Regisseurin mitwirkte, hat diesen treffend formuliert: Während es in den ungarischen Volksmärchen am Ende der Geschichten immer eine Lösung, eine Katharsis gibt, sind die Roma-Volksmärchen sentimentaler, realer, aber gleichzeitig auch abstrakter. Diese wichtige Abweichung ist dem jeweiligen Ziel der Märchenreihen geschuldet. In Ungarische Volksmärchen mussten die Macher nicht die Identität eines Volkes artikulieren. Ihre Geschichten decken vielmehr mithilfe der symbolischen Formulierungsweise von Märchen allgemeine, alltägliche menschliche Verhaltensweisen auf. Im Gegensatz dazu sind die von Magda Szécsis Kunstmärchen ausgehenden Zigeunermärchen – anhand der ersten drei Episoden – mit dem Ziel entstanden, einen Mythos zu schaffen, und sollen dem Publikum die Herkunftsgeschichte und Identität einer Volksgruppe näherbringen. Die Geschichten von Zunida (Die Zigeunerin und der Teufel), einer Mutter, die sich in einen Weichselbaum verwandelt, um ihre hungernden Kinder ernähren zu können, von Doja (Doja, die Zigeunerfee), die dem Roma-Volk ein eigenes Land schenkt, oder von Káló (Káló, der Zigeunerbursche), der erkennt, dass an seine Seite nicht die Königin des Wasserreichs, sondern eine sterbliche, irdische Braut gehört, sind keine Lehrmärchen mit pointiertem Ende, sondern Mythen von Helden mit Tatendrang, die um ihre Familien und ihr breiteres Umfeld kämpfen. Zwei von den erwähnten Episoden, und zwar Die Zigeunerin und der Teufel sowie Doja, die Zigeunerfee liefern eine mythische Erklärung für die Zerstreuung des Roma-Volkes und seine wandernde Lebensweise. Die Episode Káló, der Zigeunerbursche ist die Geschichte eines heranreifenden jungen Mannes, der sich mit seiner ethnischen Zugehörigkeit sowie seinen Lebensbedingungen anfreundet und darin sogar Geborgenheit findet…
 
Káló, der Zigeunerbursche
 
Zigeunermärchen kann ein wichtiges Instrument für die Roma-Minderheit im Hinblick auf ihre eigene Identitätsstärkung sowie auch für die ungarische Mehrheitsgesellschaft im Kampf gegen Vorurteile sein. In der Reihe erwacht die jahrhundertealte Kultur und Herkunftsgeschichte der Roma zum Leben – statt der traditionellen mündlichen Überlieferung präsentieren sich diese Märchen dank der 3D-Animationstechniken bereits im zeitgemäßesten visuellen Mantel. Für die Mehrheitsgesellschaft ist dieser Zyklus eine besondere Möglichkeit, um ihre begrenzten Kenntnisse hinsichtlich der Roma-Kultur, die sich meist höchstens auf die Roma-Musik beschränken, zu erweitern. Der Animationsfilm als tragende Fläche kann in diesem Fall gewährleisten, dass das Kennenlernen der eigenen Kultur oder eben jener unserer Mitmenschen schon so früh wie möglich, und zwar bereits im Kindesalter beginnt.
 
Die Märchen sind bereits im Internet zu finden und für jedermann zugänglich – es soll nur Menschen geben, die sie sich ansehen.