Sister Weather

Crespo Sister Weather Visual © U9

Mit Susanne Bürner, Ines Kaag, Annette Kelm und Alexandra Leykauf
Goethe-Institut Irland, 37 Merrion Square E, Dublin 2, D02 XK52
Eröffnung: Donnerstag, 17. September, 18:00 Uhr (Vorschau) und Freitag, 18 September, 18:00 Uhr (Culture Night)
Kuratiert von Ben Livne Weitzman

Es ist ein regnerischer Sonntagmorgen. An der Gemeindehalle von Ballydehob versammeln sich Autos und Anhänger. Kofferraumklappen öffnen sich wie Muschelschalen. Zu sehen sind die Schätze des Tages: rostige Gartenwerkzeuge, Porzellanservices mit Blumenmuster, Kinderbücher, deren Seiten in der feuchten Luft weich werden. Von Gebrauchtwaren bis hin zu frischem Gebäck gibt es auf den langen Verkaufstischen entlang des Flussufers viel zu entdecken.

Der Kofferraumflohmarkt in West Cork ist eine Tradition mit mehreren möglichen Ursprüngen. Ein katholischer Priester aus Stockport soll ihn in den frühen 1970er Jahren in Großbritannien eingeführt haben, als Wohltätigkeitsveranstaltung, nachdem er in Kanada einen ähnlichen Kofferraum-Flohmarkt gesehen hatte. Andere würden behaupten, dass er ein Nachfahre des traditionellen Markttages ist -láaonaigh. Märkte und Jahrmärkte in Irland bewahren die Erinnerung sowohl an das  (Messe,Jahrmarkt) der alten irischen Tradition als auch an den margadh (Markt), ein von den Wikingern entlehntes Wort.

car boot © Susanne Bürner, Ines Kaag, Annette Kelm, Alexandra Leykauf

Aonach leitet sich von óen ab,„eins“. Der Markt ist somit ein Zusammenkommen zu einem Ganzen, eine Versammlung. Am Markttag verbreiten sich die Neuigkeiten aus der Nachbargemeinde, werden Bekanntschaften geknüpft und Streitigkeiten in aller Stille beigelegt.

Zu diesem Ritual kehren Susanne Bürner, Ines Kaag, Annette Kelm und Alexandra Leykauf während ihres Aufenthalts im Glenkeen Garden immer wieder zurück, nachdem sie in den kühlen Monaten angekommen waren, mitten in einer Zeit fast ununterbrochenen Regens. Für Sister Weather verwandelt die Gruppe die Return Gallery im Goethe-Institut Irland in einen Kofferraumflohmarkt, an den sich die Werke anlehnen und um den sie sich versammeln.

Crespo Sister Weather artists © Jason Lee


Die vier Künstlerinnen haben bereits zuvor zu Themen wie Nachahmung und Empathie zusammengearbeitet und bringen nun individuelle Arbeiten mit, deren Zusammenspiel bleibende Eindrücke der Zeit in und um Glenkeen sowie West Cork trägt.

In Susanne Bürners Fotografien lassen sich Garten und Wildnis kaum unterscheiden, während auf Anschlagtafeln im Supermarkt handgeschriebene Nachrichten einem inmitten des Alltäglichen zublinzeln.

Alexandra Leykauf verwandelt ausgehängte Kühlschranktüren in Stellvertreter für Steinkreise und Tischplatten in gartenähnliche Topografien, indem sie Alltagsgegenstände in vakuumgeformtem Plastik abbildet.

Annette Kelm arrangiert und fotografiert Fundstücke aus ihrer Umgebung mit der kühlen Präzision eines Verkaufskatalogs, während auf dem Boden liegengelassene iPhones von Ines Kaag (einer Hälfte des Designduos BLESS) Videos zeigen, in denen sich die Künstlerinnen im Garten verstecken und Vogelrufe nachahmen. Kaag selbst erscheint in einem Selfie, in eine Decke gewebt, verschmelzend mit dem Moor. Es ist immer gut, eine Decke im Kofferraum zu haben.

Bemerkenswert ist, dass sowohl sister als auch weather im Englischen nicht nur Substantive, sondern auch Verben sind. Man kann einen Sturm weathern, also überstehen, so wie ein Zimmermann einen Balken sistert, indem er einen zweiten daneben befestigt, damit beide gemeinsam die Last tragen.

Gegen Mittag schließen in Ballydehob die Kofferräume wieder, und der Asphalt leert sich. Dieser Kofferraumflohmarkt in Dublin bleibt noch ein wenig länger geöffnet. Ein milder Tag, Gott sei Dank.